Pause bis zum 19. November 2019

13. Oktober 2019

Overview of the Roman theater of Ostia Antica located in the hom

Ostia Antica, Römisches Theater

11. Oktober 2019

Wer die Gelegenheit hat, Puccinis Manon Lescaut in der Oper Frankfurt zu sehen – unbedingt wahrnehmen! Was hier geboten wird, ist ganz große Kunst – so muss Oper sein! Eine packende, intensive und berührende Erzählung aus einer plausiblen und in sich stimmigen, wenn auch nicht unbedingt nahe liegenden Perspektive. In der Inszenierung von Àlex Ollé sorgen Asmik Grigorian als Manon und Joshua Guerrero als Des Grieux für Gesangsleistungen der Extraklasse, das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Leitung von Lorenzo Viotti zaubert, der jeweiligen Situation und Szene entsprechend, zarte, glutvolle und gleißende Klänge aus dem Graben. Die Liebe mit allen Hoffnungen, Schimären und Enttäuschungen, die Reduzierung auf das Äußere, das Körperliche, das Sexuelle, daneben das Aufbegehren und die verzweifelte Suche nach Befreiung und Rettung – all das wird virtuos ausgeleuchtet und illustriert. Übergroß steht LOVE über allem, von Anfang bis Ende. Erstens brauchen wir nicht mehr zum Leben, so die Botschaft, und zweitens nehmen wir Menschenkinder uns gegen diese Größe doch sehr armselig aus. Wie war das noch: Die Liebe betrügt uns nie – wir sind es, die die Liebe betrügen.

9. Oktober 2019

VHS Gütersloh

Im Rahmen der Veranstaltungen zur Reihe “100 Jahre Volkshochschule” halte ich heute Abend einen Vortrag zum Thema Musikgeschichte von den Anfängen bis Bach an der VHS Gütersloh. Für dieses Thema, das in ähnlicher Weise an eben jener Volkshochschule bereits vor 100 Jahren behandelt wurde, ist normalerweise eine Veranstaltungsreihe über mehrere Wochen oder Monate vonnöten. Ich habe heute 90 Minuten und werde bei Hildegard von Bingen anfangen, dann über Machault und Dufay zu Lasso und Palestrina kommen, endlich über Dowland und Monteverdi sprechen und wunschgemäß bei Bach aufhören. Ganz nebenbei wird es um Melodie und Harmonie gehen, um Takt und Rhythmus, um Klangfarbe und Symmetrie. Vielleicht geht es auch um Formen, um Gestaltung, um Satztechnik, um Ausdruck. Um Konsonanz und Dissonanz, um schön und gar nicht schön, und dass es draußen nur Kännchen gibt. Das weiß man vorher nie so genau, und das ist ja auch ganz richtig so.

8. Oktober 2019

Vorfreude: Am Donnerstagabend Puccinis Manon Lescaut in der Oper Frankfurt. Die knappe Zusammenfassung des Hauses könnte präziser nicht sein: “Kein Ankommen. Ein Leben in immenser Leidenschaft und Verausgabung, im permanenten Transitzustand, dem erst der Tod den ersehnten Hafen bietet.” Ja, und das in einer mutigen, aktualisierten und erotikaffinen Fassung mit schrillen, sexy Nightclub-Outfits in verruchtem Ambiente. Nichts für romantische Schwärmer. Oder doch?

4. Oktober 2019

Überlebensgroße Dinge geschehen im Leben öfter als in Büchern.
Isabel Allende (* 1942)

3. Oktober 2019

Zum Tode von Jessye Norman hat die WELT gestern auf der ersten Seite, ganz oben, an prominentester Stelle, ein Schwarzweiß-Foto dieser großartigen Künstlerin abgedruckt, noch vor sämtlichen Meldungen aus Politik, Wirtschaft oder Sport. Sozusagen über allem stand die “Hohepriesterin des Gesangs”, wie die Redaktion sich entschieden hatte zu titeln. Ich habe das als sehr wohltuend empfunden. Diese immense und nur allzu angemessene Würdigung und Wertschätzung dieser großartigen Sängerin und Interpretin wird von Fachleuten und Musikkritikern ebenso geteilt wie von Jessye Normans Zuhörerschaft auf der ganzen Welt. Sie war auf der Opernbühne ebenso präsent wie auf dem Konzertpodium, viele ihrer Auftritte und Einspielungen bleiben unvergessen. Ihre Vier letzten Lieder von Richard Strauss zusammen mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter Kurt Masur gehören zum Besten, was jemals aufgenommen wurde.

Doch auch außerhalb der Musikszene wurde Jessye Normans Stimme gehört. Ihr Einsatz für die Bekämpfung von Hunger und Obdachlosigkeit und ihr Engagement gegen Rassismus, auch im Opernbetrieb, waren leidenschaftlich und entschieden. Jessye Norman ist tot, aber in ihrer Stimme wird sie weiter bei uns sein.

Nun der Tag mich müd gemacht,
soll mein sehnliches Verlangen
freundlich die gestirnte Nacht
wie ein müdes Kind empfangen.

Hände, lasst von allem Tun,
Stirn, vergiss du alles Denken,
Alle meine Sinne nun
wollen sich in Schlummer senken.

Und die Seele, unbewacht,
will in freien Flügen schweben,
um im Zauberkreis der Nacht
tief und tausendfach zu leben.
Hermann Hesse, Beim Schlafengehen

30. September 2019

Was wir in uns nähren, das wächst; das ist ein ewiges Naturgesetz.
Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

26. September 2019

Coeur de pirate

Hörtipp – für den Fall, dass es regnet, schwierige Gespräche anstehen, die Müdigkeit nicht verfliegen will oder der Tag dir auf sonstige Weise Verdruss bereitet: Cœur de pirate, “Printemps”.

24. September 2019

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23. September 2019

Wetzlarer Neue Zeitung, 23. September 2019

Projektchor der Wetzlarer Musikschule gibt anspruchsvolles Abschlusskonzert

Von Werner Volkmar

Chorprojekt 2019 (2)
Begleitet von einem Instrumentalensemble und der Solistin Simone Hild begeisterte der Projektchor über 80 Besucher

WETZLAR . Seit Februar hatten sich die 32 Sänger unter der Leitung von Thomas Sander in Rahmen eines Chorprojektes der Wetzlarer Musikschule auf das Abschlusskonzert vorbereitet. Begleitet von einem Instrumentalensemble und der Solistin Simone Hild begeisterte der Chor nun über 80 Besucher.

Das in jeder Beziehung anspruchsvolle Programm “Lieder aus Barock-Opern” des Engländers Henry Purcell (1659-1695) und des Parisers Jean-Philippe Rameau (1683-1764) in der jeweiligen Landessprache vorgestellt, stellten an den Projektchor besondere Ansprüche, dabei waren ihnen die Instrumentalisten eine sichere Stütze. Eingangs erläuterte Thomas Sander, dass die Barock-Opern im 17. Jahrhundert nach heutigen Verständnis formal keine Opern waren. Wie auch bei Purcells “King Arthur”, bei dem die Hauptfiguren von Sprechern dargestellt wurden, die Gesangspartien waren dabei als Nebenrollen vorgesehen.

Mit dem Lied “How blessed are sheperds” aus dem zweiten Akt von “King Arthur”, eine Komposition für Soli, Chor und Orchester, eröffneten die Akteure die Programmfolge. Schon hier wurden die stimmlichen Qualitäten des Chores hörbar. Dabei stand die Solistin Simone Hild mit ihrem Sopransolo erstmals im Vordergrund. Mit einem “Prelude” leitete das spielfreudige Ensemble zum nächsten Stück aus dem dritten Akt “Tis love that has warmed us” über. Eine Komposition, die durch den Text und die Schönheit der Musik zu einem Höhepunkt des Abends werden sollte. Die begeisterten Besucher bedankten sich mit Szenenapplaus. “Fairest isle”, eine Arie aus dem letzten Akt, brachte die Sopranistin mit ihrer warmen Stimme wunderbar zum Leuchten.

Danach wechselte der Projektchor zu dem französischen Komponisten Jean-Philippe Rameau und seiner Oper “Les Indes Galantes” die 1735 in Paris uraufgeführt wurde. Aus diesem Werk stammt das Liebeslied “Tendre Amour”, das der Chor wie die meisten Werke vierstimmig vorstellte. Begleitet von den Instrumentalisten entwickelten sie eine wunderbare Melodienfolge, von der die Besucher begeistert waren. Zum Abschluss stellte der Projektchor mit “Revenez” und “Que le ciel” zwei Werke aus der Oper “Castor et Pollux” von Rameau vor. Als nach über einer Stunde der musikalische Leiter Thomas Sander den Taktstock senkte, bedankten sich die Besucher mit stürmischem Beifall, der kein Ende nehmen wollte.

22. September 2019

Herbert Knebel
(Foto: Stefan Rittershaus)

“Boh glaubse, der Herbert Knebel is gezz Rentner, aber in echt!” Gemeint ist natürlich der Kabarettist und Komiker Uwe Lyko, der heute 65 Jahre alt wird. Herzlichen Glückwunsch! In vielen Biografien wird die von Lyko geschaffene Kunstfigur Herbert Knebel, der seine Sicht der Dinge auf Ruhrdeutsch vorträgt, als nörgelnder Ruhrpott-Rentner charakterisiert. Lyko selbst widerspricht: “Wenn der Knebel nur am Meckern und Nörgeln wäre, wäre er nicht so beliebt geworden. Der Knebel hat nichts Spießiges, sondern der macht sich über die Spießer lustig. Er hat eher eine leicht anarchische Ader, ohne dass er das selber weiß. Im Ruhrpott sprechen wir von Trinkhallenphilosophen.”

19. September 2019

“In einer Leitungsposition geht es heute um Sinnstiftung und Überzeugungsarbeit, nicht um Befehl und Anordnung”, sagt Nikolaus Bachler, derzeitiger Intendant der Bayerischen Staatsoper und ab 2022 Intendant der Salzburger Osterfestspiele. Bachler spielt damit auf den Konflikt mit Christian Thielemann an, dessen Vertrag als künstlerischer Leiter der Festspiele über 2022 hinaus nicht verlängert wird. Gewissermaßen als nichtpekuniäre Abfindung darf Thielemann sich mit Wagners “Lohengrin” verabschieden. Bachler hatte den “Fliegenden Holländer” favorisiert. Ihn “interessiert, wie man in zehn Tagen eine Hitze, einen Sinn, eine Identität erreichen kann.”

Die Frage, ob Diven nicht mehr zeitgemäß sind, wird allenthalben weiter diskutiert, auch und gerade in Salzburg. Das Publikum der Osterfestspiele war lange ein riesiger Karajan-Fanclub, der seinem Liebling zuweilen kritiklos huldigte. Thielemann ist sicher nicht frei von Allüren und Eitelkeiten, auch im Dirigentischen nicht. Doch die Frage ist, ob nicht ganz im Sinne von Bachler gerade Thielemann, der von Karajan so vieles gelernt hat, ziemlich genau weiß, welche Osterfestspiele in Salzburg gewünscht sind und welche nicht. Haben hier vielleicht zwei Diven einfach nicht zueinander gefunden, und zwar ganz ohne Sinnstiftung?

16. September 2019

“Wenn du willst, bin ich gar nicht deine Freundin, sondern Manuel Neuer.” Vor ungefähr fünf Jahren haben wir diesen Satz zum ersten Mal gehört. Ein flotter Spruch in einer Werbung für ein zuckerfreies Softgetränk. Der Satz erreichte Kultstatus. Alles Mögliche konnte mit dem Zusatz “… sondern Manuel Neuer” versehen werden, wirklich fast alles.

An Manuel Neuers Stelle würde nun gerne sein Konkurrent, Marc-André ter Stegen, im deutschen Fußballtor stehen. Für die Werbung ist das eher ungünstig. Marc-André ter Stegen – ist das nun französisch, niederländisch oder flämisch? Egal, jedenfalls ist es zu lang, und man kann es nicht richtig lesen oder schreiben. “Vielleicht bin ich gar nicht deine Freundin, sondern Marc-André ter Stegen” – wie klingt das? Genau! Das spricht man sich einmal laut vor und weiß, dass man es damit nicht schafft. Mit so einem Namen will keiner Werbung machen, weshalb man auch ewig auf der Bank sitzen wird. Vielleicht ist es ja auch gar nicht die Bank, sondern Manuel Neuer.

14. September 2019

Wetzlarer Neue Zeitung, 13. September 2019

Wetzlarer Musikschule schlägt Alarm

Von Tanja Freudenmann

WETZLAR – Die Nachfrage wächst, die Kursangebote sind beliebt: 35 Lehrer unterrichten 1350 Schüler an der Musikschule am Wetzlarer Schillerplatz. Doch es gibt Probleme: “Wir kommen mit dem uns zur Verfügung gestellten Geld nicht hin, wir brauchen eine Erhöhung der Zuschüsse, sonst finden wir kein qualifiziertes Personal mehr”, sagte Schulleiter Thomas Sander in der jüngsten Sitzung des Wetzlarer Kulturausschusses. Auch bei der Innenausstattung des Gebäudes “zwickt es an vielen Stellen gewaltig”.

Gemeinsam mit dem Vorstandsvorsitzenden Dieter Grebe informierte Sander die Ausschussmitglieder am Mittwochabend über Projekte, Angebote – vom Lahn-Dill-Jugendorchester über Chöre und Rockbands bis hin zu Babykonzerten -, thematisierte aber auch aktuelle Sorgen des Vereins.

Die Musikschule, die Mitglied im Verband deutscher Musikschulen (VdM) ist (siehe Infokasten), schlägt Alarm: 2019 schultern laut Grebe die Gebührenzahler zu nahezu zwei Dritteln (733 000 Euro) die Gesamteinnahmen der Musikschule (1,185 Millionen Euro). 20 Prozent Zuschüsse gibt’s von der Stadt (242 520 Euro). Gerade mal vier Prozent (47 000 Euro) komme vom Land Hessen. Was die Landeszuschüsse für VdM-Schulen angeht, stehe Hessen im bundesweiten Vergleich an zweitletzter Stelle. “Hier besteht dringender Handlungsbedarf”, sagt Sander, der “verhalten optimistisch” nach Wiesbaden blickt. Die heimischen Landtagsabgeordneten wisse man hierbei auf der Seite der Schule, die sich aktuell mit neuer Homepage und in den sozialen Netzwerken Facebook und Instagram präsentiert.

Wetzlarer Musikschule

Die Wetzlarer Musikschule wurde 1957 vom Musikpädagogen Edgar Hobinka und Hugo Lotz gegründet und hat seit 1967 ihren Sitz im Gebäude der ehemaligen Franziskanerkirche am Schillerplatz.

Die zertifizierte Musikschule ist Mitglied im Verband deutscher Musikschulen (VdM) und entspricht den “Richtlinien der hessischen Landesregierung zur Förderung von Musikschulen”. Sie fördert über den Unterricht hinaus mit Veranstaltungen das Kulturleben der Stadt. Zudem ist die Musikschule Veranstaltungsort für Ausstellungen, Lesungen und Vorträge. Auch die letzte Zuschusserhöhung der Stadt liege über zehn Jahre zurück. “Bis 2025 werden altersbedingt etliche Lehrer ausscheiden und so wird es sehr schwer werden, attraktiv für neues, qualifiziertes Personal zu sein”, so Grebe. “Die Zuschuss-Situation muss verbessert werden, sonst werden wir perspektivisch keine gut ausgebildeten Lehrer mehr bekommen.” Gleichzeitig gelte es, die Vorgaben zu erfüllen, um zertifizierte VdM-Schule bleiben zu können.

Was die Räumlichkeiten betrifft, sieht Sander ebenfalls deutliche Defizite: Der Parkplatz sei “eine Katastrophe” und verwandle sich bei Regen regelmäßig in eine Schlammgrube, über den löchrigen, deutlich in die Jahre gekommenen Treppenteppich seien bereits Besucher gestolpert. Auch das Thema Barrierefreiheit werde immer wieder diskutiert: Ein Innen-Aufzug sei jedoch platzraubend. Aus Sicht der Musikschule liebäugelt man mit einer Kooperation mit der Unteren Stadtkirche, die sich in eine Art “Kulturkirche” verwandeln könne. “Man könnte hier Lesungen und Vorträge etablieren.” Bereits etliche Konzerte hätten dort stattgefunden, die Akustik sei sehr positiv bewertet worden.

“Aus Sicht der Musikschule sind alle Anliegen nachvollziehbar. Wir müssen zunächst schauen, was sich in den Gesprächen ergibt und was möglich ist”, sagt Kulturdezernent und Kämmerer Jörg Kratkey (SPD). Aktuell sei im Nachtragshaushalt 2019 die Verpflichtungsermächtigung für die Musikschule um 551 000 Euro auf 705 000 Euro erhöht worden. Was bedeutet das? “Damit können bereits Aufträge vergeben werden”, erläutert Kratkey. Konkret soll mit dem Geld unter anderem die Brandschutzsanierung und “Elektrifizierung” finanziert werden, auch ist darin eine Anschubfinanzierung für einen Aufzug enthalten. Zu diesem seit langem diskutierten Thema werde es aber noch einen separaten Beschluss geben. Die angesprochenen Defizite wie Parkplatz und Treppe seien darin jedoch noch nicht enthalten. “Es wird ein Gesamtkonzept geben müssen”, so Kratkey.

Grafik Einnahmen Musikschule Wetzlar NEU ET 13.09.2019 2_100

13. September 2019

Es gibt Politiker, die schlechte Dinge über Politiker sagen, die Latte Macchiato trinken. Ich zähle nicht dazu. Aber ich möchte, dass der, der in einem Café sitzt und eine Latte Macchiato trinkt, sich nicht für etwas Besseres hält als der, der die Latte Macchiato bringt oder zubereitet.
Olaf Scholz (SPD), Bundesfinanzminister

10. September 2019

Titanic

Aktionstag der Wetzlarer Musikschule (siehe 3. September), auf dem Schillerplatz spielt das Blasorchester Jetzt oder nie. Ich moderiere das Programm und spreche ein bisschen über die Stücke und ihre Komponisten, auch über das Orchester und seine Arbeit. Vor der Filmmusik zu Titanic erzähle ich etwas über Leo di Caprio und Kate Winslet, über die Produktionskosten des Films und natürlich über die Schiffskatastrophe selbst. In ungefähr vier Kilometern Tiefe liegt die Titanic seit nunmehr über hundert Jahren, sage ich und füge hinzu, dass man als Privatperson für 45.000 Euro hinuntertauchen kann, um das Wrack zu besichtigen. Zum Vergleich: Vor den Berliner Philharmonikern darf man für 10.000 Euro den Taktstock schwingen. Und dann, leichthin: “Gegen eine Spende von nur 500 Euro können Sie unser Orchester Jetzt oder nie dirigieren. Sie können uns natürlich auch nur die Spende zukommen lassen und auf das Dirigat verzichten.”

Am letzten Freitag haben wir einen Briefumschlag in der Post, ohne Absender. 500 Euro sind darin, in zehn nagelneuen 50er-Scheinen. Und ein einziger Satz: “Wegen des Dirigates komme ich vielleicht noch auf Sie zu.”

9. September 2019

Es werden nur die Flüchtlinge statistisch erfasst, die vor anderen Menschen auf der Flucht sind.
Daniel Mühlemann (*1959)

Alle Menschen, die zu uns flüchten, brauchen Hilfe und nicht unsere Meinung.
Andrea Mira Meneghin (*1967)

Ich weiß wohl, vor wem ich fliehen soll, aber nicht zu wem.
Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v. Chr.)

7. September 2019

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Man versteht meist schon, dass das Richtige von gestern heute falsch sein kann, man vergisst aber zu gern, dass das Falsche von gestern heute nicht richtig sein muss.
André Brie

Wir können auch einfach unsere Sachen packen. Die Option aufs Wiederkommen geben wir ja damit nicht auf.

5. September 2019

Eine “sehr sympathische Rotzgöre” sei sie, die Annalena Baerbock, meinte FDP-Vize Wolfgang Kubicki gestern bei Maischberger. Kubicki ist gerade heraus, direkt und vor allem Jurist. Er weiß sehr gut, wann er nur frech oder schon beleidigend ist. Die Geschichte mit dem weggeschnappten Taxi im Regen hat er erläuternd zum Besten gegeben, sicherheitshalber, obwohl das gar nicht nötig war. Die schöne Annalena dürfte ihn nur zu gut verstanden haben. Denn eigentlich ist “sehr sympathische Rotzgöre” ein dezent parfümiertes, bewunderndes Kompliment, das die erotisierte Disposition des Urhebers nicht verhehlen will und seine Vulnerabilität verklausuliert bekennt. Das hat zweifellos etwas Gewinnendes, Nobles. Vielleicht ist die ganze Macho-Attitüde ja nur gespielt.

3. September 2019

Wetzlarer Neue Zeitung, 3. September 2019

Musikschule zeigt ihre Vielfalt

Von Heike Pöllmitz

WETZLAR – Die Wetzlarer Musikschule hatte am Wochenende im Rahmen des Brückenfestes einmal mehr zu ihren Aktionstagen eingeladen, die ihre Vielfalt zeigten und bestens ankamen.

Die Musikpädagogen Edgar Hobinka und Hugo Lotz, die den Verein 1957 gründeten, hätten sicher ihre helle Freude an dem bunten Treiben gehabt, ist die Einrichtung doch noch immer ein sehr lebendiger Teil der Stadt. Seit 1966 hat sie ihren Sitz am Schillerplatz, 35 Lehrkräfte unterrichten 1350 Schüler und 23 Spielkreise, Ensembles, Orchester und Chöre sorgen auch in der Region für eindrucksvolle Konzerte.

Um 10 Uhr startete das attraktive und abwechslungsreiche Programm mit den Jüngsten aus der Grundstufe, die im Konzertsaal unter dem Motto “Hurra der Zirkus kommt” zeigten, dass sie zwar “klein, aber fein” sind. “Zirkusdirektorin” Gabriele Phifer konnte Clowns, Elefanten oder Zauberer für ein zirzensisches Erlebnis präsentieren.

Während anschließend innen Schnupperangebote, Präsentationen, offener Unterricht und ein Konzert auf große Resonanz stießen, hieß draußen Musikschulleiter Thomas Sander die Gäste vor der Bühne willkommen, die zum Bürger-Brunch der Bürgerstiftung gekommen waren und das musikalische Programm genossen – unter ihnen auch Oberbürgermeister Manfred Wagner.

Während drinnen Harfe, Klavier, Querflöte, Schlagzeug und Co. ausprobiert wurden und die Lehrkräfte fachkundig berieten, startete draußen Paul Pfeiffer mit dem Blasorchester “Jetzt oder nie!” das Programm, bei dem der Fachbereich Gesang Stimmen präsentierte, das Ensemble “Clarinetwise” ebenso begeisterte, wie das Erwachsenen-Percussion-Ensemble “Drum-A-Geddon” und das “Lahn-Dill Jugendorchester”. Währenddessen konnten innen unter der Überschrift “Sing your Song/Arie” mit den Gesangsfachkräften Lieder erarbeitet werden.

Am späten Nachmittag rockten die Nachwuchsbands der Rockwerkstatt den Schillerplatz und den Abend gestaltete die Band “Jobst und Gemüse” in bester Manier. Am Sonntag ging es dann draußen mit der Tuxedo Drive-Bigband weiter und die “Lahn-Dill-Spätlese” gab mit Schlagern, Oldies und Pop der 50er bis 70er Jahre dem Kartoffelfest einen klangstarken Rahmen.

Dezent nutzte die Musikschule den Rahmen mit großem Publikum als Mitglied des Verbandes deutscher Musikschulen für Kritik an der Förderung. “Seit Jahren werden die Zuschüsse des Landes eher gekürzt als angehoben und wir hier in Wetzlar sind noch in der glücklichen Lage durch die Stadt Wetzlar und den Lahn-Dill-Kreis unterstützt zu werden”, meinte Thomas Sander. “Wir sind zertifiziert und beschäftigen ausschließlich qualifiziertes Personal, was die Qualität unseres Unterrichtes ausmacht”, so Sander.

Mit chronischer Geldknappheit sei die Qualität allerdings nicht zu halten und landesweit werden Musikschullehrer immer öfter als freie Mitarbeiter beschäftigt, will heißen in den Ferien und bei Krankheit gibt es kein Geld. “Mit akademischem Abschluss an der Armutsgrenze leben – das rüttelt natürlich auch an der Existenz der VDM-Musikschulen.” Deshalb hat der Verband jetzt eine Kampagne gestartet, mit der auf diesen Missstand hingewiesen wird, um Druck auf die Landesregierung auszuüben.

31. August 2019

Bremse

Mietpreisbremse (Tabanus pretium redditum)

30. August 2019

Man vergisst vielleicht, wo man die Friedenspfeife vergraben hat. Aber man vergisst niemals, wo das Beil liegt.
Mark Twain (1835 – 1910)

27. August 2019

Plakat Opernchöre 2019 (Konzert)

Nach fünfmonatiger Zeit des Übens und Einstudierens präsentiert der Projektchor der Wetzlarer Musikschule nun sein Abschlusskonzert. Chorsätze aus Opern von Henry Purcell und Jean-Philippe Rameau stehen auf dem Programm, das wir am Freitag, 20. September um 19.30 Uhr im Konzertsaal zur Aufführung bringen.

Wir werden die Chorsätze näher erläutern und durch die Wiederholung einzelner Passagen dem Publikum das Verstehen der Musik erleichtern. Der Projektchor wird von einem Streicherensemble plus Continuo begleitet. Ebenfalls mit dabei ist Sopranistin Simone Hild. Der Eintritt zum Konzert ist frei.

25. August 2019

Kirill Petrenko hat seine ersten Konzerte als Chef der Berliner Philharmoniker dirigiert. Auf dem Programm der Veranstaltungen in der Philharmonie und am Brandenburger Tor standen Bergs Lulu-Suite und Beethovens 9. Sinfonie. Auf ZEIT online schreibt Ulrich Amling über die Botschaft, die von der Wahl der Stücke ausgeht und bescheinigt Petrenko die “Suche nach tiefen Einsichten, nach einer Weite des Empfindens in der Musik” und noch ein paar andere Sachen. Mit ihrem neuen Chef sei das Orchester jedenfalls nicht auf “allzu leichte Triumphe” aus, was auch immer das besagen will.

Im Kommentarbereich vermutet dann ein Leser, dass Petrenko als Russe die berühmte “Freiheits-Sinfonie” (!?) als Bekenntnis zur Demokratie und Botschaft an seine Heimat gewählt haben könnte. Deshalb würde er, der Leser, “vom Chef einer großen deutschen Kulturinstitution ein klares Bekenntnis zu Demokratie und Freiheit und zum Klimaschutz” erwarten. Es wäre deshalb schön, wenn die Philharmoniker auf Tourneen verzichten oder nur mit dem Zug reisen würden. “… und natürlich kein Fleisch mehr essen”, ergänze ich (das Verständnis von Ironie ist immer so eine Sache), woraufhin sich ein weiterer Forist zu Wort meldet: “Und keine Bögen mehr mit Rosshaar, da gibt’s doch bestimmt auch was aus Plastik. Oh, wait. Lederschuhe zum Frack ab sofort verbieten. Und Pianisten erst gar nicht mehr einladen, in deren Klimperkästen ist auch Leder drin (Methangasausstoß!). Und das von qualvoll gestorbenen Bäumen verarbeitete Holz wird teilweise auch noch mit Knochenleim bearbeitet, Frevel! Und weg mit Oboen, Klarinetten und Fagotten, deren Rohre nehmen den Rohrdommeln den Lebensraum weg. Sonst noch was?”

23. August 2019

Ob die nachfolgenden Dialoge zwischen Lady Astor und Winston Churchill original überliefert oder nur gut erfunden sind, ist ziemlich egal. Sie sind wirklich hübsch – und vor allem very british.

Churchill: “Having a woman in Parliament is like having one intrude on me in the bathroom.”
Lady Astor: “You’re not handsome enough to have such fears.”

Churchill: “What disguise should I wear to the masquerade ball?”
Lady Astor: “Why don’t you come sober, Prime Minister?”

Lady Astor: “If you were my husband, I’d poison your tea.”
Churchill: “Madam, if you were my wife, I’d drink it!”

22. August 2019

John Cage

Music is all you listen to with the intention of listening.
John Cage (1912 – 1992)

Ist das so? Dann gilt auch der Satz “Alles Hörbare ist Musik”, der Mauricio Kagel zugeschrieben wird. Wenn schon die Absicht zu hören ausreicht, um das zu Hörende als Musik zu bestimmen, dann liegt auch Kurt Hübner falsch, wenn er feststellt: “Die Musik gehört zwar zum Bereich des Hörbaren, aber nicht alles Hörbare ist Musik.” So wie alle Chinesen Menschen sind, aber nicht alle Menschen Chinesen …

Es steht zu befürchten, dass auch Guido von Arezzo, dem wir die Solmisation und unser heutiges Notenliniensystem verdanken, da nicht weiterhelfen kann:

«Musicorum & cantorum magna est distantia,
Isti dicunt, illi sciunt, quae componit Musica.
Nam qui facit, quod non sapit, diffinitur bestia.»

«Zwischen musici und cantores ist ein grosser Unterschied.
Diese singen [nur], jene wissen [aber auch], was die musica anordnet.
Denn wer tut, was er nicht versteht, wird Tier genannt.»

20. August 2019

Heute ist in der BILD-Zeitung zu lesen, dass Ed Sheeran in Musik eine Sechs hatte. Es wäre gemein, würde man sagen, warum auch nicht, hat er doch mit Musik nichts zu tun. Für die Unwissenden: Ed Sheeran ist Brite, 28 Jahre alt und äußerst erfolgreicher Sänger und Songwriter. Seine Fans, so steht es bei yougov.de, sind weiblich, 18 – 24 Jahre alt, schauen gerne Filme und lieben Haustiere, besonders Katzen. Der Sheeran-Fan reist gerne und schätzt gute Arbeitsbedingungen im Job. Und er ist verträumt und unordentlich, also genau wie die Musik Sheerans. Gütiger Himmel! Prompt habe ich auf youtube “Nothing on you” angehört – das mit der Sechs in Musik können wir nicht klären. Macht nichts. Für die Fans, das wissen wir ja nun, spielt Musik eh keine Rolle.

17. August 2019

Ich schenke Vertrauen, dann bin ich es los.
aus: Rolf Dobelli, Turbulenzen

16. August 2019

Sommer 2019 057

17.00 Uhr. Jetzt auf einen Sundowner ins Daktari. Das wäre schön …

14. August 2019

Herzlichen Glückwunsch, Dieter Mulch!

Mulchkanon Kopie

12. August 2019

Frankfurter Neue Presse, 07. August 2019

John FNP

11. August 2019

Unbedingt lesen, passend zum Thema, ZEIT online von heute: Ein Leben nach dem Internet. Jetzt. Von Anna Miller. Wirklich unbedingt lesen!

10. August 2019

Maren Urner, Kognitionsexpertin und Verfasserin des Buches Schluss mit dem täglichen Weltuntergang, kritisiert unseren Umgang mit ständig verfügbaren Informationen. Sie stellt fest, dass wir permanent Nachrichten per Handy, Tablet oder Computer abrufen. Dies, so ihre Analyse, führt zu chronischem Stress und damit zu einem negativen Weltbild. Unser Steinzeit-Gehirn, so Urner, reagiert mit Angst auf vermeintliche Bedrohungen, was durch selektive Wahrnehmung, etwa den Überschriften in den Medien – etwa 90 Prozent der User online lesen nur die Titelzeilen – noch verstärkt wird. Das Ergebnis sei ein Verhalten der „gelernten Hilflosigkeit“ mit dem Gefühl, man könne ja eh nichts tun. Das aber, so Urners Schlussfolgerung, sei ein Problem für die Demokratie.

Was also hält uns davon ab, nur einmal am Tag Nachrichten zu hören oder zu sehen? Haben wir wirklich Angst, etwas zu verpassen oder nicht auf dem Laufenden zu sein, wenn wir nicht jede Stunde aufs Handy, in den Videotext oder in den PC schauen? Weniger ist mehr, wie wir nur zu gut wissen. Kommen wir also zu uns, überprüfen wir unsere Gewohnheiten. Vielleicht trauen wir uns dann auch wieder mehr zu.

6. August 2019

Aufs Geld einnehmen muß alle Bemühung gehen, und aller Bedacht aufs wenig ausgeben, so viel es möglich ist; sonst kann man nicht mit Ehre reisen; ja sonst bleibt man gar sitzen, und setzt sich in Schulden.
Vater Leopold an seinen Sohn Wolfgang Amadeus Mozart, 15.10.1777

seyen sie versichert, daß ich mein absehen nur habe, so viel möglich geld zu gewinnen; denn das ist nach der gesundheit das beste … (4.4.1781)
Mein Wunsch, und meine hoffnung ist, mir Ehre, Ruhm und Geld zu machen. (16.5.1781)
Wolfgang Amadeus Mozart an seinen Vater Leopold

Diesen Dialog habe ich gefunden, als mir beim Aufräumen Karla Fohrbecks Renaissance der Mäzene (DuMont, Köln 1989) in die Hände fiel. In ihrem Werk zur “Interessenvielfalt in der privaten Kulturfinanzierung” schreibt sie bereits in der Einleitung, dass die Vorstellung abwegig sei, Künstler, Kulturmanager und Politiker bräuchten gegenüber “Mäzenen”, welche “freies” privates Geld für öffentliche Zwecke gäben, als interesseloses Wohlgefallen, nur bitte, bitte zu sagen und die Hand aufzuhalten. So war es nie, schreibt sie, und wahrscheinlich könne man über diese Form des Mäzenatentums kein dickes Buch schreiben, vielleicht ein kleines Heftchen. Und dann: Kulturelle Werte und Aktivitäten werden – wie aus anderen “Renaissancen” vertraut – als Gestaltvorstellungen und (Über-)Lebensmittel vielleicht nicht mehr “patroniert”, dafür aber, einfach oder kompliziert, “gebraucht”: als res publica. Wie wahr!

Die persönliche Begegnung mit Karla Fohrbeck war damals, 2002 im Rahmen meiner Fortbildung im Kulturmanagement an der VWA Dresden, sehr beeindruckend. Sie hat uns Studierenden viele nützliche Tipps und Ratschläge gegeben und dabei mit Beispielen aus ihrer eigenen Tätigkeit aufgewartet, vor allem aus ihrer Zeit als Schul- und Kulturreferentin in Nürnberg. “Vernetzen Sie sich”, daran erinnere ich mich, “und laden Sie alle Leute, die Sie über Ihr berufliches Umfeld kennen, zu sich nach Hause ein. Dann gehen Sie in den Garten und spielen ‘Mensch, ärgere dich nicht’. Sorgen Sie dafür, dass alle miteinander ins Gespräch kommen. Und knüpfen Sie dieses Netz immer weiter.”

4. August 2019

“Ich finde, Sehnsucht ist nichts Schlechtes, sondern etwas sehr Schönes. Die wichtigsten Fragen im Leben kommen doch aus der Sehnsucht, oder? Ich wollte immer die richtigen Fragen stellen und die Antworten aushalten. Und jetzt weiß ich nicht mehr weiter.”
aus: Ein Wochenende im August. Esther Gronenborn. D 2019. Mit Nadja Uhl, Carlo Ljubek u. a.

1. August 2019

Die Bayreuther Festspiele können in diesem Jahr mit vier charismatischen Dirigenten aufwarten: Christian Thielemann, Valery Gergiev, Semyon Bychkov und Philippe Jordan stehen am Pult des Festspielhügels und leiten Lohengrin, Tannhäuser, Parsifal, Die Meistersinger von Nürnberg und Tristan und Isolde. Wie immer, so streiten auch in diesem Jahr Publikum und Kritik über alte wie neue Inszenierungen. Die musikalischen Leistungen werden in den Medien zumeist positiv beurteilt. Über boulevardeske Berichte zur Anwesenheit von Premierenprominenz lesen wir ermüdet hinweg. Zur nach wie vor elitären, obszönen Preisgestaltung des Spektakels und somit zur Aussperrung ganzer gesellschaftlicher Schichten äußert sich leider so gut wie niemand mehr.

30. Juli 2019

Sich zu entspannen ist besser, als beschäftigt zu sein.
Baltasar Gracián (1601- 1658)

Im Internet schreibt jemand über das Eis im Cacao Ljubljana: “Eine wahre Geschmacksexplosion! Ich habe noch nie zuvor ein so grandioses Eis gegessen.” Genau, somit muss ich das hier nicht wiederholen. Die Rede ist von der Sorte “Dunkle Schokolade mit gefrorenen Himbeeren”. Dieses Eis alleine ist ein Grund, nochmal nach Ljubljana zu fahren. Die Stadt selbst ist überschaubar, fast familiär, unaufgeregt, sympathisch. Die vielen Cafés und Restaurants am Fluss sorgen für mediterranes Flair, in kleineren Seitenstraßen und Gassen finden sich zahlreiche Oasen der Ruhe. Viele Grünflächen, Kirchen, Brücken, Museen, Veranstaltungen. Besonders schön: Der Innenhof der Križanke. Die Einwohner und auch zahlreiche Besucher sagen, Ljubljana sei eine Stadt “nach Maß des Menschen”. Das trifft es ziemlich gut.

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Triest ist etwas ganz anderes. Großzügig, weitläufig, repräsentativ. Überall ist die alte Grandezza zu spüren, eine große, versunkene Zeit. Und gleichzeitig ist ein neues, multikulturelles Leben zu spüren, sehr individuell, mit einer Mixtur aus alten Traditionen und neuen Wegen und Angeboten. Der Ton ist geschäftig, lebendig, trotzdem entspannt, die Stadt lärmt fast nie. Triest ist die unbekannte Schöne. Die meisten Touristen oder Urlauber fahren an ihr vorbei, was erstaunlich ist. Denn die Stadt hat viel zu bieten und ist darüber hinaus ausgesprochen italienisch, trotz jahrhundertelanger habsburgischer, österreichischer, jugoslawischer und weiterer Einflüsse. Und Triest liegt am Meer – für Freunde von Fischrestaurants ein Paradies! Tipp: Di Napoli (der Chef kommt aus Neapel), Via Diaz 10. Es gibt auch Pizza, Pasta und anderes, doch die fritto misto di pesce, nur mit Zitrone und Petersilie, sind unschlagbar.

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Zum Abschluss nach Bayern: Grainau, das Zugspitzdorf. Zwei Naturerlebnisse prägen diesen Aufenthalt – ein Spaziergang um den Eibsee mit herrlichen Panoramen, und das Durchschreiten der Höllentalklamm. Auch bei nur mäßiger Kondition, la dolce vita lässt grüßen, sind diese Wanderungen gut zu schaffen. Leichter allerdings ist ein Stadtbummel in Garmisch-Partenkirchen mit kleinem Spaziergang entlang der Loisach. Das Wohnhaus von Richard Strauss in der Zoeppritzstraße 42 ist leider nur von außen zu sehen. Ein besonderes Gefühl überkommt mich beim Hinschauen trotzdem.

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Pause bis zum 29. Juli 2019

6. Juli 2019

Fisch mit Kartoffeln im Backofen

Fisch (Kabeljau, Rotbarsch, oder auch Kalmare) und geschälte Kartoffeln in Scheiben schneiden und abwechselnd in eine Backform geben. Knoblauch und Petersilie hinzufügen, salzen und pfeffern. Alles mit etwas Weißwein, Olivenöl und Zitronensaft beträufeln. Ca. 45 Minuten bei 175° im Backofen garen lassen. Dazu passen Romana-Salat, auch Datteltomaten, und eine Flasche Sauvignon blanc.

5. Juli 2019

… und jetzt warnt Annegret Kramp-Karrenbauer die SPD davor, Frau von der Leyen als EU-Kommissionschefin die Stimme zu verweigern, weil sie, die SPD, damit “möglicherweise eine Verfassungskrise in Europa riskieren” würde. Es ist also eine Verfassungskrise, wenn bei Abstimmungen nicht das gewünschte Ergebnis herauskommt!? Nein, wenn die Freiheit des Mandates nicht mehr gegeben wäre, könnten wir von einer Verfassungskrise sprechen! Bei so einem Demokratieverständnis können wir nur befinden, dass Frau Kramp-Karrenbauer in keiner guten Verfassung ist, und dass ihre Krise schon länger andauert.

4. Juli 2019

Wenn man sich etwas hätte ausdenken wollen, was die Demokratieverdrossenheit und die Politikverdrossenheit in Europa noch steigert, dann hätte man sich genau das ausdenken müssen, was jetzt geschehen ist. Der Schaden ist groß und die Folgen sind noch gar nicht absehbar.
Günter Verheugen (SPD), ehemaliger Vizepräsident der EU-Kommission und EU-Erweiterungskommissar, zu den jüngsten Personalentscheidungen des EU-Rats

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Foto: Piotr Drabik

3. Juli 2019

Schon ein bisschen Vorfreude auf den Urlaub, der nächste Woche beginnt. Zunächst geht es für vier Tage nach Schladming/Österreich, wo ich u. a. die Mid EUROPE, eines der größten Blasmusik-Festivals in Europa besuchen werde. Es ist zu gewissen Teilen ein dienstlicher Besuch, mit ein paar Repräsentationspflichten und einem kleinen offiziellen Besuchsprogramm. Danach beginnt der eigentliche Urlaub. Es geht in zwei “Kaffeestädte”, in denen ich noch nie war, und in denen es natürlich nicht nur Cafés gibt (aber davon viele, und sehr schöne noch dazu). Zunächst nach Ljubljana/Slowenien, anschließend für eine Woche nach Triest/Italien. Nachdem ich vor Jahren mit Begeisterung Bücher von Italo Svevo gelesen hatte, war Triest immer auf dem Reisewunschzettel – jetzt endlich ist es soweit. Eine Freundin war kürzlich dort und hat sehr angetan von einem Schmelztiegel erzählt, wo sich verschiedene Nationalitäten, Kulturen und Lebensstile treffen. Italiener, Kroaten, Slowenen, Deutsche, Österreicher, Ungarn – sie und viele andere treffen sich hier, tauschen sich aus, lernen einander kennen. Von “Trieste triste” kann keine Rede sein. Im Gegenteil, es gilt das Lebensmotto der Triestiner: „Sempre allegri, mai passion, viva là e po bon” (Immer fröhlich, nie leiden, hier leben und den Rest vergessen). Kürzlich habe ich irgendwo gelesen, dass wir manchmal einfach das tun sollten, was uns glücklich macht und nicht das, was vielleicht am besten ist. Com’è vero!

1. Juli 2019

Unter dem Titel „TV-Kritik zu Markus Lanz: Niveaumäßig auf Grasnarben-Höhe“ veröffentlichte die Frankfurter Rundschau vor ein paar Tagen einen bemerkenswert treffsicheren Kommentar von Daland Segler. Lanz sei „ein Moderator, der nicht moderiert, sondern Fragen abschießt, der in seiner typischen Haltung, ganz vorne auf der Stuhlkante sitzend, als wolle er sich auf das Gegenüber stürzen (und so seine Nervosität und Überforderung zeigt) fast nie schafft, seine Gäste ausreden zu lassen und dann irgendwann sagt: ,Lasst uns diese Schärfe rausnehmen’ – die er selbst hineingebracht hat in das Gespräch.“ Segler kommt zu dem Schluss, dass solch ein Mann „nie und nimmer eine Talkshow leiten“ dürfte und wundert sich, dass Lanz das „trotz seiner offensichtlichen Unfähigkeit“ immer noch tut.

Zu der besagten Sendung mit dem Grünen-Duo Annalena Baerbock und Robert Habeck hatte Lanz sich zum wiederholten Mal einen Adlatus eingeladen, diesmal Wolfram Weimer, den ehemaligen Chef von Focus und Cicero. Die Stoßrichtung der Gesprächsführung war damit klar. Segler spricht Klartext: „Die Einwürfe von Lanz und Weimer, diesen beiden Möchtegern-Inquisitoren, gingen generell von längst widerlegten Vorurteilen aus. […] Wenn es noch einen Beleg dafür gebraucht hätte, dass politische Inhalte in Talkshows nicht seriös verhandelt werden können: Diese Sendung war der Beweis.“ Schon lange nicht mehr hat mir ein Kommentar derart aus der Seele gesprochen.

29. Juni 2019

Everyone probably thinks that I’m a raving nymphomaniac, that I have an insatiable sexual appetite, when the truth is I’d rather read a book.
Madonna

27. Juni 2019

Richard Tuff, Harbour Boats

Wieder stieg ein unbestimmtes Gefühl von Frustration und Sehnsucht in mir auf bei dem Gedanken, dass ich das falsche Leben führte.
Ian McEwan, Sweet Tooth

25. Juni 2019

Im Ruhrgebiet war, jedenfalls damals, als ich anfing nach Mädchen zu schauen, “Schickse” eine ganz normale Bezeichnung für ein junges Mädchen. Schickse war in unserem Sprachgebrauch nicht abfällig oder geringschätzig, sondern höchstens augenzwinkernd, hier und da sogar anerkennend gemeint. Schicksen waren meistens attraktiv, selbstbewusst und zuweilen etwas ungezogen, was sie besonders begehrenswert machte. Ich habe mir über die ursprüngliche Bedeutung des Wortes lange keine Gedanken gemacht. Später habe ich gelernt, dass Schickse aus dem jiddischen „schickzo“ abgeleitet ist und übersetzt „das nicht-jüdische Mädchen“ heißt. Tatsächlich wurde in der Gaunersprache die Bedeutung ausgeweitet auf Dienstpersonal und Flittchen. Das Wort wurde später nur noch abwertend, pejorativ benutzt – wie schade.

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Vor ein paar Tagen habe ich in einer amerikanischen TV-Komödie einen Dialog gehört, in dem hieß, auf der Party seien “heiße Chicks”. Also Küken, will heißen Mädchen, wahrscheinlich Schicksen. Der ähnliche Klang der Wörter “Chicks” und “Schickse” ließ mich noch einmal nach gemeinsamen etymologischen Wurzeln stöbern. Doch Fehlanzeige – Chicks haben mit Schicksen nichts zu tun, jedenfalls nicht in Bezug auf die sprachliche Herkunft und Geschichte der Bezeichnungen.

23. Juni 2019

Schöne Nachrichten: Die Opéra de Lille zeigt im Oktober The Indian Queen von Henry Purcell. An insgesamt fünf Terminen (5., 8., 9. 11. und 12. Oktober 2019) kommt das selten gespielte Werk zur Aufführung. Regie führt Guy Cassiers, die musikalische Leitung hat Emmanuelle Haïm. Die Produktion erweitert die übliche Faktur einer Semi-Oper über Musik, Schauspiel und Tanz hinaus mit Video-Sequenzen. Karten kosten zwischen 5 und 72 €. Nähere Informationen unter www.opera-lille.fr

Lille, The Indian Queen

21. Juni 2019

Ich stehe mit der Sonne auf und fahre morgens mit meinem Boot raus zum angeln. Ich sehe, wie die Seeadler neben mir ins Wasser tauchen, das ist der totale Flash. Angeln ist für mich wie meine Ersatzdroge. Hätte jeder einen Angelschein, ginge es allen besser. In der Anglerszene trifft man häufig total fertige Typen, die darin ihren Anker gefunden haben. Das rettet uns den Arsch.
Marteria, Rapper

20. Juni 2019

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Wenn ich auf mein Unglück trete, dann stehe ich höher.
Friedrich Hölderlin (1770 – 1843)

19. Juni 2019

Leute, die zu spät ins Theater kommen, sollte man erschießen. Ist nicht von mir, sondern von Woody Allen. Nun, dass manche Leute ärgerlicherweise glauben, sie könnten bei Konzertbesuchen kommen und gehen, wann sie wollen, ist hinlänglich bekannt. Der rechtliche Rahmen widerspricht dem Anspruch auf Einlass nach Vorstellungsbeginn. So müssen also Zuspätkommende im Foyer warten, im für sie schlechtesten Fall bis zur Pause. Dies wird von Theater zu Theater zwar unterschiedlich gehandhabt, doch das ist eine andere Frage.

Was ist mit denen, die vor Ende der Vorstellung gehen wollen? Dürfen die so einfach mitten im Monolog oder während des Duettes aufstehen und gehen? Das Recht erlaubt es ihnen, und Akteure, Publikum und Veranstalter sind gezwungen, ihnen dabei hilflos zuzusehen. Es spielt keine Rolle, ob die Zufrühgeher noch den Zug erwischen wollen, zur Toilette müssen, oder ob ihnen das Stück nicht gefällt. Der Veranstalter kann Theater- und Konzertbesucher nicht zum Bleiben zwingen. Er kann höchstens um Rücksichtnahme bitten und hoffen, dass der vorzeitige Aufbruch während des Beifalls, zwischen den Sätzen oder bestenfalls in der Pause erfolgt.

Wir haben in der Musikschule – früh übt sich, was ein Meister werden will, auch in Benimmfragen – per Aushang die Bitte formuliert, den Konzertsaal bei laufenden Veranstaltungen nur während des Beifalls zu betreten, wenn man denn schon zu spät kommt. Gestern nun betritt eine Mutter mit einem Kleinkind, das gerade ein Eis bekommen hat, zu den Klängen von Schuberts Ges-Dur Impromptu den Saal – ohne schlechtes Gewissen, dafür mit Eis! Ist Benehmen wirklich Glücksache? Oder die fünfköpfige Familie, die bei Bachs Goldberg-Variationen für Cembalo in der ersten Reihe sitzt und plötzlich, inmitten der siebzehnten Variation, aufsteht und durch den Mittelgang den Saal verlässt. Schon mal was von Konzert-Knigge, von Respekt gegenüber dem Künstler, dem Publikum und dem Werk gehört? Ein Konzertsaal ist ein öffentlicher Raum, in dem andere Regeln gelten als im heimischen Wohnzimmer! “Wann darf ich klatschen?” – so einen Kurs hatten wir schon. “Wann darf ich kommen und gehen?” – wollen wir über solch eine Unterweisung wirklich nachdenken, und sei es aus Notwehr?

17. Juni 2019

Träume, wissen Sie, sind das, woraus man erwacht.
Raymond Carver, Das Zaumzeug

16. Juni 2019

Es war eine durchaus gelungene Aufführung von King Arthur, die ich im Würzburger Mainfranken Theater erlebt habe. Der Abend bot eine fantasievoll inszenierte, spartenübergreifende Erzählung mit Musikern, Tänzern und Schauspielern. Das Zusammenwirken gelang gut, wenngleich musikalisch ein paar Abstriche zu machen sind. Es ist das Problem eines jeden Mittelklasse-Theaters, dass es zumeist auf hauseigene Kräfte zurückgreifen muss, auch wenn sich der Spielplan auf sehr spezielle und wenig ausgetretene Pfade begibt. Anders gesagt: Für die Musik Purcells, die ihre eigene barocke Rhetorik aufweist, können im Grunde nur in dieser Sparte geschulte Sängerinnen und Sänger zum Einsatz kommen. Und hier boten vor allem die solistischen Männerstimmen nicht das, was zu einer sensiblen und feinnervigen Gestaltung vonnöten gewesen wäre. Aus dem Orchestergraben kamen obendrein immer wieder sehr sportliche Tempi (vor allem im “song of cold people”), so dass eine wirklich berührende Musik zu selten erklang. So waren die Schauspieler und Tänzer in der Summe die stärkeren Akteure, worauf ich gerade bei einer Semi-Oper gerne und anerkennend hinweise. Den Höhepunkt des Abends gab es schon vor Beginn der Aufführung, nämlich die in freier Rede gehaltene und kenntnisreich wie sympathisch vorgetragene Einführung von Dramaturgin Katharina Nay.

13. Juni 2019

Morgen geht es für ein kurzes Wochenende nach Würzburg. Ich werde im Mainfranken Theater King Arthur von Henry Purcell sehen. Es ist eine sogenannte Semi-Oper, eine spezielle Form der englischen Barockoper mit Gesang, Tanz, Instrumentalmusik und Sprechtheater. Die regionale Presse zeigt sich von der Produktion sehr angetan. Das Main-Echo schreibt: “So kurzweilig, so märchenhaft und fantastisch, letztlich auch so modern erlebt man Musiktheater des 17. Jahrhunderts selten.” Und die Main-Post hat “schönstes Barockspektakel” erlebt. Ich bin sehr gespannt, doch nicht allein auf das Stück. Es ist mein erster Besuch in Würzburg. Vielleicht klappt es mit einem Besuch in der Residenz. Und wenn nicht – es gibt Weinstuben, Weinkeller und Weingüter.

Würzburg Residenz

12. Juni 2019

Ich habe einfach das Gefühl, dass wir heutzutage auf so viele Dinge schauen, auf die wir in der Vergangenheit vielleicht nicht geschaut haben, weil niemand viel Aufhebens darum gemacht hat. […] Das ist nicht der Sport, in den ich mich verliebt habe.
Sebastian Vettel, viermaliger Formel 1-Weltmeister

Nun komme ich nicht von der Formel 1, war nicht einmal Weltmeister, habe Sport nie professionell betrieben. Gut, ich bin geprüfter DFB-Schiedsrichter und habe ein paar Jahre lang in Kreis- und Bezirksligen Spiele gepfiffen. Aber das war reines Hobby, insofern lässt sich das nicht vergleichen. Trotzdem stimme ich der oben zitierten Aussage voll und ganz zu. Wir leben in Zeiten zahlloser Live-Übertragungen, Aufzeichnungen, Vor- und Nachberichten, Analysen, Interviews, Features, Diskussionsrunden und vielem mehr. Allmählich beginne ich, das mediale Spektakel als absurdes Theater zu begreifen, das zuweilen auch Erheiterndes bietet. So sagte der frühere Bremer Mirko Arnautovic, nachdem die österreichische Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation 4:1 gegen Nordmazedonien gewonnen hatte: “Wir waren klar überlegen. Ich glaube, es kann achtstellig, neunstellig ausgehen.”

10. Juni 2019

Spiele das Spiel. Gefährde die Arbeit noch mehr. Sei nicht die Hauptperson. Such die Gegenüberstellung. Aber sei absichtslos. Vermeide die Hintergedanken. Verschweige nichts. Sei weich und stark. Sei schlau, lass dich ein und verachte den Sieg. Beobachte nicht, prüfe nicht, sondern bleib geistesgegenwärtig bereit für die Zeichen. Sei erschütterbar. Zeig deine Augen, wink die anderen ins Tiefe, sorge für den Raum und betrachte einen jeden in seinem Bild. Entscheide nur begeistert. Scheitere ruhig. Vor allem hab Zeit und nimm Umwege. Lass dich ablenken. Mach sozusagen Urlaub. Überhör keinen Baum und kein Wasser. Vergiss die Angehörigen, bestärke die Unbekannten, bück dich nach Nebensachen, weich aus in die Menschenleere, pfeif auf das Schicksalsdrama, missachte das Unglück, zerlach den Konflikt. Bewege Dich in deinen Eigenfarben, bis du im Recht bist und das Rauschen der Blätter süß wird. Geh über die Dörfer. Ich komme dir nach.
Peter Handke, aus “Über die Dörfer”

9. Juni 2019

Heute vor neunzig Jahren, so habe ich im Deutschlandfunk gelernt, fand zum ersten Mal das Hamburger Hafenkonzert statt. Der damalige Intendant Hans Bodenstedt wollte “etwas ganz Neues, eine Sendung, die nach Teer und Tang riecht, eine Sendung, in der die See zu den Hörern spricht, die See und die Männer, die sich ihr verschrieben haben.“ Der damals zuständige Redakteur Kurt Esmarch bestand darauf, dass das Konzert von einem Schiff aus zu senden sei. Zu Beginn spielte das Altonaer Sinfonieorchester an Bord der „Antonio Delfino“ die Ouvertüre zu „Die lustigen Weiber von Windsor“. Doch die primitiven Detektorradios konnten die Geigen nur schlecht übertragen, so dass bei den folgenden Konzerten kräftige Blasmusik gespielt wurde. Bis in die 1950er-Jahre übrigens ohne Frauen, weil, wie jeder Seemann weiß, Frauen an Bord Unglück bringen.

8. Juni 2019

Pinsel mit Palette und Farbtuben_8

Ich habe vergessen zu erzählen, dass ich in Písek Schnürsenkel gekauft habe, jeweils mit 70 cm Länge und in den Farben grau, blau und gelb. Die Verkäuferin bezeichnete die Farbe des letzten Paares allerdings als “mustard”, demzufolge das graue Paar vielleicht beton oder schiefer ist, wenn nicht rauch oder asche. Dem blauen Paar würde die Verkäuferin, oder sagen wir besser der Sales Advisor, wahrscheinlich die Farbe navy, vielleicht auch ocean zuschreiben. Die Farben meiner neuen Schnürsenkel sind möglicherweise auch zement, aquamarin und safran. Oder maus, tinte und eiter, wer will das schon so genau wissen.

7. Juni 2019

Bis nachts um 1.00 Uhr habe ich gestern in der Mediathek Das Verschwinden angeschaut, ein mehrteiliges – ja, was eigentlich, Familien- oder Sozialdrama, eine Dealer-Junkie-Geschichte, eine Generationenkonflikterzählung, ein Krimi? Regisseur Hans-Christian Schmid hat jedenfalls einen sehenswerten Film über Lügen, Erwartungen, Enttäuschungen und Verzweiflungen gedreht, die altersunabhängig den jeweiligen Kosmos ihrer Protagonisten erfassen und die Begrenztheiten ihrer Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Neben vielem, was die unterschiedlichen Erzählstränge abbilden, geht es auch um eine desillusionierte, nüchterne Analyse lebensperspektivischer Verengungen und Hilflosigkeiten. “Die Eltern”, sagt Schmid, “sind hier mit ihren eigenen Lebensentwürfen oder ihren eigenen Lügen so beschäftigt, dass sie keine Zeit haben, sich intensiv mit dem zu beschäftigen, was ihre Kinder bewegt.”

Das Verschwinden, D/CZ 2017; R.: Hans-Christian Schmid; Julia Jentsch, Nina Kunzendorf, Johanna Ingelfinger, Godehard Giese, Martin Feifel u. a.

5. Juni 2019

Romantik war immer Verklärung, Träumerei und Ausschweifung. Eigentlich wär’s mal wieder Zeit für ein romantisches Zeitalter. Mir würde das gefallen. Unsere Gegenwart strotzt vor Nüchternheit, Fitness und Effektivitätshascherei. Jede noch so kleine Problemstellung wird aufgebauscht bis zum grandiosen Scheitern durch Unbeherrschbarkeit.
Lars Reichow in seinem Text zum Programm “LUST – Musikalisch-Kabarettistisches rund um ein reinmenschliches Gefühl”

3. Juni 2019

Zurück aus einem viertägigen Kurzurlaub im böhmischen Písek. Ich war bisher schon acht- oder zehnmal in dieser hübschen Stadt zu Gast, und aufgrund der guten Kontakte zu städtischen Einrichtungen und Kulturbetrieben wurde es am Ende ein halber Arbeitsbesuch. Ich habe ein Musical-Schulprojekt miterlebt, die neuen Räumlichkeiten von Stadtbibliothek und Musikschule angeschaut und die ZUŠ Open in České Budějovice (Budweis) besucht. Das Netzwerk wird von der Magdalena Kožená Stiftung gefördert und bietet zahlreichen Schulen in den Bereichen Musik, Ballett, Drama und Darstellende Kunst in Konzerten, Workshops etc. die Möglichkeit, ihr Können öffentlichkeitswirksam zu zeigen. Magdalena Kožená war beim Abschluss der Veranstaltung persönlich anwesend und trat gemeinsam mit einem Projektchor auf.

Wie gesagt, eigentlich wollte ich nur ein paar Tage ausspannen. Tschechien ist für seine gute Küche bekannt und braut darüber hinaus die besten Biere der Welt. Es ist leicht und gefährlich, den mannigfachen Verführungen zu erliegen und sich den omnipräsenten Genüssen bedenkenlos hinzugeben. Insofern bieten zahlreiche Wanderwege mit sehenswerten Burgen, Schlössern etc. gute Möglichkeiten, zugeführte Kalorien wieder abzuarbeiten. Alternativ bestellt man reuelos ein zweites Stück von der sensationellen Schokoladentorte mit Johannisbeeren. Rollo & Café cukrárna kavárna, Krajinska 10, České Budějovice.

27. Mai 2019

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Alles was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe.
Elias Canetti, Die Provinz des Menschen: Aufzeichnungen 1942 – 1972
aus dem Programmheft zu Händel, “Rodelinda”

Grandiose Vorstellung, szenisch wie musikalisch. Wer noch nicht da war: unbedingt hingehen! Letzte Möglichkeiten in dieser Spielzeit: Do, 30.05., Sa, 01.06., Sa, 08.06.

25. Mai 2019

Heute Abend geht es mit zusammen mit 25 Opernbegeisterten nach Frankfurt, wo wir Rodelinda von Händel sehen werden. Über drei Stunden lang befasst sich das Stück mit Gattenliebe und -treue bis zum lieto fine. Für alle Affekte ist Platz und Raum – Verzweiflung, Hoffnung, Liebe, Rache, Großmut und vieles mehr. Händel bedient sich zum Teil bei eigenen Werken, z. B. verarbeitet er im Vorspiel zum 3. Akt eine Passage aus seinem Concerto grosso g-Moll. Am Schluss bereut der Bösewicht seine Tat, gibt dem Rivalen Frau und Königreich zurück und darf obendrein am Leben bleiben. Also Machtspiele und Liebesintrigen, ein bisschen wie um 20.15 Uhr im ZDF, nur länger und mit schönerer Musik. Regie führt Claus Guth, es singen u. a. Lucy Crowe und Andreas Scholl. Die musikalische Leitung hat Andrea Marcon.

23. Mai 2019

Die Oper Frankfurt, die im letzten Jahr erneut von der Zeitschrift Opernwelt als Opernhaus des Jahres ausgezeichnet wurde, hat ihren Spielplan für die kommende Saison veröffentlicht. Neben zahlreichen Wiederaufnahmen dürfen wir uns auf eine Reihe spannender Premieren freuen, u. a. Lady Macbeth von Mzensk von Schostakowitsch, Tamerlano von Händel, Manon Lescaut von Puccini, Tristan und Isolde von Wagner, Salome von Strauss und Der Prinz von Homburg von Henze. Die Aufzählung ist nicht komplett, zeigt aber die gewohnte große stilistische Bandbreite. Traditionell ist das Programm der Frankfurter Oper sehr innovativ und qualitativ hochwertig, so auch diesmal. Anders gesagt: Es wird teuer, aber schön!

22. Mai 2019

Wenn Spieler wegrutschen, da bin ich kein Freund von. Wenn man die wunderbare Möglichkeit hat ein Tor zu erzielen, dann muss man stehen.
Steffen Freund, Fußball-Experte

19. Mai 2019

Lukas Foss
Lukas Foss (1960)

Nochmal zurück zu Bella Figura. Für die Produktion wurden ausschließlich Werke des Barocks ausgewählt, und zwar Stücke von Pergolesi, Marcello, Vivaldi und Torelli. Die Entdeckung ist gleichwohl Lukas Foss (1922 – 2009), der in Berlin als Lukas Fuchs zur Welt kam und 1933 mit seiner Familie aus Deutschland emigrieren musste. Er studierte zunächst in Paris, später dann in den USA u. a. bei Sergei Kussewitzky, bei dem auch Leonard Bernstein studierte, und bei Paul Hindemith. Lukas Foss war später Professor an den Universitäten von Los Angeles und Boston, Leiter der Sinfonieorchester in Milwaukee, Buffalo und Jerusalem. Er komponierte Opern, Sinfonien, Ballette, Kammermusik, Kantaten und Lieder. In Bella Figura erklingt das Lento aus seiner Salomon Rossi Suite, ein im barocken Stil komponiertes Werk. Der Lento-Satz ist sehr elegisch und von äußerst berührender Wirkung.

That is why the analogy of stealing does not work. With a thief, we want to know how much money he or she stole, and from whom? With the artist it is not how much he or she took from whom, but what the artist did with it.
Lukas Foss

17. Mai 2019

Martha Holmes, Lemons in the Studio

Martha Holmes, Lemons in the Studio

16. Mai 2019

21.15 Uhr. Ich bin seit über eine Stunde zu Hause und habe immer noch den Anfang von Pergolesis Stabat Mater im Ohr. Im Publikumsjoker haben wir Bella Figura von Jiří Kylián gesehen und miteinander gebannt erlebt, wie perfekt Musik und Bewegung eine Einheit bilden können, und wie eine solche Entdeckung wie Bella Figura uns geradezu überwältigt. Kursteilnehmer, die perplex und sprachlos nach Hause gehen – was gibt es Schöneres? Bella Figura ist nun auch mit das Beste, was es im Bereich des Modernen Tanztheaters gibt, so dass es ganz normal ist, wenn einem da schlicht die Worte fehlen.

Ballette Kylián

14. Mai 2019

Warum geht jemand in die Oper? Zum Beispiel, weil er dieses Plakat gesehen hat.

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Verdi, Macbeth. Opera Vlaanderen, Gent. November 2019

13. Mai 2019

Wären unsere Karrieren damals durch Social Media begleitet worden, hätten wir sie nicht zu Ende spielen können.
Günter Netzer

12. Mai 2019

Es ist über all die letzten Jahre, wann genau es angefangen hat, könnte ich gar nicht sagen, immer schwieriger geworden, sich in der medialen Mixtur von Berichterstattung, Information, Diskussion, Kommentaren etc. zurechtzufinden. Wer sagt eigentlich was und warum? Wann handelt es sich um die Übermittlung von Nachrichten, wann ist es Meinungsmache? Wir werden, wie heißt es so schön, “infotaint” und haben immer mehr Mühe, die unsere Meinung beeinflussenden Faktoren herauszufiltern. Welche Nachrichten werden auf welche Weise aufbereitet, welche Rolle kommt z. B. den Moderatoren dabei zu? Dürfen Nachrichten mit bewertendem Unterton vorgetragen bzw. verkauft werden?

Kürzlich hat Reinhard Mey den Niveauverlust der samstäglichen Abendunterhaltung im Fernsehen beklagt, völlig zurecht. Er hätte auch gut die übrigen Wochentage heranziehen können, an Belegen hätte es nicht gemangelt. Wir müssen wählen zwischen diversen Rate- und Quizsendungen, natürlich im XXL-Format, können zwischen dauerschleifenden Comedy-Serien und Mord-und-Totschlag-Folgen entscheiden, und vielleicht werden wir, wenn wir das alles geschafft haben, mit einem Live-Boxkampf belohnt. Wir können Sky oder Netflix abonnieren, jetzt zum Sonderpreis, können Videotext lesen, Apps herunterladen, News kompakt sehen. Die Eishockey-WM wird präsentiert von Škoda.

So ist es Zeit für etwas ganz anderes, und damit sind nicht nur Bücher und Spaziergänge gemeint. Der Mediziner und Molekularbiologe Jens Reich hat schon vor Jahren gesagt, er befände sich in einem Gemütszustand “heiterer Resignation”, was nur vordergründig amüsiert. Cem Özdemir hat kürzlich gemeint, man müsse sich Sisyphus als heiteren Menschen vorstellen. Trösten wir uns mit Joseph Victor von Scheffel (1826 – 1886): „Gelinder Blödsinn ist dann und wann eine neidenswerte Mitgift fürs Leben: was andere schwarz schauen, scheint ihm blau oder grün, zickzackig ist sein Pfad; aber von den Schlangen, die im Gras lauern, merkt er nichts, und über den Abgrund, in den der weise Mann regelrecht hineinstürzt, stolpert er hinüber sonder Ahnung von Gefahr.“

10. Mai 2019

Andrew Tozer, Sparkling Light and Tall Ships

Andrew Tozer, Sparkling Light and Tall Ships

7. Mai 2019

Kürzlich war in der WELT ein Artikel mit dem Aufmacher “Abschied vom Maestro” zu lesen. Autor Manuel Brug verbreitet sich darin in einem um Süffigkeit bemühten Tonfall über Dirigenten, genauer gesagt über deren Rolle und Selbstverständnis. Seit Daniel Harding nicht mehr “mit Maseratis einiges kompensierte”, sondern nun auch große Verkehrsmaschinen fliegt, so lesen wir überrascht, baue er Spannung ab und trage “wirkliche” Verantwortung. Dies habe ihn weggeführt von seiner früheren “schneidend-britischen Arroganz”, und er sei nun viel netter als früher. Die Zeit der “Pulttyrannen, Taktstockzertrümmerer und Explodierer” sei vorbei, befindet Brug und meint, das Ego der jüngeren Generalmusikdirektoren und Chefdirigenten “scheint in die Sache zu fließen. In die Musik, aber eben auch in das Miteinander.”

Diesen Stil behält der Autor während des gesamten Artikels bei. Der Frack sei gleichmacherisch, so heißt es beispielweise, die Musiker müssten als “altväterliche Pinguine ihre Individualität verstecken”. Und der seit geraumer Zeit sehr im Fokus stehende Dirigent Teodor Currentzis, der sinnigerweise nicht nur Musiker, sondern auch Schauspieler ist (ein Schelm, wer Böses dabei denkt), wird mit den Worten zitiert: “Der Dirigent macht es schneller und effektiver, die Orchester könnten aber auch ohne.” Na dann …

2. Mai 2019

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Englische Frauen und englisches Essen waren die Grundlage für eine Nation erfolgreicher Seefahrer.
Anonym

30. April 2019

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Übermorgen, am 2. Mai um 18.00 Uhr beginnt der Publikumsjoker. Zentraler Inhalt des Theoriekurses sind musikalische Formen und Gattungen, darüber hinaus streift der Kurs Aspekte des aktuellen Musiklebens. Hörbeispiele gibt es von DVD, CD und live am Klavier. Für die Teilnahme sind außer Neugier und Interesse keine weiteren Voraussetzungen nötig. Folgetermine sind 09.05., 16.05., 23.05., 06.06. und 13.06., jeweils von 18.00 – 19.30 Uhr. Wetzlarer Musikschule, Schillerplatz 8, 35578 Wetzlar.

29. April 2019

Welcher Nationalität waren Adam und Eva? Wahrscheinlich waren sie Russen: Sie hatten nichts anzuziehen, sie hatten kein Haus, aber sie wähnten sich im Paradies.
Kalenderspruch

Mit dem Kopf kann man Russland nicht verstehen,
Mit einem gewöhnlichen Maßstab kann man es nicht messen,
Mit diesem Land hat es eine besondere Bewandtnis:
Man kann an Russland nur glauben.
Fjodor Tjutschew (1803 – 1873), russischer Dichter und Diplomat

26. April 2019

Außer einem hübschen Barockschloss mit dazugehörigem Park hat Herten, die Stadt, in der ich aufgewachsen und zur Schule gegangen bin, nicht viel zu bieten. Die ehemals größte Bergbaumetropole Europas erinnert heute an eine zwar nicht verlassene, doch immerhin trostlose Goldgräberstadt.

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Da ist dieses Schild, was ich kürzlich am Rande eines Geburtstagsbesuchs gesehen habe, mal etwas Vorzeigbares. Wenn denn stimmen sollte, was drauf steht.

22. April 2019

In Deutschland ist alles verboten, was nicht erlaubt ist;
in England ist alles erlaubt, was nicht verboten ist;
in Russland ist alles erlaubt, was verboten ist.
Rudolf von Ihering (1818 – 1892), deutscher Rechtswissenschaftler

21. April 2019

Die zwölfte Opernreise der Wetzlarer Musikschule – diesmal ging es nach St. Petersburg mit einem Besuch von Tschaikowskys Eugen Onegin im Mariinski-Theater – war ein beeindruckendes Erlebnis. Es war mein erster Aufenthalt in dieser Stadt, ja mein erster Russland-Besuch überhaupt. Wir hatten Glück mit so ziemlich allem: Mit der Aufführung der Oper, mit dem Hotel (Sokos Olympia Garden), mit dem touristischen Rahmenprogramm, mit Stadtführerin und Busfahrer, mit Restaurants und Cafés, mit dem Wetter. Natürlich kann man in wenigen Tagen sozusagen nur schnuppern, die Panoramen bestaunen, die Freundlichkeit der Menschen genießen, die Stadt auf sich zukommen lassen. Wer will, fährt einfach nochmal hin. Das Foto zeigt die Reisegruppe vor dem berühmten Winterpalast, Hauptresidenz der russischen Zaren in St. Petersburg, heute Teil der Eremitage.

St. Petersburg 2019

Pause bis zum 20. April 2019

3. April 2019

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1. April 2019

Facebook-Chef Mark Zuckerberg fordert eine globale Regulierung des Internets, auch zum Nachteil großer IT-Konzerne. Kein Aprilscherz. Die Meldung, wonach das Präsidium der Schlachterinnung sich für eine Stärkung von Vegetarierinteressen ausgesprochen hat, bleibt dagegen ebenso unbestätigt wie die Nachricht, dass die Abgeordneten des Deutschen Bundestages künftig für die Rechte der Bevölkerung demonstrieren und dafür Plenarsitzungen schwänzen wollen, vorzugsweise an Freitagvormittagen.

29. März 2019

Und nochmal Lichtenberg: “Wer einen Engel sucht und nur auf die Flügel schaut, könnte eine Gans nach Hause bringen.”

27. März 2019

Pressemitteilung der Deutsch-Österreichischen Gesellschaft Wetzlar e.V. zum Brahms-Vortrag am 22.03.2019

Deutsch-Österreichische Gesellschaft Wetzlar hatte eingeladen:

Thomas Sander präsentierte Brahms in Wort und Ton

Nach einem Mozart- und einem Schubert-Abend stand in diesem Jahr ein Brahms-Abend der Deutsch-Österreichischen Gesellschaft an, der in bewährter Form von Thomas Sander, dem Leiter der Musikschule Wetzlar, präsentiert wurde. Der Präsident der Deutsch-Österreichischen Gesellschaft, Hans-Jürgen Irmer, konnte 70 fachkundige Zuhörer begrüßen. Sander brillierte mit einem Vortrag über Leben und Werk von Johannes Brahms, einem der größten Komponisten der Romantik. Ein Schwerpunkt lag dabei auf der Betrachtung der sehr unterschiedlichen musikalischen Ausdrucksmittel in Brahms’ Gesamtwerk, von Zigeunermelodien und Ungarischen Tänzen über komplexe Sinfoniesätze bis hin zum „Deutschen Requiem“.

Brahms-Vortrag 2019 I

Sander erläuterte sehr eindrucksvoll die Fortführung und Weiterentwicklung diverser Kompositionstechniken. Brahms habe hier aufgrund seiner profunden Kenntnis stilistischer Epochen und deren Merkmale sowohl Traditionen weitergetragen als auch innovativ verändert. Die Bekanntschaft und Freundschaft zu bedeutenden Künstlern und Komponisten seiner Zeit habe dazu beigetragen. Zu diesen gehörten beispielsweise Joseph Joachim sowie Robert und Clara Schumann.

Klangbeispiele waren der „Ungarische Tanz“ Nr. 1 g-Moll, der 4. Satz „Rondo alla Zingarese“ aus dem Klavierquartett Nr. 1 g-Moll op. 25 in der Bearbeitung von Arnold Schönberg, der letzte Satz aus der Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 68 und der Satz „Selig sind die Toten“ aus dem Deutschen Requiem op. 45. Krönender Abschluss war Thomas Sander am Flügel, der mit „Guten Abend, gut’ Nacht“ eine der populärsten Melodien von Brahms spielte.

Irmer dankte Sander herzlich für seine ausdrucksstarke, inhaltstiefe, kompetente und mit trockenem Humor gewürzte Art des Vortrages. Der nächste Klassiker-Abend findet im Frühjahr des nächsten Jahres zum Thema Beethoven statt.

26. März 2019

Lichtenberg

Es sollte uns nachdenklich machen, dass im Deutschen einen anführen soviel heißt wie einen betrügen.
Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799), deutscher Aphoristiker und Physiker

24. März 2019

Nochmal Thomas Gottschalk. Im Radio höre ich, dass es in einer Rezension hieß, Gottschalks Outfit sei irgendwas gewesen zwischen Pyjama und Perserbrücke. Das klingt lustig, wiegt aber keineswegs den Umstand auf, dass Gottschalks Kleidung wichtiger zu sein scheint als die in der Sendung behandelte Literatur (sofern von “behandeln” die Rede sein kann). Wichtiger auch als die Frage, ob wir uns wirklich damit abfinden wollen, dass ein ermüdeter Entertainer mit ein paar Flapsigkeiten über Literatur zu sprechen vorgibt. In Wahrheit haben wir es hier mit einer medialen Marginalisierung und Entwertung von Kunst und Kultur zu tun, verpackt als harmlos daherkommende Unterhaltung.

Wir finden diese Auslagerung der eigentlich wichtigen Fragen auch auf anderen Gebieten, zum Beispiel bei den Freitags-Demonstrationen von Schülerinnen und Schülern für das Klima. Es wird zurzeit in den Medien viel über die Frage diskutiert, ob das denn so einfach durchgehen soll mit dem Schule schwänzen, da sind doch bestimmt auch welche dabei, die nur feiern wollen, denen geht es doch gar nicht um die Sache, das muss aber nachmittags in der Freizeit stattfinden, außerdem ist das ein Thema für Experten und so weiter. Die Frage nach dem Anliegen der jungen Leute und ihrem Eintreten dafür, dass eingehalten wird, was in den Klima-Abkommen verhandelt und festgeschrieben wurde, scheint eine nachgeordnete Rolle zu spielen. Dass eine Greta Thunberg mit der Politik nicht über Klima-Fachfragen diskutieren will, sondern dafür kämpft, dass die Politik diese Fragen mit den Experten auf der ganzen Welt diskutiert und entsprechende Konsequenzen zieht – darüber wird kaum geschrieben und gesprochen. Stattdessen wird berichtet, dass einige Schüler am Freitagvormittag dabei gesehen wurden, wie sie bei Starbucks einen Kaffee getrunken haben.

Und was wäre eigentlich, so fragt jemand, wenn die Schülerinnen und Schüler bei Pegida mitlaufen würden? Wären wir dann auch so tolerant? Das tun sie nicht, so die Antwort, weil die Anhänger von Pegida ja in die Vergangenheit wollen, die jungen Leute aber in die Zukunft.

22. März 2019

Darauf angesprochen, dass Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) überhaupt nicht zufrieden sei mit dem vorliegenden Etatentwurf, antwortete Finanzminister Olaf Scholz (SPD) in einem ZDF-Interview: „Trotzdem freut der sich ziemlich über die milliardenschweren Steigerungen. Er drückt seine Freude nur etwas eigenwillig aus.”

Unschlagbar, so ein Satz. “Er drückt seine Freude nur etwas eigenwillig aus.” Herrlich! Diese Technik werde ich bei nächstpassender Gelegenheit, wenn mir Kritik entgegen gebracht wird, probeweise anwenden und versuchen, dabei wie Scholz zu gucken. Wenn das nicht reicht, rede ich sympathisch lächelnd dazwischen. Worüber, ist egal. Jedes Gespräch endet irgendwann.

20. März 2019

Thomas Gottschalk hat sich nach 42 Ehejahren von seiner Frau Thea getrennt und moderiert jetzt eine Literatur-Sendung im Bayerischen Rundfunk. Als gäbe es nicht schon genug betrübliche Nachrichten.

17. März 2019

Eile

Nicht deswegen habe ich keine Eile, weil ich mehr Zeit habe, sondern weil ich weiß, dass mir die Eile alles zerstört. Ein Leben in Eile hast du verpasst.
Gesehen in Berlin, Gleisdreieck

16. März 2019

Schon vor geraumer Zeit empfahl mir eine Kollegin, die selbst aus Rumänien stammt, eine Reise nach Bukarest. “Es ist eine Mischung aus Wien und Istanbul”, meinte sie und spielte auf die zahlreichen kulturellen Einflüsse an, die diese Stadt auszeichnen. Heute nun zeigte arte eine Reihe über Metropolen des Balkans, darunter auch eine Folge über Bukarest. Besonders eindrucksvoll waren die Berichte über junge Leute, die sich, wie es hieß, für eine gute Gegenwart und eine bessere Zukunft engagieren. Viele von ihnen treffen sich in Cafés, Bars, Galerien und Kunsthäusern in freien Initiativen, sind im Handwerk oder in kaufmännischen Berufen selbständig, organisieren Veranstaltungen, tauschen sich aus. Eine pulsierende Stadt, in die man sich “auf den zweiten, dritten oder vierten Blick” verliebt – nicht zuletzt durch zahlreiche Varianten der balkanischen Küche, der Küche des Wiener Kaiserreichs sowie der ungarischen und deutschen Küche. Meine Kollegin riet mir übrigens zu einer Reise bei gutem Wetter, was ich gerne beherzigen will.

14. März 2019

Auszeit, erkältungsbedingt. Neben Inhalieren, Tee trinken und Bonbons lutschen gibt’s auch Literatur: In der Nacht von Dennis Lehane, Gangster-Epos in Chandler-Tradition. Empfehlung!

12. März 2019

Beim Lesen von Meldungen des Tages erfahre ich, dass es in der CDU Überlegungen gibt, endlich eine Frau in das höchste Staatsamt zu wählen. Kandidatinnen für das Amt der Bundespräsidentin sind angeblich Ilse Aigner, Julia Klöckner und Ursula von der Leyen. Dann lese ich, dass Stefan Effenberg 2013 fast Trainer bei Schalke 04 geworden wäre, und dass Dieter Bohlen Modern Talking wieder aufleben lassen will, allerdings ohne Thomas Anders. Geisteswissenschaftler sollten überlegen, wegen besserer Aussichten auf unbefristete Verträge und gutes Gehalt doch lieber Naturwissenschaften zu studieren. Eine Autorin, die für Frauenrechte kämpft, glaubt, dass die meisten Männer nicht mehr mit Püppchen zusammen sein wollen. Volkswagen steigert den Gewinn trotz Dieselkrise, und nur weil man zur Arbeit kommt, ist man noch lange nicht gesund. Bei den Wahlen zur neuen Volksvertretung in Nordkorea verpassen im Ausland und auf hoher See Arbeitende die Abstimmung, weshalb die Wahlbeteiligung nur bei 99,99 % liegt. Zwei Wildpark-Luchse sind in Hessen auf der Flucht, und Emily Ratajkowski verdreht allen den Kopf. Das Leben ist kurz, und die Tage sind lang.

10. März 2019

“Mir fehlt zum Glück die Frau”, sagt Hauptkommissar Klaus Borowski im Tatort so herrlich zweideutig, und wieder einmal werden uns die Untiefen (!) der deutschen Sprache bewusst. Das erinnert ein wenig an Jules und Jim, wo Jules auf die Frage “Warum hast du das Mädchen nicht geheiratet?” antwortet: “Es hat sich nicht ergeben”. Oft glauben wir zu wissen, was gemeint ist, doch in beiden Fällen können wir nicht sicher sein.

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Anders ist es beim Hinweis in der Bonner Rheinaue: “Wege und Flächen dürfen nur mit kurz angeleinten Hunden betreten werden.” Hier dürfen wir davon ausgehen, dass das Begehen der Rheinaue auch ganz ohne Hund erlaubt ist.

8. März 2019

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Pressemeldungen zufolge will der britische Star-Geiger Nigel Kennedy nach dem EU-Austritt Großbritanniens sein Heimatland verlassen. Kennedy wird mit den Worten zitiert, es sei ihm peinlich, britisch zu sein, obwohl er halber Ire ist. Es habe so viele Falschinformationen darüber gegeben, was der “Brekshit” für die Briten bedeutet. “Viele wissen nicht, was sie anrichten mit ihrem Votum.”

7. März 2019

Nach ihrem peinlichen Toiletten-Witz hat Annegret Kramp-Karrenbauer sich nun nicht etwa entschuldigt, sondern die Diskussionen darüber kritisiert: “Wenn wir so weiter machen, laufen wir Gefahr, die Tradition von Karneval und Fastnacht kaputt zu machen.”

Irgendwie hat Frau Kramp-Karrenbauer da etwas falsch verstanden: Beim Karneval machen sich “die Leute” über die Mächtigen lustig. Nicht die Mächtigen über Minderheiten.

5. März 2019

Mit Benjamin Brittens Kammeroper The Turn of the Screw hat das Staatstheater Braunschweig einen exzellenten Griff getan. Eine mysteriöse, unheimliche Geschichte über Naivität, Überforderung und Schuld, in der nicht alles ist, wie es scheint. The Turn of the Screw, also die “Drehung der Schraube” ruft geradezu nach der Drehbühne, die perfekt geeignet ist Parallelwelten, Verschiebungen und Schimären zu verdeutlichen. So zeigt die Inszenierung von Dagmar Schlingmann eine zunehmende Desorientierung, sowohl für die handelnden Personen als auch für die Zuschauer. Immer wieder die gleiche Botschaft: Es gibt keinen Weg, alles zu einem guten Ende zu bringen. Die Akteure belegen dies mit einer beeindruckenden, geschlossenen Ensembleleistung. Dennoch herausragend Inga-Britt Andersson als Gouvernante, Matthias Stier als Quint und Carolin Löffler in der Rolle der Mrs. Grose. Das Staatsorchester unter Leitung von Alexis Agrafiotis trifft den diffus-atmosphärischen Tonfall der Partitur sehr genau. Lang anhaltender, hochverdienter Beifall für intensives, packendes Musiktheater.

Staatstheater Braunschweig
(Foto: Kudalla)

Es war übrigens mein erster Besuch in Braunschweig. Die Stadt Heinrichs des Löwen ist sehenswert. Durch Kriegszerstörungen gibt es zwar nur noch wenige Gebäude und Straßen in ihrer ursprünglichen Form, doch viele stadtgeschichtlich bedeutende Bauwerke wurden wieder aufgebaut oder restauriert. Für Kenner: Auf dem Schloss ist die größte Quadriga Europas platziert. Und es gibt viel Kultur, hübsche Gassen und Plätze, schöne Cafés und Restaurants. Einfach mal hinfahren!

1. März 2019

Über Musik zu schreiben, das kommt dem Sujet nicht mal ansatzweise nahe. Denn in der Musik geht es um Emotionen, etwas, das einer Welt ohne Worte entspringt. Sobald man versucht, es zu beschreiben, betrügt man es.
Hélène Grimaud

Das Zitat ist einem Interview entnommen, das die Pianistin der WELT am Sonntag Anfang vergangenen Monats gegeben hat. Kurz vor den zitierten Sätzen ging es um den bekannten Satz von Frank Zappa: “Über Musik zu schreiben ist wie zu Architektur zu tanzen.” Nun hat Madame Grimaud selbst schon Bücher geschrieben, in denen sie die Wirkung von Chopin und Rachmaninow nachzeichnet. Insofern lehnt sie sich mit den zitierten Sätzen hier ziemlich weit aus dem Fenster. Auch die Wortwahl ist arg pathetisch. Trotzdem werde ich Hélène Grimaud weiterhin bewundern, erstens wegen ihres Klavierspiels und zweitens wegen ihrer geheimnisvollen, faszinierenden Ausstrahlung. Das reicht ja auch.

28. Februar 2019

Es ist einer der großen Fehler unserer Zeit, dass wir Bildung mit Information verwechseln und Gleichheit mit Menschlichkeit.
Daniel Barenboim

27. Januar 2019

Das Konzert war ganz schön, aber nicht so, dass es mich beeindruckt hätte. Man merkt bzw. hört dem Philharmonischen Orchester Gießen an, dass es in jeder Saison alles Mögliche spielen muss, also heute Mozart, morgen Tschaikowsky und übermorgen ein Musical-Medley oder sonst was. Das heißt, es ist nicht sonderlich vertraut mit den speziellen Regeln einer bestimmten Epoche, mit deren Eigentümlichkeiten, mit der jeweiligen musikalischen Sprache und Rhetorik. Alles klingt verordnet und nicht selbstverständlich oder intuitiv, trotz der musikalischen Leitung eines erfahrenen Dirigenten wie Werner Ehrhardt. Dazu kommen die üblichen, ärgerlichen Schwächen in den Blechbläsern.

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Stellen wir uns vor, wir sollten ein und denselben Text hintereinander in verschiedenen Sprachen sprechen – jeder würde unseren Akzent hören. Kommunizierten wir aber ständig und ausschließlich auf französisch oder spanisch, kämen wir der Aussprache “echter“ Franzosen oder Spanier viel näher. Genauso ist das mit Orchestern. Die auf Barockmusik spezialisierten wissen einfach, wovon die Rede ist. Und so „sprechen“ sie dann auch.

26. Februar 2019

Heute Abend ins Sinfoniekonzert nach Gießen. Händel (Concerto a due cori F-Dur HWV 333), Rameau (Suite aus “Les Indes Galantes”, nur deswegen fahre ich hin), Kraus (Ouvertüre zu “Olympie” VB 33) und Eberl (Sinfonie C-Dur WoN 7). Wer bestellt schon ein Vier-Gänge-Menü, wenn ihn nur eine einzige Speise davon interessiert? Doch abwarten und zuhören – sprichwörtlich kommt es ja oft anders, als man denkt.

24. Februar 2019

Natürlich fahre ich nicht, wie im letzten Eintrag geschrieben, als nächstes nach Düsseldorf, um dort Schade, dass sie eine Hure war zu sehen. Schon seit Wochen habe ich Karten für The Turn of the Screw von Benjamin Britten im Staatstheater Braunschweig, wo ich das Stück am kommenden Sonntag erleben werde. Britten komponierte die Erzählung, in der sich eine junge Frau als Gouvernante auf einem Landsitz um zwei Waisenkinder kümmern soll und dabei immer tiefer in mysteriöse, unheimliche Geschehnisse verstrickt wird, als Kammeroper. Das Stück, dessen Handlung auch verfilmt wurde (The Innocents, dt. “Schloss des Schreckens”, GB 1961), ist nur selten auf deutschsprachigen Bühnen zu sehen, also fahre ich hin. Erst danach geht es nach Düsseldorf.

21. Februar 2019

Heute bekam ich Post von der Deutschen Oper am Rhein. In seinem Newsletter wirbt das Haus für Anno Schreiers Oper Schade, dass Sie eine Hure war und schreibt über die Premiere am zurückliegenden Wochenende in Düsseldorf, dass diese von Publikum und Presse gleichermaßen gefeiert wurde. “Kommen Sie vorbei und lassen Sie sich diese packende Uraufführung nicht entgehen”, animiert man mich und fügt einen herrlichen Kommentar des Bayerischen Rundfunks zu Schreiers Werk hinzu: “Rein akustisch explodiert bei ihm etwa alle fünf Minuten ein Tankwagen und dazwischen verbreiten die Geigen wohligen Grusel.“ Da weiß ich ja, wo ich als nächstes hinfahre. So funktioniert Werbung.

18. Februar 2019

Das Theater Dortmund hatte bei der Bewerbung seiner Produktion von Die Göttliche Komödie I INFERNO, Ballett von Xin Peng Wang nach Dante Alighieri, mit Musik von Michael Gordon und Kate Moore nicht zuviel versprochen. Im voll besetzten Opernhaus boten die 75 Minuten eine intensive, bildgewaltige Phantasmagorie imaginärer Höllenszenarien. Leidenschaftlich, virtuos und akrobatisch zeigte sich ein Ensemble, das Elemente des klassischen Balletts, des Modern Dance und des Tanztheaters spielerisch miteinander verknüpfte.

Mit 52 Interessierten waren wir aus Wetzlar angereist. Die Reaktionen auf das INFERNO waren überwiegend positiv, obwohl vielleicht der eine oder andere “Schwanensee” den Vorzug gegeben hätte. Doch gegessen wird, was auf den Tisch kommt, und der Appetit kommt bekanntlich beim Essen. Wie schön, dass schon erste Anmeldungen für das “Fegefeuer”, den zweiten Teil der Trilogie im November, eingegangen sind. Könnte sein, dass 2021 die meisten auch beim Finale dabei sein wollen. Dann gibt’s das “Paradies” für 49 Euro, sofern es am Ort des höchsten Glücks ein Platz in vorderster Reihe sein soll.

14. Februar 2019

Weißt du, ich will mich schleichen
leise aus lautem Kreis,
wenn ich erst die bleichen
Sterne über den Eichen
blühen weiß.

Wege will ich erkiesen,
die selten wer betritt
in blassen Abendwiesen –
und keinen Traum, als diesen:
Du gehst mit.
Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

13. Februar 2019

Richard Tuff, Morning in St. Mawes

Richard Tuff, Morning in St. Mawes

11. Februar 2019

Wenn Christophe Rousset sich um barocke Opern kümmert, kommt immer etwas Besonderes dabei heraus. Sein Ensemble Les Talens Lyriques, benannt übrigens nach dem Untertitel von Rameaus Opéra-Ballet Les fêtes d’Hébé, produziert von Stilsicherheit und Geschmack geprägten Klangzauber, die Vokalsolisten glänzen mit verständiger Stimm- und Darstellungskunst, die Regie überrascht mit originellen Einfällen und Perspektivwechseln.

Gestern nun, bei Giovanni Legrenzis La divisione del mondo (1675) konnte das Ensemble einen weiteren Nachweis seiner Klasse erbringen und tat dies auf beeindruckende Weise. Über die gesamte Spielzeit, doch vor allem im dritten Akt ist zu spüren, welche Strahlkraft diese Musik hat, und mit welchem Bewusstsein das Ensemble diesen Umstand behandelt. Die Regie (Inszenierung Jetske Mijnssen) hat Lust auf Chaos, entsprechend den Launen der Götter. Zu aufregend ist die Liebe, zu verführerisch sind ihre Möglichkeiten, als dass bei vergeblichen Mühen Zeit für dauerhafte Verzweiflung wäre. So ist die Musik in der fortgesetzten Tradition der venezianischen Oper mit zahlreichen Ariosi und Ritornellen durchsetzt, oft tänzerisch, lebensfroh und genussorientiert. Wollen wir hoffen, dass Christophe Rousset von den etwa zwanzig Opern Legrenzis noch die eine oder andere der Vergessenheit entreißen wird. Die Opéra national du Rhin bietet dafür den perfekten Rahmen.

9. Februar 2019

Morgen geht es also nach Straßburg, in die Opéra national du Rhin zur Aufführung von La divisione del mondo von Giovanni Legrenzi. Die Entscheidung, die Oper live zu erleben, also nach Straßburg zu reisen, war nicht schwer. Gibt es doch gleich mehrere Gründe: Christophe Rousset und sein Ensemble Les Talens Lyrique musizieren einfach grandios! Ich habe das Ensemble vor knapp zwei Jahren mit Cavallis “La Calisto” erlebt, damals ebenfalls in der Opéra national du Rhin, und es war eine der schönsten Aufführungen meines bisherigen Operntourismus. Dann natürlich die Themen, die uns immer wieder in Atem halten: Liebe, Macht, Schönheit, Eifersucht, Intrige. Und schließlich, als wenn das nicht schon reichen würde, das unwiderstehliche Szenenfoto, mit dem in einem einzigen Schnappschuss alles gesagt ist: Kunst, Geschichte, Genuss, Grandezza, Erotik, Verführung. Ich bin sehr gespannt …

La divisione

7. Februar 2019

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Wetzlarer Neue Zeitung, 1. Februar 2019

Die Kompositionen von Bach ziehen immer
Anne-Catherine Bucher spielt die Goldberg-Variationen bei den Wetzlarer Improvisationstagen

Von Andreas Müller

WETZLAR. Anne-Catherine Bucher ist zurück. Beriets 2018 war sie Gast bei den Improvisationstagen und hat im Quartett in der Unteren Stadtkirche an Orgel und Cembalo ihr Können gezeigt. Nun hat die Cembalistin, die in der Nähe von Metz lebt, mit Johann Sebastian Bachs “Aria mit verschiedenen Veränderungen”, so Bachs Originaltitel für die “Goldberg-Variationen” BWV 988 das Abschlusskonzert der Improvisationstage bestritten.

Exakt am Geburtstag Mozarts hat sie Freunde von Barockmusik im Konzertsaal der Musikschule begeistert. Ihr eigenes Cembalo reist mit ihr, ein wertvoller Nachbau mit zwei Manualen und einer Länge von 2,60 Metern von Matthias Griewisch aus der Nähe von Heidelberg. Das Original stammt etwa aus dem Jahr 1740 und ist in einem Museum in Washington D.C. zu bewundern. Bei den Goldberg-Variationen handelt es sich um eines der größten Solowerke für Tasteninstrumente und das wohl bedeutendste Variationswerk.

Bucher spielt zunächst eine Tonfolge von acht Noten, die als Standard in der Barock- und Renaissancezeit gilt. Dann legt sie weitere Töne darüber, demonstriert das auch in einem Dreier-Takt. Es folgt eine Oberstimme mit Verzierungen. Dann beginnt sie mit der langsamen und ruhigen “Aria”, der gleich zwei lebhafte Variationen folgen. Bachs Komposition ist in Dreier-Gruppen gegliedert, einer “Canone”, die sich im nächst höheren Tonintervall fortsetzt, folgen zwei Variationen.

Anne-Catherine Bucher

Bucher bedauert, dass kein Autograph Bachs vorhanden ist. Jedoch habe man 1975 ein persönliches Exemplar Bachs mit handschriftlichen Korrekturen entdeckt. “Das bedeutet, dass alle Aufnahmen vor 1975 Fehler enthalten”, erklärt die Cembalistin. Auch ist bekannt, dass Bach seinen Kompositionen mathematische Muster zugrunde legte. So auch in den Goldberg-Variationen, 32 Stücke, alle mit genau 32 Takten. Das Tempo wird immer schneller. Es ist fast unmöglich, den über die Tasten fliegenden Fingern zu folgen. Bucher zeigt ein hochvirtuoses Spiel, das einfach begeistert. Und sie weiß zu berichten, dass sich die Bach-Familie oft zu Potpourris getroffen hat und Johann Sebastian Bach viel Humor hatte. Als Beispiel zitiert sie die Liedzeile: “Kraut und Rüben haben mich vertrieben, hätte Mutter Fleisch gekocht, wäre ich geblieben.”

Nach der abschließenden “Aria da capo” gibt es begeisterten Applaus. Bucher entlässt das Publikum mit dem Hinweis, dass Bach mit seinen Variationen gezeigt habe, dass man zu den Sternen schauen kann, nicht nur auf die Erde.

5. Februar 2019

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Wetzlarer Neue Zeitung, 1. Februar 2019

Musiker erzählen Geschichten
“Jazz Report” in der Stadtbibliothek

Von Andreas Müller

WETZLAR. Mit “Jazz ohne Grenzen” war das dritte Konzert der Improvisationstage überschrieben. Für einen coolen Nachmittag in der Stadtbibliothek hatte Thomas Sander “Jazz Report” aus Wiesbaden eingeladen. Etwa 60 Jazzfreunde waren gekommen. Sängerin Yasmin Sidibe, Andreas Goller (Trompete), Simon Hampe (Keyboards), Bernhard Rosenberger (Bass) und Jonas Depenbrock am Schlagzeug begeisterten mit einer Palette von “Swing zu Funk, Ton- und Wortspielen”, so die Ankündigung.

Nach der Begrüßung durch Karin Böttcher, stellvertretende Leiterin der Bibliothek, mit einem Gedicht über Musik (so kam die Literatur zum Zuge), eröffnet das Quintett mit dem locker swingenden “All of me”, gefolgt von der ersten coolen Nummer, “My baby just cares for me”. Yasmin Sidibes wohlklingende, dunkel gefärbte Stimme ist betörend, cool Depenbrocks Schlagzeugstil. Er zeigt ein unglaublich nuancenreiches Spiel, das deutlich mehr ist als Rhythmus. Ständig wechselt er sein Schlagmuster, spielt mal mit Besen, bei “Blue Bossa” mit bloßen Händen. Eine Freude, ihn nicht nur zu hören, sondern ihm auch zuzuschauen. Bei Oscar Petersons “C-Jam Blues” groovet es, dass es eine Wonne ist. Alle Instrumentalisten warten mit schönen Soli auf. Die Band verbreitet gute Laune beim Publikum.

Bassist Rosenberger führt charmant durch das Programm und stellt die Frage in den Raum, was eigentlich Improvisation ist. Für ihn bedeutet das die Seele des Jazz: “Je einfacher ein musikalisches Grundgerüst ist, umso freier kann man improvisieren.” Für Sidibe bedeutet Improvisation, eine Geschichte zu erzählen. “Jeder hat seine eigene Art, sich auszudrücken.” Keyboarder Hampe meint scherzhaft, für ihn sei schon Improvisation, die Frage nach der Definition zu beantworten, und für Schlagzeuger Depenbrock ist es die Idee, etwas Wichtiges weiterzugeben. Passend klingelt exakt bei einer Bassimprovisation in Miles Davis’ “So what” ein Handy.

Verführerisch wirkt Sidibes Interpretation von Ellingtons “In a sentimental mood”. Einen Stilwechsel vollziehen die Musiker mit Amy Winehouses “Rehab”. Es folgen Klassiker wie Gershwins “Summertime” und “Mackie Messer”. Mit Diana Kralls sehr gefühlvollem “Cry me a river” endet ein begeisterndes Konzert. “Jazz Report” dankt für den sehr herzlichen Applaus mit Hancocks “Watermelon man” und entlässt das Publikum dann mit “Night and day” in den Abend.

3. Februar 2019

Die Barockzeit ist reich an wunderbaren Werken, die es wiederzuentdecken gilt. Nach Claudio Monteverdi und Francesco Cavalli ist der italienische Komponist Giovanni Legrenzi (1626-1690) die dritte große Figur dieses Jahrhunderts, das die Oper erfand. Von seinen 17 Werken ist uns oft nur noch der Titel überliefert. Glücklicherweise ist dies nicht der Fall für die Oper La divisione del mondo, die in den Jahren nach der Uraufführung 1675 in Venedig ein großer Erfolg war. Der Dirigent Christophe Rousset erweckt immer wieder wunderschöne Werke des 17. Jahrhunderts zum Leben und präsentiert nun seine Interpretation dieser Partitur mit seinem Ensemble Les Talens Lyriques. Die Niederländerin Jetske Mijnssen liefert mit dieser Inszenierung ihr Debüt an der OnR. Das Werk, das in der französischen Erstaufführung gezeigt wird, erzählt mit großer Leichtigkeit und Leidenschaft von Junos Eifersucht und der verheerenden Anziehungskraft der schaumgeborenen Schönheit Venus auf die Götter des Olymp. Zur gleichen Zeit macht sich Jupiter daran, nach dem Sieg über die Titanen die Welt unter seinen Brüdern aufzuteilen.
Opéra national du Rhin

Auf Italienisch, übertitelt in Französisch und Deutsch. Vorstellungen in Strasbourg, Mulhouse und Colmar. Februar und März 2019, Premiere am 8. Februar in Strasbourg.

1. Februar 2019

Kermit erkältet

29. Januar 2019

23.30 Uhr. Es kommt sehr selten vor, dass ich von Unterhaltungsmusik zu Tränen gerührt bin. Heute Abend, während eines Essens im Restaurant, höre ich Curtis Walsh, “Full Recovery” und bin wie verstört. Der Geniestreich eines 17-jährigen, unwiderstehlich und sehr wahr.

Strength will come back honey
Keep your eyes on me
I promise time will fly
Keep your head held high
The world is at your feet
Some people’s minds work funny
Just learn to let it be
You’re fully in control
There’s very few that know
The world is at your feet

So let go and stop keeping track
I hope you know I’ve got your back

‘Cause patience and trust will lead to your full recovery
And in the settling dust I wrote this message for you to see
It said you should go and stop keeping track
And I hope you know I’ve got your back
If you’ve got mine

Now release the smoke from your lungs
And realise there’s no turning back
Say the speech on your tongue
What’s done has been done
Understand what you have
And I’ll be here along the way
As long as that’s what you want
To keep…

29. Januar 2019

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Wetzlarer Neue Zeitung, 29. Januar 2019

Wenn die Diva nicht kommt
Musikalisches Kabarett und ein Märchen bei den Wetzlarer Improvisationstagen

Von Andreas E. Müller

WETZLAR. Bereits zum vierten Mal finden die Wetzlarer Improvisationstage als gemeinsame Veranstaltung des Kulturamtes und der Musikschule statt. Thomas Sander, Leiter der Musikschule und künstlerischer Leiter der Improvisationstage, hat wieder ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt.
Den Auftakt macht die Pianistin Ursula Wawroschek. Sie betritt die Bühne und wundert sich, wo die Sängerin bleibt. Um die Wartezeit zu überbrücken, spielt sie einfach schon einmal ein Klavierstück von Chopin. Ihr Spiel ist mal sehr filigran, dann wieder kraftvoll. “Chopin am Anfang eines Konzertes ist eine Wohltat für Pianisten”, meint sie. “Das fließt wie Öl.” Die Sängerin, Frau Seitenschneider, ist immer noch nicht aufgetaucht.
“Wahrscheinlich hat sie ein anderes Engagement für mehr Geld”, vermutet Wawroschek. “Sing ich halt einfach, ist ja schließlich egal, wer seine Kehle aufmacht.” So begrüßt sie singend das Publikum mit “Hallo Leute, guten Abend” in verschiedenen Sprachen. Dann macht sie sich Gedanken über ihre Garderobe. Es folgt ein Lied über typische Männerklischees und eine Klage: “Ich könnte auch eine CD sein, das würde die Diva überhaupt nicht merken.” Auch ihren Wunsch nach langen Fingernägeln mit Glitzernagellack darf sie als Pianistin nicht umsetzen, weil das auf den Tasten klackert.
Kritisch geht sie in einem Lied über Reizüberflutungen mit Werbung an Tankstellen um. Sie beschwert sich darüber, dass der Klavierhocker nicht in den Wartungsvertrag aufgenommen wird und manchmal wackelt. Dann wird sie politisch. “Wie sind eigentlich die Demonstranten in den Hambacher Forst gekommen? Zu Fuß, mit dem Rad? Grüne wählen und einen SUV in der Garage, mit dem man das Töchterchen zur Schule fährt, weil der Verkehr in der Stadt zu gefährlich ist”, kritisiert sie. Mit einem Lied über einen vollautomatisierten Haushalt erzählt sie, was als Kettenreaktion passieren kann. Da erleidet die Waschmaschine ein Schleudertrauma. Wawroschek erwacht aus diesem Traum, weil der Wecker nachts um 3 Uhr summt. Im Schlussapplaus ruft dann die Diva an, und es wird ein neuer Termin für ein Konzert vereinbart. “Da geh ich nicht hin”, verrät sie dem Publikum. “Soll sie alleine singen.”

Zum märchenhaften Konzertabend geriet die zweite Veranstaltung. Tanzten vor zwei Jahren Paare des Tanzclubs Schwarz-Rot zur Musik von “Bassa”, hatten Miriam Erttmann (Violine und Moderation), Takashi Peterson (Gitarre), Hannes Daerr (Klarinette und Bassklarinette) und Tobias Fleischer (Kontrabass) dem Publikum dieses Mal ein wunderschönes Märchen mitgebracht.
Darin verliebt sich der Seelöwe “Ahewáuwen” an der Küste Feuerlands in eine junge, bildhübsche Menschenfrau. Miriam Erttmann erzählt die anrührende Geschichte dieser ungleichen Liebe, das Quartett setzt sie in musikalische Bilder um. Das Märchen ist überliefert von Indianern auf Feuerland. “Bassa” haben dazu sehr schöne Melodien komponiert und laden die Zuhörer ein, die musikalischen Bilder Revue passieren zu lassen. Die vier Musiker, alle brillante Techniker, die mit unglaublich viel Gefühl und Ausdruck agieren, führen dabei musikalische Dialoge.
Jedes Instrument hat mal die Melodie, dann wieder die Begleitung. So kann man sich sehr gut den verliebten Seelöwen “Ahewáuwen” vorstellen, der das schöne Mädchen beim Angeln erschreckt und in die Wellen zieht. Und man sagt, dass immer, wenn die Sonne ihre letzten Strahlen über das Meer wirft, dort zwei Seelöwen erscheinen und man in der Bucht ein Lied hören kann, erzählt Erttmann. Aber das sei ja nur ein Märchen.

24. Januar 2019

Manche Leute sagen, dass wir nicht genug tun, um den Klimawandel zu bekämpfen. Aber das ist nicht wahr. Um “nicht genug zu tun”, müsste man überhaupt etwas tun. Und die Wahrheit ist, dass wir praktisch gar nichts tun.
Greta Thunberg (16), schwedische Umweltaktivistin

23. Januar 2019

Gestern haben wir Mozarts Requiem gehört und gesehen. Tief beeindruckt sowohl von der Musik als auch von der Art und Weise der Darbietung, folgten die ersten Kommentare erst nach einer Weile der Stille. In einer Aufnahme von August 2012 spielten das Lucerne Festival Orchestra und sangen der Bayerische und der Schwedische Rundfunkchor, die Solisten Anna Prohaska (Sopran), Sara Mingardo (Alt), Maximilian Schmitt (Tenor) und René Pape (Bass) unter der Leitung von Claudio Abbado. Es ist eine der letzten Aufnahmen von Abbado, der Maestro starb im Januar 2014. Die Aufführung ist musikalisch von großer Noblesse, sehr ausdrucksstark und technisch auf außerordentlichem Niveau. Die interpretatorische Balance zwischen Totenklage und Heilsversprechen, zwischen Jüngstem Gericht und Ewigem Leben ist perfekt gelungen und wird der musikalischen Intention absolut gerecht. Wer sich also mit Mozarts letztem Werk – hier vervollständigt von Franz Beyer – beschäftigen möchte und dazu nach einer Aufnahme sucht, dem sei diese sehr ans Herz gelegt (DVD, Accanto 20258; auch auf Blu-Ray).

21. Januar 2019

Schon lange verfolge ich Fußballspiele im Fernsehen nur noch bei abgestelltem Ton, sind doch der Großteil der Kommentatoren und deren Einlassungen schlichtweg unerträglich. Wie freue ich mich also, dass es einem Zeitgenossen im Diskussionsforum auf ZEIT online genauso geht wie mir. Über Sky-Reporter Frank Buschmann schreibt er:

Am schlimmsten sind ja die rhetorischen Fragen in übertriebener Menge, die er dann selbst beantwortet: “Schaut er sich das nochmal an? Er schaut es sich nochmal an. Geht er jetzt wirklich nochmal zum Bildschirm, ja geht er nochmal dahin? Er geht wirklich nochmal zum Bildschirm. Wird er den Elfmeter geben, wird er, WIRD ER? Nein, er gibt ihn nicht. Geht er jetzt gerade wieder zurück zum Spieler? Ja, er geht zurück zum Spieler. Macht er jetzt weiter mit der Ecke? Er macht tatsächlich weiter mit der Ecke …”

17. Januar 2019

Es gibt Musikschulleiter, die ausschließlich für Verwaltungstätigkeiten eingestellt werden. Das sollte per Gesetz verboten sein. Jemand, der eine Musikschule leitet, muss auch künstlerisch in Erscheinung treten, sei es durch Spielen, Singen oder Dirigieren. Hinsichtlich der Leitungsfunktion müssen nötigenfalls Geschäftsführungs- oder Buchhaltungsaufgaben getrennt vergeben werden, doch Schulleiter/-innen müssen für die Öffentlichkeit im aktiven Musizieren sichtbar sein. Für ein reines Verwaltungsmanagement (Unterrichtsorganisation, Haushaltsplanung, Sponsorenakquise etc.) ist ein Musikstudium nicht vonnöten, schon gar keines mit instrumentalem Hauptfach. Eine qualifizierte Verwaltungskraft kann problemlos auch in der Bekleidungsindustrie, in der Gastronomie oder im Buchhandel arbeiten. Ebenso wie Betriebswirte, Kalkulatoren und Sanierer wissen sollten, im welchem Bereich des gesellschaftlichen Lebens sie tätig sind und welchen Stellenwert derselbe für das Gemeinwesen hat, müssen wir Musiker allerdings verstehen, dass wirtschaftliche Zwänge nicht immer verdrängt oder negiert werden können. Doch das ist schnell gelernt, in Musikschulen sowieso.

16. Januar 2019

Wozu dient es, wenn man versucht, ein Leben aufzubauen, wenn wir von Mächten beherrscht werden, die wir nicht kennen, wenn wir nicht mehr über unser verborgenes Gefühlsleben wissen als die um uns herum sprießenden und schwellenden Keime und Knospen über die Bildung ihrer Zellen?
Ola Hansson (1860 – 1925), Sensitiva amorosa

13. Januar 2019

Angeblich finden 76 % aller Männer Friseurbesuche erotisch. Ein erstaunlich hoher Wert, unabhängig von der Frage, ob es nicht besser Friseurinbesuche (begrifflich seriös, von den meisten in diesem Beruf Tätigen präferiert) oder Friseusenbesuche (sprachlich diskreditiert, da verbunden mit der Vorstellung von Minirock, pinkfarbenen Nägeln, toupiert, blondiert etc.) heißen müsste. Die ZEIT veröffentlichte vor einigen Wochen unter dem Titel “Waschen, schneiden, stöhnen” einen Bericht, in welchem der Autor für eine Fokussierung auf den Haarschnitt plädiert und seiner natürlichen Skepsis gegenüber Kopfmassagen und sonstigen Wohlfühlprogrammen in Friseursalons Ausdruck verleiht.

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Hier sind unterschiedliche Sichtweisen möglich. Warum geht Mann zum Friseur? In den immer noch meisten Fällen wegen eines professionellen Haarschnitts, an den gewisse Ansprüche gestellt werden dürfen. Warum geht Mann zur Friseurin oder zur Friseuse? Schon schwieriger. Sieht man den Besuch als Gesamtkunstwerk an, als sinnlich-phantastisches Erlebnis mit lustbetonter Shampoo-, Wachs- oder Gelmassage, können andere Parameter im Vordergrund stehen: Attraktivität, Charme, Verführungspotenzial, Thrill, Kick. Ein zufriedenstellender Haarschnitt ist dann sozusagen gratis, ein Kollateralgeschenk. Übertragen auf Bäckereien oder Fleischereifachgeschäfte hieße das, dass Brot und Bratwurst im Zweifel durch die Geschmacksprüfung fallen dürfen, sofern die Bedienung den entsprechenden Test mit Glanz und Gloria besteht.

Wie auch immer, unter suchebiete.com jedenfalls gibt es fantasievolle Angebote für die entsprechende Zielgruppe: “Schneide Dir die Haare in Dessous, Lack, Leder … oben ohne … in High Heels oder Stiefeln … auch barfuß für den Fußliebhaber … oder dominant für den devoten Herrn …”

12. Januar 2019

“Die Zeiten ändern sich.”
“Die Zeiten vielleicht.”
aus: Die Akte Grant (Original: The Company You Keep, USA 2012)

11. Januar 2019

In knapp zwei Wochen beginnen die 4. Wetzlarer Improvisationstage. Von 24. – 27. Januar werden wieder Erfindungsreichtum, Kreativität und Fantasie bei unterschiedlichsten musikalischen Darbietungen im Mittelpunkt stehen. Bei einem Pressetermin im Wetzlarer Rathaus wurde das Programm vorgestellt.

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Von links nach rechts: Stephan Hofmann (Vorstand Sparkasse Wetzlar), Kornelia Dietsch (Kulturamtsleiterin), Thomas Sander (Künstlerischer Leiter), Jörg Kratkey (Kulturdezernent).
Foto: Stadt Wetzlar

7. Januar 2019

Den Blick für das Wesentliche zu behalten und das Unwichtige als solches zu erkennen, jenseits dessen, was damit anzufangen ist – darum sollte es vorrangig gehen in diesem frohen neuen Jahr, das wir uns gegenseitig wünschen. Der Jahreswechsel in Berlin mit Besuchen in der Staatsoper (La Bayadère) und in der Deutschen Oper (Der Barbier von Sevilla) sowie gastronomischen Neuentdeckungen (u. a. den Bistros/Cafés Spreegold und Atlantic) brachte neben früh einsetzender Dunkelheit und ungemütlichem Wetter vor allem die Erkenntnis, dass wir zuweilen unsere cineastische Fantasie einfach gewähren lassen sollten, ohne sie als Wechsel auf die Zukunft anzusehen.

Pause bis zum 7. Januar 2019

20. Dezember 2018

Weihnachtskrippe

Zur Arbeit, die man liebt, steht man früh auf und geht mit Freuden daran.
William Shakespeare

Wenn ich auf das fast abgelaufene Jahr zurückblicke, kann ich Shakespeare nur recht geben. Ich bin mit Freude zur Arbeit gegangen, oft früh und meistens gern. Die Begegnungen mit meinen Kursteilnehmern waren inspirierend, die Themen vielfältig. Wir haben gemeinsam neue Stücke gesehen und gehört, verschiedene Projekte durchgeführt, Opernaufführungen besucht, Ballette und Tanztheater neu entdeckt und vieles mehr. Es war mir eine Freude, und dafür danke ich allen, die mitgemacht haben!

Die Welt ist in Bewegung, und über manches sind wir in Sorge. Verändern wir unsere eigene Welt zum Besseren, nach unseren Möglichkeiten – machen wir uns und anderen Mut, suchen wir Ansporn und Trost in der Kunst, in schönen Dingen. Werden wir still und kommen während der Feiertage und in den Tagen danach zur Ruhe. Schauen wir in uns hinein, und finden wir Kraft und Zuversicht für das kommende Jahr! Frohe Festtage!

Ihr und Euer
Thomas Sander

18. Dezember 2018

Wetzlarer Neue Zeitung, 18.12.2018

“Jauchzet, all ihr Frommen”
Wetzlarer Musikschule gibt ein festliches Weihnachtskonzert

WETZLAR. Die Wetzlarer Musikschule hatte ihr traditionelles Weihnachtskonzert in diesem Jahr unter das Motto “Nun jauchzet, all ihr Frommen” gestellt. Lehrer und Schüler boten ein abwechslungsreiches Programm an Instrumental- und Chormusik. Die runf 140 Besucher zeigten sich begeistert. Schulleiter Thomas Sander hatte selbst die Leitung des Konzertes übernommen. Kompositionen aus vier Jahrhunderten vom Barock bis zur Romantik verliehen dem Abend eine festliche Note.

Eingangs stellte Thomas Sander den rund 40 Mitglieder starken Projektchor vor. “Seit Herbst haben wir uns regelmäßig getroffen, um uns auf den heutigen Abend vorzubereiten”, betonte der Chef der Musikschule und ermunterte sangesfreudige Frauen und Männer, sich diesem Ensemble anzuschließen.

Chorprojekt 2018-1

“Nun jauchzet, all ihr Frommen” ist eine Komposition von Bartholomäus Gesius (1555 – 1613) für Chor, Solisten und Streichquintett. Die Akteure brachten das adventliche Werk, das auf die Ankunft des Herrn und Erlöser verweist, mit viel Engagement und Harmonie zu Gehör. Der Leipziger Thomaskantor Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) war mit seiner Toccata e-Moll vertreten. Mit flinken Tastenläufen und Gespür fürs Detail stellte die jugendliche Lea Knöß die Komposition des Kirchenmusikers vor. Eine feine Leistung, für die es viel Beifall gab. Dies gilt auch für das folgende Werk “Cantique de Jean Racine” des französischen Komponisten Gabriel Fauré (1845 – 1924), das der Projektchor – begleitet von Irena Uhl – vorstellte.

Dann wirkten auch die Besucher am Konzert mit. Bei dem bekannten Weihnachtslied “Engel künden helle Freude”, vom Projektchor und den Streichern vorgestellt, sangen die Besucher das am Ende stehende “Gloria” mit. Mit zwei Werken von Sergej Rachmaninow (1873 – 1943), den Préludes in gis-Moll und g-Moll, eroberte die junge Klaviersolistin Kristina Mamberger die Herzen der Besucher. Flotte Läufe wechselten mit punktuellen Anschlägen und ausdrucksstarken Kadenzen. Die junge Pianistin spielte die zwei Werke ohne Noten. Entsprechend war der Beifall der Besucher.

“Salve puerule” (Sei gegrüßt, liebes Kind) – mit der Weihnachtsmotette des italienischen Komponisten Domenico Scarlatti (1685 – 1757) vereinten sich Projektchor und Streichquintett mit den Solisten Friederike Dörr (Sopran) und Lucia Schmid (Querflöte) zu einem Ensemble, das klangschön den großen Saal der Musikschule erfüllte. Zum Abschluss wiederholten die Akteure den Eingangschor “Nun jauchzet, all ihr Frommen”. Ein in jeder Beziehung festliches Weihnachtskonzert, für das sich die Besucher mit viel Beifall bedankten.

15. Dezember 2018

Wer nach außen schaut, träumt. Wer nach innen schaut, erwacht.
Carl Gustav Jung (1875 – 1961)

9. Dezember 2018

Wegen ungünstiger Witterung fand die deutsche Revolution in der Musik statt.
Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

Dass auch in Deutschland Menschen in gelben Westen zu Abertausenden auf die Straße gehen, um für niedrigere Steuern und höhere Renten und Löhne zu demonstrieren, dabei Barrikaden errichten, Autos anzünden, öffentliche Einrichtungen beschädigen, den Verkehr lahmlegen und Brandsätze auf Polizisten werfen, können wir uns nicht vorstellen. Noch nicht.

8. Dezember 2018

Zur Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer zur neuen CDU-Vorsitzenden findet sich im Diskussionsforum auf ZEIT online folgender Kommentar: “Eine Parteivorsitzende mit dem Charme der Direktorin einer Gesamtschule und ohne jegliche intellektuelle Tiefe, was ihre Bewerbungsrede in aller Deutlichkeit gezeigt hat. Wirtschaftliche und juristische Kompetenz ist bei der Dame aus dem Saarland einfach nicht zu erkennen, nicht einmal menschliche Wärme ist auszumachen. Man sah die pure, geglättete Kälte einer Karrierepolitikerin.” Darauf eine der Antworten: “Das ist jetzt nicht nett Gesamtschuldirektorinnen gegenüber.”

5. Dezember 2018

Mit einer spektakulären Produktion wartet das Theater Dortmund auf: Die göttliche Komödie I: INFERNO, Ballett von Xin Peng Wang nach Dante Alighieri, mit Musik von Michael Gordon und Kate Moore.

Worum geht es? Der Karfreitag des Jahres 1300 ist in die Annalen der Menschheit als jener Tag eingegangen, an dem ein einsamer Mann, über sein verworrenes Leben und die verwirrenden Umstände seiner Zeit grübelnd, eine Reise antritt: In die infernalen Abgründe der Hölle, unter Mühen zum Berg der Läuterung und schließlich in die Gefilde des Himmels.

Die Kulturredaktion der Ruhr Nachrichten hat noch ihre Sinne beisammen und rät nur begeistert dazu, das Stück unbedingt anzuschauen, da man “so einen intensiven Tanzabend nicht oft zu sehen” bekommt. WDR 5 Scala geht einen Schritt weiter und deliriert ungehemmt: “Wenn das die Hölle ist, dann sollte man sich die eine oder andere Sünde erlauben, um das Spektakel einmal hautnah mitzuerleben.”

Theater Dortmund

Termine:
Do, 24. Januar 2019, 19.30 Uhr
Fr, 08. Februar 2019, 19.30 Uhr
So, 17. Februar 2019, 15.00 Uhr
Spieldauer jeweils ca. 75 Minuten

3. Dezember 2018

Portrait Thomas S.

Dieter Mulch, Portrait Thomas S.
(Farbstifttzeichnung 42 x 30 cm)

Verehrter, lieber Dieter Mulch – danke für diese wunderbare Arbeit! Danke für die Verbundenheit, die Sie mir zuteil werden lassen, und danke für jede Stunde, die ich in Ihrer Gesellschaft verbringen durfte! Ich hoffe auf weitere Begegnungen.
Herzlichst, Ihr Thomas Sander

2. Dezember 2018

Zwischenzeitlich sollte man sich belohnen. Für etwas, das man geschafft, ertragen oder überstanden hat. Nach gemeisterten Aufgaben, nach Anstrengungen, nach Erfolgen. Jeder entscheidet selbst, wie eine solche Belohnung aussehen soll. Der eine wählt ein schönes Essen, der andere eine Ganzkörpermassage, der nächste die Tagesschau mit Linda Zervakis. Nach dem gestrigen vorweihnachtlichen Konzert der Wetzlarer Schulen, welches ich zum vierten Mal moderieren durfte, fiel meine Wahl auf einen Dalmore Cigar Malt.

Dalmore Cigar Malt

Aroma: Zimt, Vanille und rote Früchte
Geschmack: Tropische Früchte, Bananen-Toffee, Karamell
Abgang: Orangenschale, Bergamotte-Öl, Mokka und gemahlene Gewürze

29. November 2018

Magnus Carlsen bleibt Schachweltmeister. Er setzte sich im Tiebreak beim Schnellschach gegen seinen Herausforderer Fabiano Caruana durch. Die zwölf Partien zuvor waren remis ausgegangen.

Schach Spiegel

Mit aufregendem, genialem Schach haben beide nicht aufgewartet. Carlsen wirkte häufig zwar gesammelt und gut vorbereitet, doch uninspiriert. Caruana fehlten Mut und Entschlusskraft, im Tiebreak spielte er schlicht zu langsam. Insgesamt war die WM spielerisch eine Enttäuschung. Also spielen wir alte Partien nach und bewundern die Manöver von Aljechin, Capablanca und Petrosjan, die Geniestreiche von Fischer, Kasparow und Anand. Wer will das Spieglein an der Wand schon wirklich befragen? Und vor allem, wer kommt mit dessen Antworten zurecht?

28. November 2018

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Bei Tage ist es kinderleicht, die Dinge nüchtern und unsentimental zu sehen. Nachts ist das eine ganz andere Geschichte.
Ernest Hemingway (1899 – 1961)

26. November 2018

Die hier schon erwähnten Lobreden auf “Mala Vita – Giordano trifft auf Gesualdo” im Stadttheater Gießen hatten, wovon ich mich nun zweimal überzeugen konnte, ihre volle Berechtigung. Die gestrige Derniere war ein finales Ausrufezeichen, sowohl musikalisch als auch szenisch. Die Idee, Giordanos Kurzoper mit Madrigalen und Responsorien von Gesualdo zu durchsetzen, sozusagen mit situationsbezogenen, seelisch-seismografischen Kommentaren zu versehen, ging vollends auf. Überzeugende Solisten bei Giordano, exzellente Vokalisten bei Gesualdo, ein anprechendes Bühnenbild, eine verständige, ideenreiche Regie und nicht zuletzt ein launiges Zusammenspiel von Chor und Orchester sorgten für intensive, genussvolle Abende, die immer noch nachklingen.

23. November 2018

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Es gibt und gab kein einziges Kunstwerk, an dem der Verstand nicht zu mäkeln fände, und Geschmack und Gefühl sind unbeständig, ob aus Verstand oder Unverstand. Über den Lebenswert der Kunst entscheidet stets nur das Leben selbst. Mit dem Genuss aber hat das wenig zu tun; den rohesten Kerl kann das scheußlichste Machwerk unvergleichlich stärker und inniger freuen, als die reinste Schönheit den feinsten Kenner. Wer Anderes lehrt, ist ein Faselhans, ob nun ein Schwarmgeist oder ein Nüchterling.
Richard Dehmel (1863 – 1920), Betrachtungen

22. November 2018

Die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles engagiert sich im Bundestag für den Parlamentskreis Pferd, um das Tier als Kulturgut und Wirtschaftsfaktor zu fördern. Von “ich glaub’, mich tritt ein Pferd” über “soll mal vom hohen Ross runterkommen” bis hin zu “ist wohl der Gaul mit ihr durchgegangen” kann einem dazu vieles einfallen, wenn nicht “Pippi Langstrumpf in die Fresse bätschi sag ich da nur”. Was lernen wir? Schlimmer geht immer.

20. November 2018

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Liebe Freundinnen und Freunde der Improvisation,

mit den 4. Wetzlarer Improvisationstagen zeigen das Kulturamt der Stadt Wetzlar und die Wetzlarer Musikschule die Kunst der Improvisation wieder in verschiedensten Formen und Facetten. Im Mittelpunkt steht immer die Musik, die diesmal zunächst kabarettistisch, sodann tänzerisch-verspielt, anschließend collagenhaft-experimentell und schließlich in barockem Originalklang ihren Ausdruck findet.

Die Programme „Diva-Abend“ mit der Aachener Kabarettistin Ursula Wawroschek, „Ahewáuwen“ mit der in Wetzlar bereits bekannten Berliner Formation Bassa, „Jazz ohne Grenzen – Ton-und Wortspiele mit Jazz Report“ des gleichnamigen Wiesbadener Ensembles sowie die Bachschen „Goldberg-Variationen“ mit der Cembalistin Anne-Catherine Bucher aus Metz garantieren Darbietungen auf hohem künstlerischen Niveau.

Nach einem bekannten Bonmot ist „Kunst wie Kakteenzucht: Viele Stacheln, wenig Wasser – aber herrliche Blüten!“ Wenn wir die Wetzlarer Improvisationstage als eine Pflanze ansehen, der ein bisschen mehr Wasser und eine etwas aufwändigere Pflege nicht schadet, dürfen wir Sie um eine Spende zur finanziellen Unterstützung der Konzertreihe bitten. Dafür können Sie alle Veranstaltungen bei freiem Eintritt genießen. Herzlichen Dank!

Mit besten Grüßen

Thomas Sander
Künstlerischer Leiter

Donnerstag, 24. Januar 2019, 19.30 Uhr
Diva-Abend
Klavier-Kabarett von und mit Ursula Wawroschek (Aachen)
Konzertsaal der Wetzlarer Musikschule

Freitag, 25. Januar 2019, 19.30 Uhr
Ahewáuwen – Ein Tangomärchen
Bassa (Berlin)
Konzertsaal der Wetzlarer Musikschule

Samstag, 26. Januar 2019, 17.00 Uhr
Jazz ohne Grenzen
Wort- und Tonspiele mit Jazz Report (Wiesbaden)
Stadtbibliothek Wetzlar, Bahnhofstr. 6

Sonntag, 27. Januar 2019, 11.00 Uhr
Bach, Goldberg-Variationen
Anne-Catherine Bucher, Cembalo (Metz)
Konzertsaal der Wetzlarer Musikschule

Änderungen vorbehalten!

18. November 2018

Metz Temple Neuf

Temple Neuf, Metz 2018. Das Glück, so sagt der Volksmund, kommt zu dem, der warten kann. Über die Dauer des Wartens sagt er nichts.

16. November 2018

Rolf Hoppe

Rolf Hoppe ist tot. Es sind unzählige Rollen, in die dieser begnadete Schauspieler geschlüpft ist, und einige davon werden uns ewig in Erinnerung bleiben. Von Drei Haselnüsse für Aschenbrödel über Mephisto bis hin zu mehreren Auftritten in ARD-Tatorten hat Rolf Hoppe eindrückliche Beispiele höchster Schauspielkunst geliefert. Seine Gestaltung des Friedrich Wieck in Frühlingssinfonie geriet ihm derart intensiv, dass eine Vorstellung vom Leben der Schumanns ohne sein Gesicht für unsereins beinahe unmöglich geworden ist. Mit Mitte sechzig kaufte er einen Bauernhof und gründete zusammen mit Freunden das Hoftheater Dresden, in welchem er bis zuletzt regelmäßig auftrat. Mit 87 Jahren ging das irdische Leben von Rolf Hoppe nun zu Ende. „Er steht da, sagt kein Wort – und beherrscht dennoch die Szene“, hat Klaus Maria Brandauer einmal über ihn gesagt. Rolf Hoppe wurde zu Lebzeiten für sein Wirken mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen geehrt. Sein Tod ist für die deutsche und internationale Theater- und Filmszene ein immenser Verlust. Wir verneigen uns.

14. November 2018

Was macht einen guten Chor aus?

• Ein guter Chor lernt ständig dazu, wobei sich jeder einzelne Sänger ständig weiter entwickelt durch eine effektive Probenarbeit, in der nicht nur Noten studiert werden, sondern Musik vermittelt wird. Musikalische Notwendigkeiten wie Intonation und Dynamik gehören ebenso dazu wie Arbeit am Chorklang und die Möglichkeit, durch gute Stimmbildung auch die Voraussetzung für die stimmliche Ausdruckskraft zu schaffen.
• Ein besonders wichtiges Auswahlkriterium ist ein abwechslungsreiches und anspruchsvolles Repertoire, das sich von dem anderer Chöre abhebt und dem Sänger erlaubt, sich damit zu identifizieren. Der Chor als Ganzes ist mindestens genauso wichtig wie die eigene Person.
• Zum Chorsingen gehört gemeinsames Streben, gegenseitiges aufeinander Hören, das sich Einfügen in den Chorklang, engagiertes Beschäftigen mit der Sache und das Bemühen, etwas Besonderes zu schaffen. Voraussetzung dafür sind die regelmäßige Probenteilnahme und die Konzentration in der Probe, damit hörbare Fortschritte entstehen, die zu weiteren Leistungen motivieren; das klangliche Erlebnis und Ergebnis sollte die Sänger emotional über die Woche begleiten und tragen und dazu befähigen, im Konzert über ihre Grenzen hinauswachsen zu können.
• Der Chor als soziales Medium beinhaltet die gegenseitige Unterstützung und Wertschätzung; Geben und Nehmen sollten sich in der Waage befinden; fehlt jemand, so spürt man die Lücke. Kommt jemand neu in den Chor, misst sich auch an seiner Aufnahme die Stärke der Gemeinschaft. Gemeinsames Feiern, eine gute altersmäßige Durchmischung des Chores, kameradschaftlicher Umgang miteinander und – ganz wichtig – Freude und Humor bilden weitere Grundlagen für das Wachsen einer eingeschweißten Gemeinschaft.
• Nicht zuletzt bestehen auch Erwartungen an musikalische Kompetenz, künstlerische Professionalität und an die Ausstrahlung des Chorleiters. Die gemeinsame Arbeit soll von gegenseitigem Vertrauen geprägt sein; der Chorleiter muss motivieren, anschaulich vermitteln und Qualität fordern und auch auf die Wünsche der Chorsänger eingehen. Die Leidenschaft des Chorleiters für die Arbeit, die Musik und die Menschen, mit denen er singt, ist entscheidend.
Quelle: www.paul-gerhardt.com

13. November 2018

Buntwäsche

Innenhof mit Buntwäsche und Rasenteppich
Kulturzentrum Alte Mälzerei, Písek (CZ) 2016

12. November 2018

Lasse dich leben, wie du bist, ohne Kunststücke mit dir zu probieren, ohne dich zwingen zu wollen, Dinge zu lieben, die du nicht liebst.
Karoline von Günderrode (1780 – 1806)

10. November 2018

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Ich komme gerade zurück von einem Einkauf in Wetzlar, wo ein stadtbekannter Straßenmusikant auf der alten Lahnbrücke Jingle bells spielt, wie immer mit vielen falschen Tönen, doch heiter und ungeniert. Was soll das schlechte Leben nützen? “Ein fröhlich Herz macht das Leben lustig”, heißt es in einem Kanon. Und weiter: “Aber ein betrübter Mut vertrocknet das Gebein.” Schon in wenigen Tagen wird die Stadt Wetzlar mit ihrer Weihnachtsdekoration nachziehen, da kann man nichts machen. Doch seien wir ehrlich: Gäbe es in diesem Jahr kein Weihnachtsdorf mit Glühwein, Lebkuchen und Tiroler Speck, würden wir es vermissen. “Ach du fröhliche” – das sagt sich schnell und leicht, weil ja Weihnachten angeblich immer so plötzlich kommt. Vielleicht liegt der Umstand, dass wir mal wieder nicht darauf vorbereitet sind, gar nicht an Weihnachten, sondern an uns.

6. November 2018

Schade, dass Volker Bouffier sich nicht um den CDU-Parteivorsitz bewirbt. Nicht wenige erwarten, dass mit dem Parteichef auch der nächste Kanzler gewählt wird. Und Bundeskanzler Bouffier, kurz Bubou – das klingt doch toll! Wir sehen schon die Schlagzeilen: Bubou in Berlin, Bubou in Brüssel, Bubou macht das Licht aus, Bubou im Bett, Bubou macht Bubu. Und erst die Kinderbücher! Bubou baut ein Baumhaus, Bubou backt Brot, Bubou fährt Bus (Diesel). Herrlich! Vielleicht überredet ihn ja noch jemand …

4. November 2018

Wie uns doch unsere Voreingenommenheit immer wieder in die Realität zurückholt! Ich erinnere mich zum Beispiel gut daran, dass ich vor ein paar Jahren bei einer Blindverköstigung meinen Lieblingswhisky nicht erkannt habe. Stattdessen gab ich anderen Marken den Vorzug, was ich bei vorheriger Kenntnis der Labels wohl kaum getan hätte. Auch auf anderen Gebieten ist mir das schon passiert, hier das jüngste Beispiel: Vor ein paar Tagen lief im Fernsehen ein amerikanischer Spielfilm von 1972, in welchem Pamela Austin mitwirkte. Ich fand die deutsche Synchronstimme sehr angenehm, geradezu sexy, so dass ich beschloss, die Sprecherin zu ermitteln. Nun gut, es war Cornelia Froboess. Ich tröstete mich damit, dass die besagten Synchronarbeiten zu einer Zeit stattfanden, als die Gute sich ihre affektiert-schnodderige Art, die ich so gar nicht mag, noch nicht zugelegt hatte. Hätte ich den Namen der Sprecherin vorher gekannt, würde ich die Filmstimme von Anfang an nicht gemocht haben, davon bin ich überzeugt. Objektiv geht also anders. Nach einer Weile musste ich schmunzeln. Stehen wir doch einfach zu unseren Vorlieben und Abneigungen – und seien wir offen für Überraschungen!

1. November 2018

Du weißt, wie ein Hochzeitsmahl aussieht, sobald die Hochzeitsgäste und die Liebenden aufgebrochen sind. Der Tagesanbruch enthüllt die Unordnung, die sie zurückgelassen haben. Zerschlagene Krüge, umgestürzte Tische, die erloschene Kohlenglut, all das bewahrt den Abdruck eines wilden Treibens, das nun erstarrt ist. Doch wenn du diese Spuren abliest, wirst du nichts über die Liebe erfahren. Wenn der Analphabet das Buch des Propheten wiegt und wendet, wenn er bei der Zeichnung der Buchstaben und dem Gold der ausgemalten Bilder verweilt, verfehlt er das Wesentliche; denn dieses besteht nicht im nichtigen Gegenstand, sondern in der göttlichen Weisheit. So ist das Wesentliche einer Kerze nicht das Wachs, das seine Spuren hinterlässt, sondern das Licht.
Antoine de Saint-Exupéry, aus “Citadelle”

30. Oktober 2018

Ein Infekt zwingt zu einer kleinen Auszeit mit Ingwertee, Halstabletten, Ruhe und so weiter. Ich habe ein paar Tage Zeit für Die jungen Ärzte, für Columbo und fürs Herzkino. “Es ist nicht wichtig, was gewesen ist. Wichtig ist, was wir für möglich halten”, lerne ich bei Inga Lindström. Auch sonst wird mit Lebensweisheiten nicht gegeizt. Doch nach einer Weile muss ich abschalten, im doppelten Sinne. Wie sagte einst Peter Falk: “Fernsehserien sind wie Hamburger – die meisten mögen sie nicht und schlingen sie trotzdem hinunter.”

29. Oktober 2018

Wie lange noch müssen wir in der Politik die selbstverliebten Spielernaturen, scharadierenden Phraseure und am eigenen rhetorischen Blendwerk sich ergötzenden Schwaller ertragen? Weihnachtswunsch schon jetzt: Dem Lindner die Rote Karte!

25. Oktober 2018

Weil ich mich zwischen zwei Brillen nicht entscheiden konnte, schlug der Optiker vor, ich solle einfach beide Modelle mitnehmen und übers Wochenende mit ihnen “ins Konklave gehen”. Sapperlot! Als Optiker hätte er auch “Konkave” sagen können … beneidenswert! Wer hat schon eine solche Wahl?

24. Oktober 2018

Ampel rot

Schwarz-Grün? Jamaika, GroKo, RRG? Minderheitsregierung? Ampel ohne gelb und ohne grün? … Am Sonntag sind wir schlauer … vielleicht …

23. Oktober 2018

Aussagen zur Förderung der öffentlichen Musikschulen in den Parteiprogrammen zur Landtagswahl in Hessen 2018

CDU
“Musische Erziehung hat für uns eine hohe Bedeutung. Deshalb sehen wir eine Erhöhung der Unterstützung für die staatlich geförderten Musikschulen in Hessen vor. Daneben wollen wir den Landeswettbewerb “Jugend musiziert” sowie das Landesjugendsinfonieorchester, das Landesjugendjazzorchester und den Laienmusikrat sowie die Landesmusikakademie weiter unterstützen und stärken.”

Grüne
“Die Ausstattung der Musikschulen wollen wir deutlich verbessern. Hierbei sollen alle Ebenen – Bund, Land und Kommune – gemeinsam für eine bessere und gerechtere Finanzierung sorgen. Wir wollen einen Innovationsfonds auflegen, damit nicht nur die Landesmuseen, sondern auch die privaten und kommunalen Museen und Kunstvereine finanziell gut ausgestattet sind.”

SPD
“Die SPD will, dass die öffentlichen Musikschulen insbesondere auch bildungsferne Familien gezielt ansprechen. Hierfür sind die Grundlagen der Kooperation “Schule – Musikschule” deutlich zu verbessern. Dazu müssen die Musikschulen verbindlich gefördert und in ihrer Qualität gesichert werden. Zurzeit liegt der Anteil des Landes an deren Finanzierung unter 5 %. Wir streben eine Drittelfinanzierung zwischen Land, Kommunen und Unterrichtsentgelten an, wie vom Deutschen Städtetag und vom Deutschen Landkreistag gefordert. Diese bessere Finanzierung ist auch erforderlich, um auf tarifliche, sozialversicherungspflichtige und gesicherte Beschäftigungsverhältnisse für Musikschullehrerinnen und -lehrer hinzuwirken, die bislang aufgrund der Unterfinanzierung häufig nicht nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) bezahlt und in die erzwungene Selbstständigkeit gedrängt werden.”

Die Linke
“Die freie Entfaltung von Kunst, Kultur und Wissenschaft und der Zugang aller Bevölkerungsschichten zu Kultureinrichtungen sind Voraussetzungen für eine demokratische Gesellschaft. Zum Zugang zu Kunst und Kultur gehören aber auch Fähigkeiten und Kenntnisse, um sich diese eigenständig und schöpferisch aneignen zu können. Deshalb will DIE LINKE die kulturelle Bildung ganz besonders für Kinder und Jugendliche ausbauen. Das Landesprogramm “Jedem Kind ein Instrument” (JeKi) soll erweitert werden, bis tatsächlich jedem Kind das Angebot gemacht werden kann. Der Eintritt in die Landesmuseen muss für Schülerinnen und Schüler sowie für Studierende kostenlos sein. Kinder- und Jugendtheater sind so zu fördern, dass jedes Schulkind in Hessen einmal im Jahr eine Vorstellung besuchen kann.
DIE LINKE will:
- eine Gemeindefinanzreform, die die Kommunen in die Lage versetzt, ihrer gesetzlichen Pflicht zur
Kulturförderung nachzukommen
[...]
- Musikschulen, Museen sowie weitere Kultureinrichtungen und -angebote so fördern, dass sie gebührenfrei
oder für alle bezahlbar bleiben
- Mindeststandards und Mindesthonorare für freiberuflich und künstlerisch Tätige festlegen”

FDP
“Kulturelle Einrichtungen, wie z. B. Kunst- oder Musikschulen, sowie Sportvereine, die sich um eine Integration von Kindern aus bildungsfernen und wirtschaftlich schwachen Familien besonders einsetzen, sollen hierfür einen Zuschuss aus Landesmitteln erhalten.”

22. Oktober 2018

Die Schule hat [...] die Aufgabe, gegen ein rationales, ökonomistisches Wissen und Denken einen spielerischen, alternativen Freiraum zu setzen, eine Schutzzone der Gefühle, des Intimen und “Unnützen”. Musik sollte in jedes Schulfach hineinspielen, möglichst ohne Leistungsdruck und Schulnoten. In diesem übergreifenden, vernetzenden Sinn muss Musik “Kernfach” an allen Schulen sein. Auf keinen Fall darf Schule die Musik aussperren. Das wäre ja in etwa so, als müssten Kurzsichtige beim Betreten der Schule ihre Brille abgeben. Schule ohne Musik schafft Handicaps.
Hans-Jürgen Schaal

20. Oktober 2018

Oktoberfest girl standing with hands on hips on white background

Wüssten wir nicht, dass das diesjährige Oktoberfest schon vor zwei Wochen sein Ende gefunden hat, könnten wir die gestrige Pressekonferenz des FC Bayern München mit exzessivem Alkoholkonsum der handelnden Personen erklären. Leider ist es nicht ganz so einfach. Wir müssen realistischerweise unterstellen, dass Präsident, Manager und Sportdirektor durchaus ihre Sinne beisammen hatten, als sie sich in einer denkwürdigen Vorstellung gegen die aus ihrer Sicht unbotmäßige, ja “respektlose”, “hämische” und “herabwürdigende” Berichterstattung der Medien zur Wehr setzten und sich nicht entblödeten, dazu gleichermaßen erzürnt wie pathetisch Artikel 1 des Grundgesetzes zu bemühen: “Die Würde des Menschen ist unantastbar.” Die Veranstaltung hatte aufgrund ihrer Mischung aus einstudierter Empörungsrhetorik und Entlehnungen aus dem Komödienstadel durchaus Unterhaltungswert. Der schönste Satz indes gelang Oliver Fritsch in seinem Kommentar auf ZEIT online, bezogen auf die Einlassungen des Bayern-Präsidenten: “Jetzt übertreibt er aber, der Hape Kerkeling.”

18. Oktober 2018

Berlin Okt 2018 001

Berlin, Bergmannstraße

16. Oktober 2018

Jennifer White ist eine der vielseitigsten, ausdrucksstärksten und obendrein attraktivsten Künstlerinnen der aktuellen Tanzszene. Während ihrer bisherigen Karriere hat sie u. a. mit Adele, Kylie Minogue und Katy Perry gearbeitet, war mit mehreren Tanz-Companys auf weltweiten Tourneen, u. a. mit Sidi Larbi Cherkaoui, leitete Proben und Direktionsarbeiten bei Commercials für Chanel und Hermès, hat in gefeierten Produktionen von Musiktheatern und Opernhäusern mitgewirkt und war eingebunden in die Filmadaption von Anna Karenina mit Keira Knightley und Jude Law.

Erst jetzt verstehe ich, warum meine Augen während der Tanzszenen von Rameaus Les Indes Galantes (Bayerische Staatsoper 2016) immerzu nach einer einzigen Tänzerin Ausschau hielten. Da hatte die schöne Jenny mir schon längst den Kopf verdreht.

14. Oktober 2018

Erfreuen wir uns an bescheidenen Gütern!
Ach, kann man überhaupt glücklich sein,
wenn man mehr als das begehrt?
Jean-Philippe Rameau, Les Indes Galantes (1735), Vierter Akt

13. Oktober 2018

Es war mein vierter Aufenthalt in Berlin in diesem Jahr, immerhin für fünf Tage. Kein Freund von Tages-
programmen zum Abarbeiten, hatte ich auch diesmal nur wenig geplant und habe umso mehr Neues entdeckt. Gleich am ersten Tag durfte ich in der Staatsoper einen vor allem in musikalischer Hinsicht starken Freischütz erleben. Für den erkrankten Dirigenten Marc Minkowski war der erst 24-jährige Thomas Guggeis eingesprungen. Guggeis ist Assistent von Daniel Barenboim und wird ab der nächsten Saison in Stuttgart arbeiten. Der junge Mann machte seine Sache ausgezeichnet und führte die Staatskapelle zu einem dichten, dunkel gebeizten Klang, der gleichwohl dem Gesangsensemble jeden Gestaltungsraum ließ. Die großartige Anna Prohaska in der Rolle des Ännchen wird mir noch lange in Erinnerung bleiben, und es nicht unangemessen, sie aus der Riege der Solisten herauszuheben. Es sind eben nicht nur ihre stimmlichen Anlagen und Kapazitäten, die sie zu einer so herausragenden Sängerin machen, sondern in mindestens gleichem Maße ihre musikalischen und gestalterischen Fähigkeiten. Phrasierung, Artikulation, Dynamik – alles ist stilistisch von bezwingender Kunstfertigkeit und Noblesse. Ein beeindruckendes Erlebnis!

Das war es diesmal mit der Kunst. Kein Museum, kein Konzert. Stattdessen Frühstück bei Anna Blume (wer wissen will, wie Rührei wirklich schmeckt, muss hier unbedingt hin), ein Cappuccino in meiner geliebten Meierei, japanisches Essen im Cocoro am Mehringdamm. Ein Besuch in der Arminius-Markthalle in Moabit, eine Pause im Café Strauss in der Bergmannstraße, ein Bummel über den kleinen Markt am Chamissoplatz und – natürlich – ein Pale Ale im Doldenmädel.

Da ich im Sommer versäumt hatte, mir ein T-Shirt von Tennis Borussia Berlin zu kaufen, habe ich es jetzt nachgeholt und am Sonntagmittag das Heimspiel gegen Hansa Rostock II live im Mommsen-Stadion erlebt. TB spielte stark und gewann hochverdient mit 3:1. Ich hatte einen Tribünensitzplatz, stand aber lieber zusammen mit langjährigen, treuen Anhängern des ehemals so erfolgreichen Clubs (immerhin war mal Sepp Herberger hier tätig, was aber schon ein paar Tage zurück liegt). Jetzt spielt man in der Oberliga und ist dort aktuell Dritter. Ambitionen in Richtung Regionalliga gibt es mehr in der Clubführung und weniger bei einem Teil der Fans, die auch mit der sogenannten S-Bahn-Liga zufrieden wären. Vor dem Heimweg habe ich noch einen Sportbeutel, eine Tasse und einen Aufkleber gekauft. Für schöne Erinnerungen muss man zuweilen selber sorgen.

Pause bis zum 12. Oktober 2018

Fellini Rhino

25. September 2018

Es ist einer der seltenen Momente in meinem Kursleben. Ein Moment, in dem sozusagen die Zeit still steht und jeder im Raum spürt, dass gerade ein sehr besonderes Stück gespielt wird und niemand sich dessen Zauber entziehen kann. Gestern Abend besprechen wir Les Indes Galantes von Jean-Philippe Rameau, und wir sind im dritten, dem “persischen” Akt. Es läuft das unwiderstehliche “Tendre amour”, eine der schönsten Kompositionen Rameaus überhaupt. Das Ensemble der Bayerischen Staatsoper musiziert unter Leitung von Ivor Bolton so sensibel und zart, mit exquisitem Geschmack und untrüglichem Gespür für Dynamik, Phrasierung und Ornamentik, dass der Zuhörerkreis wie gebannt und geradezu ergriffen Takt für Takt durchlebt. Es sind diese fünf Minuten, die aus einem normalen Kursabend ein großes Geschenk machen, nicht nur für mich.

21. September 2018

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Vor vielen Jahren habe ich ein Buch gelesen, ich weiß den Titel nicht mehr, darin meinte jemand, der Herbst sei die Aufforderung zu neuen Ideen. Das hat mir damals ziemlich imponiert, ich muss also sehr jung gewesen sein. Fest steht, dass er kommt, der Herbst, diesmal schnell und humorlos. Von 30 auf 13 °C binnen zwei Tagen. Es wird einstweilen Regen, Sturm und andere Arten von Verdruss geben, wie zum Beispiel die undankbare und ungestillte Sehnsucht nach Mahlzeiten im Freien. Wir fahren ans Meer, schon allein aus Trotz. Wir kaufen Regenjacken, Wollsocken und trinken Pharisäer. Danach sehen wir weiter.

20. September 2018

Vor ein paar Tagen hatte am Stadttheater Gießen Mala Vita Premiere, eine frühe veristische Oper von Umberto Giordano, der dieses kleine Juwel noch vor seinem Meisterwerk Andrea Chénier komponierte. Die Aufführung des Stücks war damals ein Skandal und unterlag der Zensur, umso mehr lohnt sich heute seine Wiederentdeckung. Die Gießener, bekannt für ihre intermittierende Indolenz hinsichtlich Inszenierung und Dramaturgie, fügen in die Handlung Madrigale und Responsorien von Carlo Gesualdo ein. Wie kritisch man einen solchen Eingriff auch beurteilen mag – die ersten Kritiken fielen positiv aus. Bis zum November zeigt das Haus noch fünf Vorstellungen dieser selten gespielten Oper, die einen Besuch allemal wert ist. Egal, mit welchen Mätzchen die Regie diesmal aufwartet.

16. September 2018

Olive oil

Du bist erst erwachsen, wenn du Oliven magst.
Derya Coban

15. September 2018

Von einem Apfelbaum kann man nicht erwarten, dass er Aprikosen trägt, heißt es sprichwörtlich. Warum nur ist es immer wieder das ZDF, das in seinen politischen Magazinen Beweise für den Wahrheitsgehalt dieser Volksweisheit liefert? Erwarte journalistische Unabhängigkeit, argumentative Redlichkeit und diskursive Seriosität, gehe nicht über Los … nein, schaue nicht das ZDF! Was sich sogenannte Experten, Beobachter und Analysten hier regelmäßig an selbstgefälliger Überheblichkeit, Anmaßung und parteipolitischer Einseitigkeit erlauben, spottet jeder Beschreibung. Die nimmermüden Diskreditierungen linksliberaler Positionen, mehr oder weniger offensichtlich, bewerkstelligt mittels semantischer Verkürzungen, bewusster Fehlinterpretationen, unvollständiger Zitate und vielem mehr, bedeuten für jeden politisch interessierten Zuschauer eine grobe Form intellektueller Selbstkasteiung. Was früher Gerhard Löwenthal besorgte, erledigt heute Bettina Schausten mit sardonischem Lächeln im sogenannten Zweiten, mit dem man angeblich besser sieht. Kaufen wir einfach unsere Aprikosen woanders.

13. September 2018

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“Durchlässige Sackgasse” – ein schönes Bild, und vor allem so einfach übertragbar auf viele Bereiche des Lebens. Nach dem Motto “Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her” kann die durchlässige Sackgasse Mut machen, Zuversicht geben oder Trost spenden. Hilfe zu bekommen in auswegloser Lage – wer von uns wüsste das nicht zu schätzen? Doch löst nicht die durchlässige Sackgasse auch Besorgnis aus in der Weise, dass die Gewieften, Trickreichen und Aalglatten immer einen Ausweg finden! Die Großen lässt man laufen … Ist die durchlässige Sackgasse also ein alltagstaugliches, praxiserprobtes Oxymoron, ein gut funktionierendes, real erlebbares Phantasma? Die Hofnarren lassen grüßen, geht es doch wenigstens in der Sackgasse, der durchlässigen wohlverstanden, immer weiter.

10. September 2018

Wer den Ton in Dur angibt, dem wird, früher oder später, in Dur geantwortet.
Johann Gottfried von Herder (1744 – 1803)

8. September 2018

Zurück von einer kurzen Reise nach Halle (Saale). Mir gefällt die Stadt sehr, und dass zurzeit im Zentrum viel gebaut wird, was für Anwohner, Touristen, Geschäfte, Verkehr etc. unterschiedlichste Beeinträchtigungen mit sich bringt, ändert daran nichts. Halle muss sich seit einer Ewigkeit gegen Leipzig behaupten, das deutlich größer ist und in mancherlei Hinsicht als bedeutender gilt. Angeblich ist das den Leipzigern anzumerken. Wie auch immer, bestätigt und selbst erlebt ist jedenfalls ihr Erstaunen darüber, dass auch Händel schöne Musik geschrieben hat, wenn sie sich während des Bachfestes einmal herablassen, etwas vom Konkurrenten aus Halle anzuhören.

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Es war mein dritter Besuch in dieser sympathischen Stadt und wohl kaum der letzte, steht doch der nächste Termin sozusagen vor der Tür: Die Wiederaufnahme von Händels Berenice, einer hochgelobten Produktion aus der letzten Spielzeit. Am Samstag, 20. Oktober ist das Stück im Opernhaus wieder zu sehen. Und dann, in der neuen Saison, nochmal Händel: Julius Cäsar in Ägypten, genau so, in deutsch. Für die musikalische Leitung ist Michael Hofstetter verantwortlich, für die Inszenierung Kultregisseur Peter Konwitschny. Das verspricht Zündstoff, und so überrascht die Ankündigung des Opernhauses nicht, man habe es sich “zur Aufgabe gemacht, die charakterlich vielschichtigen Figuren auszuleuchten und dem Publikum diese schrägen Typen in all ihrer archaischen Sinnlichkeit und modernen Frechheit, in ihrem wahnwitzigen Egoismus und ihrer schier grenzenlosen Leidensfähigkeit nahezubringen.” Schmunzeln darf man über den Tippfehler auf der Homepage: “In deutscher Spprache”, als wäre es ein ironischer Kommentar des Webmasters, dem sich die Verwerfung des Italienischen zugunsten des vergleichsweise unsanglichen Deutschen nicht erschließt. In der Tat würde man die Gründe für die Entscheidung, das Stück in der Übersetzung aufzuführen, gern erfahren. Am 31. Mai 2019, dem Tag der Premiere, sind wir vermutlich schlauer.

5. September 2018

Die Staatsoper Unter den Linden hat in diesem und im nächsten Monat insgesamt fünf Vorstellungen von Webers Freischütz im Programm. Die Verlockung ist groß, wenigstens eine davon anzuschauen. Marc Minkowski, einer der renommiertesten Dirigenten für das Musiktheater, hat die musikalische Leitung – das allein wäre Grund genug für einen Opernbesuch. Minkowski, ursprünglich Barockspezialist, wird sicher ein sehr eigenes Klangideal verfolgen, worauf man durchaus neugierig sein darf. Darüber hinaus lassen die Berliner das Stück ohne Pause spielen, was die Aufführung dramatisch dichter, stringenter und letztlich packender machen dürfte. Und es singen u. a. Anna Prohaska, Peter Sonn und Falk Struckmann – alles weitere Gründe für eine kleine Opernreise. Und Berlin selbst ist ja schon Grund genug …

3. September 2018

Stratford, The tide rushing in, Holywell Bay

Noch bis zum 13. September zeigt die Beside The Wave Gallery (Falmouth, Cornwall) unter dem Titel “Out of the Mist” Bilder von Alan Stratford. Die beeindruckenden Exponate zeigen ausschließlich cornische Küsten- und Meeresimpressionen. Wer halbwegs in der Nähe ist, geht einfach hin. Wer weiter weg ist, bucht Flieger oder Fähre.

2. September 2018

Erotik verhält sich zur Sexualität wie Gewinn zu Verlust.
Karl Kraus (1874 – 1936)

Mit dieser hübschen Sentenz wirbt Zweitausendeins jetzt für seine Aktion mit 25 % Sonderrabatt auf Erotik-DVDs im Onlineversand (solange der Vorrat reicht und nur bis einschließlich 03.09.2018). Unter den ausgewählten Titeln sind neben cineastischen Bagatellen auch sehr sehenswerte Filme, darunter “Belle de Jour”, “Dieses obskure Objekt der Begierde”, “Romance”, “Jung und schön” und einige andere. Unanständig sieht anders aus, meint Zweitausendeins und hat natürlich vollkommen recht.

30. August 2018

Wettermäßig wird es heute durchwachsen, heißt es in den Nachrichten von hr-info. Wettermäßig, aha. Launemäßig hat das keinen Enfluss, wir kommen trotzdem duschmäßig in Gang und frühstücken müslimäßig. Staumäßig kommen wir gut durch den Verkehr, arbeitsmäßig ist alles wie immer. Freizeitmäßig freuen wir uns auf den Feierabend und halten uns vielleicht, wenn es himmelmäßig klappen sollte, sogar biergartenmäßig im Freien auf. Irgendwann gehen wir müdemäßig zu Bett. Lingua quo vadis?

29. August 2018

Der Zukunftsforscher Horst Opaschowski hat sich Gedanken über den Fortbestand der Bayreuther Festspiele gemacht, da nach seiner Beobachtung ein jüngeres Publikum so gut wie nicht angesprochen wird. “Grauköpfe prägen das Erscheinungsbild”, stellt er fest. “Bayreuth droht, Nischenmarkt für Minderheiten zu werden.” Eine Oper müsste live am Handy mitverfolgt werden können, meint Opaschowski, so seien die jungen Leute heute gepolt. Und über das “elitäre Gehabe”, wo die Tickets mehrere Hundert Euro kosten und ein kleines Wasser fünf, sei die Zeit hinweg gegangen. “Die Hoch- und Promikultur muss vom Sockel gestoßen werden”, fordert der Zukunftsexperte, “in Bayreuth fehlt die Brücke zur Breitenkultur. Man muss neu über diese Kulturveranstaltung nachdenken, ohne dass es zu einer McDonaldisierung der Kultur kommt.”

27. August 2018

“Warum ist die Kuh grün, und warum fliegt das Pferd in den Himmel”, fragten die Genossen. “Was hat das mit Marx und Lenin zu tun?”

An diese Fragen erinnert sich Marc Chagall (1887 – 1985) in seinen schriftlich festgehaltenen Eindrücken der ersten Lebensabschnitte bis 1922. Wenn wir für einen Moment die letzte Frage beiseite lassen, wenn wir also nicht darüber sinnieren wollen, was Politik von Kunst erwartet oder verlangt, bleibt für Kunst- und Kulturpädagogen immer noch ein beinahe nicht zu bestellendes Feld übrig. Es will aufwändig beackert werden, gegen Wahrnehmungs-, Gewohnheits- und Fantasieblockaden, damit vielleicht auf ihm eines Tages ein paar Früchte geerntet werden können. Es ist ein unsicherer Wechsel auf die Zukunft, und nicht selten hat er mehr mit Glauben zu tun als mit Verstehen oder Empfinden. Warum ist die Kuh grün, und warum fliegt das Pferd in den Himmel? Damit du darüber nachdenkst, mein Kind, und damit dir vielleicht noch weitere Fragen kommen.

“Gott, die Perspektive, die Farbe, die Bibel, Form und Linien, Traditionen und das, was man ‚das Menschliche‘ nennt – Liebe, Geborgenheit, Familie, Schule, Erziehung, […] all das ist aus den Fugen gegangen. Vielleicht war auch ich mitunter von Zweifeln besessen, und dann malte ich eine umgestülpte Welt, ich trennte die Köpfe meiner Figuren ab, zerlegte sie in Stücke und ließ sie irgendwo im Raum meiner Bilder schweben.“

24. August 2018

Richard Tuff, Pandora from the Beach

Richard Tuff, Pandora from the Beach

22. August 2018

“Die Wahrheit ist nicht die Wahrheit”, antwortete Rudy Giuliani, Anwalt von Donald Trump, in einem Fernseh-interview auf die Frage, warum sein Mandant nicht einfach die Wahrheit sagen könne. Hätte Giuliani gesagt, dass die Wahrheit mehr ist als die Summe der Fakten, würden wir es vielleicht verstehen, denn wir wissen ja auch, dass ein gutes Essen mehr ist als das Zusammenfügen von Zutaten, oder dass Musik mehr ist als die Summe der Töne. “Die Wirklichkeit sieht anders aus als die Realität”, befand einst Helmut Kohl. Und Pontius Pilatus, ebenfalls ein erfolgreicher Politiker, stellte seinerzeit die Frage: “Was ist Wahrheit?” Now, Mr. Giuliani, politics and philosophy are not for everyone.

19. August 2018

Heute bin ich bis 16.00 Uhr 005

Dieser Hinweis im Schaufenster eines Geschäftes in der Wetzlarer Altstadt erinnert mich an den Film König der Fischer, in dem Robin Williams mehrfach sagt “Finde heraus, wer du bist, und versuche es zu sein”. Hier weiß jemand, dass er ist, und zwar bis 16.00 Uhr. Über die Zeit danach wird keine Auskunft gegeben – wie klug!

17. August 2018

Ab September/Oktober beginnen in der Wetzlarer Musikschule wieder neue Kurse in der Musikalischen Erwachsenenbildung. Anmeldungen per E-Mail, Fax oder direkt im Sekretariat der Musikschule (Schillerplatz 8, 35578 Wetzlar, Tel. 06441-42669).

montags, 19.30 – 21.00 Uhr
Ballettmusik
Beginn: 3. September 2018

Der Kurs gibt einen musikgeschichtlichen Überblick über die Entstehung von Ballettmusiken im heutigen Sinn. Besprochen werden Werke unterschiedlicher Epochen, von den französischen Barockopern über literarische Ballette bis hin zu abendfüllenden Musiken aus Romantik, Impressionismus und früher Neuzeit. Die Teilnehmenden lernen Werke berühmter Komponisten kennen wie Lully, Adam, Delibes, Tschaikowsky, de Falla, Prokofjew und Strawinsky. Mit zahlreichen Beispielen von DVD, CD und live am Klavier.

dienstags, 10.30 – 12.00 Uhr
Musica Sacra
Beginn: 4. September 2018

Eine musikalische Reise durch die Epochen Renaissance, Barock, Klassik, Romantik und Moderne mit geistlichen Werken unterschiedlicher Besetzungen. Die Teilnehmenden erfahren dabei Wissenswertes über Oratorien, Passionen, Requien, Kantaten, Motetten und andere musikalische Gattungen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der eingehenden Betrachtung des Wort-Ton-Verhältnisses, unterschiedlicher Techniken und musikalischer Ausdrucksmittel der jeweiligen Epoche. Mit zahlreichen Beispielen von DVD, CD und live am Klavier.

mittwochs, 19.30 – 21.00 Uhr
Die Oper im 20. Jahrhundert
Beginn: 5. September 2018

Die Oper ist ein Kaleidoskop menschlicher Leidenschaften, komisch wie tragisch, meistens auf Liebe und Tod. Zum Inhalt des Kurses gehören Erläuterungen zu musikdramatischen Konzeptionen, zum Verhältnis von Text und Musik, Erklärungen und Hörhilfen zum Einsatz stilistischer und musikalischer Mittel sowie der Vergleich von Inszenierungen. Im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen Opern von Korngold, Berg, Bartók, Poulenc, Hindemith, Schreker, Krenek und Henze. Der Besuch einer Opernvorstellung – das Werk wird zuvor besprochen –  ist optionaler Bestandteil des Kurses.

donnerstags, 10.30 – 12.00 Uhr
Wiener Klassik
Beginn: 6. September 2018

Der Kurs beschäftigt sich mit den Hauptwerken von Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven. Besprochen werden Opern, Sinfonien, Kammermusiken und diverse geistliche Kompositionen. Im Zentrum der Betrachtung stehen die verschiedenen Stilmerkmale der Epoche insgesamt, dazu die individuellen Unterschiede bei der Wahl der musikalischen Ausdrucksmittel aller drei Komponisten.

donnerstags, 18.00 – 19.30 Uhr
Wann darf ich klatschen? – Grundwissen Musik
Beginn: 18. Oktober 2018

Zum Inhalt gehören die gebräuchlichsten musiktheoretischen Grundbegriffe, die wichtigsten musikalischen Epochen und ihre berühmtesten Komponisten, Aufbau und Struktur einzelner Kompositionen, musikalische Stilmittel, Satztechniken und eine Übersicht über musikalische Formen und Gattungen. Darüber hinaus streift der Kurs Aspekte des aktuellen Musiklebens. Außer Neugier und Interesse sind keine weiteren Voraussetzungen nötig.

Teilnahmegebühr pro Kurs: € 35,00 monatlich

15. August 2018

Auf den heutigen Abendkurs freue ich mich besonders, denn mit Korngolds Oper Die tote Stadt steht eines der aufregendsten Stücke des 20. Jahrhunderts auf dem Programm. Ein packendes Psychogramm von Liebe, Leidenschaft und Trauer, ein Kaleidoskop menschlicher Sehnsüchte, Obsessionen und Schimären, mit glutvollen Orchesterklängen und betörenden Melodien. Ich hatte zu Anfang des Jahres das Glück, in der Dresdener Semperoper einer hochklassigen Aufführung dieses Meisterwerks beiwohnen zu dürfen. Die tote Stadt ist eine Oper, die nicht nur den Akteuren alles abverlangt – auf, unter, neben und hinter der Bühne. Auch denen vor der Bühne, will heißen: dem Publikum. Wer sich zurücklehnen und schöne Unterhaltung serviert bekommen möchte, sollte nicht Die tote Stadt wählen. Für leichte Genüsse gibt es andere Stücke.

12. August 2018

Unser Leben ist viel schwerer als das unserer Vorfahren, weil wir uns so viele Dinge anschaffen müssen, die uns das Leben erleichtern.
Gabriel Laub (1928 – 1998)

10. August 2018

Heute Morgen musste ich an Herbert Wehner (1906 – 1990) denken, der politische Widersacher aus dem rechtskonservativen Spektrum schon mal als “patentierte Christen” oder “Zwangsdemokraten” bezeichnete. In den Hörfunknachrichten lief ein Beitrag über Kindergeldzahlungen, die vermehrt ins Ausland gehen bzw. an Empfänger, deren Kinder im Ausland leben, vorrangig in Rumänien, Bulgarien, Tschechien und Polen. In diesem Zusammenhang wurde die Forderung eines CDU-Politikers wiedergegeben, der eine Anpassung des Kindergeldes an die Lebenshaltungskosten in den jeweiligen Ländern gefordert hatte.

Herbert Wehner hätte vermutlich zunächst darauf erwidert, dass gegen Betrug in konkreten Fällen natürlich vorgegangen werden muss, z. B. wenn aufgrund von gefälschten Geburtsurkunden für Kinder gezahlt wird, die es gar nicht gibt. Doch dann hätte er wahrscheinlich seine oben zitierten Titulierungen bemüht und darauf hingewiesen, dass erstens die meisten ausländischen Arbeitnehmer/-innen in Deutschland sozialversicherungs-
pflichtig beschäftigt sind und auch hier einzahlen, und dass zweitens die finanzielle Größenordnung der beschriebenen Leistungen gegenüber dem Gesamtaufkommen aller Kindergeldzahlungen verschwindend gering ist. Er hätte wohl weiter betont, dass der Verwaltungsaufwand enorm wäre, abgesehen davon, dass eine Regelung nach dem Prinzip “für Rumänen weniger, für Schweden mehr” gesetzgeberisch problematisch wäre. Und, last but not least, was ist mit den Rentnerinnen und Rentnern, die sich wegen ihrer geringen Bezüge ein Leben in Deutschland nicht mehr leisten können und nach Osteuropa oder Asien ausgewandert sind? Müssen diese Menschen – wo wir schon mal dabei sind – künftig Rentenkürzungen befürchten, da sie ja jetzt mit viel weniger Geld auskommen können? Auf welche Ideen kommt der Mensch? Ist es vielleicht doch die Hitze?

7. August 2018

Mission Impossible VI

Ethan Hunt ist immer noch in Topform, was er in Mission Impossible – Fallout, dem nunmehr sechsten Teil der Reihe, über 148 Minuten eindrucksvoll unter Beweis stellt. Das ist auch bitter nötig, denn wieder einmal ist die Welt in Gefahr, diesmal wegen gestohlenen Plutoniums, welches den Bösewichten unbedingt wieder abgenommen werden muss. Hitchcock prägte das Wort vom MacGuffin: Mehr oder weniger beliebige Objekte oder Personen dienen in einem Film dazu, die Handlung auszulösen oder voranzutreiben, sind dabei aber selbst von keinem besonderen Nutzen. Diesmal also Plutonium, uns soll’s recht sein. Gut gegen Böse, das reicht, und die Guten gewinnen. Inklusive sämtlicher Verfolgungsjagden, Schlägereien, Explosionen etc., die man irgendwie kennt, vielleicht nicht in dieser Länge und Perfektion.

Doch entscheidend für den Erfolg sind die Darsteller, die sozusagen zur Familie gehören, und die wir beinahe augenzwinkernd begrüßen möchten, sobald sie auf der Leinwand erscheinen. Zuallererst natürlich Tom Cruise, der auf die Sechzig zugeht und, wie es in einem Dialog heißt, immer noch “ganz der Alte” ist. Sodann der maskulin-attraktive Alec Baldwin als neuer IMF-Chef und selbstverständlich Cruises, nein Hunts langjährige Teamkollegen und Weggefährten, Benji Dunn (Simon Pegg) und Luther Stickell (Ving Rhames). Und natürlich der Hauptgrund für den ganzen Kinobesuch – die aphrodisische Rebecca Ferguson in der Rolle der Ilsa Faust! Leider kann man im Kino nicht auf Standbild schalten, da muss man schon warten, bis DVD oder Blu-ray auf den Markt kommen. Ein zusätzliches Schmankerl haben sich die Macher aber dann doch noch einfallen lassen: Michelle Monaghan (Julia, Hunts Ehefrau) ist wieder dabei und hat gegen die semi-erotische Beziehung ihres Mannes zu Ilsa nichts einzuwenden, schließlich ist sie selbst wieder liiert, jedenfalls sagt sie das. Und, zu Ethan: “Ich habe meinen Platz gefunden. Und du doch auch.” Herrlich, so alles zusammen. Für € 13,50 guckt man das glatt nochmal. In 3-D. Oder in Wetzlar.

5. August 2018

Kaffeehaus

Du hast Sorgen, sei es diese, sei es jene – – – ins Kaffeehaus!
Sie kann, aus irgendeinem, wenn auch noch so plausiblen Grunde, nicht zu dir kommen – – – ins Kaffeehaus!
Du hast zerrissene Stiefel – – – Kaffeehaus!
Du hast 400 Kronen Gehalt und gibst 500 aus – – – Kaffeehaus!
Du bist korrekt sparsam und gönnst Dir nichts – – – Kaffeehaus!
Du bist Beamter und wärst gern Arzt geworden – – – Kaffeehaus!
Du findest keine, die Dir passt – – – Kaffeehaus!
Du stehst innerlich vor dem Selbstmord – – – Kaffeehaus!
Du hasst und verachtest die Menschen und kannst sie dennoch nicht missen – – – Kaffeehaus!
Man kreditiert Dir nirgends mehr – – – Kaffeehaus!
Peter Altenberg, in “Vita Ipsa” (Berlin 1918)

3. August 2018

Badeschiff 08-2018

Wer zum Eintritt nicht Schlangestehen und anschließend über Leiber und Handtücher steigen mag, um dann vor dem Pool nochmals in der Warteschleife auszuharren, der sollte wenigstens mal zum Gucken hinfahren: Die in Alt-Treptow vor Anker liegende “schwimmende Badeanstalt”, Kultstätte in der Tradition alter Flussschwimmbäder, das Badeschiff. Mit Sandstrand, Beach-Bar etc. und vor allem einem fantastischen Panoramablick über die Spree, die Oberbaumbrücke und den Fernsehturm. Tagesticket 5,50 €, ermäßigt 3,00 €, Kinder ab 6 – 12 Jahre 2,00 €.

2. August 2018

Es bleibt heiß, und die Zahl der öffentlichen Bäder geht zurück. Immer mehr Kommunen können sich den Betrieb nicht mehr leisten. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 175 Schwimmbäder geschlossen, davon 62 Freibäder. So bilden sich vielerorts Vereine und Initiativen zur Erhaltung der Bäder, doch die Kosten für qualifiziertes Sicherheitspersonal, für die regelmäßige Wartung der Anlagen sowie für Energie bleiben dieselben. Für Hallenbäder gibt es öffentliche Fördertöpfe, für Freibäder nicht. Ein Zusammenwirken von Bund, Ländern und Kommunen wäre vonnöten, um die Gemeinden mit den Kosten nicht alleine zu lassen und somit Schließungen zu vermeiden. Denn Freibäder sind nicht allein Freizeitstätten, wo es unwiderstehlich nach Sonnencreme, Chlor und Pommes frites riecht, sondern sie sind soziale Treffpunkte, auch und gerade in Zeiten von immer weniger Jugendzentren. Darüber hinaus sind sie Orte für Sport und Kultur, nicht zuletzt für Schwimmunterricht, sportliche Betätigungen und Wettkämpfe. Der Betrieb von Freibädern müsste kommunale Pflichtaufgabe sein, mit entsprechender finanzieller Ausstattung! Apropos kommunale Pflichtaufgabe: Von Bibliotheken und Musikschulen sprechen wir heute mal nicht, obwohl die sogar ganzjährig geöffnet haben und nicht nur, wenn die Sonne scheint.

31. Juli 2018

Vor Beginn meiner dreiwöchigen Expedition in und durch Berlin hatte ich gedacht, ein paar Ausflüge zu machen, beispielsweise zum Wannsee, nach Köpenick oder auch nach Potsdam. Am Ende war ich weder hier noch da noch dort, sondern habe die meiste Zeit in Friedenau, Charlottenburg, Schöneberg, Kreuzberg und im Prenzlauer Berg verbracht. Auch Tagestouren in den Spandauer Forst, zum Schlachtensee und nach Treptow standen auf dem “Programm”, das eigentlich keines war und welches ich auch nicht wirklich hatte. Die Stadt auf mich zukommen lassen und einfach mal sehen, wohin sie mich führt – das war das Ziel. Eine Mischung aus Entdecken und Entspannen, aus Erkunden und Erholen. Und genauso war’s.

Ich war in zwei Theateraufführungen: Im weißen Rössl im Renaissancetheater – konsequent klamaukig und herrlich selbstironisch! Und – ein völliger Kontrast – Die Gezeichneten von Franz Schreker in der Komischen Oper, ein abgründiger Psychothriller zum Thema Sex and Crime in einer packenden Inszenierung von Skandalregisseur Calixto Bieito. Ich habe die Gräber von Giacomo Meyerbeer, Ferruccio Busoni, Marlene Dietrich und Helmut Newton besucht und war in zwei Museen, dem Deutschen Spionagemuseum und dem Deutschen Historischen Museum. Nach zehn Tagen hatte ich das Gefühl, die Schlagzahl reduzieren zu müssen. Berlin verführt leicht zu ständiger Aktivität, insofern waren dann Antiquariate und Cafés bevorzugte Ziele. So habe ich zehn (!) antiquarische Bücher gekauft und davon gleich drei gelesen. Der niederländische Autor Arnon Grünberg hat mich mit seinem Roman Der Mann, der nie krank war dabei besonders beeindruckt.

Berlin Sommer 2018 115

Ein Höhepunkt sämtlicher Entdeckungen war die Meierei (Prenzlauer Berg, Kollwitzstraße 42). Seit elf Jahren wird hier alpenländische Küche angeboten, und das in herausragender Qualität. Der warme Bio-Hirsebrei mit gekochtem Obst und Himbeersahne ist sensationell! Die Speisekarte enthält natürlich sehr viel mehr, wie z. B. Brot-, Käse-, Wurst- und Fleischgerichte, Suppen, Salate, Kuchen und verschiedene Kaffeespezialitäten. Sandra Hirsch und Hubert Roth führen mit ihrem sympathischen Team hier engagiert und kreativ eine kulinarische Top-Adresse. Dem Satz, wonach eine ausgewogene Diät aus einem Kuchen in jeder Hand besteht, glaubt man hier sofort. Chapeau!

Berlin Sommer 2018 111

So ergaben sich verschiedene Stationen, die ich mehrfach aufgesucht habe, sei es für einen Kaffee, ein kühles Bier oder ein Abendessen. Manche Adressen kannte ich schon, wie das Doldenmädel am Mehringdamm oder die Kastanie in Charlottenburg. Nach langen Spaziergängen im Lietzenseepark oder am Landwehrkanal (Paul-Lincke-Ufer) sitzt man hier besonders schön und genießt ein Pale Ale oder ein Berliner Kindl. Man kann auch ausgestreckt am Spreeufer liegen und vorbeifahrende Schiffe zählen. Muss man aber nicht.

Pause bis zum 29. Juli 2018

Berlin-Kampagne
mit freundlicher Genehmigung von
Zum Goldenen Hirschen
Berlin GmbH

Die Berliner sind unfreundlich und rücksichtslos, ruppig und rechthaberisch, Berlin ist abstoßend, laut, dreckig und grau, Baustellen und verstopfte Straßen, wo man geht und steht – aber mir tun alle Menschen leid, die nicht hier leben können!
Anneliese Bödecker (1932 – 2015)

21. Juni 2018

So steht’s bei op-online: Wie in den vorausgegangenen Jahren lädt die Rumpenheimer Kantorei zu einer sommerlichen „Nacht der Musen“ in den Schlosspark Rumpenheim ein. Am kommenden Samstag (23. Juni) werden in der Schlosskirche ab 22 Uhr Lieder, Musik und Texte unter dem von den Beatles entlehnten Motto “All you need is love” zu Gehör gebracht. Das vielseitige Programm berücksichtigt verschiedene Genres, wie z. B. den Pop (All you need is love, Beatles), die Klassik (Hochzeitsmarsch, F. Mendelssohn-Bartholdy), das Volkslied (Du, du liegst mir im Herzen) und weitere Beiträge.

Die durch Teilnehmer der gerade zu Ende gegangenen 5. Rumpenheimer Singwoche ergänzte Rumpenheimer Kantorei hat hierzu verschiedene weitere Mitwirkende eingeladen, so z. B. die Pfarrerin und Sopranistin Amina Bruch-Cincar, den Kirchenchor St. Sebastian Dietesheim, die von Ulrike Fausel geleiteten Gustav-Adolf-Gospel-Singers und weitere hochwertige Überraschungsgäste. Moderiert wird der Abend von Harriet Lyre. Die musikalische Gesamtleitung hat Tobias Prautsch. Vor der Veranstaltung gibt es ab 21 Uhr kulinarische Köstlichkeiten im Schlosspark vor der Kirche, im Anschluss eine Feuershow.

Ich bin einer der “hochwertigen Überraschungsgäste” und spreche über die Entstehung des Finales zu Haydns Sinfonie Nr. 45 fis-Moll, der sogenannten Abschiedssinfonie, und die dazu überlieferten Anekdoten.

19. Juni 2018

Es gibt nicht viel Neues. Die Ferien nahen, das ist gut. Noch ein Klassenvorspiel morgen, bei dem ich Geigenschüler am Klavier begleite, dann die Kurse am Donnerstag, Freitag Büroarbeit. Am Samstagabend bin ich in Offenbach zu Gast bei der “Nacht der Musen” in der Evangelischen Kirche in der Schlossgartenstraße. Thema des Abends ist “All you need is love”, ich spreche über die Entstehung des Finales von Haydns Abschiedssinfonie. Beginn ist um 22.00 Uhr. Es gibt eine Menge Chormusik, auch Solistisches. Mein Beitrag, so ist es gewünscht, soll zum Nachdenken und Schmunzeln anregen. Mal sehen.

Was hilft? Wegfahren, abschalten. Apropos: Ich bin zu sehr am Fußballsport interessiert, um gänzlich auf die WM zu verzichten. Doch während der Übertragungen schalte ich fast immer auf lautlos. Nie hätte ich gedacht, dass ich mich einmal nach Rudi Michel und Rolf Kramer zurücksehnen würde. Selige Zeiten! Ich überlege, ob ich mir nicht alte Kommentare beschaffe und zu aktuellen Spielen laufen lasse. Ob wirklich ein Tor fällt oder nicht, sehe ich ja. Oder ich spiele nur die Geräusche einer Stadionkulisse ein, mit frei wählbaren Optionen, das geht vielleicht auch. Wenn ein Tor fällt, klicke ich auf “Jubel”.

Es gibt mittlere Reife, Hochschulreife und Urlaubsreife. Ich habe sechs Punkte beim Wissenstest des Tages auf ZEIT online (war heute nicht so schwer) und muss am Wochenende den Rasen mähen. Mein Salat mit Datteltomaten, schwarzen Oliven, Schafskäse und Garnelen (alles mit Olivenöl beträufeln und mit frisch gemahlenem Pfeffer servieren) bleibt auf dem Speiseplan. Und ich bin wieder auf dem Stepper, nach längerer Pause. “No sports” ist ganz witzig, aber ich bin nicht Churchill, gottseidank.

17. Juni 2018

Die für September vorgesehene Studienreise nach St. Petersburg wird auf April 2019 verschoben. Nachdem der Spielplan des Mariinski-Theaters nun veröffentlicht ist, zeigt dieser kein hinreichend attraktives Programm für September 2018, so dass wir uns zu einer Verschiebung entschlossen haben. Am 11. April 2019 läuft Eugen Onegin von Peter Tschaikowsky im Hauptsaal des Theaters. Wir bemühen uns um Karten und sind zuversichtlich, dass wir ein entsprechendes Kontingent reservieren können. Nähere Informationen zu den genauen Reisedaten, Preisen etc. gibt es ab Herbst 2018 hier oder im Sekretariat der Wetzlarer Musikschule.

15. Juni 2018

Bis zu diesem Tag hat noch niemand gesehen, dass die Zugvögel ihren Weg nehmen nach wärmeren Gegenden, die es gar nicht gäbe, oder dass sich die Flüsse ihren Lauf durch die Felsen und Ebenen bahnen und einem Meer entgegenströmen, das gar nicht vorhanden wäre. Gott hat gewiss keine Sehnsucht oder Hoffnung erschaffen, ohne auch die Wirklichkeit zur Hand zu haben, die als Erfüllung dazugehört.
Karen Blixen (1885 – 1962)

13. Juni 2018

Alles, was die Welt uns schenket,
Nimmt die Welt, wenn wir vergehn:
Liebe nur bleibt ewig stehn,
Lieb’ ist, die kein Sterben kränket,
Liebe bricht durch Grab und Tod,
Liebe tritt mit uns vor Gott.
Andreas Gryphius (1616 – 1664)

Günter

Lieber Günter, nach dem Tode wird es so sein wie vor der Geburt, hast du einmal gesagt. Ich hoffe trotzdem entgegen deiner Erwartung, dass wir uns eines Tages wiedersehen. Wo immer du jetzt bist: Gute Reise und danke für alles! Dein Thomas

11. Juni 2018

Warum nimmt jemand an einer Studienreise nach Leipzig mit einem Konzert im Gewandhaus teil? Will man gerne in Leipzig sein und geht bei der Gelegenheit auch ins Konzert, oder will man in erster Linie ins Gewandhaus und freut sich nebenher über eine attraktive Stadt? Das entscheidet wohl jeder selbst, Veranstalter sollten hier auf diverse Spielarten und Prioritäten vorbereitet sein. Auch dass ein Konzert der absoluten Spitzenklasse (Mitglieder des Gewandhausorchesters, Leitung Emmanuelle Haïm) eher beiläufig besucht und so gut wie kommentarlos konsumiert wird, ist nicht auszuschließen. Dass das gebuchte Hotel ein paar Kilometer außerhalb des Stadtzentrums liegt und somit nicht eingeplante Unbequemlichkeiten mit sich bringt, lässt sich da viel erschöpfender diskutieren. Und doch das Positive: Burschikose Stadtführerinnen punkten mit sächsischem Pseudowitz (kein Stadtteil!). Deren persönliche Abneigung gegen “moderne” Musik, die von Alban Berg zum Beispiel, wird ohne weiteres verziehen, schräge Musik ist ja auch schwierig. Am Ende der Reise steht ein Besuch im Händelhaus in Halle. Da dauert die Führung nur eine Stunde, das lässt sich aushalten. Eine schöne Studienreise, so alles in allem. Oder sagen wir besser Städtetour.

6. Juni 2018

Morgen geht es für vier Tage nach Leipzig. Ich leite eine Reise der Wetzlarer Musikschule mit Unterkunft im Hotel Tryp by Wyndham Leipzig North****, einer halbtägigen Stadtrundfahrt am 8. Juni, dem Besuch eines Konzertes im Gewandhaus mit Werken von Händel (Gewandhausorchester unter Leitung von Emmanuelle Haïm) am 9. Juni und einem Besuch im Händelhaus Halle mit Führung am 10. Juni. Einen Bericht gibt es hier am kommenden Montag.

5. Juni 2018

Es waren zwei sehr angenehme Tage in Metz, mit guten Gesprächen, schönen Cafés und Restaurants, Spaziergängen an der Mosel und einer sehr guten Aufführung in der Oper. Metz ist in vielerlei Hinsicht eine Reise wert – angefangen von der imposanten Kathedrale über Museen und Kulturstätten bis hin zu attraktiven Freizeitangeboten und ausgezeichneter Gastronomie.

Metz Oper

Die Oper wurde 1732 erbaut und ist das älteste Theater Frankreichs, das noch in Funktion ist. Der Charme des historischen Gebäudes ist außerordentlich, der Besuch ein Erlebnis. Die Aufführung von Saint-Saëns’ Samson et Dalila ist vor allem musikalisch stark, die harmlose Inszenierung dagegen ist schnell vergessen, ebenso die etwas fantasielose und wenig aufregende Ausstattung. Das souveräne Dirigat von Jacques Mercier aber, die intensiven, glutvollen Orchesterklänge bleiben in Erinnerung. Mercier trifft den oratorisch-dramatischen Ton der Partitur jederzeit und führt die Bühnenakteure glänzend durch Arien, Ensembles und Chöre. Bravo!

Samson et Dalila

Souvenirs und Mitbringsel sind diesmal lothringische Weine, Mirabellen-Konfitüre und individuell gefertigte Porzellanschalen in atemberaubendem nachtblau.

31. Mai 2018

Auf dem Weg nach Metz, wo ich in der dortigen Oper Samson et Dalila von Camille Saint-Saëns erleben werde. Ich habe das Stück noch nie auf der Bühne gesehen, entsprechend gespannt bin ich.

Es ist eine etwas unruhige, aber auch schöne Zeit. Ich komme gerade aus Antwerpen, wo ich gerne länger geblieben wäre. Jetzt also Metz, wo es mir sicher ebenso gefallen wird, und in der nächsten Woche dann vier Tage Leipzig mit einem Konzert im Gewandhaus. Es folgen zwei Wochen Schule, dann beginnen die Ferien. Ich fahre nach Berlin, für herrliche drei Wochen. Natürlich geht auch da nichts ohne die Oper. Es warten Die Gezeichneten von Franz Schreker. Danach gehen die Opernhäuser endgültig in die Sommerpause, und ich auch.

29. Mai 2018

Zurück aus Antwerpen, wo ich in der Vlaamse Opera zusammen mit einem Freund eine schöne Aufführung von Mozarts La clemenza di Tito gesehen habe. Zwar ist die Inszenierung von Michael Hampe unauffällig und sehr artig, doch die Musik gleicht viele Belanglosigkeiten mühelos aus. Stefano Montanari ist allerdings ein Dirigent, an dem sich die Geister durchaus scheiden können. Schon sein Äußeres ist unkonventionell, ja provokant: Kahlgeschoren und beohrringt, Kapuzenshirt, Lederhose, Stiefel. Ebenso sportlich ist sein Tempo in der Ouvertüre, genau wie in manchen Arien und Chören. Nein, seien wir ehrlich: Die Tempi sind zuweilen abenteuerlich überzogen, so dass rhythmische Feinheiten nicht mehr wahrnehmbar sind. Das ist schade, denn der Maestro hat fraglos das Zeug zu sensiblem Musizieren, was er an anderen Stellen eindrucksvoll zeigt.

Lothar Odinius (Tito) ist leider kein Mozart-Sänger. Er hat ein paar schöne Passagen, ja, doch ihm fehlt die Leichtigkeit. Die Koloraturen sind unscharf, in der Höhe singt er mit zuviel Kompression. Ganz anders die Frauen: Agneta Eichenholz (Vitellia), Cecilia Molinari (Annio) und Anat Edri (Servilia) überzeugen mit Ausstrahlung und sängerischem Glanz. Anna Goryachova (Sesto) ist eine Mezzosopranistin der Sonderklasse. Ihre Stimme ist flexibel und trifft jeden Affekt, extrem ausdrucksstark und gestaltungssicher. Die Stimme erinnert ein wenig an die junge Teresa Berganza, ihre Bühnenpräsenz ist außerordentlich.

Im ersten Halbjahr 2019 singt Anna Goryachova in London (Tschaikowsky, Pique Dame), Berlin (Prokofjew, Die Verlobung im Kloster) und Zürich (Bellini, Norma). Schöne Stücke, schöne Städte. Schöne Pläne!

23. Mai 2018

Verstecke sind unzählige, Rettung nur eine, aber Möglichkeiten der Rettung wieder so viele wie Verstecke. Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern.
Franz Kafka (1883 – 1924)

21. Mai 2018

Kassel Staatstheater 077

Gut war’s, doch auch herausfordernd. So einfach ist das nämlich nicht, dass einem etwa zweieinhalb Stunden zwar moderne, aber doch gefällige Musik entgegen käme. Strawinsky schreibt nach wie vor nicht antizipierbar, was allerdings mit der Art der Handlung, der systematisch-chronologischen Schilderung eines sozialen und mentalen Abstiegs, korrespondiert. Die Musik ist zumeist deskriptiv, illustrierend. Sie ist im dritten Akt am stärksten, beim finalen Kartenspiel zwischen Rakewell und Shadow. Die Inszenierung von Paul Esterházy lässt die eigentliche Handlung hinter einem Gazevorhang spielen – nur zur Artikulation ihrer Affekte treten die einzelnen Darsteller hervor. Das ist plausibel, hält aber das Publikum auf Distanz, nicht nur visuell. Ein handwerklich und musikalisch gut gemachtes Stück, das mehr intellektuell als emotional anspricht, dargeboten von überzeugenden Solisten, dem präsenten Chor und einem klanglich ausgewogenen Orchester. Nur ein paar Dutzend Zuschauer hatten sich eingefunden – es lag vielleicht nicht nur am sommerlichen Wetter zu Pfingstsonntag. Der einführende Referent wusste schon vorher, dass man “unter sich” bleiben würde.

20. Mai 2018

Nach dem Mittagessen geht es nach Kassel ins Staatstheater. Strawinskys The Rake’s Progress ist die einzige abendfüllende Oper des Komponisten. Kurt Pahlen bezeichnet sie als “tonales” Werk beinahe ohne Dissonanzen, als “echte Gesangsoper” mit “Rückkehr zur Melodie”. Das mag durchaus richtig sein, doch Strawinsky ist ein Komponist, bei dem man sich nie zu sicher sein sollte – in mehrfacher Hinsicht. Seine Lust, Regeln zu brechen und Hörerwartungen zu enttäuschen, ist legendär. Als Meister der Parodie serviert er der Zuhörerschaft mit Vorliebe ein Menü von vermeintlicher Sicherheit, um dann mit eigenen Gewürzen und Zutaten aufzuwarten. So klingt manches in The Rake’s Progress auf den ersten Blick (auf das erste Hören!) rückwärts gewandt: Belcanto-Entlehnungen bei Rossini und Bellini, Verwendung des Cembalos wie bei Mozart, Da-capo-Arien wie zur Barockzeit. Doch Strawinsky schreibt keine reminiszente Musik zum Selbstzweck. Dadurch, dass er seine Arien und Chöre so klingen lässt, als seien sie Stilkopien von hoher technischer Fertigkeit, erweckt er den Eindruck, dass nicht Menschen, sondern Marionetten auf der Bühne stehen. C’est ça! Schließlich gerät unser Held, Tom Rakewell, immer mehr unter den Einfluss seines mephistophelischen Gegenübers Nick Shadow (!) und agiert zunehmend fremdbestimmt, bis zum Tod im Irrenhaus. Danach folgt die Demaskierung, ohne Perücken und falsche Bärte, gesungen von allen Beteiligten, der Transfer in unsere Zeit. Mal sehen, was das Staatstheater Kassel daraus macht.

19. Mai 2018

Tozer Port Navas

Andrew Tozer, Port Navas

18. Mai 2018

Wen die Götter strafen, dem erfüllen sie seine Wünsche.
Aus der Beschreibung von Händels “Semele” in der Inszenierung von Barrie Kosky an der Komischen Oper Berlin

17. Mai 2018

Die Frau ohne Schatten von Richard Strauss ist so ziemlich das Anspruchsvollste, was wir im Opernkurs bisher gehört und gesehen haben. An dem Stück ist so ziemlich alles schwer: Handlung, Text, Musik. Eine Erzählung von Liebe, Schuld, Erkenntnis und Erlösung, dazu eine harmonisch zuweilen tollkühne, die Grenzen der Tonalität überschreitende Musik. Jeder Laie, der sich dem aussetzt, muss geradezu opernhafte Prüfungen über sich ergehen lassen. Das Schöne ist, dass dieses unbekannte Terrain gleichzeitig fordert und beschenkt. Es ist dabei nicht nötig, orchestrale Klangmixturen oder harmonische Verwegenheiten mit musikalischem Fachvokabular beschreiben zu können. Das Entscheidende sind unsere Antennen, unsere inneren Seismographen, die uns Wünsche und Hoff-
nungen, Intrigen und Verzweiflungen, Abgründe und Sehnsüchte wahrnehmen lassen. Es ist schön, wenn man weiß oder gar hört, dass auf den B-Dur-Sekundakkord mit Sext- und Nonenvorhalt die Obermediante, die Tonikaparallele oder sonst was folgt. Für das, worauf es wirklich ankommt, ist es ganz unwichtig. Wir kennen auch nicht jedes Geheimnis des Kochs, wenn uns sein Essen schmeckt.

15. Mai 2018

18563630 - lifebelt in the ocean

Wer auf hoher See mitten in ein Rudel Haie springt, weil er das Abenteuer sucht, sollte nicht erwarten, dass man ihm Rettungsschwimmer schickt.
Tom Borg

13. Mai 2018

In den Medien kursiert eine neue Geschichte von FDP-Chef Christian Lindner, und zwar die Ausländer-Bäcker-Brötchen-Angst-Geschichte. Hintergrund ist eine von Lindner auf dem FDP-Parteitag vorgetragene Beobachtung, die er wohlgemerkt nicht selbst gemacht hat, sondern einem Bekannten zuschreibt. Danach, so Lindner, bestellt sich einer beim Bäcker “mit gebrochenem Deutsch ein Brötchen” und die Leute in der Schlange wissen nicht, “ob das der hoch qualifizierte Entwickler Künstlicher Intelligenz aus Indien ist oder eigentlich ein sich bei uns illegal aufhaltender, höchstens geduldeter Ausländer”. Diese Unsicherheit, findet Lindner, kann Angst auslösen.

An dieser Geschichte sind mehrere Sachen unklar. Macht sich jemand Gedanken um das Vorstrafenregister der Kunden nur, wenn diese in gebrochenem Deutsch bestellen? Wie wirkt sich der Grad sprachlicher Eloquenz auf das Vorstrafenregister aus? Was ist mit der Angst der in der Schlange stehenden Einheimischen nicht nur in Bäckereien, also wenn z. B. jemand im Baumarkt “mit gebrochenem Deutsch” eine Axt oder Kettensäge kauft? Und wenn ich beim Bäcker in Berlin oder Bayern “Brötchen” kaufen will und für meine Sprache belächelt werde, sind die Einheimischen dann nur amüsiert oder haben die schon Angst?

11. Mai 2018

Die Niederländerin Connie Palmen hat ein Buch geschrieben mit dem Titel Die Sünde der Frau. Über Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patricia Highsmith. Im Fahrwasser aktueller Debatten stellt die Autorin darin eine Reihe von provozierenden Behauptungen (das ist in Ordnung) und wahrheitswidrigen, um nicht zu sagen alternativen Fakten auf (das ist nicht in Ordnung). Eine der Thesen lautet, dass Frauen zerstört werden, wenn sie sich gesellschaftlichen Konventionen verweigern. Und dann: “Niemand konnte Marilyn Monroe von Marilyn Monroe befreien, und deshalb tat sie es selbst.” Diesen Unsinn wollte ich so nicht stehen lassen und habe, obendrein verärgert über die begeisterte Besprechung von Eva Biringer, auf ZEIT ONLINE einen Kommentar veröffentlicht. Dafür habe ich von anderen Leserinnen und Lesern zehn positive Rückmeldungen erhalten. Nachfolgend der Text meines Kommentars.

Marilyn Monroe hatte sich kurz vor ihrem Tod mit Joe DiMaggio, ihrem zweiten Ehemann, wieder ausgesöhnt und Pläne für ein neues, ruhiges Familienleben außerhalb des Filmgeschäftes. Ihr Tod war nach allem, was wir aus seriösen Quellen wissen, weder Selbstmord noch Mord, sondern ein tragischer Unfall, bestenfalls fahrlässige Tötung durch ihren Psychiater. Die hier publikumswirksam verschmolzenen, zum Teil aberwitzigen Thesen des Buches wie auch die hymnische Begeisterung der Rezensentin sind fehl am Platz. Aber reißerische, unhaltbare Behauptungen aufzustellen, sie dazu mit feministischen Anliegen zu verquicken und politisch zu instrumentalisieren, ist natürlich einträglicher als das Studium entsprechender Untersuchungen, Interviews, Biografien, Dokumentationen etc. Das ist BILD-Zeitung für Intellektuelle, mehr nicht.

Pause bis zum 10. Mai 2018

29. April 2018

Deutsches Eck

Die Sonne scheint. Ich schließe ich eine touristische Erlebnislücke und mache zusammen mit meinem Sohn einen Ausflug zum Deutschen Eck nach Koblenz.

27. April 2018

Gestern Abend, Konzertführer Klassik, Teil 2. Es stehen drei Werke auf dem Programm, und alle sorgen für reichlich Gesprächsstoff. Den Anfang macht Pacific 231 von Arthur Honegger und die Frage, ob es sich um programmatische oder – wie von Honegger bezeugt – absolute, mathematisch orientierte Musik handelt. Die Lokomotive ist das eine, jeder hat sie vor seinem geistigen Auge, die Fahrt inklusive. Doch die Frage, was ist Tempo, was ist Metrum, was ist Geschwindigkeit, welche Funktion hat der Rhythmus, das ist das andere. “Wenn Sie nicht vorher gesagt hätten, dass wir eine Eisenbahnfahrt hören, hätte ich das nicht erkannt.”

Danach La Mer von Claude Debussy. “Hier ist viel mehr Wind und Meer als vorher Eisenbahn” lautet ein Kommentar, obwohl das Stück gar kein Meeresrauschen enthält. Debussy bildet den Charakter des Meeres ab, nicht das Meer selbst. Und, wie er einem Zeitgenossen schrieb, entstand das Stück aus Erinnerungen an das Meer, also ohne es real vor Augen zu haben: “Meiner Ansicht nach ist das mehr wert als eine Wirklichkeit, deren Zauber die Fantasie gewöhnlich zu stark belastet.”

Schließlich Tallis. Einstrahlungen für großes Orchester von Peter Ruzicka. Sofort die Frage nach der Schönheit. Da fehlt ja die Harmonie! Was ist daran Kunst? Erste Hilfe kann ich mit einem Blick auf andere Sparten und Gattungen leisten. Wir haben alle ein gutes Buch im Schrank stehen, das nach 1920 geschrieben wurde. Wir haben alle ein Bild an der Wand hängen (oder mögen eins), das nach 1920 gemalt wurde. Wir kennen alle ein Bauwerk, das uns beeindruckt und welches nach 1920 geschaffen wurde. Es ist allein von daher gegen jede Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet in der Musik nach 1920 nichts Gescheites mehr komponiert worden sein soll! Und was soll das heißen, “es ist nicht schön”? Nur weil Dur und Moll fehlen, und weil es keine tradierten Melodie- und Harmoniemuster gibt, handelt es sich deswegen nicht um dekadente Tonkleckserei! Um das zu verstehen, brauchen wir aber keinen Acht-Wochen-Crashkurs, sondern eine mindestens zweijährige Grundausbildung, ähnlich wie in der Musikalischen Früherziehung. Gut, dass wir mal drüber geredet haben.

25. April 2018

3 Tage in Quiberon

Eigentlich geht das nicht – einen Film empfehlen, ohne ihn selbst gesehen zu haben. Und doch lege ich allen am Kino, an Romy Schneider und an einer Hommage an eine der größten Filmikonen Interessierten nachdrücklich ans Herz, 3 Tage in Quiberon anzusehen. Ich selbst sehe den Film erst Anfang Mai, doch allein das Interview mit Marie Bäumer in der FAZ ist derart fulminant, dass jeder einen Kinobesuch in diesem Fall als verpflichtend begreifen sollte.

Bäumer erzählt darin, dass sie sich “ein wenig durch die Sprache angenähert” habe und beschreibt “diese unnachahmliche bourgeoise Wiener Melodie, die Romy Schneider im Französischen wie im Deutschen hatte.” Sie, Bäumer, habe Interviews angeguckt und konnte dort etwas über Schneiders Atmung, ihre Nervosität, ihre ganz bestimmte Attitüde erfahren. Romy Schneider habe “zum Beispiel eine eher männliche Art zu rauchen” gehabt, sie habe “sich immer die Lippen geleckt oder Dinge wiederholt”. Und dann, voller Bewunderung: “Romy Schneider war die physischste Schauspielerin im Kino, die mir untergekommen ist. Sie hatte eine phänomenale Fähigkeit, von null auf zweihundert in eine Spannung und Entspannung zu gehen, was sie sehr sinnlich gemacht hat.“

23. April 2018

Wetzlarer Neue Zeitung, 22. April 2018

Schubert-Vortrag 04-2018

Foto: Franz Ewert

Schubert, der Träumer, Genie ohne Erfolg

VORTRAG  Thomas Sander berichtet bei der Deutsch-Österreichischen Gesellschaft vom Schaffen des Komponisten

Wetzlar. Bereits mit 31 gestorben, hat Komponist Franz Schubert ein vielfältiges Werk hinterlassen. Wer Franz Schubert war, hat Thomas Sander, Leiter der Musikschule Wetzlar, Gästen der Deutsch-Österreichischen Gesellschaft (DÖG) gezeigt. Es ist eine besondere Gabe von Thomas Sander seinem Publikum locker und lehrreich musikalische Sachverhalte näherzubringen. Und natürlich die dazugehörenden Personen. Gut eine Stunde lang reisten mehr als 80 Liebhaber klassischer Musik, darunter Mitglieder, Freunde und Gäste der DÖG Wetzlar mit Sander in die Zeit Schuberts zurück.

Sander, der nach eigenem Bekunden vor 50 Jahren sein erstes Schubertstück, unvergessen ein Ländler in a-Moll, auf dem Klavier spielte, gewährte Einblicke in das unstete und unruhige Leben Schuberts. In seinem Vortrag arbeitete er die Charakteristika des enormen musikalischen Schaffens eines begnadeten Künstlers heraus, der aber zeitlebens nicht von seiner Musik habe leben können. Viele hätten Schuberts musikalisches Talent erkannt, niemand aber habe es vermarktet oder dem Genie zumindest zur Seite gestanden. Zwei eindrucksvolle Konzertmitschnitte ergänzten Sanders Ausführungen zu einem gelungenen Ganzen des Schubert-Abends im Konzertsaal der Musikschule Wetzlar.

Franz Peter Schubert – geboren und gestorben bei Wien – war das 13. von 16 Kindern, von denen nur vier das Erwachsenenalter erreichten. Er war ein unauffälliger, jedoch sehr musikalischer Schüler, der im Alter von elf Jahren in den kaiserlichen Hofchor aufgenommen wird. 1797 wird er geboren – Mozart war zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre tot und Joseph Haydn auf der Höhe seines Schaffens – und wächst in einer Zeit heran, die von großartiger Musik ebenso geprägt ist wie von politischen Umwälzungen wie dem Wiener Kongress.

„Schubert, der Träumer, das Genie ohne Erfolg“ hat ein „gigantisches Werk“ hinterlassen, so Thomas Sander. Er hat sehr viel für Klavier komponiert, ohne aber – wie Mozart oder Schumann – selbst ein Konzertpianist gewesen zu sein. Er hat 15 Bühnenwerke komponiert, Opern, Sinfonien, Messen, geistliche und weltliche Werke, fand aber zu keiner Zeit irgendwo eine feste Anstellung. Und natürlich schrieb er neben alledem über 600 Lieder, die „kleine musikalische Form“, für die Franz Schubert weltbekannt ist. Werke voller Wohlklang und Gefälligkeit, fast immer aber mit leiser Trauer und Melancholie. Er war laut Sander „ein Meister musikalischer Ausdrucksmöglichkeiten mit phänomenalen Gaben“.

In seinem kurzen Leben – Schubert starb 1828 mit nur 31 Jahren – hat er „wie besessen komponiert“, insgesamt 30 000 Stunden, wie man ausgerechnet habe. Und gleichzeitig war Schubert ein melancholischer Mensch. Ein Mann mit vielen Frauenbekanntschaften, aber keiner einzigen festen Bindung, mit reichlich Alkoholkonsum und schweren Krankheiten. Mit 25 Jahren litt er an Syphilis, gestorben ist er an Typhus, ein Jahr nach Beethoven. Schuberts Leben war laut Sander „begleitet von unaufhörlichem Zerfall an Gesundheit, Hoffnung und Erwartung“, ein kurzes Leben, das der Nachwelt aber ein „gigantisches Oeuvre“ hinterlassen hat. (ew)

22. April 2018

Grundschule

Vor gut fünfzig Jahren wurde dieses Foto aufgenommen. Es zeigt mich (sitzend, links) zusammen mit ein paar Mitschülerinnen und Mitschülern. Auf dem Stuhl neben mir sitzt meine Schulfreundin Konni. Ich war damals sehr verliebt in sie und wollte sie heiraten. Hat bis heute nicht geklappt.

20. April 2018

“Ich möchte alle Fragen der Welt in dieser schönen totalen Kunstform, der Oper, durchspielen, um dabei Vorschläge zu machen für das Zusammenleben der Menschen“ , hat Harry Kupfer, einer der bedeutendsten deutschen Opernregisseure, einmal gesagt. In der kommenden Spielzeit inszeniert der 82-jährige Kupfer Händels Poros an der Komischen Oper Berlin, an der er zuletzt vor über fünfzehn Jahren gewirkt hat. Wir dürfen gespannt sein, welche Vorschläge für das menschliche Zusammenleben der Regiestar diesmal parat hat. Das Stück jedenfalls lässt größtmöglichen Raum für Liebe und Leidenschaft, für Verstellung und Verführung. Sollte Kupfer sich treu bleiben, wovon wir ausgehen dürfen, wird er auch diesmal das Handeln der Beteiligten in einen historisch-politischen Zusammenhang stellen, Überraschungen inklusive. Premiere ist am 16. März 2019.

19. April 2018

“Hauptsache Finale” – so der Kommentar von Frankfurts Trainer Kovac gestern Abend nach Spielschluss auf Schalke. Seine Eintracht hatte 1:0 gewonnen – glücklich und mit tatkräftiger Mithilfe des Schiedsrichters, der ein reguläres Tor der Schalker in der Nachspielzeit nicht anerkannt hatte. Kovac hatte nicht die Größe zu sagen, dass die Partie in die Verlängerung hätte gehen müssen, in der sich die Schalker – zu dem Zeitpunkt mit einem Spieler mehr auf dem Feld – vermutlich durchgesetzt hätten. Aber das ist Spekulation, zugegeben.

Die Schalker sind gestern um den verdienten Erfolg betrogen worden, wenn auch kaum vorsätzlich. Trainer Tedesco hat der Eintracht gratuliert, freilich ohne die Fehlentscheidung nachvollziehen zu können. Das ist sportlich fair und vorbildhaft. “Hauptsache Finale” nimmt sich dagegen ziemlich armselig aus, auch wenn man als Betrachter die blauweiße Brille längst abgesetzt hat.

18. April 2018

Alexander Pope

If you want to know what God thinks about money just look at the people He gives it to.
Alexander Pope (1688 – 1744)

17. April 2018

Es gibt viele kluge Pflegetipps für die Freundschaft, als wäre sie eine Zimmerpflanze oder ein Aquarium. Ist sie aber nicht. Eine Freundschaft, die ich als Pflegefall betrachte, ist keine Freundschaft mehr. […] Freundschaft ist ein nördlicherer Breitengrad der Liebe. Mit der Liebe teilt sie die Eigenschaft, dass wir sie uns nicht aussuchen können. Nicht wir haben die Wahl, die Freundschaft wählt uns. Sie ereignet sich. Wir merken schon, wenn sie sich eingestellt hat. Und wir spüren irgendwann, wenn sie vorbei ist. Sie beendet sich selbst. Den Beteiligten bleibt nur noch, sich das einzugestehen.
Arno Frank

15. April 2018

Mit den Worten “Ein Handwerksmeister ist nicht weniger wert als ein Herzchirurg” fordert der Generalsekretär des Branchenverbandes ZDH, Holger Schwannecke, mehr Wertschätzung für das Handwerk ein.

Da können wir Künstler uns anschließen. Auch wir würden gern mehr Wertschätzung erfahren. Auch wir haben was gelernt. Die meisten von uns haben sogar studiert. Wir können wirklich was. Und wir sind pünktlich.

14. April 2018

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12. April 2018

Für die meisten Kursteilnehmenden war Elektra von Richard Strauss gestern nicht nur ungewohnt, sondern darüber hinaus fordernd und anstrengend. Die harten Dissonanzen, die gewaltigen Klangmassive im forte und fortissimo sowie natürlich die Handlung selbst, die drastische Sprache Hofmannsthals – das alles ist kein entspannendes Vergnügungstheater, sondern verlangt die Bereitschaft zu einer konzentrierten Hörarbeit. Wir hatten Salome, dann Rosenkavalier, es folgt Die Frau ohne Schatten. Wir befinden uns mitten in einem der anspruchsvollsten Abschnitte der Operngeschichte überhaupt. Fast hätte ich gestern gesagt, dass wir ja nicht zum Spaß hier sind.

Elektra, wie das allermeiste von Strauss, ist schwer für das Orchester, schwer für die Sängerinnen und Sänger, schwer für den Dirigenten, schwer für die Regie. Warum also soll es nicht auch schwer fürs Publikum sein? Passen wir auf, dass uns der natürliche Umgang mit Anspruch und Niveau nicht abhanden kommt! Wenn wir uns erholen wollen, schauen wir Zar und Zimmermann oder backen Zitronenkuchen.

10. April 2018

Normalerweise reicht es aus, einmal am Tag Nachrichten zu sehen oder zu hören. Trotzdem beginnen nicht wenige ihren Tag mit dem Frühstücksfernsehen, schauen am Arbeitsplatz während der Mittagspause am PC nach den neuesten Meldungen, zwischendurch am Handy, hören bei der Heimfahrt Nachrichten im Auto, lesen Videotext, gucken abends “Tagesschau”, “heute-journal” oder sonstwas.

Nachrichten immerzu, unaufhörlich, “Seite wurde aktualisiert”. Wir sollen dazu voten und liken, am Gewinnspiel teilnehmen. Wir sehen die Wills, Illners und Maischbergers in endlosen Palaverrunden, sehen Zusammenschnitte, Statistiken, Straßenumfragen. Wir hören Experten, Beobachter und auf inutiles Infotainment spezialisierte Sachverständige. Wir erleben Berichterstatter vor Ort, für die “eine Bewertung noch zu früh” kommt, vor dem Weißen Haus, auf dem Roten Platz, gerne von der Frankfurter Börse. Der Euro wird leicht schwächer notiert, der Dax hat sich zum Abend hin erholt. “Anja, was bedeutet das jetzt?” “Wenn es soweit ist, werden wir es wissen.” Das Wetter wird besser, im Südwesten, vielleicht. Danke, Sven. Wir sind morgen wieder für Sie da.

Ein Traum. Der Bildschirm wird schwarz. Eilmeldung, von Erich Kästner: “Denkt an das fünfte Gebot – schlagt eure Zeit nicht tot!”

8. April 2018

Auch ein Liebeslied

Dies also ist der Liebe Kern:
zuerst ist sie ein Hauch und sacht
einsames Waldhorn von den Horizonten fern
der Unterleib ist bisher nicht erwacht.

Welch ein Genuss sich an der Hand zu halten
und in die feuchten Augen sich zu sinken
doch weicht die Seele bald Naturgewalten
wer “Röslein” dachte denkt jetzt “Schinken”.

Was man auf Händen trug nun liegt es drunter
der Hauch wird Sturm Tornado heißer Wind
trotz der geschlossnen Augen bleibt man munter
man kämpft und weiß nicht wer gewinnt.

Es scheint ein Kampf fürs ganze Leben
jedoch der klare Morgen bringt die Kühle her.
Erloschen der Vulkan. Vorbei der Erde Beben.
Das Waldhorn stumm. Die Horizonte leer.
Günter Kunert (* 1929)

7. April 2018

Die Dreigroschenoper verlangt singende Schauspieler, keine Sänger. Diesem Postulat wird das D’haus ebenso gerecht wie dem Anspruch der Berücksichtigung regionaler und tagesaktueller Bezüge. Im Ergebnis zeigt das Düsseldorfer Ensemble eine moderne, fantasievolle Parabel über Liebe, Macht, Betrug und Selbstbetrug, die über drei Stunden lang ironisch reflektiert und dabei glänzend unterhält. Es ist Platz für Kalauer (“es geschieht brechtzeitig”, “mit der Brechtstange”) und Parodie (herrlich: Trapattoni und “Was erlauben Breckte!?”) – die Pointen sitzen, das Tempo passt. Die Songs sind bissig, involvierend und zum Glück nicht “schön” gesungen. Eine laute, farbintensive, ja lustvolle Inszenierung (Regie: Andreas Kriegenburg) ohne falsche Vor- und Rücksichten, mit guter Musik (Musikalische Leitung: Franz Leander Klee). Ein Erlebnis!

5. April 2018

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Hauswand Ackerstraße/Worringer Platz, Düsseldorf

29. März 2018

Karfreitag: Geröstete Süßkartoffel-Suppe (für 4 Personen)

ca. 6oo g Süßkartoffeln
1 Möhre
2 große Chilischoten
3-4 EL Erdnussöl
1 Prise Zimt
½ TL Kurkuma
Meersalz
1 kleine rote Zwiebel
1 kleines Stück frischer Ingwer
ca. 1 l Gemüsebrühe
200 ml Orangensaft
Saft von 1 Limette
Sojasoße
Salz und frisch gemahlener Pfeffer

Für das Topping:
100 g Ziegenweichkäse
ca. 50 g geschälte Walnüsse
1 Prise Cayenne-Pfeffer
Salz und Pfeffer

1. Backofen auf 200 Grad vorheizen. Ein Backblech mit Backpapier auslegen. Süßkartoffeln waschen und in Spalten schneiden, Möhre schälen und der Länge nach halbieren, Chili entkernen und in Ringe schneiden. In einer Schüssel mit 2-3 Esslöffeln Öl, Zimt, Kurkuma und Meersalz vermengen. Alles auf dem Backblech verteilen und auf mittlerer Schiene ca. 20 – 25 Minuten knusprig backen.
2. Währenddessen Ingwer und Zwiebel schälen und grob schneiden. Für das Topping Ziegenweichkäse und fein gehackte Walnüsse in einer Schüssel gut miteinander verrühren. Mit Cayennepfeffer, Salz und Pfeffer abschmecken. Bis zum Servieren beiseite stellen.
3. Backblech aus dem Ofen nehmen, das Gemüse leicht auskühlen lassen. Chilischoten entfernen. Dann 1 Esslöffel Öl in einem großen Topf erhitzen, Zwiebeln und Ingwer darin anbraten. Süßkartoffeln und Möhren zugeben und kräftig umrühren. Gemüsebrühe und Orangensaft zugeben, kurz aufkochen lassen, dann die Hitze reduzieren und die Suppe ca. 5 Minuten köcheln lassen. Anschließend alles fein pürieren.
4. Ist die Suppe zu dick, etwas mehr Gemüsebrühe zugeben. Zum Schluss den Limettensaft unterrühren und mit Sojasoße, Salz und Pfeffer abschmecken. In tiefen Tellern oder Schalen servieren, mit ein wenig Topping garnieren.

Ostern: Kein Lamm

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Ein frohes Osterfest – nach den Feiertagen geht es weiter!

28. März 2018

Seit ein paar Wochen fällt mir ein Plakat auf, mit dem für ein “Osterkonzert” am Karfreitag geworben wird. Über den Titel in Zusammenhang mit dem Termin bin ich etwas irritiert. Das Plakat gibt keinen Aufschluss darüber, ob Passionsmusik zur Aufführung kommen wird oder Musik zur Auferstehung Christi, im Sinne des höchsten Festes im Kirchenjahr. So oder so habe ich ein Gefühl des Widersinnigen. Denn entweder ist der Titel falsch gewählt oder der Tag des Konzertes.

Das erinnert mich an eine geradezu legendäre Osterpredigt eines mir persönlich bekannten katholischen Pfarrers. In der voll besetzten Kirche freute er sich über den großen Besucherzuspruch, erklärte aber anschließend, dass Ostern ohne Karfreitag nicht denkbar sei. Vor der Auferstehung und dem ewigen Leben stehe das Kreuz, das gehöre zusammen, so sagte er sinngemäß und schloss mit dem Satz: “Wer am Karfreitag nicht hier war, kann sofort wieder nach Hause gehen.” Es braucht nicht viel Fantasie, um sich das Unverständnis, ja die Empörung vorzustellen, die diese Worte damals ausgelöst haben. Da geht man schon mal in die Kirche, will das “Hallelujah” von Händel hören und “Das Grab ist leer” singen, und dann sowas …

Also was wird bei einem “Osterkonzert am Karfreitag” gespielt? Für alle etwas? Ist es ein Konzert mit Pause, bei dem man nach dem ersten Teil zwar gehen, nicht aber erst zum zweiten Teil kommen kann? Hunde und zu spät Kommende müssen leider draußen bleiben? Vielleicht werden ja auch Ausschnitte aus Das schwarze Schaf mit Pater Brown gespielt. “Gottes Wege sind unergründlich, aber sie führen immer zum Ziel. Hübsch hässlich ham’ses hier.”

26. März 2018

Verschiedenes 188
S-Bahn-Station Anhalter Bahnhof, Berlin-Kreuzberg

Berlin bietet einfach so viele Möglichkeiten, dass hier jeder leben kann wie er will. Ich kann hier am Wasser wohnen oder in eher dörflichen Strukturen, ich kann in einer Plattenbausiedlung wohnen oder in einem großbürgerlichen Umfeld wie in Charlottenburg. Das macht Berlin schon mal einzigartig. Außerdem gibt es hier ein unglaubliches Kulturangebot, ein großes gastronomisches Angebot, Berlin ist eine wahnsinnig lebendige Stadt.
Ulrike C. Tscharre, Schauspielerin
Quelle: https://www.svz.de/12846286 ©2018

25. März 2018

Time Change To Summer Time

Gestern zeigte das WDR-Fernsehen eine Straßenumfrage zum Thema “Uhr umstellen auf Sommerzeit”. Erstaunlich viele Passanten waren nicht sicher, ob die Uhren nun vor oder zurück gestellt werden. Die Eselsbrücke, wonach wir im Frühjahr die Gartenmöbel vor die Tür stellen, um sie im Winter wieder zurück ins Haus zu holen, war für einige der Befragten neu. Auch der Merksatz “Zeitumstellung funktioniert wie das Thermometer – im Frühjahr Plus und im Winter Minus” war nicht allen bekannt. Immerhin konnten fast alle die Frage “Was färben, suchen und essen wir zu Ostern?” korrekt beantworten – “Eier” ist richtig. Im privaten wie öffentlich-rechtlichen Verblödungsquiz wären dafür mindestens 500 Euro fällig gewesen. Wir sind egg-cited, würde das Ampelmännchen sagen. Mannomann.

23. März 2018

Ausstellung “Von Monet bis Kandinsky. Visions Alive”
Alte Münze • Molkenmarkt 2 • 10179 Berlin
verlängert bis zum 30. Juni 2018
täglich von 10 – 20 Uhr

Von Monet bis Kandinsky

Bei der Ausstellung werden Werke von 16 Künstlern der Klassischen Moderne in einer Kombination aus animierter Video-Projektion zu ausgewählter Musik präsentiert. Die multimediale Bilderschau zeigt Werke von Vincent van Gogh, Edvard Munch, Claude Monet, Edgar Degas, Paul Gauguin, Henri Rousseau, Henri de Toulouse-Lautrec, Paul Signac, Amedeo Modigliani, Piet Mondrian, Pierre-Auguste Renoir, Juan Gris, Paul Klee, Gustav Klimt, Wassily Kandinsky und Kasimir Malewitsch.

In 16 kurzen Filmen werden die Hauptwerke jedes Meisters auf 7-Meter-hohe Flächen projiziert, die in den Räumen der Alten Münze in unterschiedlichen Winkeln angeordnet sind. Die Endlosschleife von insgesamt 63 Minuten ist ein eigenständiges und ganzheitliches Kunstwerk, das den Besucher in die jeweilige Welt des Künstlers eintauchen lässt. Die Projektionen blenden ineinander über, bewegen sich im Rhythmus der sie begleitenden Musik und ziehen den Besucher in einen Strudel aus Farben, Licht und Sound. Insgesamt wurden für die Ausstellung in Berlin etwa 1.500 Arbeiten aus mehr als 20 Museen aus der ganzen Welt digital bearbeitet.

Wegen des anhaltend hohen Besucherinteresses wurde die Ausstellung bis zum 30. Juni 2018 verlängert. Unbedingt ansehen!

22. März 2018

Am 24. Januar 1920 stirbt Amedeo Modigliani 35-jährig nach exzessivem Leben an den Folgen seiner Tuberkuloseerkrankung und des Alkohols. Einen Tag später stürzt sich die 21-jährige, im achten Monat schwangere Jeanne Hébuterne, Modiglianis Verlobte, aus einem Fenster im fünften Stock, ihr ungeborenes Kind stirbt mit ihr. Die zwei Jahre zuvor geborene Tochter Jeanne wird von Modiglianis Schwester in Florenz adoptiert.

Hébuterne Modigliani
Modigliani, Jeanne Hébuterne (1918)

Modigliani, Musterbeispiel des Bohèmien und bekannt für seine Ausschweifungen, war ein paar Jahre zuvor in Hébuternes Leben getreten und hatte es sozusagen übernommen. Nach allem, was wir wissen, geschah der Selbstmord nicht aus Angst vor einem ungewissen Leben gemeinsam mit ihren Kindern, etwa in Erwartung von finanzieller Not oder sozialer Ächtung. Vielmehr weigerte sich Jeanne Hébuterne, eine kluge und begabte junge Frau, ihr Leben ohne Modigliani fortzusetzen. Sie stellte den Toten über ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder, so wie sie es in der Zeit ihrer relativ kurzen Beziehung immer getan hatte.

21. März 2018

Modigliani

Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht.
Amedeo Modigliani (1884 – 1920)

20. März 2018

Der prachtvolle Zauber des Barocktheaters auf der Bühne der Komischen Oper Berlin: In der umjubelten Inszenierung des norwegischen Theatermagiers Stefan Herheim und unter der musikalischen Leitung von Barockspezialist Konrad Junghänel wird Händels Oper Xerxes zu einem Fest für Augen, Ohren und Sinne.

Mit diesem Text wirbt die Komische Oper Berlin auf ihrer Homepage für ihre Produktion der späten Händel-Oper. Mit opulenter Ausstattung, dazu voller Witz und Charme und zudem musikalisch auf hohem Niveau wird dann alles Versprochene auch gehalten, und wie! Dieser Xerxes wird lange in Erinnerung bleiben. Ich war in manchen Szenen sehr berührt, habe aber in anderen Momenten auch herzlich gelacht – im Textheft ist von einer barocken Muppet Show die Rede, und das ist absolut zutreffend. Herheim will mit seiner Inszenierung nicht unsere Zeit der Händel-Oper überstülpen, sondern umgekehrt die barocke Lust, das Dionysische der Barockoper in die jetzige Zeit tragen. Eine Kulisse für “ein Spiel von Spielern, die sich im Laufe des Abends leidenschaftlich erschöpfen.” Dafür lieben wir sie, sagt er, denn sie füllen unsere eigene Leere. Das gelingt fulminant, denn erfüllter kann man nach über drei Stunden Oper nicht sein.

15. März 2018

Bis Montag in Berlin. Einträge wieder ab dem 20. März.

Komische Oper Berlin
(Foto: Manfred Brückels)

14. März 2018

Gestern gerate ich durch Zufall in den Schluss der ARD-Sendung “Quizduell”, die von Jörg Pilawa moderiert wird. Der Schauspieler Jörn Schlönvoigt muss im Finale ein paar Fragen beantworten, was unerwartet spektakulär verläuft. Auf die Frage, welcher Monat am 32. Tag des Jahres beginnt, antwortet Schlönvoigt “April” und meint anschließend, 4 sei die höchste Primzahl zwischen 10 und 20. Die Frage, in welchem Bundesland die meisten deutschen Großstädte zu finden sind, lässt Schlönvoigt unbeantwortet. Schließlich tippt er bei der Frage, welches auf Zypern neben griechisch die zweite Landessprache ist, auf französisch. Dann ist das Spiel vorbei. Als Erklärung für seine überschaubaren Kenntnisse gibt Schlönvoigt an, er sei eben Schauspieler.

Satire on. Schlönvoigt mit Freundin im Theater, kurz vor Vorstellungsbeginn. Sie: “Gleich kommt wieder der lange Prolog.” Er: “Hoffentlich setzt er sich nicht genau vor uns.” Satire off.

13. März 2018

Nachdem wir letzte Woche im Montagskurs Szymanowskis vierte Sinfonie und Lutosławskis Konzert für Orchester gehört haben, sagt gestern eine Teilnehmerin, dass ihr der letzte Satz des Lutosławski-Konzertes doch arg zugesetzt habe, sie deshalb mit gemischten Gefühlen wieder erschienen sei, und was wir denn nun heute hören würden. Da Angriff die beste Verteidigung ist, zögere ich mit der Antwort keine Sekunde: Hartmann und Henze.

Es folgen die fünfte Sinfonie von Karl Amadeus Hartmann und das Orchesterstück “Appassionatamente” von Hans Werner Henze. Und, kaum zu glauben: Positive Resonanz auf Hartmann und zwar zurückhaltende, aber nicht ablehnende Reaktionen auf Henze. Ein großer Fortschritt! Nächste Woche wollen wir Hartmanns achte Sinfonie hören und ein paar Szenen aus Henzes “Boulevard Solitude” anschauen.

Noch sind wir nicht bei Ligeti, Stockhausen und Boulez. Doch mittlerweile sieht die Zuhörerschaft auch dieser Musik tapfer entgegen. Eine Teilnehmerin sagt gar über Peter Ruzicka, Dirigent des Henze-Stücks und selbst Komponist: “Den kenne ich. Seine Musik ist toll!” Na also. Und ich ermutige die Gruppe, gegenüber Freunden, Nachbarn etc. selbstbewusst damit umzugehen und in Gesprächen etwas über den Kurs zu erzählen. Wer kommt schon abends nach Hause und hat zuvor anderthalb Stunden Hartmann und Henze gehört?

12. März 2018

Ku’damm 56 ist ein dreiteiliger deutscher Fernsehfilm (2016, R.: Sven Bohse) und erzählt eine Familiengeschichte im Berlin der Nachkriegszeit, von jungen Frauen auf ihrem dornigen Weg in die Emanzipation, hin zu einer freien, selbstbestimmten Identität und Lebensgestaltung, gegen alles Spießige, Biedere und Verklemmte. Soziales, Geschichtliches und Politisches sind eingebettet in eine große Erzählung, die alle Untiefen zwischen Konvention und Rebellion auslotet. Erstarrtes, Überkommenes, Ersehntes, Ertrotztes. Heike Kunert von der ZEIT fand dafür den schönen Satz: “Auf den Straßen ist der Schutt verschwunden, in den Köpfen nicht.” Absolut sehenswert und mit einer großartigen Besetzung: Claudia Michelsen, Maria Ehrich, Emilia Schüle, Sonja Gerhardt, Trystan Pütter, Heino Ferch, Uwe Ochsenknecht, Markus Boysen und vielen anderen.

Nach dem großen Erfolg von Ku’damm 56 strahlt das ZDF in der kommenden Woche mit Ku’damm 59 nun die Fortsetzung aus. Der erste Teil läuft am 18. März, Teil 2 folgt am 19. März und der dritte Teil am 21. März jeweils um 20.15 Uhr. Im Anschluss an den ersten Teil zeigt das ZDF um 21.45 Uhr zudem Ku’damm 59 – Die Dokumentation. Nicht verpassen!

11. März 2018

In der Szene, in der Emma Morley endgültig klar wird, dass sie Dexter Mayhew innig und unverbrüchlich liebt, dass für sie ohne ihn nichts gut und nichts richtig ist, sie ihm nachläuft, ihn leidenschaftlich küsst und ihm ebenso verzweifelt wie voller Liebe droht, ihm das Herz aus dem Leibe zu reißen, wenn er sie jemals im Stich lassen oder sie hintergehen sollte, in dieser Szene, in der Dexter nur sagen kann, dass er das niemals tun würde, weil er Emma ebensosehr liebt, in dieser Szene verschwimmt kurioserweise jedes Mal das Bild.

Zwei-an-einem-tag

10. März 2018

Die Angewohnheit von Sportberichterstattern, statt von “der ersten Halbzeit” oder “der zweiten Hälfte” nur noch von “Halbzeit eins” oder “Hälfte zwei” zu reden, scheint unausrottbar zu sein. Im Fernsehen, im Internet, in den Printmedien – vor ein paar Jahren hat diese Unsitte um sich gegriffen und schnelle Verbreitung gefunden. Zwar ist auch in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ein kontinuierlicher Niveauverlust hinsichtlich des sprachlichen Ausdrucksvermögens festzustellen, doch die eingangs beschriebene Unart gibt es fast ausschließlich im Sport. Keine Wegbeschreibung enthält die Empfehlung, an “Ampel eins” links abzubiegen. Niemand leistet “Hilfe eins”, und keine Frau erwartet ihr “Kind eins”. Nur die Fachleute vom Sport, welche “in Halbzeit eins” ein gutes Spiel gesehen haben, erinnern sich vermutlich an ihren ersten Kuss und das berühmte erste Mal an “Kuss eins” und “Mal eins”. Danach ist “Erst einmal” (!) wahrscheinlich das “Einmaleins”, aber jetzt ist Schluss.

9. März 2018

Bobby Fischer 1960 in Leipzig

Heute würde Bobby Fischer (1943 – 2008), eines der größten Schachgenies aller Zeiten, 75 Jahre alt. 1972 wurde er Schachweltmeister, als er in Reykjavik das Finale gegen den damaligen Titelträger Boris Spassky gewann. Fischers Spiel war oft spektakulär und entwaffnend (welch schönes Wort im Zusammenhang mit Schach!). Im persönlichen Umgang zeigte sich Fischer oft verhaltensoriginell, unberechenbar und schwierig. Nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft zog er sich vom Turnierschach zurück. 1975 trat er gegen den sowjetischen Herausforderer Anatoli Karpow nicht an, woraufhin der Weltschachbund FIDE ihm den Weltmeistertitel aberkannte. Von Fischer sind ein paar hübsche Zitate überliefert. Eins lautet: “Ich rechne überhaupt nicht voraus. Ich gewinne auch so.”

8. März 2018

Wenn de Mensch dohn deit, watt he kann, denn kann he nich mehr dohn, as he deit.
plattdeutsche Redensart

7. März 2018

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Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Liebe in die offizielle Klassifikation der ernsthaften Erkrankungen eingetragen. Der Krankheits-Code lautet „F63.9″. Die Liebe wurde den psychischen Störungen zugeordnet, einhergehend mit „abnormen Gewohnheiten und Beeinträchtigungen der Impulskontrolle“. Zu den Symptomen zählen ständige Gedanken an einen anderen Menschen, Stimmungsschwankungen, Schlaf- und Appetitlosigkeit sowie allergische Reaktionen. Angaben zu Möglichkeiten der Behandlung machte die WHO nicht.

6. März 2018

Anlässlich des Internationalen Frauentags hat die Gleichstellungsbeauftragte des Bundesfamilienministeriums, Kristin Rose-Möhring, eine Änderung des Textes der Nationalhymne gefordert. Aus „Vaterland“ soll „Heimatland“, aus „brüderlich” nunmehr “couragiert” werden. Die Überlegung, ob dies ein in der Sache grundsätzlich vernünftiger Vorschlag ist, wollen wir hier nicht weiter verfolgen. Klar ist, dass er im konkreten Fall nur von einem Nichtmusiker bzw. einer Nichtmusikerin kommen kann.

Wir haben gelernt, dass in guten Übertragungen eines Textes in Musik starke, also betonte Silben auch auf starke musikalische Zeiten, also betonte Taktteile fallen. Die Hymne ist bei Haydn im 2/2-Takt notiert, in anderen Ausgaben im 4/4-Takt. Das auf seiner ersten Silbe betonte Wort “brüderlich” fällt in beiden Varianten auf den Beginn der zweiten Takthälfte, also auf eine betonte Zeit, was schlüssig und musikalisch richtig ist. Ändert man nun “brüderlich” in “couragiert”, würde das neue Wort eine falsche Betonung auf der ersten Silbe erhalten, wird es doch allgemein üblich auf der letzten, dritten Silbe betont. Will man entstellende rhythmische Änderungen am Melodieverlauf vermeiden, kann demnach “couragiert” nicht in Frage kommen. Es müsste vielmehr ein Wort sein, das ebenfalls dreisilbig ist, auf der ersten Silbe betont wird und halbwegs synonym zu “brüderlich” ist, also etwa “gleichgesinnt”, “freundschaftlich” oder “kumpelhaft”.

Wir müssen davon ausgehen, dass Frau Rose-Möhring sich über diese Zusammenhänge keine Gedanken gemacht hat. Ein Experte resp. eine Expertin für das Wort-Ton-Verhältnis in der Musik könnte da Abhilfe schaffen. Mit einer solchen Fachkraft könnte Frau Rose-Möhring dann zu einer textlichen Neufassung der Hymne streben, wie auch immer gemeinsam, mit Herz und Hand und Unterpfand.

5. März 2018

Es sei eine der populärsten Opern des 20. Jahrhunderts, meinte der die Einführung haltende Referent während seines Vortrages, wir würden das schon noch merken. Recht behielt er – selbst bei einer weniger gelungenen Inszenierung hätte die Kraft der Partitur von Poulencs Dialogues des Carmélites ihre beeindruckende Wirkung entfaltet. Doch die Gelsenkirchener hatten, von ein paar wenigen eher schwach besetzten Nebenrollen abgesehen, auf jedem Gebiet Erstklassiges zu bieten: Inszenierung und Bühnenbild (Ben Baur), Sängerinnen (vor allem Bele Kumberger, Almuth Herbst und Petra Schmidt -  ja, auch Sänger, aber die haben und spielen in dieser Oper keine große Rolle), Orchester, musikalische Leitung (Rasmus Baumann). Nicht nur der Schluss, der in Opernführern oft und berechtigt als besonders unter die Haut gehend beschrieben wird, bleibt haften, sondern das gesamte Stück. Poulenc hat mit Dialogues des Carmélites ein Meisterwerk hinterlassen, dessen sich das Musiktheater im Revier in jeder Hinsicht kompetent und in beeindruckender Manier angenommen hat. Ein großer Abend!

4. März 2018

Einer der Biografen von Francis Poulenc fand, der Maestro sei eine Mischung aus Spitzbube und Mönch. Dieses Urteil ist verständlich, denn zum einen war Poulenc ein Meister geistreicher Persiflagen und eleganter Parodien, zum anderen komponierte er komplex angelegte, tief vergeistigte Kirchen- und Kammermusik. Zu den Werken, die ihm unvergänglichen Ruhm eintrugen, gehören vor allem das Konzert für Orgel, Streicher und Pauken, das Stabat Mater und zwei Bühnenstücke: Der Monolog La voix humaine und die abendfüllende Oper Dialogues des Carmélites. Letzteres Werk höre und sehe ich heute Abend im Musiktheater im Revier Gelsenkirchen. Die Presseberichte sind euphorisch und meine Erwartungen an ein besonderes Opernerlebnis daher groß.

2. März 2018

Wer nur das Wirkliche gelten lässt, an der Sehnsucht nach dem Unmöglichen keine Freude findet und nie eine Minute übrig hat, um sie an einen schönen Traum zu verschwenden, wie arm ist der.
aus: Ludwig Ganghofer (1855 – 1920), Das Schweigen im Walde

1. März 2018

Kürzlich erzählte mir eine Bekannte, dass sie in ihren Seminaren regelmäßig die Lektüre von Rosamunde Pilcher-Romanen und das Anschauen der entsprechenden Verfilmungen empfiehlt. Ich war darüber ziemlich erstaunt, doch dann folgte ihre Erklärung: “Da taucht der hinterhältige Halbbruder auf, die böse Cousine, der rachsüchtige Ex-Verlobte. Irgendwer, den man glücklicherweise vergessen hatte, ist plötzlich da und sorgt für große Probleme. Unversehens müssen sich alle ihrer Vergangenheit stellen. Erst streiten sie, beharren auf ihren Standpunkten, wollen alte Rechnungen begleichen. Es gibt Drohungen, Ultimaten, Verletzungen. Dann gehen sie in sich und können Fehler eingestehen. Am Ende vergeben sie einander. Sie können über ihren Schatten springen und Frieden schließen, endlich auch mit sich selbst. Im Grunde sind es Lehrstücke, und wir sollten uns ein Beispiel an ihnen nehmen.”

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28. Februar 2018

Was stimmte mit ihrer eigenen Generation nicht? Warum waren sie nie zufrieden? Warum musste alles und jeder ständig gemessen, verglichen und bewertet werden? Was war das für eine ungelöste Rastlosigkeit, die sie immer weiter trieb, voran, zum nächsten Ziel? Diese Unfähigkeit, innezuhalten und sich über die bereits erreichten Ziele zu freuen, eine ruhelose Angst, es könnte ihnen etwas entgehen, sie hätten etwas verpasst, das vielleicht ein kleines bisschen besser gewesen wäre, sie ein klein wenig glücklicher hätte machen können. So viele Wahlmöglichkeiten, wie sollten sie das alles schaffen?
Die ältere Generation hatte dafür gekämpft, ihre Träume zu verwirklichen: Ausbildung, ein Zuhause, Kinder, und dann war das Ziel erreicht. Weder sie selbst noch ihre Umwelt hatten erwartet, dass sie viel mehr bräuchten. Niemand fand, sie wären nicht ambitioniert, wenn sie länger als ein paar Jahre an einem Arbeitsplatz blieben, im Gegenteil, Loyalität war ehrenhaft. Sie hatten die Fähigkeit besessen, sich hinzusetzen un mit ihrem Leben zufrieden zu sein. Hatten hart gekämpft und dann die Erfolge genossen.
aus: Karin Alvtegen, Der Seitensprung

26. Februar 2018

Ich war Anfang zwanzig, als ich sie zum ersten und einzigen Mal traf. So wie wir uns in den Jahren zuvor Briefe geschrieben hatten, in englischer Sprache, weil weder ihr Deutsch noch mein Portugiesisch für eine halbwegs flüssige Kommunikation ausreichten, so wie in den Jahren zuvor also schrieben wir nun auf, was wir dachten und fühlten. Wir saßen einander gegenüber, schoben einen Collegeblock zwischen uns hin und her und warteten ungeduldig auf die nächsten Sätze. Ich war wie paralysiert, brachte zwischendurch mit kehligen Lauten ein paar unsinnige Halbsätze hervor, dann schrieben wir weiter. Fiebrig, hilflos. Über Stunden ging das so. An diesem Nachmittag und noch lange danach wäre ich ihr bis ans Ende der Welt gefolgt. Wir haben uns nie wiedergesehen. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Clara!

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23. Februar 2018

Heute, an Händels Geburtstag, ist es eine besonders schöne Nachricht, dass unsere Konzertreise nach Leipzig im Juni auf jeden Fall stattfinden wird. Das Angebot wird sehr gut angenommen, wir haben nur noch zwei freie Plätze. Händel mit Emmanuelle Haïm im Gewandhaus ist ja auch wirklich was Besonderes.

Auch für die Studienreise nach St. Petersburg im September können wir optimistisch sein. Bis jetzt sind bereits 17 Anmeldungen eingegangen. Alles sehr schön.

21. Februar 2018

Schon lange frage ich mich, warum die Gebühren fürs Fernsehen nicht nach Nutzungsdauer gestaffelt sind. So ist es doch bei Gas, Strom, Wasser, Benzin und vielem anderen auch. Wer mehr verbraucht, zahlt auch mehr. Also wer viel guckt, zahlt viel. Es wäre eventuell darüber zu reden, ob zwei Stunden pro Tag gebührenfrei sind. Vier Stunden kosten dann mehr, sechs noch mehr und so weiter. Oder ob Fernsehen nachts grundsätzlich billiger ist, ob es eine Flatrate gibt etc., da sind verschiedene Tableaus denkbar. Schon der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hat seinerzeit einen fernsehfreien Tag in der Woche gefordert. Darauf basierend könnte man verschiedene Tarife zur Auswahl anbieten, z. B. die Drei-Tage-Woche-light (nur an drei Tagen in der Woche mit Zeitlimit), das Weekend-all-inclusive (also nur freitags bis sonntags, dafür unbegrenzt) oder Happy-Hour (nur zwischen 23.00 und 04.00 Uhr, dafür täglich und besonders günstig). Und natürlich ein ordentliches Bonusprogramm: Wer regelmäßig arte, phoenix und 3sat einschaltet, guckt gratis.

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20. Februar 2018

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat sein neues Buch veröffentlicht: “Die große Gereiztheit – Wege aus der kollektiven Erregung”. Sorgfältige Beobachtungen und detaillierte Analysen verschmelzen darin zu einer ernüchternden Bestandsaufnahme unserer Medienwelt, deren Regeln und Mechanismen Pörksen schonungslos offenlegt. “Wir sind auf dem Weg zur Empörungsdemokratie”, sagt er und ergänzt: “Wir sehen Gedanken- und Bewusstseinsströme in neuartiger Direktheit, Bestialisches, Banales, Relevantes, Irrelevantes. Diese Dauerkonfrontation mit dem Unterschiedlichsten löst eine Stimmung der Gereiztheit aus.” Pörksen beschreibt die permanente Verfügbarkeit von Information – eben auch die mit ungewisser Herkunft – und kommt zu dem Ergebnis, dass “Gerüchte und Falschnachrichten leichter verfangen” und durch immer mehr Information eine erfolgreiche Desinformation wahrscheinlicher wird. Pörksen verwendet Begriffe wie Skandalisierung, Entzauberungsmittel, Verzwergung, Grenzüberschreitung. “Wir haben ein Ausmaß an überbelichteten Verhältnissen”, stellt er fest und fordert “Prinzipien des guten Journalismus – arbeite wahrheitsorientiert, prüfe erst, publiziere später, sei skeptisch, versuche der Verführung durch Ideologien zu entgehen, benutze mehrere Quellen, unterscheide klar zwischen Werbung und Berichterstattung, skandalisiere nur, was tatsächlich relevant ist.” Leseempfehlung!
Pörksen, Bernhard: Die große Gereiztheit – Wege aus der kollektiven Erregung. München: Hanser, 2018.

18. Februar 2018

Termine bis zum Sommer. Mitfahrgelegenheit auf Anfrage.

04.03.   Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Dialogues des Carmélites (Poulenc)
18.03.    Berlin, Komische Oper, Xerxes (Händel)
03.04.   Düsseldorf, Schauspielhaus, Dreigroschenoper (Weill)
15.04.    Essen, Aalto-Theater, Salome (Strauss)
25.05.    Antwerpen, Opera Vlaanderen, Titus (Mozart)
14.07.    Berlin, Staatsoper Unter den Linden, L’incoronazione di Poppea (Monteverdi)

17. Februar 2018

Risotto schmeckt auch ohne Reis.
Rainald Grebe

16. Februar 2018

Zwar ist mir nach jahrelanger Praxis klar, dass die DVD ein Musikstück weitaus instruktiver transportieren kann die CD, oder einfacher gesagt: Die DVD kann das Hörverständnis in viel höherem Maße begünstigen als die CD. Ich spiele also im Kurs “Kulturführerschein” an der VHS Gütersloh eine CD mit Arnold Schönbergs Bläserquintett op. 26, da es eine DVD mit diesem Stück nicht gibt. Wir hören den ersten Satz, und das Verständnis für die Musik – von Gefallen soll gar nicht die Rede sein – hält sich in Grenzen. Das bin ich gewohnt.

Dann allerdings ereignet sich Erstaunliches. Ich lege eine DVD mit moderner Kammermusik polnischer Komponisten ein, und wir hören das Streichquartett Nr. 1 von Krzysztof Penderecki, das gegenüber dem Schönbergschen Bläserquintett deutlich modernere und komplexere Stück. Die DVD zeigt die vier Ausführenden, die bis auf den Cellisten alle im Stehen spielen, wie sie die Noten von einem über Beamer projizierten Laufband ablesen, so dass die Zuhörer den notierten Verlauf des Stückes mitlesen können. Die Klangerzeugung bietet so ziemlich alles, was das Zeug hat, den Laien zu verschrecken: Traditionelle Streichertechniken (arco, pizzicato, con sordino, sul ponticello, col legno, col legno battuta, senza vibrato) werden ebenso verwendet wie mehrere vom Komponisten entwickelte Techniken: Glissandi auf Trillern, sehr schnelles nicht-rhythmisches Tremolo, unbegrenzte höchstmögliche Tonlagen, Spiel zwischen Steg und Saitenhalter, Spiel auf dem Saitenhalter, Streichen der Saiten mit Handflächen, mikrotonale Intervalle und vieles mehr. Kommentar: Das war ja aufregend, richtig spannend! Na sieh mal an! Allein eine CD hätte eine solch positive Resonanz nicht hervorgerufen, das Sehen macht den Unterschied! Also im Zweifel fürs Hörtraining lieber das schwierigere Stück wählen, aber dafür mit Bildern.

12. Februar 2018

In Nordrhein-Westfalen wird das Schulfach Wirtschaft eingeführt. FDP-Bildungsministerin Yvonne Gebauer sagte in einem Interview mit ZEIT online, dass es um “volkswirtschaftliche Zusammenhänge und die Grundzüge unserer Wirtschaftsordnung” gehen soll, es stünden aber auch “lebenspraktische Dinge im Vertragsrecht im Fokus, zum Beispiel, was beim Abschluss eines Handyvertrages zu beachten ist oder was Zinsen sind.” Auf den Hinweis, dass es in NRW bereits Fächer wie Politik und Wirtschaft an Gymnasien oder das Fach Arbeitslehre/Wirtschaft an Gesamtschulen gibt, sagte Gebauer, dies reiche nicht mehr aus. “Wir werden den Stundenanteil von Politik und Wirtschaft aufstocken – um wie viel genau, das steht noch nicht fest. Aber andere Inhalte wie Politik werden nicht reduziert, sondern das Fach wird um mehr ökonomische Inhalte erweitert.”

Abgesehen davon, dass die vorgeblich so wichtigen Inhalte auch in den Fächern Mathematik, Geschichte, Gesellschaftslehre und Sozialkunde vermittelt werden können (und werden!), wünschte man sich den gleichen Eifer, der jetzt bei der Frühökonomisierung unserer Jugend an den Tag gelegt wird, auch bei der Reduktion der Defizitstunden in den Fächern Musik, Kunst und Sport.

10. Februar 2018

Manche verbergen sich vor der Wahrheit wie vor einem Gläubiger, den man nicht bezahlen kann.
Bettina von Arnim (1785 – 1859)

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23.00 Uhr. Opernbesuch wegen der schlechten Witterungsverhältnisse verschoben. Stattdessen wieder “Lie with Me” angesehen. Hühnersuppe, Aspirin plus C und Zimt-Nelken-Tee für den Körper, “Lie with Me” für die Seele.

8. Februar 2018

In diesem Zusammenhang entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass Niccolò Paganini seine Variationen über das Lied vom Hut mit den drei Ecken unter dem Titel “Carnevale di Venezia” veröffentlicht hat. Auch während der tollen Tage ist es ein Unterschied, ob jemand den Hut auf hat oder die Narrenkappe. Aber in der zugefrorenen Hölle ist das egal. Da hilft nur warm anziehen.

7. Februar 2018

Der Schulz, der hat kein Rückgrat,
kein Rückgrat hat der Schulz.
Und hätte er ein Rückgrat,
dann wär’ es nicht der Schulz.

5. Februar 2018

Francis Poulencs Oper “Dialogues des Carmélites” behandelt die Ereignisse im Karmelitinnenkloster von Compiègne bis zur Hinrichtung der 16 Karmelitinnen durch die Guillotine am 17. Juli 1794 in Paris. Das Stück war schon bei der Uraufführung am 26. Januar 1957 (Teatro alla Scala Milano) ein Erfolg und gilt heute als eines der wichtigsten Werke des Musiktheaters des 20. Jahrhunderts. Die Oper wird regelmäßig inszeniert und aufgeführt, in dieser Spielzeit allein in Deutschland an vier Häusern.

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Das Opernmagazin bescheinigt dem Musiktheater im Revier Gelsenkirchen “einen Opernabend der ganz besonderen Klasse” und lobt begeistert “eine Opernregie, wie man sie nicht alle Tage erlebt und Musiker, Solistinnen und Solisten von Rang.” Am kommenden Samstag bin ich live dabei.

 

3. Februar 2018

Mein “Konzertführer Klassik” hat am Donnerstag mit siebzehn Teilnehmenden begonnen, drei weitere kommen ab der nächsten Woche hinzu. Die meisten wollen sich einen Überblick über musikalische Epochen und deren Stilmerkmale verschaffen. Wir wissen natürlich, dass beinahe zwangsläufig auch andere Themen und Aspekte zur Sprache kommen werden. Immerhin, wir haben mit Bachs 1. Brandenburgischen Konzert (warum gibt es da keinen Dirigenten?), Mozarts 40. Sinfonie (Sonatenhauptsatzform und musikalische Periode – wer “Hänschen klein” sagt, muss auch “ging allein” sagen) und dem langsamen Satz aus Beethovens 5. Klavierkonzert (was genau macht diesen romantischen Tonfall aus, Beethoven gehört doch zur Klassik) gleich eine Menge unterschiedlicher Fragen behandelt. “Das war ganz toll”, zeigte sich eine Teilnehmerin nach der ersten Einheit begeistert. So eine Resonanz ist natürlich schön und spornt an. Ich fand’s aber auch selber gut, ehrlich gesagt.

2. Februar 2018

Recharged Black Pepper heißt jetzt Black Peppercorn! Körperwaschgel für IHN. Mit schwarzem Pfefferschoten-Öl (für den antioxidativen Schutz), wohlriechendem Koriander und herbem Basilikum. Wäscht rein, duftet und macht bereit für den Tag.

Molton Brown Black Peppercorn

Soweit die Werbung. Black Peppercorn von Molton Brown ist tatsächlich etwas Besonderes, ich habe es heute beim Duschen benutzt. Macht bereit für den Tag! Was nur, wenn der Duft auf Frauen besonders anziehend oder verstörend wirkt? Das Eis der sexuellen Belästigung ist zurzeit sehr dünn, vielleicht wäre da eine duftneutrale Waschlotion weniger risikobehaftet. Alternative: Abends mit Black Peppercorn duschen und danach sofort ins Bett gehen, allein natürlich. Dann hat Mann den Duft ganz für sich und kann sexuell unbesorgt (Achtung, semantische Falle!) einschlafen. No problem.

31. Januar 2018

In manchen Dingen des Lebens überschätzen wir unsere Möglichkeiten der Einflussnahme. Werden wir bescheiden! Was ihm die Farbe vom Fell fließen lässt, entscheidet das Zebra immer noch selbst.

Zebra frisch gestrichen
Claudia Elsner, Zebra – Frisch gestrichen

29. Januar 2018

Nach soviel Nachdenklichkeit, Stille und aktivem Zuhören zum Schluss etwas Heiteres: Der Hagener Pianist und Entertainer Udo Hartlmaier beendet die Improvisationstage mit einer launigen Matinee. Zu Beginn Musikgeschichte in zehn Minuten mit einem Potpourri aus berühmten Melodien von Bach bis Lehàr, dann ein bisschen Peter Kreuder, schließlich auf Zuruf Stilkopien über “Die Gedanken sind frei”. Hartlmaier fragt das Publikum nach Stimmungen und improvisiert über Gemütszustände. Heiterkeit, Melancholie, Ehekrach und – wieder auf Zuruf – Verliebtheit bis zur Silberhochzeit werden von Udo Hartlmaier virtuos in Klänge gehüllt, nicht ohne Selbstironie und mit parodistischem Unterton. Hier versteht jemand sein Handwerk – technisch wie musikalisch, kenntnisreich wie unterhaltsam. Das Programm endet mit einer großen Paraphrase über die schöne blaue Donau. Das Publikum will eine Zugabe, und Hartlmaier lässt sich nicht lange bitten. Er sagt “beim Abschied leise Servus”, es gibt halt ka’ Musi’ ewig.

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(Foto: Andreas Müller)

28. Januar 2018

Der zweite Abend der Improvisationstage bot den 90 Zuhörern in der Unteren Stadtkirche eine gut anderthalbstündige Reise durch die Verzierungswelten von Renaissance- und Barockmusik. Mit “Il spirito della diminution” zeigten William Dongois (Zink), Matthias Siegel (Sackbut/Zink), Carsten Lohff (Cembalo) und Anne-Catherine Bucher (Orgel), wie aus knappen Vorgaben der Komponisten ausgeschmückte und spontan inspirierte Kunstwerke entstehen. William Dongois, seit vielen Jahren renommierter Experte und Instrumentalist in führenden Ensembles der Szene, moderierte kenntnisreich und führte erläuternd durch das Programm. Die Künstler dürfen nicht, nein sie müssen verzieren, ließ er das Publikum wissen, “denn man kann nicht immer das Gleiche spielen”. Das Quartett bescherte seinen Zuhörern ein seltenes Klang- und Unterweisungserlebnis auf musikalisch und technisch hohem Niveau. Derartige Einblicke in Theorie und Praxis der Musik des 16. und 17. Jahrhunderts gibt es im Konzertleben nicht alle Tage. So gab es langen und dankbaren Beifall am Ende einer in mehrfacher Hinsicht besonderen Demonstration.

Gestern Abend dann das Trio Susanne Escher mit “Alles ist da, nichts bleibt”, einem Programm mit experimenteller Improvisation. Im erläuternden Text heißt es, der ganze Körper ist Instrument und Klang – Geräusch, Gebläse, Rhythmik, Bewegung, Licht. Schwingen, Verbinden, Verlieren, Wandeln. Ungewohnte Töne, erzeugt von Klarinette, Flöte, Saxofon, Posaune, Tuba, Percussion. Dazu Bilder von Pinsel und Beamer. Vermeintlich Vertrautes wirkt fremd, neu. Ein großes Spüren und Nachspüren. Viel Zustimmung, auch Nachdenklichkeit und Irritation. Kommentare von “sehr cool” bis “fühle mich verarscht”. Wunderbar!

26. Januar 2018

Mit ihrem eigens für die Wetzlarer Improvisationstage kreierten Stück “Fishing in the Falling Tide” haben Studierende der Bochumer Ruhr-Universität das Festival gestern in beeindruckender Manier eröffnet. Wie im Programmtext angekündigt, präsentierte das Ensemble in Form einer Szenencollage seine experimentelle Auseinanderstetzung mit der Frage nach Individualisierung. Das Konzept von Sina Geist und Amelie Werner, durch Geräusche, Laute und Sprechtexte, Audioeinspielungen und Live-Musik sowie durch Bewegung und Bilder klangliche und szenische Wechselwirkungen von Planung und Improvisation zu erzeugen, ging vollends auf.

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(Foto: Andreas Müller)

Das Publikum zollte den Akteuren Respekt, Anerkennung und viel Beifall für ein “für Wetzlar mutiges Stück”, wie ein Besucher bemerkte. Der abschließenden Einladung, sich über das gerade erlebte Stück mit dem Ensemble auszutauschen, folgte ein Großteil der Zuschauer.

Das Stück ging zu Ende mit einem Auszug aus Bob Mooreheads “Paradox unserer Zeit”, das von vielen als passender Abschluss der Performance angesehen wurde:

Wir haben hohe Gebäude, aber eine niedrige Toleranz, breite Autobahnen, aber enge Ansichten. Wir verbrauchen mehr, aber haben weniger, machen mehr Einkäufe, aber haben weniger Freude. Wir haben größere Häuser, aber kleinere Familien, mehr Bequemlichkeit, aber weniger Zeit, mehr Ausbildung, aber weniger Vernunft, mehr Kenntnisse, aber weniger Hausverstand, mehr Experten, aber auch mehr Probleme, mehr Medizin, aber weniger Gesundheit. Wir rauchen zu stark, wir trinken zu viel, wir geben verantwortungslos viel aus, wir lachen zu wenig, fahren zu schnell, regen uns zu schnell auf, gehen zu spät schlafen, stehen zu müde auf; wir lesen zu wenig, sehen zu viel fern. Wir haben unseren Besitz vervielfacht, aber unsere Werte reduziert. Wir sprechen zu viel, wir lieben zu selten und wir hassen zu oft. Wir wissen, wie man seinen Lebensunterhalt verdient, aber nicht mehr, wie man lebt. Wir haben dem Leben Jahre hinzugefügt, aber nicht den Jahren Leben. Wir kommen zum Mond, aber nicht mehr an die Tür des Nachbarn. Wir haben den Weltraum erobert, aber nicht den Raum in uns. Wir haben die Luft gereinigt, aber die Seelen verschmutzt. Wir können Atome spalten, aber nicht unsere Vorurteile. Wir haben gelernt schnell zu sein, aber wir können nicht warten. Wir machen neue Computer, die mehr Informationen speichern und eine Unmenge Kopien produzieren, aber wir erleben weniger miteinander. Es ist die Zeit, wo moderne Technik einen Text wie diesen in Windeseile in die ganze Welt tragen kann, und wo wir die Wahl haben: das Leben zu ändern – oder diesen Text und seine Botschaft wieder zu vergessen.

24. Januar 2018

Merkwürdigerweise gibt es in meinen Kursen, pauschal gesagt, eine gewisse Abneigung gegen sakrale Musik. Insgesamt kann ich mit Oratorien, Messen, Passionen und Kantaten kaum punkten. Vielleicht tun sich Atheisten, Agnostiker oder auch der Kirche gegenüber kritisch Denkende mit biblischen und geistlichen Texten schwer. Das mag sein, auch wenn in einem Hörkurs nicht theologische Aspekte, sondern andere Dinge im Vordergrund stehen. In Werken von Dufay, Bach, Mozart oder Verdi finden sich zuhauf meisterhafte Techniken, Textauslegungen und differenzierteste musikalische Ausdrucksmittel. Diese allerdings ändern sich mit den jeweiligen historischen Bedingungen! Warum schreibt Heinrich Schütz zu Anfang des 17. Jahrhunderts Musik für große Besetzungen, zumeist doppelchörig und für zahlreiche Instrumente, später aber fast nur noch für zwei Sopranstimmen und Basso continuo? Ja, richtig – der Dreißigjährige Krieg hatte die Männer dahingerafft, und es war schlicht niemand mehr da, der die vormals komponierte Musik hätte aufführen können. Also, es gäbe eine Menge zu lernen und spannende Zusammenhänge zu entdecken. Man muss nicht religiös sein, um sich für die Musica Sacra begeistern zu können. Wer nicht (mehr) an die große Liebe glaubt, kann notabene schmachtende Opernduette trotzdem toll finden.

23. Januar 2018

Gewandhaus Leipzig

Unsere nächste Studienreise geht vom 7. – 10. Juni 2018 nach Leipzig. Bestandteile sind An- und Abreise im ****Reisebus, Unterkunft im Hotel TRYP by Wyndham Leipzig North****, Besuch eines Konzertes im Gewandhaus (Werke von G. F. Händel, Gewandhausorchester, Ltg. Emmanuelle Haïm) am 9. Juni, eine halbtägige Stadtrundfahrt (ca. 3 Stunden) am 8. Juni und ein Besuch im Händelhaus Halle mit Führung (ca. 1 Stunde) am 10. Juni. Preis 385 € im DZ, Einzelzimmerzuschlag 60 €. Anmeldungen online, weitere Informationen über das Sekretariat der Wetzlarer Musikschule (Tel. 06441-42669).

22. Januar 2018

In memoriam Paul Bocuse (1926 – 2018)
Mousse au chocolat

6 Eier
150 Gramm weißer Zucker
200 Gramm Schokolade (halbbitter)
125 Gramm weiche Butter
1 kleine Kaffeetasse sehr starker Mocca
1 Prise Salz

Die Eier trennen. Die Eidotter mit dem Zucker cremig schlagen (Wasserbad). Butter zusammen mit der Schokolade in einem Extratopf schmelzen. Die Butter-Schokomasse vorsichtig unter die Eigelb-Zuckermasse heben und den warmen Mocca (ca. 6 EL) unterrühren. Eiweiß zu Eischnee schlagen. Zunächst 3-4 EL Eischnee unter die Créme rühren, dann die Créme unter den restlichen Eischnee heben. Die fertige Mousse in Gläser, Schälchen oder in eine Glasschüssel füllen und für einige Stunden abgedeckt in den Kühlschrank stellen.

21. Januar 2018

Vor ein paar Tagen lief auf 3sat der 2005 in Kanada gedrehte Film Liebe mich! (Lie with me; Regie Clément Virgo), ein gleichermaßen sensibles wie freizügiges Werk über eine junge Frau, die nach zahllosen Sex-Abenteuern zum ersten Mal der Liebe begegnet und nicht weiß, wie sie damit umgehen soll. Von vertrauten Unsicherheiten – wie kann man mit jemandem Sex haben, in den man verliebt ist? – handelt Liebe mich! ebenso wie von der Frage nach der Verantwortung für eigene Gefühle und die gegenüber einem anderen Menschen. Die Hauptdarsteller Lauren Lee Smith und Eric Balfour bieten eine bemerkenswerte Ausdruckspalette von sensibel-zerbrechlich bis selbstbewusst-offensiv und sind dabei absolut überzeugend. Ein Film für unverbesserliche romantische Schwärmer und für diejenigen, die sich auch weiterhin der Müdigkeit ihrer Seele nicht unterwerfen wollen. Die letzten Sätze, aus dem Off gesprochen, klingen lange nach: “Du musst warten, bis du ganz schutzlos bist. Und du musst mit jemandem warten, der ebenso entblößt ist wie du. Und dann musst du noch einen Moment länger warten.”

20. Januar 2018

Tipp! 4. und letzte Woche, nur Sonntag, 21. Januar 2018, Filmkunsttheater Marburg (Atelier, Steinweg 4), 12.45 Uhr: L’Opera de Paris (F/CH 2017, Orig. m. UT). Eine von der Kritik hochgelobte Dokumentation über die Pariser Oper – wie funktioniert eines der berühmtesten Opernhäuser der Welt, wo laufen die Fäden zusammen, und wer trifft die wichtigen Entscheidungen? Absolut sehenswert! Letzte Chance!

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19. Januar 2018

Unabhängig von der Frage, ob eine neue GroKo nun zu befürworten ist oder nicht, tritt der gegenwärtige Juso-Bundesvorsitzende Kühnert einen interessanten Beweis an. Er zeigt nämlich, dass auch Menschen mit dem Vornamen Kevin zu überdurchschnittlichen intellektuellen Leistungen fähig sind. Noch 2009 hatte eine Studie der Universität Oldenburg belegt, dass in ganz Deutschland Pädagogen Vorurteile gegen Kinder mit Namen wie Justin, Marvin, Cedric, Mandy, Angelina, Chantal, Maurice und insbesondere Kevin hegen. Zu diesen Namen fielen den Lehrkräften am häufigsten die Attribute “verhaltensauffällig” und “leistungsschwach” ein. Vornamen wie Charlotte, Sophie, Hannah, Alexander oder Jakob verbanden sie dagegen mit Eigenschaften wie “leistungsstark” oder “freundlich”.

Kevin Kühnert ist Jahrgang 1989, das Ende seiner Schulzeit fällt also ungefähr mit dem Zeitpunkt zusammen, zu dem die Oldenburger ihre Studie vorgelegt haben, an der sich im Übrigen 2000 Grundschullehrkräfte beteiligt hatten. Kühnert wird zweifellos sein Abstraktionsvermögen ebenso wie sein rhetorisches Talent bereits während seiner Schulzeit unter Beweis gestellt haben. Also, auch ein Kevin kann’s (wenigstens einer, haha)! Über Regeln und ihre Ausnahmen sprechen wir ein andermal.

17. Januar 2018

Bodypositivity: US-Drogeriekette verbannt gephotoshoppte Models von ihren Produkten
ZEIT online, 17. Januar 2018

Na, das wird die supporteten Kunden aber sehr gesatisfighted (!) machen …

16. Januar 2018

Mit der Vermittlung von Musik des 20. Jahrhunderts bleibt es in meinen Kursen weiter schwierig. Gestern Abend stand die Sinfonie Mathis der Maler von Paul Hindemith auf dem Programm. Wie immer hatte ich ein Skript mit Erläuterungen vorbereitet. Wir sprachen über die Entwicklung der Tonalität, über neobarocke Formen in Hindemiths Werk, dazu ein wenig Rezeptionsgeschichte. Nach dem Hören der Sinfonie (über CD, eine Aufnahme auf DVD ist leider nicht erhältlich) folgte großes Schweigen. Auf Nachfrage die Antwort: “Dazu kann man nicht viel sagen.” Dann der Anfang zu Cardillac, etwa zehn Minuten. Immerhin der Kommentar “Das ist wohl schwer zu singen” und ein paar anerkennende Worte zum Bühnenbild. Über die Musik wieder nichts. Auf den Satz “Ist eben kein Mozart” habe ich zum Glück vergeblich gewartet.

Paul Hindemith 1945 USA
Paul Hindemith 1945

Wieder zu Hause, habe ich einen Hindemith-Bildband genommen und Fotos angeschaut. Hindemith war so interessiert daran, Laien seine Musik nahezubringen! Ich würde wirklich gerne helfen, und es hat ja auch schon so manches Mal geklappt. Gestern nicht.

14. Januar 2018

Mariame Clément inszeniert Salome von Richard Strauss im Essener Aalto-Theater, für insgesamt neun Vorstellungen in dieser Spielzeit. Das Haus spricht auf seiner Homepage über die Oper von einem “faszinierenden Psychogramm über seelische Abgründe in einer Welt voller unterdrückter Leidenschaften, Hass und Einsamkeit” und beschreibt anschließend den Siegeszug des Stückes nach seiner Uraufführung im Jahr 1905 an der Dresdner Hofoper: “Zur österreichischen Erstaufführung in Graz kamen sogar Giacomo Puccini, Gustav und Alma Mahler, Arnold Schönberg, Alexander von Zemlinsky und Alban Berg, und auch Thomas Manns fiktiver deutscher Tonsetzer Adrian Leverkühn will dabei gewesen sein – niemand, der auf der Höhe der Zeit bleiben wollte, konnte sich Salome entgehen lassen. Die faszinierende und verstörende Geschichte von sinnlichem Begehren und unerbittlicher Rache wird von Strauss in einen rauschhaften und betörenden Orchesterklang gekleidet, der zugleich psychoanalytische Einblicke in die seelischen Abgründe aller Figuren zulässt.”

Als Bewunderer der Regiekunst von Mariame Clément bin ich natürlich sehr gespannt darauf, wie sie das Stück inszenieren wird. Üblicherweise sind ihre Arbeiten mutig und unkonventionell, ja frappierend, wie ich es im letzten Jahr in Dijon bei Monteverdis Il ritorno d’Ulisse in patria und in Straßburg mit Cavallis La Calisto erlebt habe. Jetzt also Salome in Essen – wie schön! Premiere ist am 31. März.

13. Januar 2018

Mein Vorschlag, in den Kursen auch einmal die Geschichte der Operette zum Thema zu machen, ist bei den Teilnehmenden bisher auf wenig Begeisterung gestoßen. Vielleicht sind die Handlungen mit ihren Scheinkonflikten und Sentimentalitäten ein Grund dafür, wofür ich ein gewisses Verständnis habe. Dennoch: Johann Strauß zum Beispiel wurde für seine Musik von Kollegen wie Brahms, Wagner und Verdi in den höchsten Tönen gelobt. Auch der kompositorische Rang eines Jacques Offenbach ist unbestritten, wenngleich seine Oper “Les Contes d’Hoffmann” (Hoffmanns Erzählungen) bis heute mehr Bewunderung erntet als seine Operetten “Pariser Leben”, “Die schöne Helena” oder “Oprheus in der Unterwelt”. Selbst über die Berliner Größen Lincke, Gilbert und Kollo wird mit Respekt und aufrichtiger Anerkennung gesprochen. Es wäre insofern ganz folgerichtig, wenn wir uns demnächst in einem Kurs mit der Operette und ihren Zentren Paris, Wien und Berlin beschäftigen würden.

Wahrscheinlich ist mir dieses Thema durch den Kopf gegangen, als ich vorhin im Supermarkt war und ein paar Wiener gekauft habe, denn ich habe auch Berliner mitgenommen, zum Kaffee am Nachmittag. Nach Parisern habe ich nicht geschaut.

10. Januar 2018

Gestern haben wir im Kammermusikkurs das Klaviertrio von Maurice Ravel gehört. Nach den knapp dreißig Minuten meinte eine Teilnehmerin, sie habe das Hören als anstrengend empfunden. Das ginge ihr mit Musik des 20. Jahrhunderts oft so, ergänzte sie und erntete dafür beifälliges Nicken. Da war es also wieder, unser Dauerthema! Keine spontan erkennbaren Strukturen, viele Dissonanzen, man kann nichts nachsingen und so weiter. Daran wird sich allerdings nichts ändern, wenn das Hören auch nur gemäßigt moderner Musik – wir sprechen von Ravel und nicht etwa von Ruzicka – als kulante Pflichtübung abgeleistet wird, sozusagen als politisch korrektes Zugeständnis an eine Kunst, von der allenthalben behauptet wird, es sei eine solche. Wo ist die Lust aufs Unbekannte, auf Unentdecktes, auf Überraschungen? Muss eigentlich der Begriff der Anstrengung negativ besetzt sein? Was ist schlecht daran, wenn etwas anstrengend ist? Wir sollten uns einfach mehr abverlangen! Das hat Ravel im Übrigen auch getan – das Komponieren des Klaviertrios war anstrengend.

8. Januar 2018

Mit jeweils drei Tagen in Dresden und Berlin hätte es kaum einen besseren Start ins das neue Jahr geben können. Schon der Ausklang 2017 war mit zwei schönen Opernbesuchen in Duisburg und Dortmund gelungen, doch die voll besetzte Semperoper sorgte mit Korngolds Die tote Stadt am Tage nach Neujahr für einen Paukenschlag. Natürlich ist die Musik von entwaffnender Direktheit und bezwingendem Charme, doch selbstverständlich sind es die Themen von Vergänglichkeit, Abschied und Aufbruch, die zu Kontemplation und geistiger Versenkung auffordern. Ein besseres Stück hätte ich zu Anfang des Jahres nicht wählen können. Und das in einer so großartigen Qualität erleben zu dürfen, ist schon etwas sehr Besonderes und wird lange nachwirken!

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In der aktuellen Karte des Raskolnikoff ist der schöne Text von Robert Gernhardt leider nicht mehr enthalten. Die freundliche Bedienung klärte mich darüber auf, dass es die neue Karte seit nunmehr vier Jahren gibt. Dann machte sie sich auf die Suche nach der alten Karte und fand tatsächlich noch ein Exemplar. Und da stand es, schwarz auf weiß:

Kommt, das gute Brot des Nordens
wolln wir stückchenweise braten
in dem guten Öl des Südens,
wie es schon die Väter taten.
Von dem guten Wein des Westens
trinken wir, dieweil wir essen,
um die liebe Not des Ostens
schlückchenweise zu vergessen.

Ein herrlicher Text! Das Essen war gut, wie damals. Entensülze mit Bratkartoffeln (rote und weiße Kartoffeln, mit Speck und Zwiebeln). Dazu ein Hausbier. Apropos: Natürlich war ich auch im Hopfenkult und habe gelernt, dass es der Citra-Hopfen ist, der dem Pale Ale seinen unverwechselbaren Geschmack gibt. Ich habe ein paar Flaschen zum Probieren mitgenommen.

Dann Berlin, mit Muße und ganz ohne Programm. Ausgesprochen wohltuend! Da ich mein Kulturprogramm gewissermaßen schon abgeleistet hatte, war Zeit zum Ausatmen. Also ein Besuch in der Kastanie (mein Lieblingslokal in Berlin), Bummeln durch die Bergmannstraße bis zum Mehringdamm, dort ein Bier im Dolden Mädel (unbedingt zu empfehlen, wenn man Bier mag), Abendessen in der Trattoria a’ Muntagnola (Fuggerstraße, Gerichte in der Tradition der Basilicata). Kein Konzert, keine Ausstellung. Keine Philharmonie, kein Museum. Es hätte gerne so weitergehen können, aber man kann nicht alles haben. Was ich in diesen paar Tagen hatte, war sehr viel. Und sehr schön. Frohes Neues Jahr!

Pause bis zum 8. Januar 2018

22. Dezember 2017

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Nach Hause kommen, das ist es, was das Kind von Bethlehem allen schenken will, die weinen, wachen und wandern auf dieser Erde.
Friedrich von Bodelschwingh (1831 – 1910)

Wenn Sie also den Weihnachtsschmuck im Keller gefunden und die Lichterketten entwirrt haben, wenn Vanillekipferl und Zimtsterne halbwegs gelungen und die online bestellten Geschenke rechtzeitig eingetroffen sind, können Sie mit dem Nach-Hause-kommen anfangen. Nehmen Sie sich Zeit! Zeit für sich selbst, für Ihre Lieben, für neue Pläne. Versuchen Sie nicht, perfekt zu sein. Lassen Sie einfach los. Entspannen Sie sich und feiern Sie friedvolle Weihnachten. Kommen Sie gut nach Hause!

21. Dezember 2017

Morgen ist letzter Schultag, danach geht es in die wohlverdienten Weihnachtsferien. Auf dem Programm steht Entspannung, wieder mehr Sport und natürlich Kultur. Ich bin mit Opernbesuchen etwas im Rückstand, also werde ich am 28. Dezember in Duisburg Maria Stuarda (Donizetti) sehen, zwei Tage später dann in Dortmung Eugen Onegin. Und danach geht es für ein paar Tage nach Dresden, wo ich ein Privatquartier gefunden habe, direkt am Blauen Wunder, 50 Meter von der Elbe entfernt. Natürlich gehe ich die Semperoper, gleich nach Neujahr, und werde dort Korngolds Die tote Stadt erleben. Kaffee und Kuchen habe ich mit Wippler am Körnerplatz ja sozusagen vor der Nase, ins Raskolnikoff (Böhmische Straße) muss ich natürlich auch. Und zum Hopfenkult (Görlitzer Straße). Das war’s auch schon, mehr ist nicht geplant.

19. Dezember 2017

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3. Wetzlarer Improvisationstage 25. – 28. Januar 2018

Donnerstag, 25. Januar 2018, 19.30 Uhr
Fishing in the Falling Tide
Szenische und klangliche Erforschung
Studierende der Ruhr-Universität Bochum
Konzertsaal der Wetzlarer Musikschule

Freitag, 26. Januar 2018, 19.30 Uhr
Il Spirito della Diminution
Internationales Ensemble für Alte Musik
Untere Stadtkirche

Samstag, 27. Januar 2018, 19.30 Uhr
Alles ist da, nichts bleibt
Experimentelle Improvisation
Trio Susanne Escher (CH)
Konzertsaal der Wetzlarer Musikschule

Sonntag, 28. Januar 2018, 11.00 Uhr
Mozart, Ehekrach und blaue Donau
Udo Hartlmaier, Klavier
Konzertsaal der Wetzlarer Musikschule

18. Dezember 2017

So langsam mache ich mir Gedanken über das Essen an den Weihnachtsfeiertagen. Gans mit Rotkohl und Klößen ist immer eine Option. Da geht’s dann nur noch ums Drumherum, also welche Suppe vorweg, zum Dessert Eis oder Pudding, welcher Wein und so weiter. Zum Thema Klöße habe ich jetzt gelesen, dass die aus Niedersachsen stammende US-Schauspielerin Diane Kruger (Troja, Inglourious Basterds, Aus dem Nichts) mit ihren selbstgemachten Knödeln in den USA nicht ankommt. Knödel seien sehr deutsch, meint sie dazu verständnisvoll, aber da müssten ihre Freunde nun mal durch.

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Mir wird dieses “Uummm, was ist das denn?” an Weihnachten erspart bleiben. Klöße kennt in der Familie jeder – egal, ob es um Semmel-, Kartoffel-, Speck-, Spinat- oder sonstwelche Knödel geht. Kloß oder Knödel ist übrigens das Gleiche. “Kloß” kommt aus dem althochdeutschen kloz und bedeutet Klumpen, Knolle oder Kugel. Und solange die Klöße nicht so schmecken, als falle außer dem Namen auch ihre Herstellung in die Zeit des Althochdeutschen, ist alles gut.

16. Dezember 2017

Heute Nachmittag, im Weihnachtskonzert der Wetzlarer Musikschule, erklingt unter anderem der langsame Satz aus dem “Winter” der Vier Jahreszeiten von Vivaldi. Viele Musikliebhaber wissen nicht, dass es Sonette zu diesem berühmten Zyklus gibt, auf die die Musik komponiert wurde. Mit großer Wahrscheinlichkeit stammen die Texte von Vivaldi selbst. Für das Largo des “Winters” gibt es diese Zeilen: “Ruhige und zufriedene Tage am Kamin zubringen, während draußen der Regen viele durchnässt.” Die Solovioline steht dabei für das wärmende Feuer, die Pizzicati der Streicher verdeutlichen díe ans Fenster schlagenden Regentropfen. Nun ist die Rolle des Zuhörers eine Sache der Perspektive: Stehen wir draußen und gucken hinein, oder sitzen wir drinnen und schauen hinaus? Je nach Blickwinkel ändert sich die Wahrnehmung der Instrumente. Natürlich müssen sich auch die Ausführenden überlegen, welche Sichtweise sie transportieren wollen. Soll die Solovioline dezent begleitet werden, oder spielen die Streicher die Hauptrolle – mit dominanten, wenig schön gespielten Klängen? Auf dem CD-Markt gibt es unzählige Aufnahmen der Vier Jahreszeiten. Den größten Gegensatz bieten bis heute Karajan und Harnoncourt. Der eine mit Klangschönheit, aber ohne sonderliches Interesse am Inhalt der Sonette, der andere mit treffsicherer Textauslegung und dazu bewusst gewählter, rauer Intonation. Und wir können entscheiden, was uns besser gefällt!

13. Dezember 2017

Innsbruck ex Kopie

Innsbruck, ich muss dich lassen …

12. Dezember 2017

In letzter Zeit ist in den Printmedien, doch auch in Fernsehdiskussionen und Polit-Talkskows häufiger von einem “Narrativ” die Rede, welches vermeintlich dringend benötigt, fälschlich benutzt oder unentwegt verbreitet wird. Frauke Petry wünschte vor ein paar Monaten auf die Frage, ob sie die Radikalisierung ihrer Ex-Partei nicht mit in Gang gesetzt habe, “mit diesem Narrativ bitte endlich Schluss machen” zu können. Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck beließ es kürzlich immerhin bei einer “Erzählung”, die es bräuchte, um für bestimmte Koalitionen überzeugend werben zu können. Narrativ, das klingt sehr gescheit. Ähnlich wie Alexander Wehrle, Geschäftsführer des 1. FC Köln, der keinesfalls “proaktiv” auf Horst Heldt, Manager von Hannover 96, zugegangen sein will, um ihn abzuwerben. Proaktiv, das ist vermutlich aktiver als aktiv, wahrscheinlich obendrein gesünder, auf jeden Fall klingt es so.

Vor einigen Tagen meinte der Politologe Michael Oswald, dass Christian Lindner in den Jamaika-Sondierungen versucht habe, ein “für ihn normativ gutes Programm” in die Regierung zu übertragen. Stellt sich die Frage, ob seine Mitsondierer möglicherweise während der mehrwöchigen Konsultationen nicht ausreichend proaktiv auf ihn zugegangen sind. Vielleicht hat Lindner seinerseits auch mit einem Narrativ gegeizt, wer will das wissen? Im Nachhinein war es aus liberaler Sicht normativ jedenfalls kein gutes Programm. Immerhin wird jetzt außer GroKo auch KoKo erwogen, bald vielleicht auch KroKo oder SchoKo. Aber das Narrativ muss passen, normativ wie proaktiv, sonst wird das wieder nichts!

Pause bis zum 12. Dezember 2017

29. November 2017

Als ich ein kleiner Junge war, arbeitete mein Vater ein paar Jahre lang für das Nordwestlotto. Auf seinen Touren zu den Lotto-Annahmestellen durfte ich ihn manchmal begleiten, was mir immer Freude machte. Wir unternahmen die Fahrten mit dem Dienstwagen, einem alten Mercedes Ponton 180 Diesel. Bei kürzeren Aufenthalten wartete ich im Auto, bei längeren ging ich mit hinein und bekam eine Limonade oder ein Eis, während mein Vater seine Gespräche führte. Besonders gern fuhr ich zum “dicken Mörs”, wie mein Vater den Mann nannte, der zusammen mit seiner Frau eine Annahmestelle in Westerholt leitete. Der dicke Mörs hatte im Hinterzimmer des Ladenlokals ein Aquarium, in dem Guppys und Neonsalmler schwammen. Ich bewunderte die Schönlinge bei jedem Besuch.

Neonfische

Eines Tages rief der dicke Mörs an und sagte, er habe zwei Klaviere aus einem Nachlass, wir könnten eins davon haben, wenn wir wollten. Ich erinnere mich gut, dass ein schwarzes und ein braunes Instrument zur Auswahl standen. Das braune, für das wir uns schließlich entschieden, war ein schönes Klavier der Marke Hilger/Essen. Auf die Frage nach dem Preis zündete sich der dicke Mörs eine Zigarette an und sagte, er habe keine Ahnung. Ob hundert Mark in Ordnung wären? So kam ich also zu meinem ersten Klavier, das es übrigens heute noch gibt. Es lässt sich leider nicht mehr gut stimmen und wird demnächst zur Hausbar umgebaut. Dem dicken Mörs, Gott hab’ ihn selig, wär’s wohl egal.

27. November 2017

Es hat alles gepasst: Bustransfer und Fährpassage, Hotel (Clayton Chiswick****, exzellenter Service), Stadtführung mit Wolfgang Florek (WF Consulting, sehr kompetent), Opernaufführung von Lucia di Lammermoor im Royal Opera House (mit einer grandiosen Lisette Oropesa als Lucia in einer geistreichen Inszenierung von Katie Mitchell). Das schöne Wetter (sonnig, zwischen 5° und 10° C) und zwei, drei angenehme Besuche in Pubs und Restaurants rundeten das Ganze ab. Und eine Entdeckung: Camden Pale Ale.

Camden Pale Ale

Ich habe nur ein Sixpack gekauft, um einen Grund zu haben, schnell wieder hinzufahren. Dann kann ich auch die Ausstellung Opera: Passion, Power and Politics im Victoria and Albert Museum besuchen. “It’s a remarkable achievement that ultimately has the potential to change the way you think.” (The Guardian)
Zeit ist bis zum 25. Februar 2018.

22. November 2017

Morgen geht es für vier Tage nach London. Am Freitag steht im Royal Opera House eine Aufführung von Donizettis Lucia di Lammermoor auf dem Spielplan, worauf ich mich sehr freue. Unsere Reisegruppe ist mit 28 Personen diesmal etwas kleiner als sonst. An- und Abreise nehmen jeweils einen Tag in Anspruch, vielleicht hat das ein paar Opernfans in diesem Jahr von einer Teilnahme abgehalten. Und nicht jeder schätzt die Überfahrt mit der Fähre, das kommt noch hinzu. Ich liebe ja diesen Mix aus Schiffsmotorengeräusch, Dieselgeruch und Möwengeschrei. Dazu Fish & Chips und ein erstes Newcastle Brown Ale! Durch den Duty-Free-Shop bummeln, Shortbread kaufen und noch einen Adapter, für alle Fälle. Nach knapp anderthalb Stunden sind die Kreidefelsen von Dover zu sehen. Wunderbar! Eigentlich geht das alles viel zu schnell. Vielleicht sollten wir beim nächsten Mal mit der Color Line nach Oslo fahren. Das dauert schön lange, und zum Frühstück gibt’s Kaffee, Lachs und Aquavit.

21. November 2017

Es ist eine Weile her, seit ich zum letzten Mal Korngolds 1. Streichquartett gehört habe. Im heutigen Kammermusikkurs wurde ich durch die Aufnahme des Doric String Quartets wieder daran erinnert, wie glutvoll und verzehrend diese Klänge sind, vor allem die des zweiten Satzes. Exquisit schmerzlich und melancholisch, unendlich zart und von milder Trauer, zutiefst leidenschaftlich und hochgradig sensibel – Musik für Benzinpreisvergleicher und Käserindenabschneider, würde mein Sohn sagen. Aber das macht nichts, ich komme psychisch damit zurecht.

19. November 2017

Diese ewigen antiken Kostüme! Jeden Abend andere Kothurne auf den Brettern! Helena und Antigone und Orest und Zeus und Klytämnestra und Menelaus – alles was Kostüm trägt, ist das nicht eigentlich Sommertheater? Was für ein Geklapper! Ich nehme Shakespeare nicht aus: Diese Degen und Brünnen und Wamse und Giftbecher und Dolche – als Buch gelesen unvergleichlich, aber auf der Bühne: Das Komische traurig und das Ernste zum Lachen!
Gottfried Benn (1886 -1956)

17. November 2017

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Manches, was ein schönes Bild abgeben soll, kommt doch über eine unbeholfene Kleckserei nicht hinaus.

16. November 2017

Cathy Berberian war vielseitig und unangepasst. Sie sang klassische Opernpartien, aber auch Lieder von Gershwin und Weill, ebenso Beatles-Songs. Von 1950 bis 1964 war sie mit dem Komponisten Luciano Berio verheiratet, interpretierte dessen Musik sowie die anderer Avantgardisten. Igor Strawinsky widmete ihr 1963 die “Elegy for John F. Kennedy”, auch Hans Werner Henze, Darius Milhaud und John Cage komponierten für sie. Gleichzeitig arbeitete sie mit Nikolaus Harnoncourt und spielte zusammen mit ihm Opern und Madrigale von Monteverdi ein.

Nicht selten hat sie den kommerziellen Musikbetrieb und seine Gepflogenheiten kritisert, auch Gesangs-Kolleginnen blieben nicht verschont. Einigen warf sie vor, dass sie sich “mit einer Handvoll mühsam einstudierter, populärer Opernpartien reich und fett” gesungen hätten. Und über den Großteil der Schubert-Lieder, immerhin insgesamt etwa sechshundert, sagte sie: “Ein Großteil der Schubert-Lieder wird im Konzertleben ignoriert – zu Recht. Und wenn sie nicht von Schubert wären, würden auch von den Musikologen kein Hahn mehr danach krähen.”

Traditionsbewusst und neugierig war sie, mutig, leidenschaftlich, anspruchsvoll und zuweilen selbstironisch. Eine Sendung des Deutschlandfunks von 1993 fasst es so zusammen: “Die Lieder-Recitals der Cathy Berberian hatten denn auch immer etwas von einem clownesken ‘Gesamtkunstwerk’ an sich, eine Gratwanderung zwischen Seriosität und Slapstick. Jeder ihrer Auftritte war kunstvoll arrangiert: Wenn sie mit bizarr onduliertem Platinhaar und in selbstentworfenen Kleidern mit der Mimik eines Hollywood-Komikers das Podium betrat, spätestens dann war dem Publikum klar, dass diese Sängerin den hehren, etablierten Musikbetrieb ‘ad absurdum’ führen wollte, und das auf höchstem künstlerischen Niveau.”

15. November 2017

Music is the air I breathe and the planet I inhabit. The only way I can pay my debt to music is by bringing it to others, with all my love.
Cathy Berberian (1925 – 1983)

14. November 2017

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Zum ersten Mal seit 1958 verpasst Italiens Nationalmannschaft eine Fußball-Weltmeisterschaft. Zwei Playoff-Spiele gegen Schweden haben der Squadra Azzurra nicht gereicht, um ein Tor zu erzielen. Tragödie, nationale Katastrophe, Apokalyse. Franz Beckenbauer (was macht der eigentlich?) hat es schon vor Jahren kommen sehen: “Die Schweden sind keine Holländer.” Dieser Umstand war den Tifosi wohl verborgen geblieben, sei’s drum. So muss Deutschland also ohne Italien wieder Weltmeister werden. Und ganz ehrlich: So richtig Spaß macht das nicht.

12. November 2017

Mehr oder weniger spontan bin ich gestern nach Erfurt gefahren, um mir im dortigen Theater die Premiere von Luigi Cherubinis Medea (1797) anzusehen. Die Erfurter zeigen das Stück in Co-Produktion mit der Opéra de Nice und dem Landestheater Linz in französischer Sprache mit Übertiteln und deutschen Dialogen. Es war im Übrigen das Gießener Stadttheater, das 1998 die Deutsche Erstaufführung in dieser Form zeigte. Seitdem setzt sich diese Fassung mehr und mehr durch und entspricht damit der Intention des Komponisten. Während der 50er Jahre war die Medea die Paraderolle von Maria Callas, allerdings in der italienischen Übersetzung, wodurch das Werk damals als romantische italienische Oper wahrgenommen wurde.

Luigi Cherubini (1760 – 1842) war bereits zu Lebzeiten ein hochgeschätzter Komponist. Beethoven sah in ihm den “größten lebenden Opernkomponisten”, und Brahms – dem Musiktheater sonst nicht so zugetan – sah in Medea bzw. Médée “das höchste an dramatischer Musik”. Cherubini erlebte aufgrund seines recht langen Lebens verschiedene musikalische Epochen, was seiner Musik deutlich anzumerken ist. Darüber hinaus sind sein musikalisches Gespür für dramatische Situationen und seine Gabe der psychologisierenden Zeichnung der handelnden Personen außergewöhnlich. So ist die Oper, ganz abgesehen vom erzählerischen Rang der Medea in der griechischen Mythologie, ein wirklich besonderes Stück mit hohem Repertoirewert. Nicht umsonst übrigens haben sich auch Komponisten anderer Epochen von diesem Stoff herausgefordert gefühlt wie z. B. Marc-Antoine Charpentier zur Barockzeit oder Aribert Reimann, dessen Medea erst 2010 ihre Uraufführung in der Wiener Staatsoper hatte.

PanoramaFoyer
Theater Erfurt, Foyer (Foto: Lutz Edelhoff)

Die Erfurter Produktion verlegt die Handlung in die Neuzeit und spielt in einem modernen Großraumbüro mit freiem Blick auf zahlreiche (New Yorker?) Wolkenkratzer. Das ist durchaus überzeugend und betont die Zeitlosigkeit der Erzählung auf pointierte Weise. Die Erfurter können sich glücklich schätzen, mit Ilia Papandreou eine hervorragende Medea auf die Bühne bringen zu können. Ihr Sopran bringt die gesamte Gefühlspalette der verzweifelt Liebenden grandios zum Ausdruck, dem Jason (Eduard Martynyuk) emotional nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hat. Julia Neumann überzeugt als Dircé, die die Katastrophe von Anfang an kommen sieht und auf schmalem Grat zwischen düsterer Vorahnung und verdrängender Partylaune wandelt. Der Chor agiert präzise und klanglich eindrucksvoll. Samuel Bächli ist für die musikalische Leitung zuständig und dirigiert gewohnt sicher und zuverlässig. Wer Lust und Zeit hat, ein eher selten gespieltes Werk auf gutem Niveau zu erleben, dem sei die Erfurter Medea auf jeden Fall empfohlen.

9. November 2017

Gestern Abend – wir hatten gerade mit Gianni Schicchi den letzten Teil des Trittico von Puccini gesehen – kamen wir mit Blick auf Verdis Falstaff darauf zu sprechen, dass es in der Musikgeschichte häufig “Paarbildungen” von Komponisten gibt, obwohl diese sich doch sehr voneinander unterscheiden. Wir sprechen oft von “Bach und Händel”, von “Debussy und Ravel”, von “Verdi und Puccini”. Von “Haydn und Mozart” ist vielleicht seltener die Rede, doch immerhin gelegentlich, ähnlich wie von “Brahms und Bruckner”. Bei näherer Betrachtung liegen die Unterschiede nicht nur im kompositorischen oder stilistischen, sondern interessanterweise auch im persönlichen Bereich. Bei manchen “Paaren” könnte die individuelle Ausprägung charakterlicher Dispositionen nicht unterschiedlicher sein. Was also in einem Atemzug genannt wird, weist oft außer einer zeitlichen Parallelität kaum Gemeinsamkeiten auf.

Heute haben wir den zweiten Teil des Films Die siebente Saite (Tous les matins du monde, F 1991) gesehen. Glücklicherweise ist diese großartige Produktion seit einigen Wochen mit deutscher Tonspur auf DVD erhältlich. Wir lernen sehr viel beim Anschauen dieses Films, nicht nur über Musik und Geschichte. Er erzählt sehr klug und lebenserfahren über Berufung und künstlerische Unbeugsamkeit, über Ausdruckswillen und Inspiration, Liebe und Verlust, Trauer und Vergebung. Ein filmisches Geschenk von 114 Minuten, von denen man nicht eine einzige missen möchte.

8. November 2017

Barcelona 91-17.Kopie

Mit amüsierter Verwunderung über die Auswüchse der gegenwärtigen Sexismus-Debatte hier eine meiner zahlreichen schönen Erinnerungen an Barcelona.

7. November 2017

Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.
Aristoteles (384 – 322 v. Chr.)

5. November 2017

In der taz rezensiert Dagmar Penzlin die Neuproduktion von Monteverdis Oper “Il ritorno d’Ulisse in patria” an der Hamburgischen Staatsoper. Frau Penzlin erzählt in süffigem Tonfall ein bisschen über die Geschichte des Stücks, über die Regie, über die Ausstattung, über Sänger und Instrumentalisten. Gegen Ende dann folgende Passage: “So tritt die Aufführung nach der Pause zunehmend auf der Stelle. Das zurückgewonnene, in schönsten Arabesken besungene Liebesglück entschädigt am Ende dann zwar etwas für die Längen, aber ganz vergeht der Eindruck von Länglichkeit eben nicht. Das liegt auch an Monteverdis spröder Musiksprache. Das erwähnte, ins Singen gesteigerte Sprechen, das typische Monteverdi-Parlando: Es kann den Charme von akustischem Knäckebrot haben – und das hatte es in der besuchten Aufführung auch immer mal wieder.”

Es ist in Ordnung, wenn die Rezensentin einer Aufführung derselben gewisse Längen attestiert. Es ist auch nichts dagegen zu sagen, wenn dies unter Zuhilfenahme einer launigen Formulierung geschieht – damit ist bei der taz ohnehin alleweil zu rechnen, und wahrscheinlich wird seitens der Redaktion eine gewisse semantische Kreativität auch durchaus geschätzt. Aber Monteverdis Musiksprache in der zitierten Weise zu diskreditieren, ist nicht etwa launig-kreativ, sondern schlicht blöd und unqualifiziert. Das geht einfach nicht! Und es hat nichts mit persönlichen Vorlieben und Abneigungen zu tun – hier ist detaillierte Kenntnis musikgeschichtlicher Entwicklungen vonnöten und die Fähigkeit, Rang und Bedeutung eines musikdramatischen Jahrtausendgenies professionell einschätzen zu können. Frau Penzlin sind die Lektüre einschlägiger Literatur und entsprechende Hörschulungen anzuempfehlen, der taz ein sorgfältigerer Umgang mit ihrem Renommee als seriöse Zeitung auch für Kulturinteressierte.

4. November 2017

Kommt Jamaika? Wahrscheinlich. Gestern vermutete Claudia Kade, Politikressortleiterin der WELT, dass die Menschen in Deutschland eher dafür bereit seien als die Parteien. Das Publikum ist also weiter als die das Stück darbietenden Akteure. Das ist bemerkenswert und ungewöhnlich, selbst für Tragikomödien. In der nächsten Woche soll es angeblich ernst werden. Bis dahin stehen weiter royale Balkonbilder und rhetorische Pirouetten auf dem Spielplan. Wer zetert, wer zündelt, wer zickt? Wie heißt eigentlich die männliche Form von Diva? Divus, Divo? Seehofer?

2. November 2017

Poppea

Heute beginnt ein weiterer Crashkurs Oper. Wie immer beginnen wir mit der Frage, worum es Poppea eigentlich geht. Will sie Kaiserin sein, egal neben wem, oder ist sie scharf auf Nero und sein erektiles Begattungszäpfchen? Dazu gibt es Ausschnitte aus Monteverdis L’Incoronazione di Poppea sowie Szenen aus Opern von Purcell, Rameau und Händel.

1. November 2017

Grußwort zur Festschrift “60 Jahre Wetzlarer Musikschule”

Der Musikwissenschaftler und –psychologe Heiner Gembris hat einmal auf die Frage, ob Musizieren schlau mache, geantwortet: „Ich würde eher sagen: Wer schlau ist, macht Musik.“ Anders gesagt: Wir musizieren nicht, um unseren Intelligenzquotienten zu steigern. Also warum dann?

Der eine möchte endlich mal die erste Geige spielen, der andere will mal so richtig auf die Pauke hauen, der nächste will jemandem die Flötentöne beibringen oder ins gleiche Horn blasen – wir kennen diese Redewendungen. Sie kommen aus dem Alltag und haben ihren Ursprung in unseren Gefühlen, in unseren Wünschen und Bedürfnissen, in unserem Mut- und Gestaltungswillen. Die Wetzlarer Musikschule schafft seit nunmehr sechs Jahrzehnten individuelle wie gemeinschaftliche Möglichkeiten des aktiven Musizierens. Wir empfinden Freude, Ausgelassenheit, Nachdenklichkeit, Wut, Zuversicht – unsere gesamte Gefühlswelt findet Ausdruck in der Musik, sei es, dass wir sie einzeln oder in der Gruppe erleben.

Das Geheimnis liegt im Entwickeln eigener Fähigkeiten und in der Freude am Musizieren zusammen mit anderen. Im Grunde genommen ist es ein Programm fürs Leben: In einer Vielfalt von Farben und Klängen der eigenen Stimme treu bleiben, doch dabei stets auch die anderen wahrnehmen und sie nicht ausblenden. Das ist nicht immer leicht, doch wenn es gelingt, ist es wunderbar.

Und wer nicht hören kann, muss lernen! Die Musik nämlich erschließt sich uns ebenso im Erkennen und Verstehen von Zusammenhängen, im Analysieren von Satztechniken und Kompositionsstrukturen, von stilistischen Merkmalen, von musikgeschichtlichen und biografischen Hintergründen. Auch hier bietet die Musikschule entsprechende Zugänge durch Kurse, Vorträge, Projekte und Exkursionen. Instrumentalisten, Musikliebhaber und Konzertbesucher lernen auf unterschiedlichste Weise, Musik zu verstehen. Bisweilen verstehen sie dabei auch sich selbst – wie schön!

„Mit Musik geht alles besser“, sang Rudi Schuricke einst. Klingt einfach, ist es auch. Statt „Musik“ könnte es auch „Musikschule“ heißen. So ist das mit Evergreens, die bleiben einfach immer jung. So wie wir.

Thomas Sander
Schulleiter

30. Oktober 2017

Gestern Abend lief im WDR-Fernsehen eine Reportage über Barcelona. Ich habe erst spät eingeschaltet, doch glücklicherweise wird der Beitrag am 5.11. wiederholt (zwar um 4.30 Uhr, aber das lässt sich ja programmieren bzw. aufzeichnen). Ein paar Bilder aus Barceloneta habe ich aufgeschnappt, dann musste ich leider aus dem Haus. Doch die wenigen Bilder haben völlig ausgereicht, sofort war alles wieder präsent. Barceloneta war von Anfang an “mein” Viertel, hier war ich oft und habe mich wohlgefühlt wie lange nicht.

Die Wachen haben eine gemeinsame Welt; im Schlafe wendet sich jeder seiner eigenen zu.
Heraklit von Ephesos, griechischer Philosoph (ca. 540 – 480 v. Chr.)

Letzte Nacht hatte ich einen schönen, wenngleich seinen Sinn verbergenden Traum. Ich war ganz offensichtlich in eine junge, hübsche Taxifahrerin verliebt, die ihrerseits meine Gefühle zu erwidern schien. Sie verriet mir ihren Namen nicht, auch Kolleginnen und Geschäftsleute aus dem belebten Viertel, in dem wir verkehrten, konnten nicht weiterhelfen. Die Sonne schien, und ich ging für meine Freundin einkaufen. Sie wartete im Taxi, um mir später in gezuckertem Tonfall Süßigkeiten ins Ohr zu flüstern. Wahrscheinlich waren wir in Barceloneta unterwegs, und ebenso wahrscheinlich hieß sie Rebecca.

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Dann war plötzlich, ohne ersichtlichen Grund, der Traum vorüber, was ich noch jetzt bedauere. Der Psychologe Stephan Grünewald empfiehlt dringend, unsere Träume ernst zu nehmen. So ist es am Ende doch gut, dass wir uns nichts er-träumen können! Es gibt ihn eben nicht, diesen Ticketautomaten für Trauminhalte, den Traumgenerator. Heute Nacht immerhin hat mein Großhirn keine Mühe gehabt, aus Erlebnissen und Sehnsüchten eine schöne, im Wortsinne fantastische und dabei halbwegs zusammenhängende Geschichte zu machen. “Wenn Träume wahr werden …”, heißt es manchmal. Dabei sind die Träume selbst ja immer wahr. Ob wir ihre Botschaften verstehen, ist eine ganz andere Frage.

27. Oktober 2017

23.30 Uhr, zurück aus dem Kino. Den Schneemann habe ich gesehen, einen britischen Thriller um einen psychopathischen Mörder, der Frauen umbringt, vorzugsweise junge Mütter und nur, wenn es schneit. Nach der Tat baut er einen Schneemann, sozusagen als Signatur. Ich habe mir den Film, der passable Krimi-Unterhaltung liefert, aber kein cineastischer Meilenstein ist, ehrlich gesagt nur wegen Rebecca Ferguson angesehen. Sie ist einfach wunderschön, selbst als Leiche, eine halbe Stunde vor Schluss. Ab da habe ich mich noch höflichkeitshalber für die Auflösung des Falles interessiert, welche ohne Überraschungen geliefert wird. Die Landschaftsbilder aus dem winterlichen Norwegen sind unbedingt eindrucksvoll, wenngleich sich das gewisse Frösteln eigentlich wegen der filmischen Handlung einstellen sollte. Ein paar grausam-brutale Bilder gibt es in der Tat, wie es sich für so ein Genre gehört. Verstört oder gar schlaflos macht der Schneemann allerdings nicht, was ja auch sein Gutes hat.

25. Oktober 2017

Versuche, deine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen – und du verlierst die Kontrolle über dein Leben. Der Verstand ist nicht immer unser Freund. Er gibt uns gute und weniger gute Ratschläge. Die weniger guten sollten wir nicht befolgen.
Matthias Wengenroth

24. Oktober 2017

Es war ein schönes Konzert gestern Abend in der Frankfurter Alten Oper. Ein “klassisches” Sinfoniekonzert sozusagen, mit der Reihenfolge Ouvertüre-Solokonzert-Sinfonie. Dass es schön war, lag hauptsächlich an der Musik. Bachs dritte Orchestersuite ist eben ein starkes Stück und auch durch größere Extravaganzen nicht so leicht zu entstellen. Dirigent Stefan Blunier zwang das Frankfurter Opern- und Museumsorchester zu mitunter grotesk beschleunigten, sensationslüsternen Tempi und verspürte darüber hinaus wenig Neigung, den Blechbläsern dynamische Grenzen zu setzen. Vor der Pause dann Max Bruchs 1. Violinkonzert, in dem Solist Renaud Capuçon mit einer geschlossenen und stilsicheren Interpretation überzeugen konnte. Abschließend Mendelssohns 5. Sinfonie (“Reformations-Sinfonie”) mit warmen Klängen, leider zuweilen wieder mit Blechdominanz und unschönen Binnencrescendi, doch klangintensiv und alles in allem durchaus ansprechend. Ein schöner Abend dank guter Musik.

22. Oktober 2017

Diesmal habe ich ein paar Tage gebraucht, um wieder zurück in den Alltag zu finden. Das kenne ich so eigentlich nicht, denn normalerweise hat mich die Arbeitswelt doch sehr schnell wieder. Der Aufenthalt in Barcelona war jedoch so beeindruckend, dass diese Zeit immer noch nachwirkt und mich vermuten lässt, dass sich eine gewisse Depotwirkung eingestellt hat, unter deren Einfluss ich dem Alltag anders begegne. Es war eine fantastische Zeit mit herrlichem Wetter,

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großartigem Essen (jeden Tag Fisch!), sehr netten und aufgeschlossenen Menschen, wunderbaren Gebäuden und Plätzen und einem grandiosen Maskenball im Gran Teatre del Liceu – Piotr Beczała mit einer Weltklasseleistung in der Rolle des Riccardo!

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Mein Lieblingsviertel ist Barceloneta, die Gegend um den alten Hafen, wo direkt neben modernen Apartments, Boutiquen und Flaniermeilen in Strandnähe das eigentliche, einfache und bodenständige Leben spielt. Hier bin ich oft durch die Gassen spaziert, in denen es aussieht wie in der Altstadt von Neapel. Ich habe Kaffee, Tonic oder Vino blanco getrunken und im Restaurant La Taberneta (Carrer d’Andrea Doria) sehr gut und dabei preiswert gegessen. Sehenswürdigkeiten hat Barcelona natürlich reichlich, das Barri Gòtic, die Sagrada Familia, die Kathedrale, das Palau de la Música, La Rambla, zahlreiche Museen und ganz vieles mehr. Nicht alles muss einem gefallen (mit der Gaudì-Architektur z.B. tue ich mich schwer), und nicht alles kann in sechs Tagen angeschaut werden. So werde ich also wiederkommen, und zwar bald. Allein schon, um in der Pulperia Bar Celta zur Mittagszeit Empanadas de atún und Ribeiro zu genießen. Demnächst mehr.

Pause bis zum 18. Oktober 2017

6. Oktober 2017

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Ich nehme übrigens das Flugzeug. Angenehm ist mir das nicht, ehrlich gesagt, aber die Alternativen sind Bahn oder Auto, was in jedem Fall lange dauert und strapaziös sein kann. Eine Möglichkeit ist natürlich immer, es mit Konfuzius zu halten und den Weg als Ziel anzusehen. So könnte ich also durchaus das Auto nehmen, für den Weg nach Barcelona und zurück jeweils vier Tage einplanen und täglich etwa 350 Kilometer fahren. Schöne Hotels aussuchen, kleinere hübsche Orte anschauen und so weiter. Vielleicht ein andermal.

5. Oktober 2017

Wappen Barcelona

Ab Mittwoch der nächsten Woche bin ich für sechs Tage in Barcelona, ich habe das in einem früheren Eintrag bereits erwähnt. Ich denke nicht, dass es aufgrund der gegenwärtigen politischen Auseinandersetzungen zu größeren Unruhen kommen wird. Zwar empfiehlt das Auswärtige Amt, Menschenansammlungen zu meiden, aber damit sind sicher nicht Opernaufführungen gemeint. So freue ich mich also auf Verdis “Maskenball” im Gran Teatre del Liceu mit Piotr Beczała in der Rolle des Riccardo. Weitere konkrete Pläne habe ich nicht. Ich lasse die Stadt auf mich zukommen, das hat sich in anderen Metropolen immer bewährt. Mir liegt das Abarbeiten von “Must see”-Listen nicht, vieles wird sich von allein ergeben. Es ist mein erster Besuch in Barcelona. Nach allem, was ich höre, erwartet mich eine wirklich großartige Stadt. Ich bin schon sehr gespannt und werde hier darüber berichten.

2. Oktober 2017

Kermit

It’s easy to be green – either you have reason or money.

1. Oktober 2017

Der baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmann hat denjenigen, denen es an Fantasie für Jamaika fehlt, Michael Endes Roman „Die unendliche Geschichte“ oder den Besuch von Opern ans Herz gelegt. Weil, so die Begründung, “diese kreativen Menschen zeigen, wie man aus altem Stoff unentwegt was Neues macht.“ Zwar verschweigt Kretschmann bei seiner Empfehlung, dass “was Neues” nicht zwangsläufig “was Gutes” bedeutet, und dass darüber hinaus Tragödien auch in der Oper Tragödien bleiben, egal wie kreativ sie erzählt sind. Dennoch wünschte man der oft prosaischen Bundespolitik in der Tat ein etwas opernhafteres Flair, wenngleich der Gedanke an die Oper als Verständnishilfe für obsessive Strategien und clandestine Machtgelüste etwas verzweifelt Komisches an sich hat.

29. September 2017

Schild Oper - Langeweile

27. September 2017

Thadeusz und die Beobachter waren gestern Abend im rbb Fernsehen erneut in exzellenter Form und boten einen launigen Mix aus treffsicherer Analyse und politpsychologischer Kaffeesatzleserei in bramarbasierender Selbstironie. Das hat Witz, Geist und Fantasie. Viele Vertreter des deutschen Politjournalismus kann man seit geraumer Zeit mit Fug und Recht dafür kritisieren, dass sie entweder parteiisch, arrogant oder schlecht vorbereitet sind (oder alles gleichzeitig). Thadeusz und seine Beobachter sind keine Wunderwesen, wohlverstanden. Aber eines sind sie: Fantastische Unterhalter und unterhaltende Fantasten. Zuweilen im Tonfall heiterer Resignation und mit der Klugheit von Hofnarren bieten sie uns Fakten, vermeintliche Hintergründe und im Wortsinne wahre Spekulationen. Das ist allemal vortrefflich unterhaltend und auf diesem Niveau im Fernsehen mittlerweile sehr selten.

26. September 2017

Nur weil ein paar schwarz-gelb-grüne urbane Eliten in Berlin auf fünf Quadratkilometern rund um den Biomarkt friedlich zusammenleben, ist Jamaika noch kein Koalitionsmodell. Jamaika ist tot. Und das ist auch gut so.
Ulf Poschardt, Chefredakteur der Zeitung “Die Welt”, am 12. September 2017 (!)

Star einer politischen Talkshow (“Hart aber fair” vom 25.09.) zu werden, ohne selbst anwesend zu sein – das muss man erstmal schaffen. Respekt!

25. September 2017

Bei der Vorbereitung zur Besprechung des 2. Streichquartetts (“Intime Briefe”) von Leoš Janáček finde ich bei kammermusikfuehrer.de die Einschätzung, es handle sich um “ein Werk, das an Intensität und Leidenschaft kaum ein Gegenstück in der Kammermusik hat, obwohl es von einem 74-jährigen Komponisten in seinem letzten Lebensjahr geschrieben wurde.” Als Quelle wird J. Vogel angegeben. Für Herrn oder Frau Vogel ist der leidenschaftliche Mittsiebziger offenbar ein Oxymoron, wie sonst ist das “obwohl” zu verstehen? Irgendwann lassen doch Intensität und Leidenschaft nach, so ab der Rente vielleicht. Und muss man denn wirklich noch mit vierundsiebzig grandios verliebte Kammermusik schreiben? Und das obendrein für eine 36-jährige, du liebe Zeit! Manche Sachen macht man einfach ab einem gewissen Alter nicht mehr, zum Beispiel Riesenrad fahren, nächtens im Strandkorb Champagner trinken oder eben “intime Briefe” schreiben. Nach Tucholsky liebt der Beamte seine Frau immer dienstags. Vielleicht auch noch mit vierundsiebzig, wer weiß. Aber nur in Schaltjahren, wegen der Intensität und Leidenschaft.

23. September 2017

Porto. Frei nach Andreas Brehme sage ich nur ein Wort: Unbedingt ansehen! Wegen allem.

21. September 2017

Porto Film

Heute Abend sehe ich Porto, einen 2016 von Gabe Klinger in Frankreich, Polen und Portugal gedrehten Spielfilm mit Lucie Lucas und Anton Yelchin in den Hauptrollen. Das Portal filmstarts spricht von “erlesenen Bildkompositionen”, von einer “kostbaren Seltenheit im heutigen Erzählkino, wo häufig auch noch die letzte kleine Unklarheit wegerklärt wird.” Im Ergebnis sei der Film eine “toll gespielte, ästhetisch und erzählerisch anspruchsvolle filmische Meditation über eine Amour fou und ihre Unmöglichkeit.” 20.45 Uhr, Marburger Filmkunsttheater, Steinweg 4 (Oberstadt), 35037 Marburg.

20. September 2017

Marilyn Monroe Ukulele Avedon
Richard Avedon
Marilyn Monroe, Publicity-Foto zu “Some Like It Hot”, 1959

 

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Dieter Mulch
M.M., fast körperhaft präsent, 1981
Bleistift und Papiercollage
Rahmengröße 34 x 31 x 1,6 cm

18. September 2017

Die meisten Konzerte der Wetzlarer Musikschule finden in einem äußerlich eher schmucklosen Rahmen statt. Es gibt Blumengestecke links und rechts der Bühne, ansonsten spricht der schöne Konzertsaal für sich und wirkt – mit Ausnahme von Kinder- oder Weihnachtskonzerten – ganz ohne weitere Dekoration. Einige Veranstaltungen haben eine Pause, während der kein gastronomisches Angebot vorgehalten wird. Auch hier gibt es Ausnahmen, wie z. B. das Preisträgerkonzert “Jugend musiziert” oder das Weihnachtsliedersingen der Partnerschaftsgesellschaften. Wir sind eine Musikschule, kein Opernhaus.

Gestern Abend beim Lehrerkonzert, es ist gegen Ende der Pause, spricht mich eine Dame an: “Herr Sander, wir vermissen den Sekt!” Spontan zeige ich, wie Diplomatie richtig geht und äußere Verständnis ebenso wie Betroffenheit, von wegen Personal und Aufwand und Kosten und so weiter. Es ist nur ein kurzer Dialog, aber ich finde, die ersten Sätze der Dame hätten dem großartigen Programm, den Künstlern und ihren Darbietungen, dem freien Eintritt gelten sollen. Das mit dem Sekt hätte sie abschließend als kleine, freundliche Anregung unterbringen können, wenn überhaupt an diesem Abend. Aber wie heißt et kölsche Jrundjesetz: Jede Jeck is anders.

15. September 2017

Jordi Savall hat vor Jahren mit seinem Ensemble Hesperion XX die Suite in C-Dur aus der Studenten-Music von Johann Rosenmüller (Leipzig 1654) auf CD eingespielt. Die Suite enthält, wie üblich, mehrere Tanzsätze, darunter auch eine Sarabanda. Dieser aus Spanien stammende “Pfauentanz” gab bei Hofe den Männern Gelegenheit, sich zu zeigen, zu produzieren, wie eben der Pfau, der sein Rad schlägt und beeindrucken will. Die Sarabande ist der langsamste aller höfischen Tänze. Und so musiziert Savall diesen Tanz geradezu entrückt, mit weltvergessener Zeitlosigkeit und einem berührenden Sentiment, das tiefe Sehnsüchte in uns weckt. Das ist sehr bewegend und so überirdisch schön, dass es schmerzt. Aber es zeigt, dass wir leben, und wir sollten die Fähigkeit, so empfinden zu können, als Privileg begreifen und dafür dankbar sein.

13. September 2017

Die schönsten Sachen, die ein Mensch zu einem anderen Menschen sagt, sagt er leise. Auch in der Musik sind die zarten Momente die schönsten.
Jordi Savall

11. September 2017

Im Kurs morgen Vormittag hören wir nur Geburtstagsständchen, die wir ausnahmsweise so nennen dürfen:

Monteverdi, L’Incoronazione di Poppea, Schlussduett
Händel, Ode for St. Cecilias’s Day, Chorus “From harmony”
Mozart, Don Giovanni, Finale
Brahms, Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll op. 15, 2. Satz: Adagio
Debussy, Prélude à l’Après-midi d’un faune
Schostakowitsch, Cellokonzert Nr. 1 Es-Dur op. 107, 1. Satz: Allegretto

10. September 2017

10.00 Uhr. Fahre jetzt nach Gießen ins Stadttheater und höre mir die Einführungsmatinee zu Don Giovanni an. Premiere ist am kommenden Samstag. Ich bin wirklich gespannt, denn just bei diesem Stück ist der Grat zwischen intelligenter, psychologisch verständiger Auslegung und irrwegiger Interpretationswillkür außerordentlich schmal. Bis später.

14.00 Uhr. Wieder zurück. Es war launig und unterhaltsam, keine Frage. Regisseur Wolfgang Hofmann, sekundiert von fünf Sänger/-innen, Korrepetitor und Bühnenbildner, gab einen Einblick in die Fassung, die das Gießener Theater präsentieren wird. Leider wird das Finale-Sextett aus der ersten, also der Prager Fassung nicht enthalten sein. Hofmann erklärte, dass nach Don Giovannis Höllenfahrt alle übrigen Akteure nichts mehr zu sagen hätten und somit verstummen müssten. Sehr schade, wenngleich Mozart für Wien das besagte Sextett ebenfalls gestrichen hat, aber doch aus anderen Gründen. In der Prager Fassung haben alle Beteiligten sehr wohl noch etwas zu sagen! – Eine schöne Idee der Matinee, die Sänger/-innen aus der Perspektive ihrer jeweiligen Rolle erzählen zu lassen! So erklären Donna Anna und Don Ottavio jeweils in der Ich-Form ihre widersprüchlichen Wünsche und Sehnsüchte, ebenso wie Zerlina – in Abwesenheit von Masetto – frei heraus beschreibt, warum sie zwar in den Stand der Ehe treten wird, an das große Glück jedoch nicht glaubt. Die Erläuterungen zum Bühnenbild lassen ahnen, dass es – wer hätte das gedacht – sparsam ausfallen wird. Und nach der Höllenfahrt Don Giovannis,. so Hofmann sibyllinisch, “kommt aber noch etwas”. Hoffen wir, dass es von Mozart sein wird.

8. September 2017

“Ich bin der James Bond der SPD”, sagt Martin Schulz. Na schön, aber wenn das so ist, und sei es nur ironisch gemeint, hätte ihn seit Wochen eine entsprechende Werbekampagne begleiten müssen! Schulz mit schönen Frauen, schnellen Autos und einer Menge Wodka-Martinis. Gut, die trinkt er nicht mehr, aber das macht nichts. Wer von uns weiß nicht, dass der eigentliche Sinn von Wahlplakaten im Entertainment liegt (die FDP macht’s ja gerade vor)? Eine Anregung fürs nächste Mal: Schulz (oder wer immer es dann sein wird) in souveräner Macho-Pose, vor einem Cabrio, im Smoking, umringt von Blonden, Brünetten und Rothaarigen, einen Drink in der Hand und mit knallharter Politanalyse: “Probleme? Ich bin geschüttelt, nicht gerührt.” Dann klappt’s auch mit dem Kanzleramt.

6. September 2017

Zurzeit lese ich “Der Himmel über Greene Harbor” von Nick Dybek, das Debüt eines jungen amerikanischen Autors. In den USA haben sich vor ein paar Jahren, als das Buch erschien, zahlreiche Kritiker mit Lobreden und geradezu hymnischen Artikeln gegenseitig überboten. Angeblich soll das Buch alles enthalten – Sinnlichkeit, Tiefgang, Dynamik, Glaubwürdigkeit und so weiter. Es handelt vom Ende einer Kindheit, von rauer See, von Glück, von Entbehrungen, von der Schwierigkeit, eine gute Ehe zu führen, von Verrat und moralischen Verfehlungen. Nicht schlecht für den Anfang.

Tatsächlich bin ich jetzt auf Seite 104 und habe damit etwa ein Drittel des Buches hinter mir. Ich werde das Buch weiterlesen, weil ich wissen will, wie es ausgeht. Es ist bisher für meinen Geschmack keine sprachliche oder inhaltliche Offenbarung, zielen manche Sätze (“Sein Gesicht sah aus wie eine Brechstange”) doch allzu sehr auf Wirkung, klingen dann aber bemüht oder bleiben oberflächlich. Dennoch ist es ein lesenswerter Roman, und die Geschichte ist interessant, nicht zuletzt wegen der Hauptfrage, die das Buch behandelt: Wie weit ist ein Mensch bereit zu gehen, um das von ihm selbst gesteckte Ziel zu erreichen?

Dybek, Green Harbor

4. September 2017

Kunst ist nicht die Nutzanwendung eines Schönheitskanons, sondern das, was Instinkt und Gehirn über jeden Kanon hinaus fassen können. Wenn wir eine Frau lieben, kommt es uns nicht in den Sinn, vorher ihre Gliedmaßen zu messen.
Pablo Picasso (1881 -1973)

3. September 2017

Auf ARD, ZDF, SAT1, RTL und Phoenix läuft heute Abend “Das Duell – Merkel gegen Schulz”. Auch auf 3sat ist heute Märchentag, sogar von morgens bis abends. Es gibt viele Spiel- und Fernsehfilme zu sehen, zum Teil nach Erzählungen und Geschichten der Brüder Grimm, u. a. “Das Märchen vom Schlaraffenland” und “Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen”.

1. September 2017

“Die FDP ist wie ein Glückskeks. Die Leute freuen sich erst einmal darüber. Wenn sie ihn aufmachen, stellen sie fest, dass nicht viel drinsteckt. Das ist aber erst einmal egal.” Das sagt Frank Stauss, Politikberater und Werbefachmann, in einem Interview mit n-tv. Komischerweise denke ich an Operetten. Die klingen hübsch und unterhalten ganz gut. Auf der Bühne werden nur Scheinkonflikte behandelt, wie beim Ohnsorg-Theater, nur mit Musik. Ernsthafte Auseinandersetzungen sehen anders aus. Das kann man sich zwei Stunden lang antun und ist spätestens an der Garderobe mit den Gedanken wieder woanders, wenn nicht schon während der Vorstellung selbst.

“Wenn wir gewusst hätten, dass es soviel Zeit und Energie kostet, hätten wir es trotzdem gemacht.” Der Satz stammt von Domenico Tedesco, dem neuen Trainer von Schalke 04. Hintergrund der Feststellung: Tedesco hatte dem langjährigen Kapitän Benedikt Höwedes die Kapitänsbinde entzogen, ihn bei den ersten drei Pflichtspielen der Saison auf die Ersatzbank gesetzt und ihm zudem für die Zukunft keinen Stammplatz garantiert. Ein gefundenes Fressen für die Journaille und sämtliche Fan-Foren! Wieder Operette, nur ein bisschen ernster, wie “Land des Lächelns”, obwohl den Protagonisten dasselbe wohl gründlich vergangen sein dürfte. Tedesco allerdings erinnert mehr an Lohengrin. Als “reiner Tor” ist er Überzeugungstäter, er kann nicht anders handeln. Es geht zwar nicht um Brudermord, sondern um Schalke 04, aber das ist ja ähnlich schwerwiegend. Lohengrin reist am Ende wieder ab, gramgebeugt und tief erschüttert, doch erhobenen Hauptes. Höwedes, das sei ergänzt, ist bereits weg und spielt jetzt für Turin. Dort trägt man übrigens schwarz-weiß, was seinem Denken entgegen kommen dürfte.

30. August 2017

Das Schädliche an den Blechinstrumenten liegt in der Tatsache, dass sie die Lungen stärken und damit das Leben der Musikanten verlängern.
George Bernard Shaw (1856 – 1950)

Blech

29. August 2017

Für das diesjährige Weihnachtskonzert der Musikschule wird sich ein Projektchor bilden, der von Ende Oktober bis Mitte Dezember ein paar Choräle und Motetten zur Advents- und Weihnachtszeit einstudieren wird. Fest steht bisher nur, dass der Choral “Fröhlich soll mein Herze springen” von Christoph Graupner (1683 – 1760) zur Aufführung kommen wird. Ich habe mich vor über zwanzig Jahren in dieses Stück verliebt und damals auch aufgeführt. Jetzt endlich ist es wieder so weit.

Es handelt sich bei Graupners Choralsätzen um figurierte Choräle mit jeweils schlichtem Chorsatz und kunstvoller Instrumentalbegleitung durch Streichinstrumente. Vor allem die erste Violine spielt eine dominierende Rolle, sie ist der eigentlich konzertierende Partner des Chores. Vielleicht, wenn wir gut voran kommen, ergänzen wir noch den Choral “Mit Ernst, o Menschenkinder”. Sollte darüber hinaus noch Zeit bleiben, kämen als Kontrastprogramm kleine Sätze von Carl Orff (1895 – 1982) und Felicitas Kuckuck (1914 – 2001) in Frage. Das wäre allemal interessant, sowohl für den Chor als auch für das Publikum.

27. August 2017

Wetzlarer Neue Zeitung, 23. August 2017

Musikschüler in “Camp Styria”
Orchesterprojekt für Jugendliche

Wetzlar/Schladming. „Anstrengend war es, aber es war ein tolles Erlebnis! Außerdem haben wir wirklich viel gelernt.“ Amely Stief (12) und Clara Lang (16) , Schülerinnen der Musikschule, waren Teilnehmerinnen am zehntägigen Orchesterprojekt „Camp Styria“ im österreichischen Schladming . „Camp Styria“, ein international angesehenes Jugendorchester-Projekt, kann auf eine 25-jährige Geschichte zurückblicken. Seit drei Jahren wird das Feriencamp in Wetzlars Partnerstadt ausgetragen. Kinder und Jugendliche im Alter von 9 bis 16 Jahren aus mehreren Nationen kommen dorthin, um sich in einem großen Orchester zu vereinen und gemeinsam zu musizieren. So auch Amely Stief und Clara Lang, Klarinettistinnen aus den Klassen von Paul Pfeiffer und Travis Meisner.

Mit dabei: Thomas Sander, Leiter der Musikschule. Er zeigte sich insbesondere von der entspannten Stimmung angetan: „Jugendliche aus unterschiedlichen Kulturen kommen hier ganz unvoreingenommen zusammen, um Musik zu machen. Die Begeisterung ist von Anfang an spürbar. Für unsere Schülerinnen ist das eine großartige Erfahrung. Ich danke meinem Kollegen Horst Krammer sehr für die Einladung, ebenso wie der Deutsch-Österreichischen Gesellschaft Wetzlar, die einen Teil der Fahrtkosten übernommen hat.“

Mehrere Stunden pro Tag wurde in Einzel- und Gruppenproben intensiv unter Leitung von namhaften Dozenten und Instrumentalpädagogen gearbeitet. Auf dem Programm stand diesmal eine Mischung aus festlichen und hochkarätigen Stücken mit Werken von Glière, Smetana, Suppé, Bernstein und Williams. Wie in den vergangenen Jahren, fand das große Abschlusskonzert in der voll besetzten Kongresshalle statt. Clara Lang konnte hier als erste Klarinette mit mehreren Soli einen guten Beitrag zum Jubiläum von „Camp Styria“ leisten.

Neben dem Musizieren war auch für Freizeit und Abwechslung gesorgt, etwa durch Sport und einen Ausflug auf den Dachstein.

Camp Styria bearb.

Thomas Sander, Clara Lang, Wolfgang Gottfried Rabl (Dirigent), Amely Stief, Horst Krammer (Leiter Musikschule Schladming)
Foto: Holger Stief

25. August 2017

Wen Gott lieb hat, dem gibt er ein Haus in Zürich.
Sprichwort

23. August 2017

Für meinen Schubert-Vortrag “Dort, wo du nicht bist, da ist das Glück”, der im Frühjahr krankheitsbedingt ausfallen musste, gibt es nun einen neuen Termin: Freitag, 13. April 2018 um 18.00 Uhr im Konzertsaal der Wetzlarer Musikschule. Darum geht’s:

Der Wanderer auf der vergeblichen Suche nach dem Glück – dieses Bild ist nur eine von zahlreichen Facetten, die uns im Leben ebenso wie im Werk von Franz Schubert begegnen. Trotz seiner enormen Produktivität mit Kompositionen von Sinfonien, Messen, Kammermusiken, Bühnenwerken, Kirchenmusik, Chorwerken und über 600 Kunstliedern feierte Schubert Erfolge nur in kleineren Fachkreisen. Die Anerkennung eines größeren Publikums blieb ihm, der die Öffentlichkeit scheute, weitgehend verwehrt. Heute gilt Schubert als einer der größten Komponisten der Romantik, seine Werke sind selbstverständliche Bestandteile des weltweiten Konzertrepertoires. Der Vortrag versucht eine Annäherung an den Musiker und Menschen und enthält Beispiele von CD, DVD sowie live am Klavier.

21. August 2017

In der heutigen Gesamtkonferenz der Musikschule haben wir beschlossen, ab dem kommenden Semester die Ergänzungsfächer Allgemeine Musiklehre, Harmonielehre und Gehörbildung anzubieten, gestaffelt für verschiedene Altersklassen. In vergangenen Zeiten, die lange zurück liegen, gehörten diese Fächer einmal zum Pflichtprogramm. Es verstand sich von selbst, dass man begleitend zum Klavier- oder Cellounterricht auch lernte, was eine Sonatenhauptsatzform ist oder wie sich die Terz von der Quinte unterscheidet.

An den allgemeinbildenden Schulen fällt nach wie vor zuviel Musikunterricht aus, eine fundierte Unterweisung in Musiktheorie findet kaum statt, außer vielleicht in den Leistungskursen der Oberstufe – hier allerdings sollten idealerweise Tonsatzkenntnisse vorausgesetzt werden können und nicht quasi in Crashkurs-Manier nachgeholt oder gar neu vermittelt werden müssen. So widmen wir uns also in der Musikschule künftig verstärkt auch der Theorie. Kooperationen mit Gymnasien zwecks einschlägiger Studienvorbereitung sind in Vorbereitung. Vielleicht ist für Abiturienten der Neapolitaner dann nicht mehr unbedingt nur ein Keks.

20. August 2017

Für Kurzentschlossene: Heute Nachmittag, 18.00 Uhr, Friedenskirche Braunfels – ich spiele auf der Orgel choralgebundene und freie Improvisationen. Eintritt frei.

18. August 2017

Actéon hat Charpentier übrigens nach einer Geschichte aus den Metamorphosen von Ovid geschrieben. Die Metamorphosen, in kunstvollen Hexametern erstellt, enthalten Verwandlungssagen aus der griechischen Mythologie und sind seit ihrem Erscheinen – geschrieben wurden die Texte vermutlich ab dem Jahr 1 oder 3 n. Chr. bis um 8 n. Chr. – außerordentlich populär. Noch heute werden die Dichtungen im Lateinunterricht gelesen und interpretiert.

Ovid war ein kluger, wacher Geist und verstand sich nicht nur aufs Komponieren von Hexametern. “Nicht jede Frau, welche das Feuer anbläst, will kochen”, befand er knapp. Nun gut, nicht jede Elegie oder Tragödie muss in Versform verfasst sein.

17. August 2017

Durch Zufall entdeckt, heute zum ersten Mal gesehen und restlos hin und weg: Marc-Antoine Charpentier, Un Automne Musical A Versailles (DVD, Armide 2005). Ein Film von Olivier Simonnet, mit hinreißenden Ausschnitten und Szenen aus Instrumental- und Vokalwerken Charpentiers. Absoluter Höhepunkt: Allons, marchons, courons aus Actéon. Christophe Rousset dirigiert und inspiriert ein Ensemble von jungen Sängern, Tänzern und Musikern. Unwiderstehlich in jeder Hinsicht, unbedingt anhören (auch auf youtube)! Eine Performance, die süchtig macht, zum sofortigen Verlieben. Manchmal übertreibe ich, diesmal nicht.

Un automne musical

15. August 2017

Die meisten Menschen haben ihre Sterblichkeit nicht begriffen. Klingt simpel, ist es auch. Wenn man weiß, dass es gleich wieder zu Ende ist, könnte man sich natürlich in seinem Leben viel sparen. Streit, Machtgier, Unfreundlichkeit, Raffsucht zum Beispiel.
Sibylle Berg (* 1962), Schriftstellerin

Zudem könnte man, über die Ersparnis der genannten Dinge hinaus, seine so bewahrte Energie in das restliche Leben stecken. Wie heißt es so schön: Nicht dem Leben Jahre hinzufügen, sondern den Jahren Leben! Kunst und Kultur sind wahre Energiespender, sie versorgen uns mit Kraft, Mut, Zuversicht. Häufig bemerken wir den Eindruck, das ein Buch, ein Musikstück oder ein Schauspiel auf uns macht, erst später, sozusagen postperformativ (wow!). Der erste Eindruck, für den es bekanntlich keine zweite Chance gibt, ist auch im Künstlerischen unmittelbar und nicht korrigierbar. Anders verhält es sich mit der Langzeitwirkung, die uns im besten Fall mit einer Art Depotwirkung erfassen kann, und die nicht selten einen Indikator für unser eigenes Berührtsein darstellt. Tipp des Tages: Anton Bruckner, Streichquintett F-Dur, 3. Satz: Adagio.

14. August 2017

Wenn das Herz denken könnte, würde es stillstehen.
Fernando Pessoa (1888 – 1935)

13. August 2017

Morgen eröffnen wir den Start in die Schulzeit mit der 8. Sinfonie c-Moll op 65 von Dmitri Schostakowitsch. Es folgen am Dienstag die Lachrimae von John Dowland, am Mittwoch Boris Godunow von Modest Mussorgsky, am Donnerstag schließlich die Brandenburgischen Konzerte von Johann Sebastian Bach. In der Summe ergibt das einen schönen Ausgleich zu den Holprigkeiten eines jeden Wiederbeginns. Nach zwei, drei Tagen hat der Alltag einen ohnehin wieder, machen wir uns nichts vor. Die Kunst besteht darin, Freude, Ausgleich, Entspannung und Zufriedenheit schon in eben diesen Alltag einzupflegen. Vor einem Jahr sah ich an der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz die Werbung “Macht keine Diäten! Habt Orgasmen! Und geht wählen!” Nun, es muss ja nicht gleich so etwas Drastisches sein. Ein Konzertbesuch täte es für den Anfang auch.

11. August 2017

Das deutsche Sommerwetter war in diesem Jahr leider nicht berauschend. Mit einer grundlegenden Änderung ist nicht zu rechnen, also müssen wir uns gegen aufkommende Trübsal oder Übellaunigkeit wappnen und uns schönen Gedanken hingeben. Also: In Bologna habe ich in einer Buchhandlung Eataly gefunden, einen kulinarischen Führer durch die moderne italienische Küche. Welch ein schönes Wortspiel! Das Buch ist seit Längerem in englischer Sprache zu haben, am 7. September erscheint es endlich auf deutsch.

Eataly

Überhaupt hilft der Gedanke an das italienische Lebensgefühl gegen sämtliche psychomentalen Auswirkungen von Tiefausläufern und Gewitterfronten. Genießen wir also einen Cappuccino (natürlich nur bis mittags), trinken ein Glas Lambrusco (Achtung, kein Billigwein!) oder Sangiovese, essen mit Frischkäse und Walnüssen gefüllte Tortellini und ein paar frische Feigen. Danach caffé, auch Grappa meinetwegen. Dann gehen, nein, wir flanieren durch die Stadt und machen uns keine Gedanken. Höchstens, wo wir am Abend einkehren wollen, draußen, unter Arkaden.

9. August 2017

Was suchen wir andere Länder unter anderer Sonne? Entkommt, wer sein Land hinter sich lässt, sich selber?
Horaz (65 – 8 v.Chr.), eigentlich Quintus Horatius Flaccus, römischer Satiriker und Dichter

Wieder zurück aus Österreich, wo ich in Schladming an der Eröffnungsveranstaltung des Musikcamps Styria teilgenommen habe. Die Steiermark hat viel zu bieten, nicht nur herrlichste alpine Aussichten und kulinarische Genüsse. Graz zum Beispiel, Landeshauptstadt mit über 280.000 Einwohnern, davon über 45.000 Studenten, ist zu Recht stolz auf seine Altstadt, die seit 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Renaissancebauten neben moderner Architektur, Denkmäler, Kirchen, Parks. Und ein Opernhaus, das viel Klassisches zeigt, aber auch Modernes, zum Teil mutig inszeniert. Graz ist immer einen mehrtägigen Besuch wert, so dass einem fast das Wort von Christian Morgenstern in den Sinn kommt: Was ist das erste, wenn Herr und Frau Müller in den Himmel kommen? Sie bitten um Ansichtskarten.

Endgültig: Vom 23. – 26. November geht es für vier Tage nach London, Covent Garden. Die diesjährige Opernreise ist jetzt organisatorisch in trockenen Tüchern, wir haben endlich die Bestätigung für 40 Karten im Parkett (Orchestra Stalls) in den Reihen 12, 13 und 14. Besser geht es kaum, und wir freuen uns auf eine Vorstellung von Donizettis Lucia di Lammermoor im Royal Opera House. Der Gesamtpreis liegt bei erschwinglichen € 625 p. P. mit Übernachtung im DZ im Clayton Chiswick London Hotel**** (EZ-Zuschlag € 115) mit Frühstücksbuffet, Fahrt im modernen Reisebus**** mit Fährpassage Calais-Dover und Dover-Calais, eine halbtägige Stadtführung London und Opernkarte inklusive. Dazu gibt’s zwei Tage vor Reisebeginn eine Einführung in der Wetzlarer Musikschule, wie immer.

Und vorher, wo wir schon dabei sind, geht’s im Oktober nach Barcelona ins Gran Teatre del Liceu. Auf dem Programm steht Verdis Un ballo in maschera. Ich bleibe sechs Tage, sozusagen für jedes Lebensjahrzehnt einen Tag. Vorher stelle ich nur ein Sparschwein auf, mehr nicht. Statt DVDs, CDs, Bücher oder Wein zu kredenzen können Gratulanten die Operntour unterstützen. Nach einem Sektempfang mit anschließendem Brunch auf irgendeiner Hotelterrasse mit Seeblick ist mir einfach nicht.

2. August 2017

Frei nach Loriot könnte ich sagen, dass eine Sommerpause nicht in Italien zu verbringen zwar möglich, aber sinnlos ist. Aus früheren Tagen kannte ich Genua, Mailand, Turin, Venedig, Florenz, Rom und – noch aus dem letzten Jahr – Neapel. Auf der Wunschliste stand immer auch Bologna, wo ich nun endlich war. Es ist eine wunderbare Stadt mit reichlich Kunst und Kultur, prächtigen Bauten, herrlichen Gassen und Plätzen, mit studentischem Leben und ausgezeichnetem Essen. An meinem Ankunftstag hatte das Teatro Comunale seine letzte Vorstellung in dieser Spielzeit, für einen Besuch war ich zu spät, aber das macht nichts. Ein weiterer Grund, nochmal wiederzukommen! Ach, Italien …

Pause bis zum 31. Juli 2017

8. Juli 2017

18.00 Uhr, immer noch 31 °C. Also kaltes Abendessen.

50 g Garnelen, gewürzt mit Zitronenöl und -pfeffer
10 – 12 schwarze, in Gewürze eingelegte Oliven
2 hartgekochte halbierte Eier, mit Kräutersalz
3 – 5 Scheiben kräftige Salami
Brie, Gouda (mittelalt), Bûche de chèvre
2 – 3 frische oder getrocknete Feigen, alternativ Konfitüre
ein paar Walnüsse
Baguette und/oder Roggenbrot
dazu Riesling, Chardonnay oder Retsina

7. Juli 2017

Noch einmal kurz zu Yura Yang, die ich am letzten Sonntag in Gelsenkirchen als souveräne Dirigentin von Don Giovanni erlebt habe. Die Südkoreanerin ist 27 Jahre alt und gibt als ihr Vorbild Carlos Kleiber an. Ihre musikalische Vorliebe gilt der Oper, ihr Lieblingsstück ist der Rosenkavalier – das passt!

6. Juli 2017

Im Allgemeinen sind ja leider die Stücke von mir angemehmer als ich.
Johannes Brahms (1833 – 1897)

Brahms Schattenbild

Otto Böhler (1847 – 1913)
Schattenbild Johannes Brahms

4. Juli 2017

Schön war’s! Ein bisschen nostalgisch, aus persönlichen Gründen. Wie vertraut einem doch ein Ort sein kann, nach so vielen Jahren! Mozarts Don Giovanni ist natürlich für ein Wiedersehen, besser gesagt für ein Wiedererleben das perfekte Stück, obwohl es darauf gar nicht ankommt. Die Gelsenkirchener haben ein sehr gutes, klangschönes Orchester, das von Yura Yang souverän geleitet wurde. Hinsichtlich der Gesangspartien blieben zwar ein paar Wünsche offen, doch der Gesamteindruck war positiv, was auch für das Bühnenbild gilt, ebenso wie für die Kostüme.

Mit zwei Tagen Abstand kann ich allerdings mit der Inszenierung auch nicht mehr anfangen als am Abend selbst. Ich glaube nicht, dass Leporello und Don Giovanni ein und dieselbe Person sind, dass der eine das Alter Ego des anderen ist. Deswegen glaube ich auch nicht, dass Leporello und Donna Elvira das eigentliche Paar der Oper bilden. Der Verweis auf Schnitzlers Traumnovelle wirkt bemüht und willkürlich. “In allen Wesen, die ich liebte, habe ich immer nur dich gesucht.” Schön und gut, doch Freud und Schnitzler lassen sich damit für beinahe jede Spielwiese als Kronzeugen heranziehen. Und natürlich bietet der Umstand, dass Leporello und Don Giovanni mehr oder weniger das gleiche Stimmfach teilen, eine Steilvorlage für alle möglichen Fantasieblüten der Regie! Kostümtausch, Rollentausch, Identitätstausch? Muss das “Who’s who?” des Don Giovanni neu geschrieben werden? Nein, muss es nicht! Masetto ist nicht der uneheliche Sohn des Komturs, und Zerlina ist nicht die Stiefschwester der Donna Anna. Nur Don Ottavio hat keinen Partner in gleicher Stimmlage – was haben sich Mozart und Da Ponte nur dabei gedacht?

2. Juli 2017

Mein erster Besuch im Musiktheater im Revier liegt fast fünf Jahrzehnte zurück, auf dem Programm stand damals Lortzings Zar und Zimmermann. Auch als älterer Schüler und später als Student war ich gerne zu Gast in diesem renommierten Haus und habe dort viele niveauvolle Aufführungen miterlebt, vorwiegend Opern, die meisten während der Ära Leininger/Mund. Mein letzter Opernbesuch in Gelsenkirchen liegt mittlerweile ein halbes Leben zurück, und so freue ich mich sehr, heute Abend wieder an die Kulturstätte meiner Jugend und frühen Erwachsenenzeit zurückzukehren. Auf dem Spielplan steht Mozarts Don Giovanni.

Musiktheater im Revier

1. Juli 2017

Limburg 002

Gesehen in Limburg an der Lahn. Schon klar, dass man sich an den Enten nicht satt essen soll – aus mehreren Gründen. Die mit Snacks, Salaten und Steaks aufwartende Obermühle spielt dabei nur eine Nebenrolle.

30. Juni 2017

Gestern ging an der Wetzlarer Musikschule mein Crashkurs Oper zu Ende, der sich über vier Abende erstreckte und insgesamt achtzehn Klangbeispiele enthielt aus Werken von Monteverdi, Cavalli, Rameau, Purcell, Händel, Mozart, Weber, Bizet, Tschaikowsky, Wagner, Verdi, Puccini, Strauss, Schostakowitsch und Henze. Die Teilnehmenden wünschen eine Fortsetzung im November, sozusagen einen Aufbau-Crashkurs für fortgeschrittene Anfänger. Wie schön! Ab Januar 2018 soll dann ein begleitender Grundkurs Klassische Musik folgen, der Basiswissen vermittelt und musikgeschichtliche wie -theoretische Inhalte mit konzertpädagogischen Aspekten verbindet.

In den ganzjährig laufenden Kursen ist die Idee, im kommenden Semester Künstlerporträts anzubieten, auf sehr positive Resonanz gestoßen. Einblicke in die Arbeit von Dirigenten, Instrumentalisten, Sängern, Regisseuren und Intendanten zu bekommen, mit Ausschnitten aus Konzerten, Interviews, Briefwechseln etc. – das kann in der Tat ganz spannend werden, nicht zuletzt unter dem Aspekt der Veränderungen von Kunst und Kultur im Allgemeinen und eines circensischen Klassikbetriebes im Besonderen. Callas und Netrebko, Karajan und Dudamel, Horowitz und Lang Lang, Menuhin und Kopatchinskaja, Schenk und Clément – ich freu’ mich schon jetzt!

29. Juni 2017

Dumme und Gescheite unterscheiden sich dadurch, dass der Dumme immer dieselben Fehler macht und der Gescheite immer neue.
Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

28. Juni 2017

Nach längerer, unbegründeter Pause habe ich gestern wieder den 2. Satz aus Schuberts Streichquintett C-Dur op. post. 163 D 956 gehört. Es ist nicht nötig, hier Kritikerstimmen zu zitieren oder Auszüge aus Konzertführern wiederzugeben. Es reicht zu sagen, dass dieses Adagio zum Schönsten und Bewegendsten gehört, was jemals geschrieben wurde. Punkt. Ohne Einschränkungen wie “in der Epoche der Romantik” oder “auf dem Gebiet der Kammermusik”. Die Musik des 2. Satzes wurde in den Schubert-Biografien Mit meinen heißen Tränen und The greatest love and the greatest sorrow verwendet, ebenso in den Filmen Die Wannseekonferenz, Der menschliche Makel und The Limits of Control.

Es ist müßig darüber zu sinnieren oder gar zu streiten, wann und unter welchen Bedingungen die Musik ihre größte Wirkung entfaltet. Vielleicht auf der berühmten einsamen Insel. Dorthin sollte man das Stück jedenfalls unter allen Umständen mitnehmen, es täglich hören und sich dabei den Gedanken an Rettung befriedet und voller Zuversicht aus dem Kopf schlagen.

26. Juni 2017

Vor mittlerweile einem guten Vierteljahrhundert schrieb Paul McCartney sein Liverpool Oratorio und erklärte damals, es sei für ihn eine Gelegenheit, sein “früheres Kokettieren mit Orchester und Chor zu einem richtiggehenden Werk auszuweiten.” Die ersten Aufführungen von 1991 sind in Bild und Ton dokumentiert, die Doppel-DVD von 2004 enthält zusätzliches Bonus-Material, Ghosts of the Past: The Making of Liverpool Oratorio und Echoes.

McCartney, der kürzlich seinen 75. Geburtstag feiern konnte, hat mit Liverpool Oratorio sein erstes klassisches “Album” vorgelegt, wie es in den einschlägigen Medien so schön heißt, wenngleich diese Bezeichnung gänzlich unpassend ist. Der junge Beatle hätte vielleicht ein “Album” veröffentlicht, der Komponist des stark autobiografischen Chor- und Orchesterwerks aber beeindruckt mit einer ausdrucksstarken Partitur, die zahlreiche verschiedene Stilelemente der sogenannten “klassischen Musik” enthält, mit einem Spektrum von barocken Zitaten bis hin zu seriellen Klangexperimenten. Nicht “Michelle”, “Yesterday” oder “Yellow Submarine” – aber McCartney!

24. Juni 2017

Ähnlich wie das Vorspiel zum 1. Akt von Wagners Lohengrin, so nimmt auch die Titelmusik zum Thriller Basic Instinct (USA/F 1992) die nachfolgende Handlung musikalisch vorweg. Wird in Wagners Drama das Herannahen, Verweilen und Verschwinden des Ritters durch Zu- und Abnahme der Dynamik, dem entsprechendem Einsatz der Orchesterinstrumente sowie der zeitlichen Proportionen verdeutlicht, sind die musikalischen Mittel im Film kunstvoller Einsatz und raffinierte Vernüpfung von Melodik und Harmonik, welche die emotionale Verstrickung der Protagonisten veranschaulichen. Basic Instinct ist ein filmisches Meisterwerk – wegen des Erzähltempos, wegen der Kameraführung, wegen der Darsteller und nicht zuletzt wegen der verschiedenen Lesarten bzw. Deutungsoptionen, die dem Zuschauer anheim gegeben werden. Und wegen der überragenden Musik von Jerry Goldsmith.

Basic Instinct

23. Juni 2017

Wenn man immer so leben könnte, wie man will, würde man alle Kraft verlieren.
Hugo von Hofmannsthal (1874 – 1929)

“Wer mich eines Widerstands beraubt, beraubt mich einer Kraft”, hätte Strawinsky ergänzt. Und so ist es: Ein widerstandsfreies und wunscherfülltes Leben macht inaktiv, andauernde Betrachtung lähmt. Zutätigkeit sei vonnöten, so Hofmannsthal, nur sie mache das Ungeheure des Lebens erträglich. Anstrengungsloses Glück, was soll das sein? Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt, wusste schon der griechische Dichter Hesiod (* vor 700 v. Chr.), Begründer des didaktischen Epos, des Lehrgedichts. Und: Wer dem Weibe vertraut, der vertraut auch Dieben. Doch über Ackerbau und Viehzucht sprechen wir ein andermal.

22. Juni 2017

Im Rahmen des Confed Cups spielt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft heute gegen Chile. Jogi Löw hat eine junge Truppe mit nach Russland genommen, die talentiert und ehrgeizig ist. Viele Spieler wollen im nächsten Jahr mit zur WM fahren und setzen alles daran, jetzt beim Bundestrainer einen guten Eindruck zu hinterlassen. Wir brauchen ein starkes Team, sagt Löw, denn die andern wolle au Weltmeischter werde. Deshalb hat schon Jürgen Klinsmann seinerzeit nur Spieler zum Turnier mitgenommen, die wo leistungswillig waren.

21. Juni 2017

Heute Abend gibt Jonas Kaufmann sein Rollendebüt als Otello in Verdis gleichnamiger Oper. Im Royal Opera House Covent Garden singen mit ihm u. a. Maria Agresta und Ludovic Tézier. Die musikalische Leitung hat Antonio Pappano, Regie führt Keith Warner. Natürlich wünschen wir Jonas Kaufmann für seine Premiere als Otello alles erdenklich Gute, zumal er 2016 wegen eines Hämatoms auf den Stimmbändern für ein paar Monate zwangspausieren musste. Otello sei wegen ihrer Emotionalität die perfekte Verdi-Oper, wird Kaufmann zitiert, gesangliche und schauspielerische Fähigkeiten würden bis an die Grenzen getestet. Mit dieser Einschätzung liegt er vollkommen richtig, insofern freuen wir uns doppelt auf seinen ersten Otello.

Seit Anfang 2017 ist er also wieder mittendrin im Opernzirkus und bietet damit leider, zuweilen auch amüsanterweise Musikjournalisten, insbesondere Musikjounalistinnen eine vielfrequentierte Projektionsfläche für Koketterien, Schwärmereien und überhitzte Fantasien. “Da kommt er zum Interview, der Startenor – in Jeans und Mokassins, er hält einen Teller in der Hand mit Joghurt, Obst, ein bisschen Rührei. Seine Stimme klingt erstaunlich dunkel und etwas rauh, es ist noch früh am Morgen. Guten Morgen, Verehrtester, mein Name ist Marie-Theres von Berchtesgaden, ich schreibe für das Klassik-Magazin Sound so, mit Ihrem Dreitagebart sehen Sie wirklich unwiderstehlich aus, ich werd’ ganz verlegen, und jetzt hab’ ich total vergessen, zu welchen Belanglosigkeiten ich Sie etwas fragen wollte …”

20. Juni 2017

Morgen in einem Monat beginnen die Salzburger Festspiele 2017 mit einer Aufführung des Jedermann auf dem Domplatz. Natürlich ist die Vorstellung ausverkauft, wie auch alle nachfolgenden Aufführungen des Stückes. Das Niveau des Gesamtprogramms ist wie immer hoch, allerdings sind die Preise es auch – egal ob Schauspiel, Sinfoniekonzert, Liederabend oder Oper.

Wenn man nicht gerade Monteverdis Orfeo, Ulisse oder Poppea erleben will, auch nicht Händels Ariodante, Mozarts La  clemenza di Tito oder Verdis Aida, dann, ja dann gibt es für einige Produktionen noch Karten, so z. B. für Lady Macbeth von Mzensk von Schostakowitsch. Mal abgesehen davon, dass es sich um eines der bedeutendsten Werke des modernen Musiktheaters handelt, ist die Versuchung groß, ein erlesenes Gesangsensemble und die Wiener Philharmoniker unter Mariss Jansons live zu erleben. Das preiswerteste noch verfügbare Ticket kostet € 190 (Rang). Gut, einmal essen gehen kostet auch € 190, würde mein Bildeinrahmer sagen. So ist das – er staunt beim Essen, ich in der Oper. Und beide staunen wir beim Preis, könnte ich jetzt behaupten, aber das wäre gar nicht wahr.

19. Juni 2017

Eine meiner ersten Langspielplatten mit Klaviermusik war eine Aufnahme der Händel-Variationen von Brahms, gespielt von Leon Fleisher. Irgendwann später habe ich dann die Noten gekauft, um schnell festzustellen, dass das Werk technisch sehr hohe Anforderungen stellt und für mich nicht in Frage kommt. Das Stück selbst habe ich damals eingehend studiert und schätze es bis heute. Gestern Abend nun hat der Frankfurter Pianist Wigbert Traxler in der Unteren Stadtkirche zu Wetzlar einen brillanten Klavierabend gegeben und dieses Stück am Ende des Programms gespielt. Zuvor beeindruckte er mit Interpretationen von Bachs Goldberg-Variationen und den f-Moll-Variationen von Haydn. Ein Abend mit drei Variationswerken aus jeweils verschiedenen Epochen – das gefiel und traf den Geschmack des Publikums! Für mich war es zudem eine Erinnerung an eins meiner Lieblingsstücke aus Jugendtagen. Wie schön!

16. Juni 2017

Ich bin nicht auf die Welt gekommen, um das Leben zu genießen, sondern um anderen Menschen Freude zu bereiten.
Franz Lehár (1870 – 1948)

franz-lehar

Hm, schwierig. Das eine muss doch das andere nicht ausschießen, oder?

14. Juni 2017

Rätselbild

Ob im Übrigen etwas alt oder jung erscheint, ist nicht selten buchstäblich Ansichtssache.

13. Juni 2017

Niemand würde in Wagners Meistersingern alte Minnesänger-Musik des 16. Jahrhunderts erwarten, oder antike griechische Musik in Strauss‘ Elektra. Und die Orientalismen in Aida oder Samson und Dalilah sind lediglich als Farben benutzt, während es sich im Ganzen um vollblütige romantische Opern handelt. Aber ein Film ist da anders. Da versucht man nicht nur, den Geist vergangener Epochen heraufzubeschwören, sondern will diese leibhaftig wiedererstehen lassen – als echte Realität.
Miklós Rózsa (1907 – 1995)

Das ist natürlich richtig, und insofern sind die dazu verwendeten “akustischen Täuschungen” ganz pausibel. Ein paar Quartparallelen in fanfarenartigem, punktiertem Rhythmus – schon sehen wir den Sheriff von Nottingham und fragen nicht danach, ob für die Zeit von Robin Hood – sofern dieser tatsächlich ein Zeitgenosse von Richard Löwenherz war – eine solche Musik als typisch für das späte 12. Jahrhundert angesehen werden kann. Ganz sicher erklangen zur Zeit Neros die Tanzmusiken nicht wie im Spielfilm Quo Vadis, und dennoch lassen wir uns durch diese, sagen wir “antikisierten” Klänge gerne um zweitausend Jahre zurück versetzen und nehmen das Gehörte für überlieferte, bare Münze. In seiner Oper Palestrina verwendet Hans Pfitzner modale Skalen sowie Quart- und Quintverbindungen und erzeugt damit eine archaisierende Klangwelt, die uns sozusagen ins 16. Jahrhundert transponiert. Doch frei nach Bürgermeister van Bett, der im Übrigen in Lortzings Zar und Zimmermann ganz romantisch klingt, obwohl das Stück im späten 17. Jahrhundert spielt, sind wir “klug und weise, und [uns] betrügt man nicht.”

12. Juni 2017

Ein langes Wochenende steht bevor. Ich bin nur am Samstag komplett verplant und könnte gut am Freitag in die Oper gehen. In Darmstadt steht Tschaikowskys Eugen Onegin auf dem Spielplan. Ich muss bei diesem Titel immer schmunzeln, hat doch vor Jahren eine Schülerin der Jahrgangsstufe 11 im Musikunterricht ein Referat über Tschaikowsky gehalten und bei der Auflistung seiner Hauptwerke “one gin” vorgelesen. Nur “tonic” hat gefehlt. Woher soll die Arme das auch wissen, habe ich mich damals gefragt und mir meine Erheiterung nicht allzu sehr anmerken lassen.

Jetzt also überlege ich, ob ich mir diese berührende und meistgespielte russische Oper anschaue. Aufführungsdauer drei Stunden inklusive Pause. Mit Gin Tonic, versteht sich.

Zutaten: Gin (4 cl), Tonic Water (16 cl), Eiswürfel, Limettenachtel (2 Stück)
Zubereitung: Gin und Limettenachtel in ein Longdrinkglas mit Eiswürfeln geben und mit Tonic Water auffüllen.

10. Juni 2017

Nie handle man in leidenschaftlichem Zustande: sonst wird man alles verderben. Der kann nicht für sich handeln, der nicht bei sich ist: stets aber verbannt die Leidenschaft die Vernunft. In solchen Fällen lasse man für sich einen vernünftigen Vermittler eintreten, und das wird jeder sein, der ohne Leidenschaft ist. Stets sehen die Zuschauer mehr als die Spieler, weil sie leidenschaftslos sind. Sobald man merkt, dass man außer Fassung gerät, blase die Klugheit zum Rückzuge.
Baltasar Gracián (1601 – 1658), Handorakel und Kunst der Weltklugheit

Baltasar Gracián

8. Juni 2017

THADEUSZ und die Beobachter – eine politische Talkrunde im rbb Fernsehen, Information und Unterhaltung, zwischen Meinung und Vermeintlichem, zwischen Belehrung und Belustigung. Kontrovers, pointiert, frech. Ironisch, clownesk, selbstverliebt. Eloquent, klug und schön. Mit Claudia Kade (Die Welt), Elisabeth Niejahr (DIE ZEIT), Dr. Hajo Schumacher (Berliner Morgenpost) und Claudius Seidl (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) – im Juni Nikolaus Blome (BILD) – sowie Gastgeber Jörg Thadeusz. Lohnt sich immer – nicht verpassen!

7. Juni 2017

Metronomangabe 92. Was ist 92? Was ist 92 in der Berliner Philharmonie, und was ist 92 im Musikverein Wien? Eine Idiotie! Denn jeder Saal, jedes Stück, jeder Satz hat ein eigenes, absolutes Tempo, was diese Situation – nicht eine andere – wiedergibt!
Sergiu Celibidache (1912 – 1996)

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6. Juni 2017

“Das Unmögliche möglich zu machen wird ein Ding der Unmöglichkeit”, sagt Andreas Brehme einstmals und meinte damit nicht Schönbergs Bläserquintett op. 26. Das wäre schlechterdings auch recht unpassend gewesen, denn tatsächlich macht diese Komposition so ziemlich alles möglich. Sie gibt tradierten musikalischen Formen wie Sonatenhauptsatzform, Scherzo und Rondo ihren Raum, revolutioniert aber dabei musikalische Inhalte und Abläufe. Sämtliche Postulate der Zwölftöner, nämlich Emanzipation der Dissonanz, Atonalität, Panthematik sowie die Ablehnung musikalischer Redundanz kommen im Bläserquintett op. 26 zum Tragen. Die Verwendung klassischer Formtypen ist eine Art Ausgleich zu den inneren klanglichen Abläufen, zum Reihenmaterial und dessen Permutationen. Anders gesagt, die Musik wird mit ihren neuen Inhalten durch die Beibehaltung alter Formen verständlicher. Die musikalischen Ausdrucksmittel wandeln sich, doch nicht ihr formaler Rahmen. Kein Ding der Unmöglichkeit – und sehr zu empfehlen für eine erste Annäherung an die Zwölftonmusik!

5. Juni 2017

Bei den diesjährigen Internationalen Filmfestspielen von Cannes waren die deutschen Beiträge überraschend erfolgreich. Wie ich höre, spricht man deshalb vom “Cannesback” des deutschen Films. Schön.

Cannes Logo Filmfestspiele

3. Juni 2017

NDR Talk Show, gestern Abend. Es sind ein paar interessante Gäste da, u. a. Florian Schroeder und Peer Steinbrück, der auf die Frage “Sind Sie zu klug für dieses Land?” sagt: “Stellen Sie sich vor, ich würde darauf eine Antwort geben.” Ansonsten eine unspektakuläre Sendung, mit Leuten, die wie immer über ihren gerade abgedrehten Film, ihre anstehende Tournee oder über sonst was erzählen. Am spannendsten sind die Minuten, in denen es darum geht, warum wir häufig persönliche Ziele, die wir uns gesetzt haben, nicht verfolgen. Endlich Spanisch lernen, einen restaurierten Oldtimer fahren, den Kilimandscharo besteigen. Warum tun wir’s nicht? Warum benutzen wir, wenn wir von unseren unrealisierten Plänen erzählen, die Wörtchen “eigentlich” und “aber”? Eigentlich wollten wir schon immer mal, aber … Eine Theorie, warum wir Vorsätze nicht in die Tat umsetzen, besagt, dass uns das Ziel nicht attraktiv genug erscheint. Für das, was wir bekommen, ist der Aufwand zu groß – zu langwierig, zu mühsam, zu teuer. Und wir haben den Aufwand mehr im Blick als das Ziel, an dessen Erreichen uns – wie wir jedenfalls behaupten – doch so viel liegt. Wir sollten unsere Vorurteile – zu langwierig, zu mühsam, zu  teuer – überprüfen. Vielleicht kostet die Karte für das Festival, auf das wir immer wollten, gar nicht so viel. Vielleicht sind Flug und Hotel günstiger als gedacht. Vielleicht zeigen wir bei einem Kurs erstaunliches Talent und machen schnell Fortschritte. Vielleicht. Probieren wir’s. Wir wollen es doch. Eigentlich.

1. Juni 2017

Ich glaube an einen grausamen Gott,
der mich nach seinem Bilde erschuf,
und den ich im Zorn nenne!
Aus der Niedrigkeit eines Keims
oder Atoms bin ich in Niedrigkeit geboren!
Ich bin ein Bösewicht, weil ich ein Mensch bin,
und fühle den Schlamm meines Ursprungs in mir!
Ja! Das ist mein Glaube!
Ich glaube mit festem Herzen,
so wie die Witwe im Tempel,
dass ich das Böse, das ich denke,
das von mir ausgeht,
als mein Schicksal erfülle!
Ich glaube, dass der Gerechte ein höhnischer
Komödiant ist, im Antlitz wie im Herzen,
dass alles an ihm Lüge ist:
Tränen, Küsse, freundliche Blicke, Opfermut und Ehre!
Und ich glaube, dass der Mensch das Spielzeug
eines bösen Schicksals ist,
vom Keim in seiner Wiege
bis zum Wurm in seinem Grab.
Auf all diesen Spott folgt der Tod.
Und dann? Und dann?
Der Tod ist das Nichts!
Das Jenseits ist ein altes Märchen!
Verdi, Otello – “Credo” des Jago, 2. Akt

Eine der großartigsten Bösewicht-Szenen der Opernliteratur! Zorn, Spott, “La Morte è il Nulla” … In Shakespeares Macbeth, ebenso in Verdis Vertonung, finden wir am Ende einen ganz ähnlichen Monolog, in dem es heißt, das Leben sei “ein Märchen, erzählt von einem Narren, voller Klang und Wut, und es bedeutet nichts” … signifying nothing … Das geht schon sehr unter die Haut, wenn man es nur liest, geschweige denn hört und sieht, egal ob im Schauspielhaus oder in der Oper. Shakespeare und Verdi, da haben sich die zwei Richtigen gefunden! Dabei haben sie sich nicht mal persönlich gekannt. Oder etwa doch?

31. Mai 2017

4-tägige Studienreise vom 23. – 26. November 2017
London, Royal Opera House
Donizetti, Lucia di Lammermoor

ROH

An- und Rückreise in einem modernen Fernreisebus****
(Fähre zur Überquerung des Kanals)
3 x Übernachtung/Frühstücksbuffet (Mittelklassehotel London City***)
Zimmer mit Bad oder Dusche/WC, Telefon, TV
1 x halbtägige Stadtführung London (Dauer ca. 3 Stunden)
1 x Eintrittskarte Kategorie 2 für die Aufführung
„Lucia di Lammermoor“ von Gaetano Donizetti (Freitag, 24.11.)
Einführungsabend in der Wetzlarer Musikschule am Dienstag, 21.11.2017 um 19.30 Uhr

Nähere Informationen zum Reiseverlauf, Hoteladresse, Kosten etc. ab Ende Juli.

30. Mai 2017

Der Tag beginnt mit einer guten Nachricht: Im August erscheint endlich der 1991 gedrehte Spielfilm Tous les matins du monde in deutsch synchronisierter Fassung mit dem Titel Die siebente Saite auf DVD. Das Meisterwerk (Regie Alain Corneau) zeigt das Wirken des Monsieur de Sainte Colombe (ca. 1640 – zwischen 1690 und 1700), eines berühmten Komponisten und Gambisten seiner Zeit. Sainte Colombe war u. a. Lehrer von Marin Marais, der später am französischen Hof eng mit Lully zusammen arbeitete und an allen großen Opern des Hofkapellmeisters beteiligt war. Sainte Colombe wird die Hinzufügung einer siebten Saite zur Bassgambe zugeschrieben; damit wurden die Möglichkeiten des Instrumentes hinsichtlich Tonumfang, Klang und Ausdruck erweitert.

Evrard Titon du Tillet schreibt über Marais’ Unterricht bei Sainte-Colombe: „Bekanntlich war Sainte-Colombe Marais’ Lehrer; doch als er nach sechs Monaten bemerkte, dass sein Schüler ihn übertreffen könnte, sagte er ihm, er könne ihm nichts mehr beibringen. Marais, der die Gambe leidenschaftlich liebte, wollte jedoch vom Wissen des Meisters weiterhin profitieren, um sich auf dem Instrument zu vervollkommnen; da er Zutritt zu seinem Haus hatte, nutzte er die Zeit im Sommer, wenn Sainte-Colombe in seinem Garten war und sich in einer kleinen Holzhütte einschloss, die er sich in den Ästen eines Maulbeerbaumes errichtet hatte, um dort ruhiger und angenehmer Gambe spielen zu können. Marais schlich sich unter diese Hütte; er hörte dort seinen Lehrer und profitierte von einigen besonderen Passagen und Bogenstrichen, die der Meister der Kunst gerne für sich behalten hätte.“  Diese Szene und viele andere zeigt Die siebente Saite in wunderbaren, berührenden und teilweise dramatischen Bildern. Zu sehen sind u. a. Anne Brochet (die sowieso immer hinreißend ist, aber hier besonders), Jean-Pierre Marielle und Gérard Depardieu. Die Musik zum Film spielte der katalanische Gambist und Dirigent Jordi Savall mit seinem Ensemble ein. Unbedingt kaufen, am besten jetzt vorbestellen!

29. Mai 2017

Es ist merkwürdig, wie die Gewohnheit unseren Geschmack und unsere Anschauungen beeinflussen kann.
Emily Brontë (1818 – 1848)

28. Mai 2017

Ende letzten Jahres fragte Bundeskanzlerin Merkel öffentlich auf einem CDU-Parteitag in Mecklenburg-Vorpommern, wieviel christliche Weihnachtslieder wir denn noch kennen und wieviel wir unseren Kindern und Enkeln noch beibringen würden. „Dann muss man eben mal ein paar Liederzettel kopieren und einen, der noch Blockflöte spielen kann (…) mal bitten“, empfahl die Kanzlerin. Da war sie wieder, diese Gedankenlosigkeit bezüglich eines oftmals belächelten, wenn nicht gar diskreditierten Musikinstrumentes. Mit der Blockflöte kann man gerade noch so ein Weihnachtslied begleiten, lautet die Botschaft, dafür streichen wir dem Spieler anschließend wohlmeinend übers Haar. Wenn du mal groß bist, spielst du vielleicht Klarinette oder Posaune, dann aber auch was ernst Gemeintes, um nicht zu sagen was Seriöses. Klavier und Violine sind Ferrari und Mercedes, Blockflöte ist Trabi. Das sagen wir natürlich nicht laut, wir sind ja nicht verliebt oder betrunken.

Blockflöte

Dieser Tage veröffentlicht ZEIT online ein Interview mit dem Generalintendanten der Elbphilharmonie Hamburg, Christoph Lieben-Seutter. Überschrieben ist der Artikel mit dem Satz “Wir könnten auch Blockflöte spielen”, und in der Folge lesen wir über die enorme Auslastung der neuen Kulturstätte, in der fast jede Veranstaltung ausverkauft ist. Egal, ob Herr Lieben-Seutter diesen Satz tatsächlich gesagt hat oder die Redaktion der ZEIT darauf verfallen ist – auch hier sind Unkenntnis und Ahnungslosigkeit bezüglich des Instrumentes und der seit Jahrhunderten dafür komponierten Literatur gleichermaßen groß wie erschreckend. “Wir könnten auch Blockflöte spielen” suggeriert erstens, dass die Blockflöte für Anspruchslosigkeit und Minderwertigkeit steht, und zweitens, dass selbst bei anspruchslosen und minderwertigen Programmen das gegenwärtig sehr große Interesse an Elbphilharmonie-Konzerten ungebrochen wäre. Das Instrument Blockflöte auf diese Weise herabzusetzen, disqualifiziert den, der so redet oder schreibt – von der Art der Wertschätzung, die man dem zahlenden Publikum mit besagtem Satz entgegen bringt, ganz zu schweigen. Blockflöte wird seit Jahrhunderten in allen Gesellschaftsschichten gespielt, der Schwierigkeitsgrad der Stücke reicht von leicht über anspruchsvoll bis hin zu technisch wie musikalisch extrem elaboriert und ausgesprochen schwer. Vielleicht sollte Herr Lieben-Seutter mal hochprofessionelle Blockflöten-Ensembles in seinen Kulturtempel einladen. Und die Kanzlerin gleich dazu.

26. Mai 2017

Was das Ansehen einzelner Berufsgruppen in Deutschland angeht, so haben sich die Renommee-Werte in den letzten Jahren kaum verändert. Nach wie vor führen die Feuerwehrleute, gefolgt von Ärzten, Kranken-/Altenpflegern, Erziehern, Polizisten, Richtern und Piloten. Dachdecker, Soldaten, Lokführer, Pfarrer und Briefträger rangieren im Mittelfeld. Die letzten Plätze belegen Steuerbeamte, Bankangestellte, Manager, Politiker, Journalisten, Mitarbeiter von Telefongesellschaften und Werbeagenturen sowie Versicherungsvertreter.

Fußball im Tor - Soccer Goal

Unter den Journalisten rangieren die Sportmoderatoren an letzter Stelle. Tatsächlich kommt das Verfolgen von Interviews bisweilen einer besonderen Art der Selbstkasteiung gleich. Auf Fragen wie “Wie wichtig war es heute, das Spiel zu gewinnen?” oder “Wie groß ist die Enttäuschung?” gibt es dennoch mehrere Möglichkeiten der Reaktion, von floskelhafter Analyse (“Wir sind nicht in die Zweikämpfe gekommen”) über Mutmaßungen (“Ich glaube nicht, dass der Verein mir Steine in den Vertrag legt”) bis hin zu philosophisch anmutenden Betrachtungen (“Wenn man kein Tor schießt, kann man nicht gewinnen” oder “Fußball ist wie Schach ohne Würfel”) und orakelähnlichen Prophezeiungen (“Die Bayern vertragen keine Härte, und ich bin der erste, der anfängt damit”). Fußballspieler und Trainer sind übrigens im Ranking der Berufsgruppen nicht erfasst.

25. Mai 2017

Zwei englische Obdachlose, die sich beim Anschlag von Manchester zum Zeitpunkt der Explosion in direkter Nähe aufgehalten hatten und Opfern zu Hilfe gekommen waren, erhalten jetzt selbst Unterstützung. Die Maßnahmen reichen von der Finanzierung einer Wohnung über Mithilfe bei der Arbeitssuche bis hin zu über das Internet organisierten Spendenaktionen. Auf zwei “Just Giving”-Seiten sind dabei bisher über 70.000 Pfund zusammen gekommen.

Die Wohnung wird für ein halbes Jahr vom Miteigentümer des Londoner Premier-League-Clubs West Ham United und dessen Sohn bezahlt. Wie wäre es, auch Bankdirektoren, Reeder und Immobilienmakler zur Hilfe zu ermuntern? Vielleicht sprängen noch ein paar Aktien, Yachten oder Zweitwohnungen heraus. Verleger und Intendanten könnten dazu noch ein paar Abonnements für Zeitschriften (mit Wohnungmarktteil, versteht sich) oder Theaterbesuche beisteuern. Nach Ablauf des halben Jahres, vulgo Probezeit, wäre zu überlegen, ob die gewährten benefitären Wohltaten auch vorleistungsungebunden erbracht werden können. So müssten die Leistungsempfänger nicht auf die nächste Katastrophe warten, um mit spontanen Erste-Hilfe-Leistungen weitere Ansprüche zu erwerben. Was ist übrigens mit Helfern, die seit längerem einen festen Wohnsitz haben und/oder in einem Beschäftigungsverhältnis stehen? Gibt’s da Boni, Upgrades, Beförderungen, Freikarten, Rabattmarken? Hat schon jemand Klage eingereicht?

24. Mai 2017

Wer aber das Lob liebt, der muss auch den Grund dazu erwerben.
Xenophon (430 – 354 v. Chr.), griechischer Schriftsteller und Politiker

23. Mai 2017

Der griechische Philosoph Sokrates (469 – 399 v. Chr.) begegnete seinen Gesprächspartnern üblicherweise nicht mit fertigen Antworten, ebensowenig wollte er sie von bestimmten Thesen überzeugen. Sein Ziel war, den Anderen sozusagen zu einer Überprüfung seiner Gedanken anzuregen, um den eigenen Erkenntnisprozess in Gang zu bringen. Sokrates nannte dies Mäeutik, wörtlich “Hebammenkunst”, und verstand sich als eine Art Geburtshelfer, der “für die gebärenden Seelen Sorge trägt”, wie Platon es nennt. Der Geburtshelfer unterstützt den Erkenntnisprozess dabei nicht durch Belehrungen oder mit feststehenden Wahrheiten, sondern durch gemeinsames Suchen und hilfreiches Fragen.

Sokrates
Büste des Sokrates
römische Kopie eines griechischen Originals, 1. Jahrhundert
Louvre, Paris

Unsereins versteht sich zuweilen ebenfalls als Geburtshelfer, in den schönsten Momenten als musikalischer Erkenntnis- und Erlebnisbefähiger. Jeder hört anders, und “niemand erkennt, was er nicht selbst entdeckt”, wie Johannes Picht es formuliert. Manchmal ist es “eine schwere Geburt”, zugestanden, aber es lohnt sich.

22. Mai 2017

Im Opernkurs sind wir seit einigen Wochen bei Verdi angelangt. Wir hatten uns darauf verständigt, diesmal auf La Traviata, Rigoletto und Otello zu verzichten und stattdessen einige Opern zu besprechen, die entweder als weniger populär gelten oder für die meisten Teilnehmenden neue Hörerfahrungen mit sich bringen. Den Anfang machte vor ein paar Wochen Il trovatore, gefolgt von Un ballo in maschera, Macbeth und La forza del destino. Schließlich am letzten Mittwoch Falstaff – und große Verwunderung, ja vielleicht gar Enttäuschung über so wenig Kantables, nichts Dämonisches, kaum Verzweifeltes, ergo keine schmachtenden Arien oder Liebesduette. Stattdessen eine Komödie in gesellschaftlichem Dauerparlando und durchkomponiertem Stil, mit rezitativischem Gestus, mit Sonatensatzformen und Fugen.

“Es gilt zu studieren, und das wird Zeit kosten. Unsere Sänger können im allgemeinen nur mit großer Stimme singen. Sie haben weder stimmliche Elastizität noch klare und leichte Diktion, und es fehlen ihnen Akzente und Atem.“ Verdi schreibt diese Sätze 1892 an seinen Verleger Ricordi. Heute wissen wir, dass der fast achtzigjährige Verdi mit seiner letzten Oper eine Renaissance der musikalischen Komödie einleitete. Wer den Gefangenenchor aus Nabucco oder den Triumphmarsch aus Aida zu seinen Lieblingsstücken zählt, wird mit Falstaff seine Schwierigkeiten haben. Also: Es gilt zu studieren, und das wird Zeit kosten.

Pause bis zum 21. Mai 2017

12. Mai 2017

In unserem Filmmusik-Kurs stand letzte Woche zum wiederholten Male Der König tanzt (F/D/B 2000) auf dem Programm, als Beispiel für die Sparte “Musikhistorischer Film mit Originalmusik”. Der Film ist absolut sehenswert, gleichermaßen wegen der großartigen Darsteller und der von Musica Antiqua Köln eingespielten Musik, nicht minder wegen seiner verschwenderischen Ausstattung.

Gestern nun Friedemann Bach (D 1941), ein “schwacher Film, trotz Gründgens” (Heyne Filmlexikon). Es ist kaum möglich, dieses Urteil zu widerlegen – zu groß sind die historischen Ungenauigkeiten und fiktiven Handlungsstränge, zu sentimental und pathetisch die Dialoge. Gleichwohl ist Gustaf Gründgens in der Titelrolle beeindruckend, vor allem als leidenschaftlicher und nicht korrumpierbarer Streiter für eine eigene, neue und weiterentwickelte Musik: “Ihr wollt von mir, was der Vater konnte. Ich kann es nicht. Ich will es auch nicht können. Ich kann nicht seine Gedanken denken und ich will nicht seine Musik machen. Wisst ihr denn, was es heißt, der Sohn eines großen Vaters zu sein und es nie vergessen zu dürfen und dabei selber leben und schaffen zu wollen? Ich habe gekämpft, ich habe mit dem Ruf Johann Sebastian Bachs immer wieder gekämpft, aber jetzt will ich nicht mehr kämpfen, ich will nicht mehr Sohn sein, ich will Friedemann Bach sein und sonst nichts.“

Will Quadflieg hat einmal über Gustaf Gründgens gesagt, dieser sei ein Schauspieler, der „viel im Laden hat und es sich leisten kann, wenig im Schaufenster zu zeigen“. Gründgens zeigt in Friedemann Bach vor allem die inneren Prozesse der Trauer und Verzweiflung – auf so außergewöhnliche Weise, dass sich allein dafür das Anschauen lohnt.

10. Mai 2017

Wo etwas Angenehmes ist, muss auch Unangenehmes sein.
Titus Petronius (ca. 14 – 66), römischer Politiker und Schriftsteller

9. Mai 2017

Vor ein paar Tagen lief in der ARD die Wiederholung der Tatort-Folge “Der tiefe Schlaf” (2012). Um es gleich vorwegzunehmen: Wer den Krimi (Folge 856) nicht kennt, sollte das unbedingt ändern (Mediathek, youtube)! Ich habe damals die Erstausstrahlung gesehen und konnte mich jetzt an einige Sequenzen gut erinnern, vor allem an die Entdeckung und Verfolgung des tatverdächtigen Räusperers, dessen Gesicht nie zu sehen ist. Ein packender und wirklich außergewöhnlicher Thrill!

Auch jetzt, gewissermaßen fünf Jahre nach dem Mord, wissen wir nicht, wer das junge Mädchen getötet hat. In der letzten Szene – Rückblende – steigt Carla nach anfänglichem Zögern in das Auto ihres Mörders. Das Auto ist ein anderes als das ihres Lehrers, also scheidet dieser als Täter aus. Das besagte Räuspern hat Gisbert, abgestellter und später ermordeter Kollege des Duos Batic/Leitmayr, zuvor aus einem Telefonat herausgefiltert, daher glauben alle – wir Zuschauer eingeschlossen – an einen sich räuspernden Täter. Der Mörder spricht in der Schlussszene jedoch alle seine Sätze ohne jedes Räuspern, also ist auch der Räusperer nicht der Täter. Der Autofahrer resp. der Mörder muss jemand sein, der nie zuvor in Erscheinung getreten ist. Einer, den weder wir noch die Kommissare jemals auf dem Schirm hatten. Am Ende bleibt der Täter bewusst anonym – eine unbekannte, männliche Person, von der wir nicht einmal das Gesicht kennen.

Tatort Logo.

Holger Gertz schreibt in der Süddeutschen Zeitung: “Die Geschichte von Regisseur Alexander Adolph erzählt auf der tieferen Ebene davon, was passiert, wenn man einander nicht zuhört, nicht hilft, nicht versteht. “Der tiefe Schlaf” ist der angemessen ausdeutbare Titel dieser Episode. Die Eltern holen ihre Tochter nicht ab. Der Lehrer lässt seine Schülerin nachts auf der Straße stehen. Die Klassenkameraden verstecken einen Schuh ihrer Mitschülerin, deshalb verpasst sie den Bus. Und zwei Kommissare behandeln ihren Assistenten von oben herab, wie Münchner das gelegentlich mit “Zuagroastn” tun. Sie lassen ihn allein. Am Ende sind alle allein, und jeder ist schuldig.”

8. Mai 2017

Im Montagskurs geht es heute um den Einstieg in das Werk von Gustav Mahler. In den vergangenen Jahren waren immer die erste, dritte und fünfte Sinfonie sozusagen Pflichtstücke, dazu Ausschnitte aus der achten Sinfonie und dem “Lied von der Erde”. Diesmal wird es mit der zweiten Sinfonie einen veränderten Einstieg geben, auch werden die sechste und siebte Sinfonie mehr in den Fokus rücken, leztere vor allem wegen der zwei Nachtmusiken. Warnung! Keine serenadenhafte Lunar-Idylle! No chocolate! Vergessen wir Mozart und Chopin! Fratzenhafte, verstörende Albträume eines Vereinsamten erklingen hier, die Grundierung ist dunkel, abgründig und geheimnisvoll. Mahler hatte während der Komposition seiner 7. Sinfonie mit Schreibblockaden und Störungen seiner Kreativität zu kämpfen, er hat sich sehr schwer getan mit dieser Musik. Es macht also nichts, wenn es uns genauso gehen sollte.

Gustav Mahler (Radierung Emil Orlik 1902)

6. Mai 2017

Gebackene Kartoffelscheiben (ganz einfach)

Kartoffeln schälen, in dünne Scheiben schneiden. Eine feuerfeste Form gut einfetten, die Kartoffelscheiben hineingeben und salzen. Im Backofen bei ca. 200° backen, bis die Scheiben leicht zu bräunen beginnen. Form aus dem Ofen nehmen und frisch gestoßenen schwarzen Pfeffer (am besten Voatsiperifery) zu den Kartoffeln geben. Mit Zitronen-Olivenöl beträufeln. Dazu passt Fisch, Geflügel, Gemüse, Salat – ganz nach Belieben – und eine Flasche Edelzwicker.

4. Mai 2017

In der aktuellen Ausgabe der nmz bespricht Christoph Vratz zwei Biografien über Claudio Monteverdi, die zu dessen 450. Geburtstag neu erschienen sind. Im Abschnitt über das Buch von Michael Heinemann findet sich folgende Passage: “So steht Monteverdi am Ende da als jemand, der, anders als Bach, seine Welt nicht nach Zahlen und Proportionen entworfen hat, sondern der seine menschlichen Erfahrungen, seine Leidenschaften in allen Extremen in eine unmittelbare musikalische Sprache übersetzt hat, eine Sprache, die auf der Einheit von Text und Musik beruht und unmittelbar auf den Hörer wirkt, heute wie damals.”

Es ist nicht ganz klar, ob der Rezensent den formulierten Unterschied zwischen Monteverdi und Bach als Ansicht des Buchautors ausgibt oder als seine eigene. Wie auch immer, es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich den empörten Aufschrei der Bach-Gemeinde vorzustellen. Zahlen und Proportionen als Grundlage der Musik statt menschlicher Erfahrungen und Leidenschaften? Und keine Einheit von Text und Musik? Sofort denkt man an die Passionen, Kantaten, Motetten etc. und kann nicht glauben, dass das ernst gemeint sein soll. Doch gemach, gemach! Die Aufregung ist ganz unnötig. Bach war im Kirchendienst tätig, von ihm wurden keine Kompositionen von Opern, Balletten und Madrigalen verlangt. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, wie er sich einer solchen Aufgabe gestellt hätte. Der oben zitierte Satz unterstreicht die herausragende Stellung der Musikdramen Monteverdis, nicht mehr und nicht weniger. Missverstehen kann jeder, vor allem mit Absicht.

3. Mai 2017

Zwar muss man feststellen, dass die Oper nicht mehr dieselbe Rolle hat wie im 19. Jahrhundert. Die populärste Unterhaltungsform ist heute das Kino. Dass Oper aber eine elitäre, veraltete oder jedenfalls für alte Menschen gemachte Kunst ist, halte ich weniger für die Wahrheit als ein Klischee. Und die Karten sind auch nicht unbedingt teurer als für ein Popkonzert oder Fußballspiel! Manchmal höre ich: “Die Oper ist nichts für mich, damit kenne ich mich nicht aus.” Aber absolviert man denn eine Filmschulung, bevor man ins Kino geht?
Mariame Clément

1. Mai 2017

L’amour existe.
L’amour est vivant.
Sous toutes ses formes.

Diese Sätze gehen dem Interview mit Mariame Clément voran, das die Opèra natonal du Rhin im Programmheft zu La Calisto veröffentlicht hat. Die Aufführung eines der prominentesten Werke von Franceso Cavalli lässt keinen Zweifel an dieser unmissverständlichen Botschaft aufkommen. Mariame Clément inszeniert das Stück mit dem Mute der Verwegenen – göttlich, menschlich, allegoresk, faunesk, imaginär, real. Schon das erste Bild zwingt dazu, uns beim eigenen Zuschauen zu beobachten, und dieser Spiegel im Spiegel zieht sich konsequent durch das ganze Stück. Wer spielt hier mit wem, wer dressiert wen, wer verschiebt wessen Maßstäbe? Die Musik liefert dafür hinreißende Vorlagen, und Christophe Rousset am Pult wie am Cembalo sorgt für ein klangliches Pendant auf Augenhöhe. Das Ensemble ist sängerisch nicht in jeder Rolle gleichwertig besetzt, was man beim Hören der Gesangskünste insbesondere von Elena Tsallagova, Filippo Mineccia und Guy de Mey schnell vergisst. Les Talens Lyriques, ein Ensemble von zwölf Instrumentalisten, spielt gleichermaßen sensibel wie musikantisch. So vergehen drei Stunden inklusive Pause fast wie im Fluge. Der Star der Produktion ist Cavalli, ihm assistieren zahlreiche Könner auf, neben, hinter und unter der Bühne.

Abends sitze ich im Saint Sépulcre (Zum hailiche Graab), einem Restaurant mit typisch elsässischer Küche, im Herzen Straßburgs, ganz in der Nähe der Kathedrale. Ich bestelle gekochte Rippchen mit karamellisierter Koriandersauce, dazu Bratkartoffeln und ein Bier. Das Essen ist vorzüglich, die Bedienung attraktiv und freundlich, also bleibe ich und gönne mir noch ein Bier, dann Calvados, schließlich Kaffee. Am Nebentisch sitzen mittlerweile zwei junge Frauen, vielleicht Studentinnen. Sie essen in Teig gebackenen Schinken, dazu Salat und leeren eine Flasche Pinot Noir. Sie genießen den Abend, das merkt man ihnen an, und sie wissen offensichtlich, wo und wie man gut isst und trinkt. Vielleicht wird ja doch noch alles gut, denke ich, und dass die Liebe lebt. In all ihren Formen.

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29. April 2017

Nur sehr wenige Dinge ereignen sich zur rechten Zeit, und alles Übrige ereignet sich überhaupt nicht.
Herodot (um 485 – um 425 v. Chr.)

26. April 2017

Was waren das für Zeiten, als es noch den Bezahlfernsehsender Premiere gab und wir bei Fußballübertragungen den Kommentator abstellen konnten, dabei aber auf die Geräuschkulisse im Stadion nicht verzichten mussten! Heute – der Sender heißt seit 2009 Sky Deutschland – geht das leider nicht mehr. Entweder müssen wir zumeist unsägliche Reporter, Co-Kommentatoren und Experten ertragen, wenn wir die Live-Atmosphäre mit Fangesängen, Pfeifkonzerten etc. miterleben wollen, oder wir verzichten auf Schwätzer, Langweiler und Sprachbehinderte, müssen aber dafür das Spektakel in meditativer Stille verfolgen. Bitte, liebe Sky-Leute, aber auch ihr Entscheider in ARD und ZDF, habt ein Einsehen und gebt uns diesen Kommentator-Off-Schalter wieder! Ihr würdet viele neue Freunde, für Sky vielleicht gar Abonnenten gewinnen! Schon im Voraus zitieren wir Andreas Brehme und sagen “nur ein Wort: Vielen Dank!”

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25. April 2017

Gestern acht (!) Punkte beim Wissenstest des Tages auf ZEIT online, heute fünf. Dass es David Bowie war, dem Iggy Pop seinen Berliner Kühlschrank geplündert hat, habe ich geraten. Manchmal punktet man ganz unvermutet …

24. April 2017

Das Literarische Quartett, die von 1988 bis 2001 ausgestrahlte Kult(ur)sendung im ZDF mit Marcel Reich-Ranicki, Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler und einem jeweils wechselnden Gastkritiker, hatte eine einprägsame Titelmelodie: Das Finale des Streichquartetts Nr. 9 C-Dur op. 59,3 von Ludwig van Beethoven. Das Quartett wurde 1806 geschrieben und ist das dritte und letzte Streichquartett in der Gruppe der sogenannten “Rasumowsky”-Quartette, die nach ihrem Auftraggeber, Andrej Kirillowitsch Rasumowsky benannt sind, einem russischen Diplomaten und Förderer Beethovens. Die Rasumowsky-Quartette sind Meilensteine klassischer Kammermusik – wir besprechen das dritte Quartett im Kurs und erinnern uns nach dem Verklingen des Schlussakkords passenderweise an Reich-Ranickis abgewandeltes Brecht-Zitat: “Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.”

21. April 2017

In diesen Tagen kommt der Kuckuck aus Afrika zurück. Auf seinem Weg zurück in sein Brutgebiet erreicht er Südeuropa bereits im März, den Norden Skandinaviens erst im Juli. Deutschland kann zwischen Mitte April und Anfang Mai mit der Wiederkehr des Vogels rechnen, was immer auch ein wenig von den Temperaturen abhängt. Wenn wir in diesen Tagen den berühmten Kuckucksruf hören, sollten wir uns vergegenwärtigen, dass der Kuckuck auch andere Intervalle außer der kleinen Terz intoniert. Von der Sekunde bis zur Quinte ist alles möglich, was uns im Grunde eine größere Flexibilität im Singen von “Der Kuckuck und der Esel” oder “Kuckuck ruft’s aus dem Wald” abverlangen sollte, aber lassen wir das. Hören wir jedenfalls einen Vogel mit kleiner Sekunde oder reiner Quarte zwitschern, können wir nie ganz sicher sein – Mönchsgrasmücke, Teichrohrsänger, Wintergoldhähnchen? Wer singt denn da, zum Kuckuck … Genau!

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19. April 2017

Das Leben ist hier, das Spielen von Rollen dort. Das ist komplett getrennt. Schauspielerei ist für mich ein spezieller Geisteszustand zwischen bewusst und unbewusst – ein wenig so, als ob man betrunken wäre. Aber wenn es dann vorbei ist, ist es vorbei. Es beschäftigt mich nicht mehr, es verfolgt mich nicht. Ich habe nichts zu tun mit diesen Leuten, die ich spiele.
Isabelle Huppert (* 1953), französische Film- und Theaterschauspielerin

18. April 2017

“Je dämonischer gespielt wurde, umso zufriedener war er”, berichtet August Stradal, Pianist und Schüler Franz Liszts über dessen Klavierunterricht. Zwei Dinge hatten für den Meister ganz besondere Bedeutung: Zum einen das Singen, das “Cantabile auf dem Klavier”, zum anderen die individuelle Wiedergabe des Werkes. Eugène d’Albert, ebenfalls prominenter Schüler Liszts, erinnert sich: “Was kümmert ihn die Genauigkeit des Vortrags, wenn nur Leben darin steckt! Weg mit der pedantischen Schulmeisterei!” Besonders verhasst war Liszt die “anständige Mittelmäßigkeit” – nicht wenige seiner Schüler schickte er aufs Konservatorium und unterrichtete sie nicht länger selbst. Einige haben seinen galligen Satz, wonach man seine Schmutzwäsche zu Hause reinigen sollte, in bitterer Erinnerung behalten. Doch der kapriziöse Maestro konnte auch humorvoll und großzügig sein. Mit einigen seiner Schüler unternahm er gemeinsame Ausflüge und spielte leidenschaftlich gern Whist, verlor dabei aber nur ungern. Seine Schüler dachten an die nächste Klavierstunde, tauschten daher unter dem Tisch ihre Karten und ließen den Meister gewinnen.

Liszt

16. April 2017

Am Ende ist uns wohler, wenn wir nicht soviel von der Welt wollen und das, was sie uns freiwillig gibt, als gelegentlichen Fund betrachten.
Gottfried Keller (1819 – 1890), Schweizer Dichter und Romanautor

In der Tat liegt in zu großen Erwartungen häufig die Hauptursache für Enttäuschungen, Konflikte oder Verzweiflungen. Wir malen uns aus, wie etwas eintreten oder sich entwickeln soll und wie Menschen, mit denen wir zu tun haben, handeln oder reagieren werden. Insbesondere wenn wir Anerkennung, Freude oder Dankbarkeit erwarten, sind wir nicht selten enttäuscht, wenn die Realität mit unseren Erwartungen nicht übereinstimmt. Dann hadern wir nicht mit uns selbst, sondern mit anderen und bereiten damit den Boden für weitergehende Auseinandersetzungen. Im Falle der Erwartung von schlechten Entwicklungen, Desastern oder Katastrophen ist uns dagegen nur ein schwacher Trost, dass etwa 70% der negativen Dinge, die wir uns vorstellen, nicht eintreten. Zweckpessimismus malt ja häufig das Kommende in düsteren Farben, um die Fallhöhe zum wirklich Eintretenden künstlich zu vergrößern. Wollen wir den Griff in die Kiste mit der Aufschrift “Psychotricks zur Selbstanwendung” vermeiden, hilft vielleicht der Satz von Peter E. Schumacher: “Erwartungshaltung sollte aus einem Prozent Erwartung und neunundneunzig Prozent Haltung bestehen.”

15. April 2017

Goethe war’s. Herzlichen Dank fürs Mitmachen!

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Allen Leserinnen und Lesern ein frohes Osterfest!

13. April 2017

“Wenn ich den Mops meiner Geliebten zum Verwechseln ähnlich abzeichne, habe ich zwei Möpse, aber noch lange kein Kunstwerk.” Wer hat’s gesagt?

Goethe
Toulouse-Lautrec
Caruso
Loriot

Auflösung am Samstag, 15. April. Teilnahme nur per E-Mail.

12. April 2017

Um die Nymphe Calisto für sich zu gewinnen, ist Jupiter jedes Mittel recht. Er geht sogar so weit, sich als Frau zu verkleiden – der Ausgangspunkt für zahlreiche Irrungen und Wirrungen. Welches Mittel wird Jupiters Frau Juno finden, um sich für die Untreue ihres Mannes zu rächen?

Frustrated

Mit diesem Kurztext wirbt die Opéra national du Rhin Strasbourg für ihre Neuinszenierung von Francesco Cavallis La Calisto. Regisseurin Mariame Clément wird – davon ist auszugehen – für zeitgemäße Fragestellungen und Pointierungen sorgen, nicht ohne ironische Transfers und entsprechende Demaskierungen. Das Publikum darf sich auf Gesangsgrößen wie Vivica Genaux und Guy de Mey freuen, ebenso auf den Barockspezialisten Christophe Rousset, der das von ihm gegründete Ensemble Les Talens Lyriques dirigiert. Am Sonntag, 30.04. um 15.00 Uhr bin ich auch dabei, leider nur im Parkett.

11. April 2017

Wer all seine Ziele erreicht, hat sie zu niedrig gewählt.
Herbert von Karajan (1908 – 1989)

10. April 2017

Veronika Mandl ist eine renommierte österreichische Musik- und Konzertpädagogin. Sie ist seit Jahren auf dem Gebiet der Entwicklung von musikdidaktischen Konzepten und Konzertformaten tätig und bietet unterschiedliche Programme für ein “junges Publikum ab drei Jahren” an, und das mit bestem Erfolg. “Kürzlich war eine Oma da,” erzählt sie, “die meinte: Heute sind die Enkel leider krank, da bin ich allein gekommen. Das ist für mich das schönste Kompliment!” Mandls Credo ist, dass Erwachsene die Aufgabe haben, die eigene Faszination zu leben. “Wenn ich für Musik brenne, dann bin ich imstande, dieses Feuer auch bei anderen zu entfachen und weiterzugeben.” Ganz recht, und zwar an junge Leute, Alter egal.

9. April 2017

Der erwähnte Dialog zwischen Ulisse und Eumete besteht im Original aus sechzehn im 6/4-Takt geschriebenen Takten, wobei die ersten zehn ein absteigendes Ostinato enthalten (g-fis-e-d) und anschließend in eine kadenzierende Schlussformel übergehen. Über diese wunderbare, sanfte Musik, die mich in Dijon sehr gefangen genommen hat, habe ich heute in der Kirche improvisiert. Am Schluss, wenn gemeinhin ein “Rausschmeißer” erwartet wird, wirkt diese introvertierte und beinahe entrückte Musik umso mehr. Und siehe da, sie hat ihre Wirkung auch diesmal nicht verfehlt! Am Schluss, nach der Wiederholung der Schlusskadenz im piano, war in der Stille sogar ein Seufzer zu hören. Und das am Palmsonntag, an dem des umjubelten Einzugs Jesu Christi in Jerusalem gedacht wird! Aber da ist sie, die Sehnsucht nach leisen, behutsamen Tönen, nach Besinnung und Recreation. Erklingt eine solche Musik, spüren wir, wonach wir so lange gesucht haben. Es ist, als kämen wir nach langer emotionaler Odyssee wieder nach Hause.

7. April 2017

Man muss mit den Instrumenten und Stimmen, durch ihre Schwingungen erregt, gleichsam selbsttönend mitschwingen, um wahrhaft musikalische Eindrücke zu erhalten.
Hector Berlioz (1803 – 1869)

Selbsttönend mitschwingen, das klingt gut. Entscheidend für musikalische Erlebnisse der besonderen Art ist immer, was gespielt wird, wie gespielt wird und wer spielt. Und bei aller Bewunderung für herausragende Interpreten und exquisite Darbietungen vergessen wir die Komponisten nicht! Der Schweizer Dirigent Karl Anton Rickenbacher (1940 – 2014) meinte sinngemäß, es sei erstaunlich, dass die Werke Mozarts, Schuberts oder Brahms’ immer noch leben, wo doch jeden Tag vielfach auf sie eingedroschen wird. Umso schöner, so ergänzen wir gerne, dass die Untoten mit Hilfe kongenialer Übersetzer (nicht Nachlassverwalter) immer wieder eindrucksvoll zu Wort bzw. Ton kommen und dabei zeigen können, was in ihnen und in uns steckt. Letzteres geschieht zwar nur selten, aber es geschieht. Dann erhalten wir die besagten “wahrhaft musikalischen Eindrücke” und begegnen gleichzeitig uns selbst.

5. April 2017

Zurück aus Dijon. Eine schöne Stadt, gutes Wetter, hervorragendes Essen. Doch das alles spielt nur eine untergeordnete Rolle. Ich habe Monteverdis “Il ritorno d’Ulisse in patria” erlebt, oder um es auf französisch zu sagen, ” Le retour d’Ulysse dans sa patrie”. Der Schlussakkord liegt keine drei Tage zurück, und noch immer klingt diese Musik nach. Genauer gesagt, die Musik und die Art und Weise, auf die sie gespielt, gefeiert und zelebriert wurde. Ich weiß nicht, ob ich im Theater überhaupt schon mal etwas derart Beglückendes erlebt habe.

Natürlich sind die Hauptrollen mit Rolando Villazón (Ulisse) und Magdalena Kožená (Penelope) spektakulär und erlesen besetzt, doch auch die Nebenrollen werden von ausdrucksstarken Sängerinnen und Sängern gestaltet, insbesondere von Anne-Catherine Gillet (Minerva) und Callum Thorpe (Antinoo). Mariame Cléments Inszenierung ist fantasievoll, originell, zuweilen ironisch und schreckt vor etlichen Stilbrüchen nicht zurück, was keine Überraschung ist. Ulisses Verwunderung über den aufgestellten Cola-Automaten findet jedenfalls im Publikum Verständnis. Das ist ein grandioses, doppelbödig-geistreiches Spiel mit verschiedenen Ebenen der Erwartung – wunderbar!

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Emmanuelle Haïm leitet die Aufführung wie immer, wenn sie musiziert – hochsensibel, extrem spielfreudig und vor allem mit einer atemberaubenden Ausgestaltung musikalischer Spannungsverläufe. Das Duett zwischen Ulisse und dem Hirten Eumete klingt beinahe romantisch und rührt affektiv zu Tränen, die Lamenti Penelopes sind geprägt von einem verschwenderischen Umgang mit Tempo und Dynamik, die tänzerischen Instrumentalsätze sind launig, couragiert und klingen einfach unwiderstehlich. Die Akteure auf der Bühne, von spanisch anmutenden Rhythmen inspiriert, versprühen eine Art der Lebensfreude, die man als Zuschauer nur ungläubig bestaunt. Fast vier Stunden dauert dieser Rausch, und er verflüchtigt sich glücklicherweise nur langsam.

31. März 2017

Morgen geht es für drei Tage nach Dijon, wo ich am Sonntag in der Oper Monteverdis Il ritorno d’Ulisse in patria sehen werde. Die Vorfreude ist in Erwartung von Rolando Villazón (Ulisse), Magdalena Kožená (Penelope) und Emmanuelle Haïm (Musikalische Leitung) sehr groß. Ich habe das Stück vor vielen Jahren ein paar Mal auf der Bühne gesehen, damals im Musiktheater im Revier Gelsenkirchen. Die Oper wurde in der Einrichtung von Siegfried Matthus gespielt, in deutscher Sprache und mit ausgesetzten, von Streichern begleiteten Rezitativen. Ich weiß noch, dass Neptun in einer Szene mit seinem Dreizack aus dem Orchestergraben stieg, mit wirrem, bläulichem Haar, den Körper übersät mit Algen und Seetang, und seinen imponierenden Bass erklingen ließ, was mich schwer beeindruckt hat. Die Aufführung in Dijon dürfte sehr anders ausfallen – mit allen Erkenntnissen historischer Aufführungspraxis, im italienischen Original und zweifellos mit einigen Überraschungen der französischen Opernregisseurin Mariame Clément.

29. März 2017

Unzählige alte, ausgetretene und brüchige Stufen. Wohin führen sie? Was wartet am Ende der Treppe, die hinaufzusteigen vielleicht mühsam ist? Eine schöne Aussicht, ein Forum, ein Palast? Oder nichts davon? Was stattdessen? Stellen wir nicht so viele Fragen, gehen wir einfach los …

Alte Treppe sw

28. März 2017

Apropos Charles Laughton: Im Frühjahr 1944 traf der britische Schauspieler in Kalifornien auf Bertolt Brecht und Hanns Eisler. Laughton war gerade im Begriff, für die Plattenfirma Decca Texte aus der Bibel aufzunehmen (“The Story Of The Three Wise Men” und “The Oldest Christmas Story”) sowie das Weihnachtskapitel aus Charles Dickens’ Roman “The Pickwick Papers”. Hanns Eisler machte den Vorschlag, dazu Begleitmusiken in Quintett-Besetzung zu schreiben, womit Laughton sofort einverstanden war. Die Schellack-Aufnahmen erfolgten im September 1944 im Decca-Studio Hollywood. Sie sind jetzt als Doppel-CD mit 116-seitigem (!) Booklet und einer Gesamtspielzeit von 128 Minuten wieder erhältlich (Bear Family Records).

Charles Laughton
Charles Laughton (1940)
(Foto: Carl van Vechten)

27. März 2017

Matty Malneck (1904 – 1981) ist hierzulande nur wenigen Kennern der Filmmusik ein Begriff. Malneck war ein US-amerikanischer Jazzmusiker, der auch arrangierte und Filmmusiken komponierte, darunter die zu Witness for the Prosecution (Zeugin der Anklage, USA 1957) und Some Like It Hot (Manche mögen’s heiß, USA 1959). Eine gewisse Tragik liegt in dem Umstand, dass zwar die Filme weltberühmt wurden, die Musik von Malneck jedoch nicht – die von Marilyn Monroe gesungenen Lieder I Wanna Be Loved by You, Running Wild und I’m Through with Love sind populäre Songs der 20er Jahre und wurden nicht von Malneck komponiert.

Gestern Abend bin ich – ich weiß nicht zum wievielten Mal – bei Zeugin der Anklage hängen geblieben. Dafür gibt es viele Argumente wie natürlich Charles Laughton, Tyrone Power und Marlene Dietrich inklusive der Synchronstimmen von Eduard Wandrey, Paul Klinger und Tilly Lauenstein. Die Vorlage von Agatha Christie sowie Drehbuch und Regie von Billy Wilder sind weitere beste Gründe, den Film zum x-ten Mal zu sehen. Doch die Musik gehört nicht dazu, wenngleich sie genreüblich konveniert und im Wortsinne passende Takte liefert. Allein diese bleiben eben nicht haften, wir können sie nicht jederzeit aus dem Gedächtnis abrufen. Hingegen sprechen wir einzelne Sätze und Dialoge der genannten Akteure auswendig und mühelos nach, beinahe im Schlaf. Willste mir ‘n Kuss geben, Dicker?

24. März 2017

Misstraue der Begeisterung des immer Begeisterten. Er braucht sie als Kollektiv seiner Gleichgewichtsstörungen. Der Kreisel muss sich drehen, wenn er nicht umfallen will.
Alfred Polgar (1873 – 1955)

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23. März 2017

Laut einer aktuellen Studie, veröffentlicht von der Association for Psychological Science, hält sich ein Gefühlshoch nach gutem Sex bis zu 48 Stunden. Danach erlischt das sogenannte sexuelle Nachglühen. Paaren wird deshalb empfohlen, alle 48 Stunden Sex zu haben, um in den Genuss eines frischen Glühens zu kommen. Alternative Wege zu überschwänglichen Gefühlen über die Wahrnehmung kultureller Angebote (Theater, Museen, Restaurants etc.) beschreibt die Studie nicht. Möglichkeiten der Kombination wie z. B. Sex im Kino werden gleichfalls nicht erwähnt, auch Sport ist kein Thema. Gleichwohl ist der Rat zum 48 Stunden-Rhythmus einigermaßen entlastend, denn ab einem gewissen Alter lässt man doch schon mal einen Tag aus.

22. März 2017

Nach dem am Montag in New York veröffentlichten Weltglücksbericht 2017 nimmt Norwegen nunmehr die Spitzenposition ein und hat Dänemark damit als glücklichstes Land der Welt abgelöst. Auf den Plätzen drei und vier folgen Island und die Schweiz. Deutschland kommt wie im vergangenen Jahr auf Platz 16, nahm aber 2015 noch Rang 26 ein. Schlusslicht der Glückstabelle ist die Zentralafrikanische Republik.

Als Hauptursache für Glück macht der Bericht nicht pekuniären Reichtum, sondern ein funktionierendes soziales Netz aus. Die Spitzenreiter des Rankings – darunter Finnland, Schweden, die Niederlande, Kanada, Australien und Neuseeland – haben dem Bericht zufolge hohe Zufriedenheitswerte in den Bereichen soziale Fürsorge, Gesundheit, Freiheit und gute Regierungsführung.

Geld allein macht nicht glücklich, heißt es. Richtig! Und schönes Wetter ist überbewertet. Vielleicht sind die Menschen in Haugesund ja am glücklichsten. Bei ihnen im Hafen sitzt Marilyn Monroe. Tagtäglich, zum Glück.

Marilyn Monroe Skulptur Haugesund
Marilyn Monroe Skulptur
Haugesund, Norwegen
(DeFacto)

20. März 2017

Arnold Schönberg lebte bereits in Los Angeles, als er sich 1937 des Klavierquartetts g-Moll op. 25 von Johannes Brahms annahm und aus der originalen Vorlage eine fulminante Orchesterfassung in schillernden, bunten Farben entstehen ließ. Vielleicht war Schönberg, von den Nazis vertrieben, seiner Heimat Österreich in jenen Tagen emotional besonders nah, so dass aus dem kammermusikalischen Original ein so pulsierendes, wuchtiges und klangverliebtes Orchesterwerk werden konnte.

Natürlich entsteht bei einem so gewichtigen Eingriff in die Besetzung resp. der Klangfarbe ein neues, anderes Stück, das freilich seine Herkunft nicht verleugnet. Morgen werden wir uns im Kammermusik-Kurs beide Fassungen “erhören” und miteinander vergleichen. Wer Lust hat, kann anschließend im Filmmusik-Seminar dann “Die Verlobung des Monsieur Hire” bewundern. Regisseur Patrice Leconte hat für seinen wunderbaren, ästhetischen Film von 1989 den Mittelteil des Brahms’schen Finalsatzes (Rondo alla Zingarese) gewählt, um die subjektive Erlebniswelt des Titelhelden musikalisch zu kennzeichnen. Drei Meisterwerke – Kammermusik, Orchesterwerk, Spielfilm!

19. März 2017

Wie es mit der Musik dort steht, wo Sie sich jetzt befinden, ahne ich nur in Umrissen. Ich habe die Vermutung, die ich in dieser Hinsicht hege, einmal auf die Formel gebracht: ich sei nicht schlechthin sicher, ob die Engel, wenn sie im Lobe Gottes begriffen sind, gerade Bach spielen – ich sei aber sicher, dass sie, wenn sie unter sich sind, Mozart spielen und dass ihnen dann doch auch der liebe Gott besonders gerne zuhört.
Karl Barth (1886 – 1968, evangelisch-reformierter Theologe) in seinem “Dankbrief an Mozart” 

17. März 2017

Schalke 04 Logo

Glückwunsch, Knappen! Und weiterhin viel Erfolg in der Europa-League! Vielleicht klappt es ja zwanzig Jahre nach dem überraschenden Gewinn des UEFA-Cups wieder mit dem großen Coup. Spiegel Online liegt ganz richtig: “Zwar ist weiterhin schwer vorstellbar, dass ein Team mit derart deutlichen fußballerischen Schwächen tatsächlich einen Europapokal gewinnt. Aber das war auch vor 20 Jahren so.”

16. März 2017

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Breathe. And give yourself some credit.
Erin Andrews

15. März 2017

Für die Salzburger Festspiele 1989 hatten Herbert von Karajan und der britische Regisseur John Schlesinger (Die Herrin von Thornhill, Der Marathon-Mann, … und der Himmel steht still u. a.) ein gemeinsames Konzept für die Inszenierung von Verdis Maskenball entwickelt. Die Besonderheit bestand darin, dass die Oper in Verdis ursprünglicher, aber von der Zensur verhinderten Fassung gespielt werden sollte, nämlich am Hofe des schwedischen Königs Gustav III. in Stockholm. Nach dem Tode Karajans am 16. Juli in Salzburg – die Bühnenproben für die Eröffnungspremiere hatten bereits begonnen – übernahm Sir Georg Solti die musikalische Leitung.

Der Wiener Kurier nannte die Produktion damals ein “Opernfest für die Nachwelt” und war der Ansicht, die Zeit prächtiger Kostüme und opulenter Szenerien sei vorüber. Altmodische und konventionelle Inszenierungen, so war man überzeugt, würden einem anstehenden und unaufhaltsamen Zeitgeistwandel zum Opfer fallen. Heute wird die Inszenierung vor allem dafür gelobt, dass sie alle Ingredienzien in sich vereint, welche die Faszination Musiktheater ausmachen. Das ist das Entscheidende, notabene: Ob wir angesprochen, gefesselt, berührt werden. Ob Kopf und Herz, Verstand und Gemüt inspiriert und bereichert werden. Dazu gibt es viele Wege – den von 1989 sehen wir heute Abend im Kurs.

14. März 2017

Die Sinfonie Nr. 3 c-Moll op. 78 “Orgelsinfonie” von Camille Saint-Saëns ist ein imposantes, eindrucksvolles Werk. Vor allem der Finalsatz, eingeleitet durch ein wuchtiges Maestoso und eine “klassische” sechzehntaktige und melodisch eingängige Periode, verfehlt seine Wirkung nicht. Gestern Abend nun, in unserer Kurswanderung durch die Musikgeschichte, haben wir zunächst diesen Sinfoniesatz gehört, um anschließend den 1978 erschienenen Song “If I Had Words” von Scott Fitzgerald und Yvonne Keeley auf uns wirken zu lassen.

“If I Had Words” benutzt das o. g. Hauptthema und unterlegt es mit einem Reggae-Beat. Der gesamte Song besteht ausschließlich aus den genannten sechzehn Takten, die über dreieinhalb Minuten lang ständig wiederholt werden. Text und Arrangement sind von Jonathan Hodge. Der Song kam in Großbritannien auf Platz 3 der Charts und war außerdem ein Hit in Irland, Belgien, den Niederlanden, in Skandinavien, in Australien und Neuseeland. Insgesamt wurden weltweit über eine Million Platten verkauft.

Saint-Saens

Es ist nicht weiter erstaunlich, dass sich sechzehn mehr oder weniger gleichbleibende Takte mit unterlegtem Reggae-Beat besser verkaufen als das sinfonische Original. Saint-Saëns galt zu Lebzeiten als ein eher konservativer, altmodischer Komponist. Vielleicht hätte er sich über die unerwartete Popularität fast sechzig Jahre nach seinem Tod trotzdem gefreut.

12. März 2017

Das Stadttheater Gießen spielt zurzeit Der Barbier von Bagdad von Peter Cornelius. Musik und Text bleiben unangetastet, doch die gesamte Handlung ist in ein surreales Tierreich verlegt. Der verliebte Nureddin ist eine Hummel, Gehilfin Bostana ist ein Maulwurf, der Barbier ist eine Schildkröte. Von ein paar anderen Figuren weiß man nicht so recht, was sie sind. Über die Inszenierung (Roman Hovenbitzer) verliert das Opernheft kein Wort. Die Handlung wird darin wie in jedem konventionellen Opernführer wiedergegeben, so als ob tatsächlich Der Barbier von Bagdad zur Aufführung käme.

Doch die Gießener machen aus einer liebenswerten Komödie eine absurd-clowneske Posse, die keinen nachvollziehbaren Transfer des Originals erkennen lässt. Schlüsselszenen der ursprünglichen Handlung werden bagatellisiert oder bleiben unsichtbar, das Beziehungsgeflecht der handelnden Personen (jetzt Tiere) wird kaum wiedergegeben. Das bunte Bühnenbild und die schrillen Kostüme geben der imaginären Wald- und Wiesenfauna sämtliche Alibis, die sie für ihre Aktionen benötigt, welche zumeist willkürlich und beliebig kreiert werden. Was das Publikum über zwei Stunden lang ertragen muss, ist ein bemerkenswerter Etikettenschwindel, der den Barbier von Bagdad bis zur Unkenntlichkeit entstellt und durch alberne Abwegigkeiten zum Klamauk verkommen lässt. Einige musikalisch gut gelungene Passagen, ein paar schöne Töne reichen da als Entschädigung nicht. In der Pause gibt’s Sekt, das hilft ein bisschen.

10. März 2017

Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie die Tiere behandelt.
Mahatma Gandhi

Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird dir sein, als leuchten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache. Du allein wirst Sterne haben, die lachen können.
Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz

8. März 2017

In der Erwartung, für einen ganzen Spielfilm zu müde zu sein, habe ich gestern Abend den Spielfilm Letzter Moment (NDR/Arte 2009) zur Aufnahme programmiert. Ich habe die ersten Minuten gesehen, dann die erste halbe Stunde, schließlich den ganzen Film. Sathyan Ramesh (Buch und Regie) erzählt die Geschichte von Isabel (Ulrike C. Tscharre), die sich kurz vor ihrer Hochzeit in einen fast vierzig Jahre älteren Mann (Matthias Habich) verliebt, trotzdem heiratet, dann aber ihre eigene Hochzeitsfeier im Augenblick der Erkenntnis verlässt. Bei der ersten Begegnung ihres neuen Freundes mit ihren Eltern erkennen sich der Liebhaber und Isabels Mutter wieder. Sie waren vor Jahrzehnten ein Liebespaar, sahen sich seither nicht, doch haben einander nie vergessen. Das ist der Ausgangspunkt für alle Beteiligten, unzählige Fragen zu stellen, ohne die meisten von ihnen wirklich zu benennen. Sind viele gemeinsame, vertraute und geräuschlose Jahre mit wenig Liebe besser als wenige, unwägbare und problematische Jahre mit viel Liebe? Was ist wirklich wichtig, worauf kommt es an?

Letzter Moment ist ein sehr lebenskluger, sensibler und poetischer Film, in dem Ulrike C. Tscharre und Matthias Habich absolut herausragend agieren. “Habichs Mundwinkel und Tscharres Augen drücken mehr aus, als die meisten deutschen Schauspieler vermögen. Ich liebe diesen Film! Lasst euch verzaubern!”, lautet ein Kommentar auf TV Spielfilm. Und eure Müdigkeit wird verfliegen, füge ich hinzu.

6. März 2017

Tatort Logo.

Vor ein paar Tagen lief im NDR-Fernsehen die Wiederholung des Tatorts “Weil sie böse sind” (2010). Keine herausragende Folge, aber immerhin prominent besetzt, u. a. mit Markus Boysen (der leider früh ermordet wird), Peter Lerchbaumer (der leider zu wenig Text hat) und Matthias Schweighöfer (der leider den Kasperl gibt, obwohl er das Krokodil ist). Der Film beginnt mit einer minutenlangen Sequenz, welcher das Allegretto aus Beethovens 7. Sinfonie unterlegt ist. Währenddessen – wir sind sozusagen noch im Vorspann – lesen wir, wer die zuständigen Personen für Szenenbild, Schnitt, Ton, Kamera etc. sind. Für die Musik wird Fabian Römer genannt. Noch immer läuft Beethoven, der ungenannt bleibt und auch im Abspann keine Erwähnung findet. Wer das Stück kennt und den Komponisten noch dazu, der mag sich wundern. Am Schluss dann die Aufklärung: Übereinstimmungen oder Ähnlichkeiten mit realen Personen wären rein zufällig.

Pause bis zum 5. März 2017

24. Februar 2017

Richtig, das Foto zeigt Georg Friedrich Händels Wohnhaus in London, heute das Handel House Museum in 25 Brook Street, London. In diesem Haus lebte Händel von 1723 bis zu seinem Tod im Jahr 1759. Der 23. Februar ist Händels Geburtstag. Normalerweise begehe ich diesen Tag mit Earl Grey und Shortbread. Gestern gab’s stattdessen heiße Zitrone und Hühnersuppe, erkältungsbedingt. John Mainwaring, Händels erster Biograf, verschweigt übrigens den allgemein bekannten, übermäßigen Appetit des Meisters nicht und bestätigt dessen “beständige und reichliche Versorgung mit Lebensmitteln”. Über Händels Essgewohnheiten bei grippalen Infekten äußert er sich nicht. Aber Kapaune, Schinken, Austern und Liköre ließen sich schon damals recht gut eine Weile lang aufbewahren.

23. Februar 2017

Frage des Tages:
Was ist auf dem Bild zu sehen? Einsendungen bitte per E-Mail. Es gibt was zu gewinnen, versprochen.

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(Foto: Andreas Praefcke)

21. Februar 2017

Fürst Leopold von Anhalt-Köthen war Dienstherr, Freund und Förderer von Johann Sebastian Bach. Leopold hatte als dilettierender Gambist den Wunsch, sich hier und da mit einfachen Partien an gemeinsamer Kammermusik zu beteiligen. So enthält das Brandenburgische Konzert Nr. 6 eine recht leichte Gambenpartie. Zwar gehen die Anforderungen über das Spielen leerer Saiten hinaus, doch sind insgesamt die technischen Hürden wahrlich nicht hoch. Bach hat seinem Arbeitgeber dessen Herzenswunsch gerne erfüllt. Unter Verzicht auf die Mitwirkung von Violinen gestaltete er die übrigen Stimmen umso kunstvoller und verhalf dem Konzert zu einer Sonderstellung innerhalb der ganzen Sammlung.

Auch von Mozart wissen wir, dass er mit seinem Konzert in F-Dur für drei Klaviere und Orchester KV 242 einer befreundeten Salzburger Familie ein besonderes Geschenk “zum Mitspielen” machte. Komponiert ist das Werk für die Gräfin Antonia Lodron und ihre beiden Töchter Aloisia und Josepha. Insbesondere der dritte Klavierpart ist sehr leicht, so dass in einer Aufnahme aus dem Jahr 1981 der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt die Stimme übernehmen konnte, im Zusammenspiel mit Christoph Eschenbach und Justus Frantz an den übrigen Klavieren.

Bleibt die Frage, wer heute den Zelebritäten dieser Welt etwas zum Mitspielen schreiben könnte. Und wer die Klasse hätte, sich dessen würdig zu erweisen, nicht nur musikalisch.

19. Februar 2017

Der Mensch will beschäftigt sein. Darum muss viel sprechen, wer wenig denkt.
Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargues (1715 – 1747)

17. Februar 2017

Logo Swan Inn

Point Rd, Little Haven
Haverfordwest SA62 3UL
UK

Erinnerungen. Die Tage verbringen wir mit langen Küstenwanderungen entlang des Pembrokeshire Coast Paths, mit Ausflügen nach St. Davids, Porthgain oder Tenby. Wir besuchen Kirchen und Museen, Antiquariate, Häuser und Gärten des National Trust. Wir bestellen Cream Tea mit Scones, Clotted Cream und Strawberry Jam, kaufen einen Kalender fürs nächste Jahr, ein paar Postkarten. Vor dem Abendessen gehen wir auf ein Bier ins Swan Inn, früher eine spelunkige Schmugglerkneipe, heute ein ambitionierter Pub mit entsprechender Speisekarte. Zum Essen gehen wir ins Castle, das ist nicht ganz so fein, dafür erschwinglich und mit sehr nettem Personal. Ob Tom, der aussieht wie der junge Burt Lancaster, noch dort arbeitet? No worries. Boondoggle. Any excuse.

16. Februar 2017

Heute geht es im Filmmusik-Kurs um leitmotivische Technik. Am Beispiel von Once Upon A Time In The West (“Spiel mir das Lied vom Tod”) werden wir sehen und hören, wie jede der handelnden Personen eine eigene musikalische Signatur erhält und somit auf akustischem Wege Hinweise gegeben werden, die von der Leinwand selbst nicht ausgehen. Richard Wagner lässt grüßen – schon in dessen Musikdramen steht das Liebespaar auf der Bühne, aber aus dem Orchestergraben erklingt die Musik des Rivalen. Das Glück ist bedroht – nicht sichtbar, aber unüberhörbar! Wir Zuschauer sind dem Liebespaar voraus, wir wissen mehr, wenigstens im Theater…

In den folgenden Wochen kümmern wir uns dann um verschiedene Arten der Filmmusik – nicht zu verwechseln mit Musik im Film, wie z. B. in Out of Africa (“Jenseits von Afrika”) mit dem 2. Satz aus Mozarts Klarinettenkonzert oder Monsieur Hire (“Die Verlobung des Monsieur Hire”) mit dem Finale aus dem Klavierquartett von Brahms. Auch eklektizistische Techniken werden wir behandeln, Paradebeispiel ist Hannah and her Sisters (“Hannah und ihre Schwestern”) von und mit Woody Allen. Ganz wunderbar ist hier die Taxiszene mit dem Anfang aus Puccinis “Madame Butterfly” – Fugato gleich Verstrickung, besser geht’s nicht. Ein Film mit Bach, Oper und Jazz, und das mit Mia Farrow, Barbara Hershey, Michael Caine und Max von Sydow. Ein Meisterwerk! Damit nicht genug – Le Roi danse (“Der König tanzt”) aus der Gattung Historienfilm mit der Originalmusik von Lully ist sozusagen ein Pflichtstück, ebenso wie The Innocents (“Schloss des Schreckens”) aus der Abteilung Horrorfilm – hier besteht die Musik aus einer unbegleiteten, übersetzt schutzlosen Kinderstimme, solo und a capella in einem Gruselschloss, wie wunderbar! Und, nicht zu vergessen: Vivement dimanche! (“Auf Liebe und Tod”), der letzte Film von François Truffaut, aus der Sparte Kriminalkomödie mit der Musik von Georges Delerue.

15. Februar 2017

Nach einer neuen Veröffentlichung des Statistischen Bundesamts musizieren gegenwärtig über drei Millionen Menschen in Deutschland in einem Chor, einem Instrumentalensemble oder einem Orchester. Nur knapp 70.000 davon sind Profis. Im Zusammenhang mit der steigenden Nachfrage nach Musikunterricht beschreibt Claudia Wanner vom Verband Deutscher Musikschulen (VdM) die Suche nach qualifizierten Lehrern als problematisch. Viele Fachlehrkräfte sind nicht für die Breitenausbildung zu gewinnen, so der Befund, und wollen vorrangig auf die Bühne. Und außerdem: “Lehrer an Musikschulen verdienen zu wenig.” So schlicht, so wahr.

Die seit geraumer Zeit am stärksten boomende Gruppe ist übrigens die der Senioren, die ihr früher einmal gelerntes Instrument auffrischen und dann in sogenannten “Silberlocken-Orchestern” ihren Spaß haben. Und die, die einfach mehr über Musik wissen wollen und sich weiterbilden in Seminaren zur Musikgeschichte, in Hörkursen, auf Opern- und Konzertreisen sowie in konzertpädagogischen Veranstaltungen.

13. Februar 2017

Plácido Domingo soll einmal gesagt haben, die Partie des Don José in Bizets Oper Carmen sei seine Lieblingsrolle, da die Darstellung des Verlustes von Selbstachtung und Selbstwertgefühl des verzweifelten Liebhabers in keiner anderen Oper ähnlich eindrucksvoll sei. Vielleicht hat der gute Plácido das tatsächlich gesagt, es wäre durchaus nachvollziehbar. Doch Vorsicht, nach einer anderen Quelle soll er gesagt haben, er habe keine Lieblingsrolle: “Das ist, als fragte man die Eltern einer spanischen Großfamilie, welches ihr liebstes Kind ist. Man liebt sie alle. Aber die wichtigste Rolle ist immer die, die ich gerade singe. Ihr gehört meine ganze Kraft und Energie.”

Das hört sich ebenfalls gut an. Wahrscheinlich hat er sowohl das eine als auch das andere gesagt. Wer jahrzehntelang Interviews gibt, der sagt halt viel, und auch schon mal das Gegenteil. Wie auch immer, wir hören heute den ersten Akt der Carmen aus der legendären Aufführung der Wiener Staatsoper 1978 (R.: Zeffirelli; Domingo, Obraztsova, Buchanan; Kleiber). Eine Sternstunde der Oper! Der Schlussbeifall nahm die Länge der ganzen Oper an, glaubt man dem damaligen Kritiker der Süddeutschen Zeitung. Wahrscheinlich stimmt es, wie auch das Gegenteil.

10. Februar 2017

Vettriano The Temptress
Jack Vettriano, The Temptress

Besonders aufregend und lange in Erinnerung sind Situationen, in denen unklar, aber entscheidend ist, wodurch die empfundene Verführung entsteht und ob wir ihr nachgeben werden. Manche Fragen stellen sich zur Unzeit.

9. Februar 2017

Die 1997 bei EMI Classics erschienene DVD mit Schuberts Streichquartett Nr. 14 “Der Tod und das Mädchen” enthält außer der fantastischen Aufnahme mit dem Alban Berg Quartett auch Bonusmaterial. Neben diversen Kommentaren zur Komposition sowie zur Interpretation und Gestaltung sind Unterrichtssituationen mit dem damals sehr jungen Artemis Quartett zu sehen. Sehr schön daran ist, dass auch Laien erkennen, besser gesagt erhören können, wie sich kleinste dynamische oder agogische Veränderungen auswirken und – je nach Dosierung – schnell zu viel oder zu wenig des Guten getan werden kann. Als “special guests” sind obendrein noch Julia Varady (Sopran) und Dietrich Fischer-Dieskau (Klavier) zu hören. Bei aller Wertschätzung für Frau Varady, aber so gut wie jeder hätte sich wohl eine sängerische Interpretation von Fischer-Dieskau gewünscht. Dass er sich stattdessen ans Klavier setzt, ob aus eigenem Entschluss oder auf Wunsch der Produktionsfirma, ist nichts weiter als snobistisch und für die erwartungsvolle Zuhörerschaft schlicht enttäuschend.

6. Februar 2017

Hin und wieder übernehme ich vertretungsweise Orgeldienste, so auch gestern. Manchmal ist das ganz schön, je nach Instrument, Kirche, Gemeinde und Tagesform. Gestern ist zunächst das Notenbuch mit den Liturgieabläufen nicht zu finden. Dann ist die Pfarrerin erkältet und will nicht singen, ich soll das bitte übernehmen. Dann eine lange Predigt über Moses in der Wüste. Ich bekomme Durst, wahrscheinlich fehlt mir deswegen beim Postludium die Inspiration. Es wird eine Improvisation im Schröder-Stil, etwas sperrig und mit vielen Quartparallelen. Ich höre mit einer leeren Quinte auf, mehr fällt mir nicht ein.

Im Fitness-Studio schaffe ich 30 Minuten auf dem Stepper ziemlich problemlos, mein Puls ist im grünen Bereich. Ich hänge noch ein paar Einheiten für Muskeln und Gelenke an. Zu Hause freue ich mich auf einen entspannten Nachmittag und mache Kaffee. Auf Kuchen verzichte ich, schließlich will ich die verlorenen Kalorien nicht gleich wieder draufschaffen. Ich stehe am Küchenfenster und sehe in den blauen Himmel. Swansea verliert in der Nachspielzeit. Irgendwie hält man immer mit den Falschen, sage ich. Nein, antwortet meine Tochter, du hältst mit den Richtigen. Die verlieren nur oft.

4. Februar 2017

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das erröten kann. Es ist aber auch das einzige, was Grund dazu hat.
Mark Twain (1835 – 1910)

2. Februar 2017

Heute beginnen wir mit einem neuen Filmmusik-Seminar, das bis zu den Sommerferien laufen wird, ggf. auch länger. Wir wollen uns mit einigen Kompositionstechniken vertraut machen, den Einsatz von Instrumenten oder Instrumentengruppen untersuchen (gelten eigentlich immer die gleichen Regeln für Krimis, Western, Liebesfilme, Sozialdramen etc.? – natürlich nicht!), klangliche Vorbilder zum Vergleich heranziehen (besonders die Freunde von Wagner, Debussy und Strawinsky kommen hier auf ihre Kosten) und uns im weiteren Sinne mit der Frage beschäftigen, welche Funktionen Filmmusik hat und welche Wirkungen sie erzeugen kann.

Psycho Logo

Standesgemäß beginnen wir mit Psycho (USA 1960). Eine der Fragen wird sein, warum Hitchcock den Mord unter der Dusche ausgerechnet mit brutaler Begleitung der Streicher gedreht hat, wo diese doch üblicherweise den Verliebten zu Hilfe kommen. Hier schon mal die Auflösung für die, die heute nicht kommen können: Hitchcock wollte die Szene ursprünglich ganz ohne Musik drehen, aber Komponist Bernard Herrmann konnte ihn von den Streichern überzeugen (oder überreden). Wir wissen, dass Hitchcock in einem seiner früheren Filme einmal eine Szene drehte, in der ein Rettungsboot auf hoher See treibt. Hitchcock wollte die Szene völlig ohne Musik drehen und stellte die rhetorische Frage, wo denn um Himmels willen die Musik mitten auf dem Ozean herkäme. Komponist David Raksin war um eine Antwort nicht verlegen: “Fragen Sie Hitchcock, woher die Kamera kommt, und ich sage ihm dann, woher die Musik kommt.”

31. Januar 2017

Mit Franz Schubert komme ich in meinen Kursen eigentlich nie ungelegen. Heute, an seinem 220. Geburtstag, hatte ich seine große C-Dur Sinfonie dabei (“statt Blumen”, wie eine Teilnehmerin sagte), in einer Aufnahme des Europakonzerts der Berliner Philharmoniker unter Riccardo Muti aus dem Jahr 2009. Der Austragungsort, das Teatro di San Carlo in Neapel, ist seit meinem dortigen Besuch im letzten Sommer ohnehin etwas Besonderes für mich. Doch auch ohne dieses außergewöhnliche Ambiente wäre das Hören und Sehen wieder ein Erlebnis gewesen. Es ist einfach eine großartige Musik und – bei aller Bewunderung für Schubert – selbst für diesen Komponisten eine herausragende Komposition. Und Riccardo Muti dirigiert ganz unaufgeregt, sehr ökonomisch und in gutem Sinne streng. Sehr angenehm, sowohl für die Musiker als auch für das Publikum!

30. Januar 2017

Mit einer spektakulären Matinee von La Moresca gehen gestern die 2. Wetzlarer Improvisationstage zu Ende. Mit seinem Crossover-Programm “The Lady’s Cup of Tea” begeistert das Ensemble für Alte Musik sowohl Liebhaber höfischer Barockmusik als auch Anhänger irisch-keltischer Folklore. Technisch auf herausragendem Niveau, begleitet von Spielwitz und hoher Improvisationskunst bescheren die Akteure dem Publikum einen gleichermaßen eigenwilligen wie außergewöhnlichen Hörgenuss. Dazu stellen die Musiker in launigem Ton ihre Instrumente vor, darunter Theorbe, Erzlaute und keltische Harfe. Das Publikum hat nach über zwei Stunden noch immer nicht genug und erzwingt mit stürmischem, lang anhaltendem Beifall zwei Zugaben.

La Moresca Kopie
(Foto: Andreas Müller)

Etwa eine Stunde nach Konzertschluss erhalte ich diese SMS einer Besucherin: “Welch ein glücklich machender Sonntagmorgen. Hätte am liebsten gleich einen Flug nach Irland gebucht. Vielen Dank.”

An den zwei Tagen zuvor sorgen das Berliner Ensemble Bassa und die Gießener Gruppe QuadrArt für ungewohnte Klänge. Bassa präsentiert mit seinem Programm “Tango Azul” Tanzmusik auf der Grenze zwischen Komposition und Improvisation. Musik zur blauen Stunde, zu hören in Salons und Bars, nachts oder frühmorgens, traumverloren und melancholisch. Der Wetzlarer Schwarz-Rot-Club ist mit zehn Tanzpaaren vertreten. Ihnen ist das Vergnügen anzumerken, sich nach dieser besonderen Musik bewegen zu können. Das Publikum zieht es dagegen vor, lieber nur zuzuhören. Die Einladung zum Mittanzen schlägt es aus. Vielleicht ist die Musik einfach zu schön.

QuadrArt verzichtet bei seiner experimentellen Musik auf traditionelle Parameter wie Harmonie oder Melodie. Die Klänge sind stark rhythmisch geprägt und leben von einer großen dymamischen Bandbreite. Die Tonerzeugung ist zuweilen kalkuliert verrrückt. Klaviertasten werden auch schon mal mit der Nase betätigt, der Saxofonist bläst zwei Instrumente gleichzeitig, der Cellist streicht und zupft nicht nur, sondern reibt, streichelt und massiert. Dazu entstehen großformatige Leinwandbilder von Valentin Gerstberger mit unterschiedlichsten Farbkompositionen. Klangfarbe, Farbklang. Assoziative Bilder zu spontaner, im selben Moment kreierter Musik. Das Ganze geht über zweieinhalb Stunden, und zu jeder Zeit sind alle Malplätze besetzt. Wunderbar!

27. Januar 2017

Gestern Abend, Konzertsaal der Wetzlarer Musikschule, erstes Konzert der diesjährigen Wetzlarer Improvisationstage. Das Berliner context-Ensemble ist zu Gast und bietet eine eigenwillige Mixtur aus Tönen, Texten, Klängen und Geräuschen, überwiegend leise und geradezu hörerziehend. Wer sich öffnen kann für die Wahrnehmung verhangener, verschütteter Zwischentöne, für die Wirkung von versonnener Nachdenklichkeit und Stille, der kommt unbedingt auf seine Kosten. Wenige eruptive und nicht antizipierbare Passagen, zumeist perkussiv und klaviergestützt, sind zuvor ungehörte Kontraste zu abgetönten, suchenden und beinahe sedativen Klängen. Ein Abend für Wache und Hörwillige. Und für die, die buchstäblich die Ruhe weg haben und sie nur zu gerne wiederfinden würden.

26. Januar 2017

Vor gut zwei Wochen habe ich hier auf The Hidden Heart hingewiesen, eine DVD-Dokumentation über Leben und Werk von Benjamin Britten. Seitdem haben wir uns in mehreren Kursen mit Peter Grimes beschäftigt, dem 1945 uraufgeführten und stürmisch bejubelten Opernerstling Brittens. Im Anschluss an den heutigen Vormittagskurs sagte eine Teilnehmerin, dass sie noch niemals zuvor von einer Oper so berührt gewesen sei wie von Peter Grimes (wir haben die gemeinsame Produktion von BBC und English National Opera aus dem Jahr 1994 gesehen). Eine schönere Bestätigung kann es kaum geben, sowohl für das Werk als auch für die eigene Arbeit!

Das Hessische Staatstheater Wiesbaden bringt Peter Grimes ab dem 4. Februar in einer Neuinszenierung auf die Bühne. Für die Vorstellung am 18. Februar haben sich bereits 12 Kursteilnehmende zum gemeinsamen Opernbesuch angemeldet.

25. Januar 2017

Spätestens seit Match Point (2005) bin ich ein Bewunderer der Schauspielkunst von Scarlett Johansson. Sie spielt in dem Melodram (oder ist es ein Thriller?) hochsensibel und treffsicher auf der gesamten Klaviatur von Schuld und Sühne und Glück und Zufall und Liebe und Tod. Johanssons außergewöhnliche Performance kam nicht zuletzt durch die Inspiration und das Encouragement von Woody Allen zustande. Match Point ist einer der besten Filme Allens, wenn nicht sein bester. Scarlett Johansson hat seither noch viele Filme gedreht, in einigen davon ist ihre Ausstrahlung ähnlich intensiv wie in Match Point.

Scarlett Johansson
(Foto: Elen Nivrae)

Johanssons Engagement für Entwicklungshilfe und soziale Gerechtigkeit sowie für Umwelt- und Schulprojekte ist seit Jahren bekannt. Hätten wir nicht ohnehin schon lange große Sympathien für sie gehegt, wäre es jetzt so weit gewesen, nach ihrer Rede beim Women’s March in Washington im Anschluss an die Amtseinführung von US-Präsident Trump.

“President Trump, I did not vote for you. That said I respect that you are our president-elect and I want to be able to support you. But first I ask that you support me. Support my sister. Support my mother. Support my best friend and all of our girlfriends. Support the men and women here today that are anxiously awaiting to see how your next moves may drastically affect their lives.”

24. Januar 2017

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Improvisation – das ist, wenn niemand die Vorbereitung merkt.
François Truffaut (1932 – 1984)

23. Januar 2017

Puppenspieler, König.

König: “Puppenspiel – ist das schwer?”
Puppenspieler: “König ist schwerer.”
König: “Und dennoch will er es werden?”
Puppenspieler: “Gestattet Ihr mir eine Frage, Hoheit? Seht Ihr die Vögel? Wie sie glücklich durch die Lüfte tanzen?
Was wäre dabei, wenn Eure Töchter es ihnen gleichtäten?”
König: “Wir trauern um die verstorbene Königin.”
Puppenspieler: “Ja, das weiß ich wohl. Aber auch, dass das Leben weitergeht.”
König: “Seines vielleicht nicht, Puppenspieler.”
Puppenspieler: “Dann wünsch ich mir, dass auf meinem Grab getanzt wird.”
König: “Nutze er die Nächte, die ihm noch bleiben.”

Die zertanzten Schuhe (Ljubek, David, Hallervorden u. a.; R.: Eißler. ARD 2011)

22. Januar 2017

Gestern habe ich im Gießener Kinopolis Roméo et Juliette von Charles Gounod gesehen, live aus der Metropolitan Opera. Es war mein erster Versuch, Oper im Kino zu erleben. Am Ende, nach gut drei Stunden, bin ich mit sehr zwiespältigen Gefühlen heimgefahren, was mit der Aufführung selbst nichts zu tun hat. Nebenbei: Diana Damrau war eine exzellente Juliette, Vittorio Grigolo ein mehr als überzeugender Roméo, Dirigent Gianandrea Noseda sorgte für differenzierte Orchesterklänge. Die Nebenrollen waren gut bis ordentlich besetzt, der Chor agierte präsent und sicher. Die Inszenierung ging keine Risiken ein, auch Ausstattung und Kostüme waren konventionell und ohne Verschreckungspotential.

Oper im Kino, live aus der Met. Für € 31,50 hat man einen schönen Platz, sitzt darauf auch bequem und sieht und hört gut. Letzteres allerdings nur, wenn die Tontechnik die Voraussetzungen dazu schafft. Mit viel Fantasie kann man sich vielleicht eine Weile lang einbilden, wirklich in der Met zu sein. Wenn das Bild wackelt oder ganz stehen bleibt, wie etwa zwanzig Minuten vor Schluss geschehen (da wechselten auch die Untertitel von deutsch zu englisch), wird es mit der Autosuggestion schon schwieriger. Dann kann man sich immer noch vergegenwärtigen, dass ein Großteil des Publikums fein angezogen ist, wie in der Oper eben. Es gibt vorher und während der Pause (gegen Vorbestellung!) Sekt, Wein oder sonstige Getränke. Man darf die Gläser sogar mit zum Platz nehmen, was in der Oper gottseidank nicht erlaubt ist. Wir sind im Kino, vergessen wir das nicht. Es ist größer als das heimische Wohnzimmer, und man ist unter Leuten, immerhin. Ansonsten ist es Oper im Kino, das so tut, als sei es die Oper. Das ist wie teure Tütensuppe oder Premium Wandtapete “Backstein”. Lassen wir’s dabei.

20. Januar 2017

Ich glaube nicht, dass ich in meinen Beziehungen zu den Sängern übermäßig eitel gewesen bin. Bei der alljährlichen Rückkehr von Birgit Nilsson an unser Haus zelebrierte ich jedesmal das Ritual, dankbar vor ihr auf die Knie zu fallen. Nachdem ich 1971 in den Adelsstand erhoben worden war, kommentierte sie: “Sie machen das viel besser, seit Sie es für die Königin geübt haben.” Einmal fielen Bon Herman und ich gemeinsam auf die Knie, um Franco Corelli anzuflehen, bei einer Vorstellung in Cleveland für den erkrankten Carlo Bergonzi einzuspringen. Allerdings stellte sich heraus, dass wir an die falsche Zimmertür geklopft hatten. Eine ältere Dame streckte den Kopf heraus und erblickte zu ihrem Erstaunen zwei Männer, die auf dem Läufer vor ihrer Tür auf den Knien lagen.

Ich gestattete Joan Sutherland, uns ihren Mann als Dirigenten vorzuschreiben, und erlaubte Renata Tebaldi, uns zu einer Neuinszenierung von “Adriana Lecouvreur” zu zwingen, eine Oper, die ich verabscheue. Frau Tebaldi war immer sehr liebenswürdig und sehr hartnäckig; ich plegte zu sagen, sie habe Grübchen aus Eisen.
Sir Rudolf Bing (1902 – 1997), aus “5000 Abende in der Oper”

Sir Rudolf Bing war von 1950 bis 1972 Generalmanager der Metropolitan Opera in New York.

19. Januar 2017

Gestern Abend haben wir uns, wie jeden Mittwoch, im Kreis der Opernfreunde getroffen und uns Donizettis Lucia di Lammermoor angesehen. Die Aufnahme aus der Metropolitan Opera aus dem Jahr 1983 zeigt Joan Sutherland in der Titelpartie auf der Höhe ihrer Gesangskunst, Alfredo Kraus ist ein fast ebenbürtiger Edgardo. Richard Bonynge am Pult wählt zumeist frische Tempi und kommt damit den Bühnenakteuren sehr entgegen. Die Inszenierung ist eher konventionell und unspektakulär, Kostüme und Ausstattung sind dagegen opulent und treffen den Geschmack derjenigen, die es gern üppig bis protzig mögen. Donizettis Kunstgriff, in der “Wahnsinnsarie” die Flöte im Orchestergraben sozusagen als Alter ego der um den Verstand gebrachten Lucia zum Einsatz zu bringen, ist ein kompositorisches Bravourstück der gesamten Belcanto-Epoche.

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Gaetano Donizetti, Lithografie von Joseph Kriehuber (1842)

Dem vernichtenden Urteil meines Dirigierlehrers zur Studienzeit (“Über Donizetti kann man sagen: Die Callas hat das toll gesungen”) habe ich schon damals widersprochen, und zwar nicht wegen der Callas. Weder mein Lehrer noch ich kannten alle 71 Opern, die für Donizetti nachweisbar sind (das wird sich bis heute kaum geändert haben). Das gesamte Œuvre geht weit über Lucia di Lammermoor, L’elisir d’amore, La fille du régiment oder Don Pasquale hinaus. Maria Stuarda, Anna Bolena, Lucrezia Borgia und La favorite, um nur wenige weitere Opern zu nennen, sind dafür bekannte Belege mit zahllosen Aufführungen in allen großen Opernhäusern der Welt. Es dürfte dabei kaum der Anspruch ehemaliger wie heutiger Operndiven oder Startenöre gewesen sein, ihre herausragenden Stimmen an wertlose Partituren zu verschwenden.

17. Januar 2017

Das ist wahrscheinlich eine Naturerscheinung: dass man konservativer wird. Man erwärmt sich automatisch immer weniger für die Zukunft, weil man fürchtet, die Zukunft werde nur eine negative Steigerung der Gegenwart sein.
Max Goldt

15. Januar 2017

Vor genau fünfzehn Jahren, im Januar 2002, spielte das Norsk Barokkorkester unter Rolf Lislevand in Oslo den Zyklus Lachrimae von John Dowland ein, dazu sechs Lieder zusammen mit der Mezzosopranistin Randi Stene. Dowlands Pavanen sind kunstvollste und weltberühmte Beispiele hochemotionaler, melancholischer Instrumentalmusik. Entstanden sind die Stücke wahrscheinlich zu Anfang des 17. Jahrhunderts während Dowlands Zeit am dänischen Königshof unter Christian IV. Dem Norsk Barokkorkester war fraglos bewusst, welche Maßstäbe Dowland hinsichtlich der Faktur wie des Ausdrucksgehaltes mit Lachrimae gesetzt hat. Ebenso dürften dem Ensemble andere Einspielungen namhafter Ensembles bekannt gewesen sein. Gleichwohl oder gerade deswegen ist den norwegischen Musikern eine mitreißende, aufwühlende Interpretation gelungen. Die Aufnahme ist ein einziges Plädoyer der Leidenschaft, technisch herausragend und dabei von atemberaubender Regel- und Zügellosigkeit der Gestaltung. Eine im besten Sinne unbeherrschte Aufnahme, wie sie nur jemand zustande bringt, der mit den Abgründen, Maßlosigkeiten, Verzweiflungen und Seelenqualen der Liebe bestens vertraut ist. Kein Wunder, dass die CD nur noch schwer zu bekommen ist. Wer die Gelegenheit hat, sollte sie unbedingt nutzen.

Lachrimae CD

13. Januar 2017

Zerbrochene Spiegel, unter der aufgestellten Leiter durchgehen, schwarze Katze von links, Salz borgen oder verschütten, Freitag, der 13…. Was sind die Ursprünge dieser vermeintlichen Unheilsboten?

Freitag der 13.

Das Spiegelbild steht für die Seele desjenigen, der hineinschaut. Wenn der Spiegel bricht – also die Seele – braucht sie sieben lange Jahre, um wieder zu heilen. – Mit dem Durchschreiten einer aufgestellten Leiter fordert man das Schicksal heraus. Man verletzt die heilige Form des Dreiecks, das geometrische Zeichen für die Dreieinigkeit, die Trinität. – Salz borgen bringt Pech, beim Verschütten droht Streit. Dieser Aberglaube stammt aus der Zeit, als die weißen Körnchen noch sehr kostbar waren – der Verlust von Salz war also ein Unglück. – Wenn eine schwarze Katze unseren Weg kreuzt, dann hoffentlich von rechts. “Links” nämlich bedeutet im Volksglauben die Seite des Bösen oder Unheilvollen – die Ausdrücke “linker Vogel” oder “links liegen lassen” werden so verständlich.  – Ja, und beim letzten Abendmahl saßen dreizehn Menschen am Tisch – der 13. war der Verräter Judas, und Jesus wurde an einem Freitag gekreuzigt. Adam und Eva sollen übrigens freitags in den verbotenen Apfel gebissen haben. Das hat zur Vertreibung aus dem Paradies gereicht, da hat es dann Spiegel, Leitern, Salz und schwarze Katzen nicht mehr gebraucht.

11. Januar 2017

Die DVD-Dokumentation The Hidden Heart (EMI Classics, 2009) stellt drei große Werke des englischen Komponisten Benjamin Britten (1913 – 1976) in den Mittelpunkt, Peter Grimes, War Requiem und Death in Venice. Familienangehörige, Sänger, Musikkritiker und weitere Zeitzeugen erinnern sich an ihre Begegnungen mit Britten, an Konzerte, Gespräche und Schriftwechsel, und geben einen Einblick in die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der damaligen Zeit. Das künstlerische Schaffen Brittens wird – konzentriert auf die genannten Werke – ebenso dargestellt wie die persönliche Beziehung Brittens zu dem Tenor Peter Pears. Der Titel der DVD verweist darauf, dass beide Künstler sich zu ihrer Liebe nicht öffentlich bekennen durften – Homosexualität, dazu noch begleitet von Pazifismus, wurde von der damaligen englischen Gesellschaft mehrheitlich abgelehnt. The Hidden Heart ist ein gleichermaßen liebevolles, verständiges wie berührendes Porträt Benjamin Brittens, dieser bedeutenden Künstlerpersönlichkeit des 20. Jahrhunderts, seines Schaffens und seiner Welt. Sehr empfehlenswert, nicht nur für Britten-und Pears-Fans!

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9. Januar 2017

Ist man verliebt, so meinte einst Victor Hugo, so ziehen Sterne durch die Seele. Über Sternschnuppen, die zwar hell, aber nur kurz leuchten und dann auf Nimmerwiedersehen verschwinden, hat er nichts gesagt. Dabei sind Sterne, die lange durch die Seele ziehen, doch eher selten und lassen bisweilen den Verdacht aufkommen, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Vor allem, wenn sie auch nach längerer Zeit noch mit unverminderter Leuchtkraft strahlen.

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Zwei Regeln habe das Leben, sagt Geheimrat Schlüter in Erich Kästners Drei Männer im Schnee (1955): “Zwei und zwei ist vier, und auf Frauen muss man warten.” Eigentlich ist der olle Schlüter nicht nur ein sympathischer, sondern auch kluger Kerl, doch hier sind seine Aussagen problematisch. Arithmetik ist Berechnung, also unsicher, und warten muss man nur auf Sterne, die durch die Seele ziehen. Auf Fixsterne wartet man dabei besonders lange, doch manchmal lohnt es sich.

7. Januar 2017

Gestern, auf dem Weg zur Universitätsklinik Gießen, bin ich an einem Hinweisschild mit der Aufschrift “Studierendencafé” vorbeigekommen. Von meinem Sohn weiß ich, dass er einen “Studierendenausweis” hat, anders als ich früher, der ich einen Studentenausweis hatte. Während der Fahrt habe ich mich gefragt, ob es nun auch Beifahrendensitz und Nichtschwimmendenbecken heißt. Und ob es in Schulen jetzt Lehrendenzimmer gibt (Raucherzimmer ja wohl nicht mehr, aber vielleicht Rauchendenzimmer?) und Lernendentoiletten? Oder Schüler/-innentoiletten, Schüler*innentoiletten oder SchülerInnentoiletten? (Schüler-Innentoiletten, haha!) Benutzen Bauhandwerkende (!) jetzt Mauerndenkellen? Und muss man jeden Quatsch mitmachen?

5. Januar 2017

Den zu Silvester 2015 gefassten Vorsatz, im neuen Jahr mindestens einmal pro Monat in die Oper zu gehen, habe ich 2016 in die Tat umgesetzt. Gesehen und gehört – in manchen Fällen muss ich sagen “erlebt” – habe ich Xerse von Cavalli in Caen, Tosca von Puccini in Essen, Die weiße Dame von Boieldieu in Gießen, Rigoletto von Verdi in Mainz, Boris Godunow von Mussorgsky in Wiesbaden, Der goldene Hahn von Rimski-Korsakow in Düsseldorf, La Calisto von Cavalli in Darmstadt, La Juive von Halévy in Mannheim, Aida von Verdi in Neapel, Benvenuto Cellini von Berlioz in Köln, Jephte von Händel in Amsterdam und Ezio von Gluck in Frankfurt am Main.

Für 2017 gilt der gleiche Vorsatz, und drei Vorstellungen habe ich für das Fühjahr bereits fest geplant: Les Troyens von Berlioz in Frankfurt (März), Il ritorno d’Ulisse in patria von Monteverdi in Dijon (April) und The Rake’s Progress von Strawinsky in Frankfurt (April).

Tipp: An der Staatsoper im Schillertheater Berlin hat King Arthur von Purcell am 15. Januar Premiere (Leitung René Jacobs), ein Workshop für Erwachsene findet dazu am kommenden Samstag, 7. Januar von 14 – 18 Uhr statt. Tickets sind an der Theaterkasse erhältlich: (030) 20 35 45 57.

Pause bis zum 5. Januar 2017

21. Dezember 2016

Ein sehr intensives, zuweilen aufregendes und nicht immer leichtes Jahr geht zu Ende. Über die Turbulenzen in Politik und Gesellschaft, in Wirtschaft, Kultur oder Sport wird in zahlreichen Jahresrückblicken berichtet und diskutiert. Wir spüren, dass viele äußere Ereignisse mehr mit unserem Leben zu tun haben, als wir dachten oder zu glauben bereit waren. Doch unsere inneren Sensoren sind noch intakt, und so empfinden wir Unsicherheiten und Unwägbarkeiten, vielleicht auch den Verlust von Vertrautheit und Geborgenheit. Doch wir dürfen lernen, uns neuen Herausforderungen zu stellen! Gehen wir also daran, Kommendes zu begrüßen und dankbar anzunehmen. Denken wir positiv – wem das Dach weggeflogen ist, der hat freie Sicht auf die Sterne!

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Mein herzlicher Dank gilt allen, die mich im alten Jahr begleitet haben – Veranstalter, Kursteilnehmende, Konzertbesucher, Leserinnen und Leser, Redakteure, Organisatoren, Helferinnen und Helfer und alle übrigen! Auf dass wir uns auch im kommenden Jahr wieder hören, sehen oder voneinander lesen werden. Ich freue mich sehr darauf! Frohe Festtage und meine besten Wünsche für ein glückliches Jahr 2017!

Ihr und Euer
Thomas Sander

20. Dezember 2016

I’m 36 years old and I don’t mind the age. I like the view from here. The future is here and I have to make the most of it, as every woman must. So, when you hear all the talk about how tardy I am or how often it seems I make people wait, remember: I’m waiting, too. I’ve been waiting all my life.
Marilyn Monroe

19. Dezember 2016

Die Nachricht, dass fast jeder siebte Bürger an den bevorstehenden Feiertagen mehr Alkohol trinkt als üblich, kann kaum überraschen. Eine einschlägige Studie des Verbandes der Privaten Krankenversicherung ergab, dass sich die Gruppe der jungen Menschen zwischen 18 und 24 Jahren dabei besonders trinkfest zeigt. Ein Viertel der Befragten dieser Altersklasse erwartet von sich, die Feiertage betrunken zu erleben. Auf die Gründe geht die Studie nicht ein. Ein Zusammenhang von alkoholaffinem Verhalten und fortgesetzter Beschallung mit weihnachtlichem Liedgut, insbesondere durch Jingle Bells und Heidschi bumbeidschi bum bum, wurde offenbar nicht untersucht. Zur Erlangung psychischer Stabilität würde ja für die genannten Lieder auch Kinderpunsch reichen, sogar der ohne Alkohol. Wer allerdings Last Christmas eher als Final Christmas versteht, könnte für sich die Lage als aussichtslos interpretieren und in der Folge verstärkt Hochprozentigem zusprechen. Dann ginge der erhöhte Alkoholkonsum lediglich auf ein semantisches Missverständnis zurück! Eine Muh, eine Mäh, eine Täterätätä ist da doch eindeutiger, zudem ist es musikalisch bis Humba, humba täterä nicht weit. Kein bisschen depressiv, sondern heiter bis karnevalesk und fürs Singen unter Alkoholeinfluss unbedingt geeignet.

15. Dezember 2016

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In Strawinskys Jeu des cartes schlagen die scheinbar Kleinen die Großen. Der Joker nimmt zwar die Identität anderer Karten an, handelt intrigant und hinterhältig, verliert aber am Ende doch. Gegen eine ganze Sequenz von Herz-Karten kann er nichts ausrichten. Gut so!

Unser Herzkönig dagegen erntet zwar allenthalben Bewunderung, doch sein Schicksal ist ungewiss. Seine chevalereske Geste führt nicht zwangsläufig ans Ziel. “Nichts ist unsicherer als die Liebe”, befindet John Irving im Hotel New Hampshire. “Garantie gibt VW auf die Lichtmaschine”, würde mein Hausarzt hinzufügen. Nur damit wir nicht herzlos mit erfolgversprechend verwechseln.

13. Dezember 2016

Wir wissen sehr wohl, mit welcher Vertrautheit wir uns durch den Tag bewegen, aber nachts bewegt sich der Tag mit der gleichen Vertrautheit durch uns …
Inger Christensen (1935 – 2009)

12. Dezember 2016

Wetzlarer Neue Zeitung, 11. Dezember 2016
Von Ann-Christin Kuhlmann

Musik trifft Tanz trifft Malerei
IMPROVISATIONSTAGE Kulturamt und Musikschule stellen Programm 2017 vor

WETZLAR. Musik, Tanz, Malerei vereint – Ende Januar ist es wieder soweit: Die 2. Wetzlarer Improvisationstage beginnen. Besucher können sich auf ein breites Spektrum an Veranstaltungen freuen. Nach dem erfolgreichen Auftakt in diesem Jahr gehen das Kulturamt und die Musikschule mit den Wetzlarer Improvisationstagen 2017 in die zweite Runde. Denn die Premiere stieß beim Publikum auf positive Resonanz oder wie Kulturamtsleiterin Kornelia Dietsch zusammenfasst: „Das neue Format war ein Wagnis – wir wagten und gewannen.”

Auch Musikschulleiter Thomas Sander ist zufrieden: „Das Konzept sprach vermutlich so viele Menschen an, weil Improvisation an keine festen Vorgaben wie Spielanleitungen oder Noten gebunden ist. Die verschiedenen Künste waren zwar bekannt, ihre Ausformung während der Veranstaltung jedoch nicht. Das machte es spannend.“ Manche Besucher kamen sogar zu allen vier Veranstaltungen. Für das neue Programm gelte, was auch 2016 der Fall war: „Im Zentrum steht die Kunst der Musik, die wir mit anderen Künsten vernetzen möchten“, so Sander.

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Freuen sich auf die zweite Auflage der Improvisationstage (von links): Kulturdezernent Jörg Kratkey, Kornelia Dietsch, Thomas Sander, Maike Jäckel und Sven Martens. (Foto: Kuhlmann)

Los geht’s am 26. Januar um 19.30 Uhr mit dem „ensemble context“ für frei improvisierte Musik und Sprache. Es ist im Konzertsaal der Musikschule zu Gast. Kooperationspartner in 2017 sind das Forum Wetzlar und ece-Centermanagement sowie der Schwarz-Rot-Club Wetzlar. Sie bringen sich auch im Programm ein. So der Schwarz-Rot-Club. „Auch Tango ist Improvisation“, sagt Tanzlehrerin Maike Jäckel. „Die Wetzlarer Tangoszene ist in den letzten zwei Jahren explodiert, wir freuen uns, dabei zu sein.“ Und so ist am 27. Januar (19.30 Uhr) in der Musikschule nicht nur ein Tanzpaar des Clubs zu erleben, sondern auch die Tangoband „Bassa“ mit ihrem Programm „Tango Azul“. Die dritte Veranstaltung findet im Forum statt. Am 28. Januar um 15 Uhr begrüßt „QuadrArt“ die Besucher zu Musik und Malerei. Forummanager Sven Martens: „Wir wollen die Besucher animieren, mitzumachen.“ Mitmachen heißt in dem Fall: mitmalen. Das Akustische der Musik solle assoziiert und visuell ausgedrückt werden durch Malerei. Und Sander ist sicher: „Durch das Mitmachen kommt der Facettenreichtum vollkommen zum Tragen.“

Den Abschluss der Improvisationstage bildet am 29. Januar um 11.00 Uhr “The Lady’s Cup of Tea” mit der Gruppe „La Moresca“. Sie bietet eine Verbindung von keltischer Folklore und barocker Kammermusik. „Da können wir ein wirkliches Crossover erwarten“, verspricht Sander. Die Erwartungen an die zweiten Improvisationstage sind klar definiert, so Kulturdezernent Jörg Kratkey abschließend: „Wir wünschen uns wieder viele Besucher und restlose Begeisterung, so dass wir die Improvisationstage auch in 2018 wieder ausrichten können.“ Alle Veranstaltungen sind zwar kostenlos, Spenden aber willkommen. (ack)

10. Dezember 2016

“Hör auf deine innere Stimme” – wie oft schon ist uns das empfohlen worden, wenn eine schwierige Entscheidung anstand und wir uns damit schwer getan haben! Hör auf deine innere Stimme – das wäre wohl kein Problem, wenn diese nach gregorianischem Muster als einzige zu vernehmen wäre. Zuweilen wird das Treffen von Entscheidungen dadurch erschwert, dass wir es in unserem Inneren mit einem polyphonen Geflecht von Stimmen zu tun haben. Dann nehmen wir nicht nur diese eine, einzige Stimme wahr, auf die zu hören uns geraten wird. Vielmehr müssen wir auf das Zusammenwirken von individuellen, aber doch voneinander abhängigen Stimmen achten, und psychomentale Mehrstimmigkeit kann verwirrend bis anstrengend sein.

Vielleicht hilft Nostalgie. Sie steigert das Wohlbefinden, macht optimistisch, großzügig und glücklich. Lieb gewordene Erinnerungen sind wichtig für das seelische Gleichgewicht und wirken sogar auf den Körper. Wenn wir in Räumen mit niedriger Tempetarur in schönen Erinnerungen schwelgen, können diese nach einer chinesischen Studie die geschätzte Raumtemperatur um bis zu vier Grad erhöhen. Darüber hinaus sind wir (oder die Chinesen?) unter dem Einfluss von nostalgischen Gedanken eher bereit, Kälte zu tolerieren. Sei’s drum, jedenfalls sind wir lieber in kalten Räumen erinnerungsselig als in wohltemperierter Umgebung zukunftsverzweifelt. Und dann klappt’s auch mit der inneren Stimme.

8. Dezember 2016

Zurück aus Gütersloh, wo ich an der VHS den Baustein Musik zum Kulturführerschein betreut und eine Vormittagsveranstaltung der Senioren-Uni geleitet habe. Beide Male war das Thema “Advents- und Weihnachtsmusik durch die Jahrhunderte”. Wir haben Musik vom Mittelalter bis zur Avantgarde gehört, sowohl Vokalkompositionen als auch reine Instrumentalstücke. Dabei haben wir uns gefragt, was das Adventliche oder Weihnachtliche der Musik – sofern wir das in dieser Weise wahrnehmen – eigentlich ausmacht. Wir haben die Perspektive, die der Komponist dazu einnimmt, als wesentlich verstanden und den jeweiligen musikalischen Transfers nachgespürt. Wir haben die musikalischen Ausdrucksmittel wahrgenommen, Satztechniken analysiert und stilistische Besonderheiten einzelner Epochen herausgearbeitet. In beiden Veranstaltungen war das Echo ausgesprochen positiv. Den größten Eindruck haben die O-Antiphonen von Charpentier und die Choralvariationen über “Vom Himmel hoch” von Strawinsky gemacht, beides Stücke von nicht gerade hohem Bekanntheitsgrad. Eine Teilnehmerin hat die Charpentier-CD fotografiert, vielleicht kauft sie ein Exemplar. Ich bin am Umsatz nicht beteiligt, aber ich freue mich auch so.

6. Dezember 2016

Nikolaus, Weihnachtsmann, Santa Claus. Rentierschlitten, roter Mantel und Mütze, Sack voller Geschenke. Oder doch Mitra, Bischofsstab und Priestergewand? Wen interessiert’s? Die Initiative “Achtung – weihnachtsmannfreie Zone” zum Beispiel. Sie weist seit Jahren darauf hin, dass “der am Konsum orientierte Weihnachtsmann der Geschenke-lndustrie nur noch wenig mit dem heiligen Bischof gemein hat.” Letzterer kommt zudem oft in Begleitung. Je nach Region ist das Knecht Ruprecht, Krampus, Klausen, Klaubauf, Pelzmärtel, Rauwuckl, Butz, Rumpelblas oder Schmutzli. Jedenfalls hat es den Nikolaus wirklich gegeben (geboren wurde er vermutlich zwischen 270 und 286 n. Chr.), den Weihnachtsmann nicht. Der ist eine Kunstfigur und eine Erfindung der Werbung. Nur die Geschenke sind echt.

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4. Dezember 2016

Würden uns nach der Rückkehr aus dem Sommerurlaub nicht sogleich Spekulatius, Zimsterne und Dominosteine angeboten, sondern erst ab sagen wir Mitte November, überkäme uns dann gleichwohl schon nach dem 2. Advent dieses Gefühl von frühzeitiger Weihnachtsübersättigung, und zwar nicht nur hinsichtlich des Gebäcks?

1. Dezember 2016

Magnus Carlsen bleibt Schachweltmeister. Der “Mozart des Schachs”, so ist zu lesen, habe verdient gegen Herausforderer Sergej Karjakin gewonnen. Mozart des Schachs – was ist bloß damit gemeint? Genie, Eleganz, Unkonventionalität, Verschwendungssucht? Es kam doch während des Wettkampfes wohl nicht zum Ausschank von Punsch? Die Schlussstellung der letzten Partie gibt darüber keinen Aufschluss, ist aber hübsch anzusehen.

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Weiß: Carlsen
Schwarz: Karjakin

29. November 2016

Hörpädagogische Kurse machen am meisten Spaß, wenn Kursteilnehmende von Stücken, die sie bisher nicht kannten, unerwartet begeistert sind. So geschehen in dieser Woche, als ein Hörer vom Konzert für Orchester von Béla Bartók geradezu überwältigt war. “Ich glaube nicht, dass Sie mir in diesem Kurs noch etwas vorspielen können, das mich mehr fasziniert.” Das Gefühl, in einer bisher nicht gekannten Klangwelt völlig aufzugehen, gewissermaßen ein kompositorisches Zuhause zu finden – was gibt es Schöneres für denjenigen, der es so erlebt? Und natürlich für den, der es ausgewählt und gehofft hat, dass seine eigene Begeisterung sich wenigstens ein bisschen auf die Zuhörer überträgt! Eigentlich konnte ja nicht viel schief gehen mit den Berliner Philharmonikern und Pierre Boulez – und trotzdem, für viele Hörer ist Bartóks Musik immer noch eine Herausforderung. Umso mehr hat mich die Frage des Kursteilnehmers gefreut, ob es noch mehr davon gibt. Ja, gibt es! Zum Beispiel drei wunderbare Klavierkonzerte, die Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta, sechs Streichquartette, die Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug, zwei Violinkonzerte, Herzog Blaubarts Burg….

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27. November 2016

Wenn man ins Theater geht wie in die Kirche oder in den Gerichtssaal, oder in die Schule, das ist schon falsch. Man muss ins Theater gehen wie zu einem Sportsfest. Es handelt sich hier nicht um Ringkämpfe mit dem Bizeps. Es sind feinere Raufereien. Sie gehen mit Worten vor sich. Es sind immer mindestens zwei Leute auf der Bühne, und es handelt sich meistens um einen Kampf. Man muss genau zusehen, wer gewinnt. [...] Man sieht in die Leute hinein, man muß nur scharf zugucken, es ist wie bei Ringkämpfen: die kleinen Tricks sind das Interessante. Das hat das Kino nicht, das mehr für die Dummen ist, die das Innere und Schwierigere nicht begreifen. Darum müssen die Klügeren und Feineren in das Theater gehen, aber sie müssen es, wie gesagt, mehr nach der sportlichen Seite hin betrachten.
Bertolt Brecht, 1920

Wir wollen uns nicht die Mühe machen, Beispiele für anspruchsvolles und ambitioniertes Kino um 1920 anzuführen. Und wir erstellen auch keine Liste von geistlosen Theaterproduktionen derselben Zeit. Wir machen uns lediglich bewusst, dass Brecht 22 Jahre alt war, als er die zitierten Sätze niederschrieb. Das stimmt uns milde und nachsichtig.

25. November 2016

Alles, was ich erzähle, ist erfunden. Einiges davon habe ich erlebt. Manches von dem, was ich erlebt habe, hat stattgefunden.
Matthias Brandt zu Beginn seines Erzählbandes “Raumpatrouille”
Kiepenheuer & Witsch, 176 Seiten, € 18.-
ISBN 978-3-46204-5673

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(Foto: Siebbi)

24. November 2016

Heute Vormittag. Wir hören und sehen Góreckis Sinfonie der Klagelieder in der Aufnahme mit der Sopranistin Dawn Upshaw und The London Sinfonietta unter David Zinman. Die Musik, ebenso die schockierenden, kaum zu ertragenden Bilder hinterlassen ihre Wirkung. Eine Hörerin ist tief beeindruckt und spricht dann sehr angetan von der Gestaltung der Gesangspartie. Ich wage zu antworten, dass die Wirkung des Stückes eigentlich schon in der Vorlage selbst liegt, sozusagen auskomponiert ist. Manche Interpretationszutaten sind mir zuviel, der Betroffenheitsausdruck zu groß, das Parfum zu schwer. Das ruft entschiedenen Widerspruch hervor. Nein, distanziert kann man das ja wohl gar nicht singen, bei solch einem Thema geht das überhaupt nicht, man muss doch die innere Anteilnahme spüren…. Was kann ich noch sagen? Dass eine Anklageschrift nicht im Ton der Empörung vorgetragen wird, dass eine Dokumentation durch Versachlichung an Kontur, Schärfe und Glaubhaftigkeit gewinnt? Aber wir sind weder im Gerichtssaal noch in einem wissenschaftlichen Hauptseminar. Schließlich fragt jemand, ob Frauen anders hören als Männer. Das hat gerade noch gefehlt, aber so kommen wir aus der Nummer wenigstens halbwegs heil heraus. Bis zum nächsten Mal.

22. November 2016

Am kommenden Samstag, 26. November um 19.00 Uhr veranstaltet die Deutsch-Italienische Gesellschaft Mittelhessen e.V. einen kulinarisch-musikalischen Abend unter dem Titel Una serata con Rossini (Ristorante Geranio, Am Kurpark 2, 35619 Braunfels). Für die Musik sorgen der Tenor Kornel Maciejowski und Evgeni Ganev am Klavier. Dazu gebe ich ein paar Erläuterungen über Gioachino Rossini und sein kompositorisches Schaffen. Auch Nicht-Mitglieder sind herzlich willkommen! Es gibt ein 3-Gang-Gourmet-Menü nach Rezepten des Feinschmeckers und Komponisten. Preis € 38,00 p. P. ohne Getränke.

Nach eigener Aussage hat Rossini in seinem Leben nur dreimal geweint, nämlich als seine erste Oper durchfiel, dann, als er Paganini die Violine spielen hörte, und zum dritten Mal, als ihm bei einer Bootsfahrt ein mit Trüffeln gefüllter Truthahn ins Wasser fiel. Den Vogel wird es am Samstag also nicht geben, doch vielleicht die berühmten Tournedos á la Rossini, mit denen sich der Maestro nicht selten Kummer von der Seele gegessen hat.

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(Foto: Jonas M. Luster)

21. November 2016

“Nach 1880 ist eben nichts Gescheites mehr komponiert worden”, sagte kürzlich ein Kursteilnehmer im Anschluss an eine Hörstunde mit Szymanowskis 3. Sinfonie. Der Hörer würde wohl auf Nachfrage seine Behauptung nicht ernsthaft aufrecht erhalten wollen, und doch schwingt in solch einem launig klingenden Kommentar auch Geringschätzung und Ablehnung für Musik des 20. Jahrhunderts mit. Warum ist das so? “Wenn Sie sagen, dass es große Kunst ist, dann wird es wohl so sein” – eine höfliche Konzession, die tiefe Einblicke in subjektive Hilflosigkeiten gewährt. Musik ohne Symmetrien, ohne periodischen Aufbau, ohne Dur/Moll-Tonalität, ohne vertraute Skalen – viele Hörerinnen und Hörer stehen hier immer wieder unerfahren und ratlos vor klanglichen Verläufen, die für sie nicht antizipierbar und somit unverständlich sind. Ein Kollege nennt das den “Ging-allein-Effekt” – wer “Hänschen klein” sagt, muss auch “ging allein” sagen. Zwei und zwei ist vier, und vier und vier ist acht. Und wehe, wenn nicht!

Diese über Jahrzehnte gewachsenen musikalischen Vertrautheiten, Berechenbarkeiten und Verlässlichkeiten – sozusagen von Kindesbeinen an und fortgesetzt in Schule, Ausbildung und Beruf, Freizeit und Hobby – stehen häufig einer unvoreingenommenen Annäherung an Musik der Moderne oder Avantgarde massiv im Wege. Wie oft haben wir die Diskussion geführt, was Musik überhaupt sei oder was sie enthalten müsse! Melodie, Harmonie, Rhythmus, Takt? Bei der Uraufführung von Beethovens “Eroica” verlangten die Leute ihr Geld zurück, bei Strawinskys “Sacre du printemps” hat sich das Publikum geprügelt und die Bestuhlung zerlegt. Wären wir nur dabei gewesen, was hätten wir alles lernen können! Verstehen und nicht verstehen ist das eine, mögen und nicht mögen das andere. Achtung: Wissen gefährdet nicht nur die Dummheit, sondern wirkt auch genussfördernd!

19. November 2016

Freundschaft ist, wenn dich einer für gutes Schwimmen lobt, nachdem du beim Segeln gekentert bist.
Werner Schneyder

17. November 2016

In der letzten Ausgabe des Magazins Silberhorn schreibt Hans-Jürgen Schaal zu Beginn seines Artikels “Feuer aus dem Geist schlagen”, Musik sei eine Sache für junge Leute. Von “völligem Mitgerissensein” ist dann zu lesen, von “maßloser Begeisterung”, von einem “vertrauensvollen Sich-Ausliefern an den Sound”. Dann die Feststellung: “Das gibt es später im Leben einfach nicht mehr”. Es folgen Sätze über das angebliche Erlöschen von Feuer und Risiko im Alter, über das “Gefängnis der Wiederholung”, über “permanenten Lebensfluch”. Was sind Alterswerke? Bachs “Kunst der Fuge” sei “kontrapunktisches Gehirnjogging gegen die Verkalkung, eine Art von extraschwerem Senioren-Sudoku”, befindet der Autor und fordert wenig später, “Musik sollte Risiko, Regelverstoß und Temperament sein, nicht Vorübung zum Tode”. Da traut sich aber einer was – und besteht die Prüfungen in Provokationssemantik und Verbalnarzissmus mit Auszeichnung.

15. November 2016

Novembertag

Geht ein sonnenloser Tag
wiederum zur Neige,
und der graue Nebel tropft
durch die kahlen Zweige.

Leise atmend ruht die See,
müde, traumumsponnen …
eine Woge, schaumgekrönt,
ist im Sand zerronnen.
Clara Müller-Jahnke (1860-1905)

13. November 2016

Zurück aus Amsterdam, zurück von einer sehr schönen Opernreise. Natürlich ist der Besuch der Vorstellung immer der Höhepunkt einer solchen Reise, und wieder einmal haben wir Glück. Händels Jephta, szenisch aufgeführt in De Nationale Opera, ist musikalisch sehr beeindruckend, zudem lässt die Inszenierung in positivem Sinn Raum für angeregte Diskussionen. Eine dreistündige Stadtrundfahrt gibt Einblicke in die bewegte Geschichte der Stadt, dazu Tipps zu Besuchen weiterer kultureller Einrichtungen wie Theater, Museen, Konzerthäuser etc.

Die Ausstellung Happy Birthday Marilyn zum 90. Geburtstag von Marilyn Monroe (De Nieuwe Kerk) ist ein großes, bewegendes Geschenk. Die zahlreichen Exponate aus dem persönlichen Besitz Marilyns in Augenschein nehmen zu können und dabei das Gefühl zu empfinden, es handle sich um Sensationsfunde, um kostbare Devotionalien – das ist schon etwas sehr Besonderes. Und da sind sie wieder, die von Andreas Jacke beschriebenen Projektionen und Rettungsfantasien, von denen sich unsereins nie ganz befreien wird. Beseelt von einer Mixtur aus Bewunderung, Trauer und stillem Glück verlasse ich den Ort, trinke in irgendeinem Bistro ein Amstel oder Heineken, ziehe weiter durch die Straßen, kaufe eine Dose mit Gebäck und zwei Ansichtskarten. Im Tuschinski-Theater bestelle ich einen Kaffee und bestaune das Interieur. Wieder ein paar Schritte, dann ins Grand Café L’Opera (Rembrandtplein) für eine heiße Schokolade. Es kommt eine falsche Rechnung über fünfzehn Euro. Ich überlege kurz, kommentarlos zu bezahlen und reklamiere dann doch. Es ist spät geworden, die Zeit ist schnell verflogen. Ich würde gern länger bleiben, doch ich bin zum Essen verabredet und muss los.

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9. November 2016

Die eingängige Melodik der Berliner Luft oder der Schlösser, die im Monde liegen sorgte zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die große Popularität von Paul Lincke. Seine Operetten, Gesangswalzer, Lieder und Charakterstücke waren beim Publikum außerordentlich beliebt. Zuweilen wird seine Bedeutung für Berlin mit der von Johann Strauß für Wien und Jacques Offenbach für Paris verglichen. Der Komponist Paul Dessau zum Beispiel schätzte Linckes Glühwürmchen-Idyll sehr und hielt das Stück für “etwas Großartiges, das mit Kitsch überhaupt nichts zu tun” hat. Und Richard Strauss antwortete 1941 auf die Frage des NS-Reichpropagandaministers, wen er als Unterhaltungsmusik-Komponisten gelten lasse: “Allenfalls noch Paul Lincke. Die anderen sind doch niedrigstes Niveau.”

Am 7. November, also vor zwei Tagen, feierte die Musikwelt den 150. Geburtstag des Berliner Ehrenbürgers. Die Straße parallel zum Landwehrkanal im Stadtteil Kreuzberg wurde 1956 erst in Lincke-Ufer, zehn Jahre später dann in Paul-Lincke-Ufer umbenannt.

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Berlin, Paul-Lincke-Ufer (Foto: Lienhard Schulz)

7. November 2016

“Für mich muss Weihnachtsmusik festlich sein”, erklärte eine Teilnehmerin zu Beginn des Kurses “In dulci jubilo – Weihnachtsmusik durch die Jahrhunderte” in der Musikschule Friedrichsdorf. Also getragene Musik für Blechbläser? Was ist Weihnachts- oder Adventsmusik, und wer entscheidet das? Bei textgebundener Musik mag das auf der Hand liegen, wenn es sich um geistliche oder biblische Vorlagen handelt. Aber bei reiner Instrumentalmusik? Mein erstes Klangbeispiel war dann Antidotum tarantulae von Athanasius Kircher. Die Geburt Jesu als Gegengift zu unseren Sünden? Eine interessante Perspektive, ebenso wie die Nr. XVIII aus den Vingt regards sur l’enfant Jésus, “Regard de l’onction terrible” von Olivier Messiaen. Die Salbung des Herrn als furchtbares Erlebnis für die irdischen Herrscher – acht Minuten Klaviermusik mit aggressiven, dissonanten Klängen. Weihnachtsmusik? Jeder Komponist hat seine eigene Betrachtungsweise, sieht das Geschehen aus ganz persönlichem Blickwinkel und gibt ihm seinen eigenen Sinn.

Natürlich ist uns das Festliche, das Würdevolle und Erhabene sehr vertraut, sozusagen mit Pauken und Trompeten, buchstäblich. Doch es geht auch anders – introvertiert, beseelt und ganz piano, wieder ganz wörtlich. Wie Weihnachten von Max Reger für Orgel solo. Zum Glück verfügen wir über diese enorme Bandbreite an Musikstücken und können wählen, welches für uns die ideale Weihnachtsmusik ist, bis hin zu Muh und Mäh und Täterätätä. Nur Junge, komm bald wieder ist kein Weihnachtslied, obwohl der Titel das durchaus hergäbe. Allerdings mehr im Advent.

5. November 2016

Unsere diesjährige Opernreise geht nach Amsterdam (De Nationale Opera). Im Laufe der letzten Jahre haben wir einige bedeutende Häuser in Europa besucht, z. B. die Mailänder Scala, die Wiener Staatsoper oder die Pariser Opéra Bastille. Für das nächste Jahr ist eine Reise nach London (Covent Garden) geplant. Das Opernhaus in Zürich ist weiterhin ein attraktives Ziel, auch wenn die Schweiz sehr teuer ist. Ebenso sollte das Teatro La Fenice in Venedig in der engeren Wahl bleiben. Bisher sind wir mit dem Bus gereist, mit Aufenthalten vor Ort von jeweils drei bis vier Tagen, immer in sehr schönen Hotels.

Nach London und evtl. Zürich oder Venedig würde ich gerne Ziele ins Auge fassen, die sich aufgrund der Entfernung für Busreisen eigentlich nicht eignen wie z. B. Barcelona oder St. Petersburg. Auch Oslo wäre spannend, als kombinierte Bus- und Schiffsreise, ab Kiel mit der Color Line. Natürlich kommen auch kleinere, gleichwohl großartige Häuser in Betracht wie Toulouse, Bilbao oder Mantua. Ein großer Reiz, übrigens nicht nur für mich, liegt darüber hinaus in noch ferneren Zielen. Die Metropolitan in New York, das Teatro Colón in Buenos Aires, das Sydney Opera House, das Grand Theatre in Shanghai – alles wunderbare Städte und Ziele für die nächsten Jahre! Könnte nur sein, dass die Reisegruppen dann etwas kleiner werden….

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Shanghai, Grand Theatre (Foto: Pyzhou)

2. November 2016

Nicht deswegen habe ich keine Eile,
weil ich mehr Zeit habe,
sondern weil ich weiß,
dass mir die Eile alles zerstört.
Ein Leben in Eile hast du verpasst.

Gelesen letzte Woche in Berlin,
U-Bahnhof Gleisdreieck,
während des Wartens auf die Bahn

31. Oktober 2016

Ein Dirigent sollte nicht zu viel reden, die Musiker mögen das nicht.
Andris Nelsons

Wahrscheinlich stimmt das. Der Dirigent ist der natürliche Feind des Orchesters, heißt es. Nur die wenigsten Orchestermusiker schätzen Erläuterungen. Wenn überhaupt, müssen Erklärungen kurz und knapp ausfallen, egal ob es sich um sachliche, technische Hinweise handelt oder um die Aufforderung, einen violetten Nebel zu spielen, wie Harnoncourt es einmal verlangt haben soll. Warum bloß? Weil Orchestermusiker irgendwann glauben, schon alles zu kennen? Jedes subito piano, jedes rubato, jeden Vergleich, jede Anekdote? Erfahrenes Orchester und junger Dirigent, ist das per se problematisch? Nein! Bernstein, Celibidache, Kleiber – sie alle haben erleben müssen, dass während ihrer Proben mit wirklich großen, namhaften Orchestern geredet, getuschelt und schlicht nicht zugehört wurde. Es ist keine Frage des Alters, es ist eine Frage des Benehmens! Zugegeben, es gibt unter Dirigenten auch Ich-Erzähler und Selbstdarsteller. Dann werden die Orchestergrabenkämpfe nonverbal während der Musik ausgetragen. Beim Speed-Dating entscheidet sich in den ersten sieben Sekunden, ob es funkt oder nicht. Bei Dirigenten und Orchestern sind es vielleicht sieben Minuten. Und wenn es gefunkt hat, darf der Dirigent auch reden. Nur nicht so viel.

30. Oktober 2016

Nochmal zum Thema Literaturnobelpreis. Vor ein paar Tagen hat der peruanische Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa in Berlin die Vergabe des Preises an Bob Dylan als “Ausdruck der zunehmenden Frivolität der Kultur in unserer Zeit” bezeichnet. Llosa sprach von der “Zivilisation des Spektakels”, die inzwischen bis zur Schwedischen Akademie reiche.

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Mario Vargas Llosa (Foto: Arild Vågen)

Wir dürfen getrost davon ausgehen, dass Vargas Llosa keine Einzelmeinung vertritt. Doch statt einen solchen Klartext zu sprechen, haben viele Beobachter und Kommentatoren es vorgezogen, die Entscheidung als “mutig” oder “wegweisend” zu interpretieren. Wahrscheinlich wird demnächst auch ein Nobelpreis für Philosophie vergeben, den dann Richard David Precht bekommen wird. Den Preis für Musik teilt sich Ralph Siegel. Mit wem, darf er sich aussuchen.

Pause bis zum 30. Oktober 2016

13. Oktober 2016

Die Verleihung des Literaturnobelpreises an Bob Dylan begrüßen, aber die Verwendung von Chorizo in der Paella ablehnen – das geht nicht zusammen. Sich hier in Anspruchs- und Niveaufragen flexibel zeigen, dort aber auf Regeln und tradierte Vorschriften pochen – wer soll das verstehen? Macht die Vorliebe für düstere Metaphern in Kreuzreimen schon gute Lyrik? Ist eine würzige Wurst im Reis gleich eine Kriegserklärung an Spanien? Kommt’s Freunde, hätte Harry Valérien gesagt, lasst’s amal gut sein. Der Bob Dylan schreibt und singt ganz schön, der Jamie Oliver kann gut kochen. Der eine steht jetzt in einer Reihe mit Hesse, Mann und Hemingway, der andere muss sich die hämisch-ironische Belehrung gefallen lassen, Fish and Chips bestünde neuerdings aus Auberginen und Ente. Merke: Im Übertreiben unterscheiden sich die Mitglieder des Nobelpreiskomitees nicht von empörungsbesoffenen Hobbyköchen und Internetusern. Bob Dylan und Jamie Oliver werden damit zurechtkommen.

11. Oktober 2016

Anlässlich der Deutschland-Premiere von “Inferno” weilt Filmstar Tom Hanks in Berlin. Er würde gern mehr Zeit “in der faszinierendsten Stadt der Welt” verbringen, so sagt er. Voraussetzung sei, dass jemand ihm ein Appartement überließe, am besten eines, von dem aus er zu Fuß die bekannte Würstchenbude “Curry 36″ erreichen könne. Daraus schließen wir, dass Mr. Hanks Berliner Currywurst schätzt, was bei ihm wie “curry worse” klingt. Er wäre auch mit einem Plattenbau in Ostberlin zufrieden, ergänzt er. Nun, es gibt eben verschiedene Formen der Selbstkasteiung. Ob auch der Besuch von “Inferno” dazu zählt, können wir erst ab übermorgen beurteilen. Dann kommt der Film in die Kinos.

9. Oktober 2016

Gesualdos Musik klingt, als würde ein hautwandiger Raum von selbst zu klingen beginnen. Das ist das einzige Selbstverständliche an dieser Musik, an der nichts “natürlich”, alles aber herrliche Willkür und außerordentliche Gewalt ist. Gerade hat der Principe noch mit dem Dolch in Leichen gestochert, schon setzt er peinvolle, subtile Kontrapunkte, die schönsten, die es gibt. Es bleibt ohne Beispiel.
Wolfgang Rihm

Gesualdo – Fürst, Mörder, Komponist heißt der Ballettabend, der am kommenden Samstag als künstlerische Spurensuche im Salzburger Landestheater Premiere haben wird. Es hat etwa 400 Jahre gedauert, bis die Madrigale von Carlo Gesualdo (1566 – 1613), Fürst von Venosa, 2013 in seiner Heimat Neapel wieder aufgeführt wurden. Selbstverständlich war auch hier bekannt, dass Gesualdos Musik weltweit bewundert und bestaunt wird. Doch nicht ohne ein gewisses Frösteln sprechen die Neapolitaner von dem berühmten Sohn ihrer Stadt, der in seinem Palazzo seine Frau und deren Liebhaber in flagranti erwischte und brutal ermordete. Es spuke bis heute in seinem Palast, so erzählt man, und Gesualdos Seelenqualen könne man in seiner Chormusik Takt für Takt nachspüren. Kaum eine Passage ohne harmonische Kühnheiten, unerwartete Wendungen und Taktwechsel. Das Werk eines Psychopathen, der sich nach der Tat auf sein Schloss zurückzog. Eine gerichtliche Untersuchung blieb ohne Folgen, denn Ehrenmorde unter Adligen wurden nicht gesühnt. Gesualdo mied fortan die Öffentlichkeit und komponierte den Rest seines Lebens atemberaubende Gesänge. Gesualdo – Fürst, Mörder, Komponist. Wer es am Samstag nicht bis Salzburg schafft, hat noch Zeit bis Mai 2017. Bis dahin gibt es siebzehn Vorstellungen.

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7. Oktober 2016

Eine der kompositorischen Stärken von Dmitri Schostakowitsch ist sein Gespür für einprägsame Rhythmik und Melodik bei gleichzeitiger Knappheit im Ausdruck. Wir haben uns in dieser Woche mit seinem Cellokonzert Nr. 1 Es-Dur op. 107 befasst, welches die genannten Charakteristika in besonderer Weise zeigt. Gleich das erste Thema, vom Solocello intoniert und später von einzelnen Orchesterinstrumenten und -gruppen in immer wieder veränderter Form aufgegriffen, lässt den Zuhörer nicht los. Es ist ein zupackendes, vitales Thema, das im letzten Satz des Werkes noch einmal wiederkehrt. Schostakowitsch zitiert es sowohl im Original als auch augmentiert, so dass fast der Eindruck entsteht, der Komponist habe einfach nicht davon lassen können. Thematische Verklammerung, Kompositionstechnik oder Intention hin oder her – das Thema ist einfach unwiderstehlich! Ein schöner, willkommener Ohrwurm fürs Wochenende.

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4. Oktober 2016

Bis zum Abschluss des Umbaus der Kölner Oper dient das Staatenhaus am Rheinpark als Interimsspielstätte, voraussichtlich bis zum Ende der laufenden Spielzeit. Bekanntlich kann man sich an Provisorien gewöhnen, sofern diese Bezeichnung hier zutreffend ist. Immerhin führen die baulichen Bedingungen des Staatenhauses zu gravierenden Änderungen der Vorstellungsabläufe. Es gibt keinen Orchestergraben, die Bühne liegt zwischen Publikum und Orchester, der Dirigent hat also Chor und Solisten im Rücken, folglich bekommen diese ihre Einsätze über zusätzliche Assistenten, welche vor der ersten Parkettreihe ihren Platz haben. Der Großteil der Bühnenarbeiten kann von den Zuschauern verfolgt werden, der Auf- und Abbau von Staffagen, Plateaus, Dekorationen etc. vollzieht sich buchstäblich unter Aufsicht des Publikums.

Das Ganze hat den Charakter eines elaborierten Workshops, mit faszinierenden Einblicken in das Making-of der Produktion. Zuweilen hofft man als Gast, zu Aushilfsarbeiten herangezogen zu werden, wenn ein paar Quader gesetzt oder Teppiche verlegt werden müssen. Leider vergeblich, die Bühnencrew schafft alles mühelos allein. Gestern Abend, während der Dernière von Benvenuto Cellini, konnte einem durchaus der Gedanke unterlaufen, dass man das alles sehr vermissen könnte, wenn das Opernhaus am Offenbachplatz eines Tages saniert sein wird. Und wie selbstverständlich, quasi nebenbei war die Aufführung ein Augen- und Ohrenschmaus der Extraklasse. Einzig die langweilige Einführung hielt mit dem Rest des Abends nicht mit. Bitte erzählen statt ablesen! Und der Komponist heißt Berlioz – gesprochen Berlios, nicht Berliosch! Sorgfalt und Qualität sollten auch für die Einführung gelten und sind weder Luxus noch Glücksache.

3. Oktober 2016

Turandot
Eis, das dir Feuer gibt
und durch dein Feuer noch mehr zu Eis wird!
Offenbar und undurchsichtig!
Wenn es frei dich will,
macht es mehr zum Knechte dich.
Nimmt es dich zum Knechte,
so macht es zum König dich!
Das Eis, das Feuer gibt, was ist es?

Kalaf
Mein Sieg, der dich nunmehr
mir gegeben hat!
Mein Feuer taut dein Eis: “Turandot!”

Kleiner Nachtrag zum Thema Eisbrecher…

30. September 2016

Die französische Schauspielerin Audrey Tautou (“Die fabelhafte Welt der Amélie”) soll in einem Interview gesagt haben, sie wolle lieber an Bord eines Eisbrechers sterben als in einem Altenheim. Das lassen wir mal so stehen.

28. September 2016

Chorsängerinnen und –sänger in Deutschland sind hinsichtlich zentraler soziographischer Merkmale untypisch für den Bevölkerungsdurchschnitt. Eine Studie des Instituts für Musik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg resümiert gar “ein von der Gesamtbevölkerung eklatant abweichendes Profil”. Einem geringen Anteil von Hauptschülern steht ein hoher Anteil an Chorsängern mit höheren Bildungsabschlüssen gegenüber. Soziokulturelle Einflüsse beeinflussen Mitgliedschaften in Chören, so das Ergebnis.

Gleichzeitig singen in Deutschland nur knapp drei Prozent der Bevölkerung in Chören. Die Quote liegt höher, wohin man auch schaut – ob in Österreich, Irland, Skandinavien, Baltikum, Südafrika, USA. Vor allem Projektchöre machen den etablierten Vereinsformationen seit Jahren Konkurrenz. Wer singen will, so die Ansicht nicht weniger Insider, schließt sich einem Projektchor an. In etablierten Gesangsvereinen haben dagegen Mitglieder eher selten Interesse an Musik. Hier haben Feierabend, Geselligkeit und Austausch Priorität, unabhängig vom Bildungsgrad – was dem Ergebnis der Studie nicht entgegen steht.

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26. September 2016

Am letzten Wochenende war im BR Fernsehen eine Wiederholung des Fernsehfilms Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit (R.: Wolfgang Murnberger, D/A 2015) zu sehen. Die Hauptrollen sind mit Tobias Moretti als Luis Trenker und Brigitte Hobmeier als Leni Riefenstahl besetzt. In Rückblenden, so informiert der Sender auf seiner Homepage, “wird die Geschichte zweier Opportunisten erzählt, die sich, besessen vom Willen nach künstlerischem Erfolg, instrumentalisieren ließen”. Die ZEIT schrieb nach der Erstausstrahlung, der Film sei “auch das Psychogramm zeitgenössischer Alphatiere zwischen Zwergenmut und Größenwahn, Profilneurose und Geltungsbewusstsein, Macht und Ohnmacht”. Tobias Moretti und Brigitte Hobmeier zeigen alle diese Facetten. Moretti hat seinen Trenker gründlich studiert und erweckt vor allem dessen draufgängerische Chuzpe und Schneidigkeit zum Leben. Brigitte Hobmeiers Riefenstahl zeigt deren multiple Persönlichkeit sehr sensibel und mit großer Intensität. Die Erstausstrahlung von Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit im November 2015 wurde in Deutschland übrigens von über dreieinhalb Millionen Zuschauern gesehen – ein beachtlicher Wert.

23. September 2016

Das Nichtschwimmer, ein beliebtes und in doppeltem Sinne ausgezeichnetes Restaurant in Bielefeld, wirbt in seinem Internet-Auftritt u. a. mit Zitaten bekannter Schriftsteller. Den Anfang macht Franz Kafka: “”Das Leben, eine fortwährende Ablenkung, die nicht einmal zu Besinnung darüber kommen lässt, wovon sie ablenkt.” Nach klugen Sätzen von Heine und Voltaire dann Leonardo da Vinci: “Wenn du meinst, dass im Alter die Weisheit dich nähren soll, dann eigne sie dir in deiner Jugend an, so dass dir im Alter die Nahrung nicht fehle.” Schließlich der schönste Satz – von Karl Heinrich Waggerl: “Schweigen ist ein köstlicher Genuss, aber um ihn ganz auszuschöpfen, muss man einen Gefährten haben. Allein ist man nur stumm.” Ablenkung, Nahrung, Genuss – ein gutes Restaurant ist eben alles, nur nicht Geschmacksache.
Nichtschwimmer, Arndtstr. 6-8, 33602 Bielefeld, Tel. 0521-5577530

21. September 2016

Bitte vormerken – die Termine der 2. Wetzlarer Improvisationstage 2017! Es werden wieder vier wunderbare Konzerte von großer stilistischer Vielfalt – mit experimentellen Elementen, gemischt mit vermeintlich vertrauten, gefühlt traditionellen Klängen! Mit ganz verschiedenen Formen und Verläufen, mit visuellen Umsetzungen und der Möglichkeit zum kreativen Mitmachen. Oder einfach nur zum Hören, Sehen und Staunen. Nicht verpassen!

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Do, 26.01.2017
19.30 Uhr, Musikschule
context Ensemble
Improvisations-Ensemble für Stimme und Elektronik,
Sprache, Klavier und Perkussion

Fr, 27.01.2017
19.30 Uhr, Musikschule
Bassa
Tango Azul – Violine, Klarinette, Gitarre, Kontrabass
mit Beteiligung eines Tango-Paars vom Schwarz-Rot-Club Wetzlar e.V.

Sa, 28.01.2017
15.00 Uhr, FORUM Wetzlar
QuadrArt und Annette Winkels
Musik zur Malerei – Malerei zur Musik
Violoncello, Erweitertes Saxophon, Akkordeon, Piano

So, 29.01.2017
11.00 Uhr, Musikschule
La Moresca
Crossover – Höfische Musik, Tanz, Folklore

19. September 2016

Die Oper Köln setzt auch in der neuen Spielzeit ihre “Operntage” fort. An vier Terminen gibt es Karten zum Einheitspreis von € 15,00 auf allen Plätzen! Den Anfang macht am 3. Oktober 2016 Benvenuto Cellini von Berlioz. Es folgen La voix humaine (Poulenc)/Herzog Blaubarts Burg (Bartók) am 15. Januar 2017, Lucia di Lammermoor (Donizetti) am 9. April 2017 und Die Gezeichneten (Schreker) am 12. Juli 2017.

Das Angebot ist sehr attraktiv – wer Karten erwerben möchte, sollte sich also frühzeitig darum kümmern (Ticket Hotline 0221 – 22 12 84 00)!

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16. September 2016

Ein örtlicher Reiseveranstalter hat uns vor gut zwei Wochen eine Konzertreise zur Elbphilharmonie nach Hamburg für März 2017 angeboten. Jetzt ist die Reise mit über vierzig Anmeldungen so gut wie ausverkauft. Natürlich ist das sehr erfreulich, aber unsereins macht sich doch Gedanken über den Hauptgrund für diesen großen Zuspruch. Ich tippe auf die Elbphilharmonie als Bauwerk, ehrlich gesagt. Das Konzerthaus wird im Januar 2017 nach fast zehnjähriger Bauzeit endlich eröffnet, und Konzept, Architektur, Akustik und äußere Erscheinung sind sicher außergewöhnlich. Allerdings gilt dies auch für die Kosten, denn immerhin schlägt das Projekt für die Steuerzahler mit rund 800 Millionen Euro zu Buche.

Das Interesse am Konzertprogramm folgt im Übrigen den Fragen nach den im Reisepaket inkludierten Serviceleistungen (Hotelstandard, Frühstücksbuffet, Stadtrundfahrt, Kartenkategorie etc.). Das Violinkonzert von Korngold und Elgars 2. Sinfonie stehen für die Teilnehmenden also wohl kaum im Vordergrund ihrer Entscheidung, bei der Konzertreise mit dabei zu sein. Bleibt trotzdem zu hoffen, dass man sich auf der Heimreise nicht nur an den Ort des Geschehens, sondern auch an die Musik erinnern wird. Die nämlich hat es allemal verdient und unterscheidet notabene eine so bezeichnete Konzertreise von einer bloßen Städtetour mit Sightseeing.

14. September 2016

Sonntag, 2. April 2017, 15.00 Uhr
Opéra de Dijon
Monteverdi, Il ritorno d’ Ulisse in patria
Regie: Mariame Clément
mit Rolando Villazón (Ulisse), Magdalena Kožená (Penelope) u. a.
Le Concert d’Astrée, Ltg. Emmanuelle Haïm
€ 57,00

Es gibt noch Karten (www.opera-dijon.fr, Tel. 00 33 – 3 80 48 82 82 ) und freie Plätze in meinem Auto. Ich bleibe allerdings ein paar Tage und fahre schon am Freitag los.

11. September 2016

40 Jahre Abitur, Klassentreffen mit Führung durch das Gymnasium und Einsichtnahme in die Abiturklausuren – das war schon etwas sehr Besonderes gestern, mit vielen Erinnerungen, Anekdoten und “Weißt du noch”-Geschichten. Nur etwa ein Drittel des Jahrgangs war gekommen, doch die berührenden Momente, das wirklich Bewegende erlebt ohnehin jeder allein und ganz für sich. Der Eintritt durch das alte Hauptportal, der Weg durch die Flure, das Lehrerzimmer, die Klassenräume. Die alte Turnhalle mit dem Parkettboden, der immer noch so aussieht wie damals, der Naturwissenschaftstrakt mit Biologie, Physik und Chemie, das ehemalige Sprachlabor, Kunstraum, Handarbeit (heute “Textiles Gestalten”). Dann der mit Spannung erwartete Musikraum, im 2. Obergeschoss, äußerlich kaum verändert, mit den eingelassenen Schränken gegenüber den Fenstern. Hier habe ich gesungen und Rhythmen geklatscht, später dann Kadenzen an die Tafel geschrieben und zum ersten Mal Alban Bergs “Wozzeck” gehört. Nebenan der Instrumentenraum, wo tatsächlich noch das alte Sperrhake-Cembalo steht und auf dem wahrscheinlich nie jemand spielt, also alles wie gehabt. Höhepunkt aber die alte Aula! Hier fanden die Schulkonzerte statt, bei denen ich als Mitglied des Schulorchesters mitgewirkt habe. Geprobt wurde immer samstags in der 5. Stunde, nach Ende des regulären Unterrichts. In der Aula hatte ich meinen ersten öffentlichen Auftritt als Dirigent und natürlich das Konzert am 26.06.1976, in dem ich als 18-jähriger Abiturient schwer verliebt meine “Fuga sabina” uraufgeführt habe, eine Komposition für Sabine, ein Mädchen aus der achten Klasse. Noch einmal auf dieser Bühne zu stehen mit ihren kleinen Seitenaufgängen, dem dunklen Vorhang, den alten Requisiten, dem Steinway-Flügel…. Ein bisschen Wehmut schwingt mit, das ist ganz normal. Es hat auch mit den immer wiederkehrenden Themen des Lebens zu tun, mit Fragen nach Zeit und Sinn und Ziel – was war, was ist, was hätte werden können und was wird noch sein? Dass ich bei der Lektüre meiner Deutsch-Abiklausur feststellen musste, dass die korrigierende Frau Studienrätin meine Arbeit schlicht nicht verstanden hatte, tat nicht weh. Dafür war das Geschenk, überhaupt noch einmal vor Ort sein zu dürfen, zu schön.

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8. September 2016

Gestern Abend im Opernkurs: “Les Troyens” von Hector Berlioz, 3. Akt. Die Londoner Produktion (Royal Opera House) von 2012 liefert ein weiteres starkes Argument für die Beschäftigung mit der großen französischen Oper, diesem so speziellen Zweig des Musiktheaters. Mitreißende Chöre, kunstvolle Arien und Ensembles, eingebettet in intensive und differenzierte Orchesterklänge – dazu spielt Berlioz klug und virtuos mit den Mitteln der Dramaturgie, insbesondere mit retardierenden Momenten. Die Trojaner treffen in Karthago ein, und jeder von uns wartet mit Spannung auf die erste Begegnung zwischen Dido und Aeneas – nach der Lektüre des Librettos wissen wir, dass sie in überwältigender, tragischer Liebe zueinander entflammen werden. Dido kennt ihren künftigen Geliebten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, und so warten wir zusammen mit ihr. Doch Berlioz lässt seinen Helden erst mit einiger Verspätung auftreten, dafür allerdings imponierend kraftvoll und siegessicher. Dido ist tief beeindruckt, sie wird Aeneas in rasender Leidenschaft verfallen und ahnt bereits jetzt, dass sie ihren Gefühlen schutzlos und unkontrollierbar ausgeliefert sein wird. Wir dürfen ihr bei jedem Schritt in die Katastrophe zusehen, wir fiebern mit ihr, wir möchten ihr mit guten Ratschlägen zu Hilfe kommen, eigentlich müssten wir längst selbst auf der Bühne sein. In diesen Momenten lieben wir Berlioz und die Grand opéra und wissen, dass er stimmt, dieser Satz: Wir können alles, denn wir sind die Oper.

6. September 2016

Bereits in der letzten Woche haben wir uns in zwei Kursen mit Richard Strauss’ Alpensinfonie beschäftigt, nun folgt heute und am Donnerstag die 2003 entstandene Alpensinfonie in Bildern von Tobias Melle. Die Musik von Richard Strauss ist nicht zuletzt wegen der großen Besetzung – es spielen weit mehr als 100 Musiker u. a. Windmaschine, Donnermaschine, Glockenspiel und Herdengeläute – und der damit verbundenen kunstvollen Verwendung klanglicher Möglichkeiten ausgesprochen bildhaft. Insofern war es Tobias Melles selbstgestellte und wohlverstandene Aufgabe, die unsichtbar vorhandenen Bilder sichtbar zu machen, ohne die Musik zum Soundtrack zu degradieren. Vielmehr habe er einen “Eyetrack” geschaffen, so Melle, und liegt damit ganz richtig. Kommt üblicherweise zu bereits vorhandenen Bildern – ob Kino, Malerei oder Fotografie – die Musik erst hinzu, so unterfüttern hier sozusagen die Bilder bereits vorhandene Klänge – auf Augenhöhe, so das Wortspiel erlaubt ist.

Mit der Alpensinfonie in Bildern ist ohne Zweifel die Erfahrung einer Wanderung gelungen, wie sie Boris Baginski im Booklet der DVD beschreibt: Das ist es doch, was ein Bergerlebnis ausmacht: Die Anstrengung des Anstiegs, die Ruhe, Stille, Würde und Erhabenheit der wilden, unberührten Natur, mit all ihren Gefahren – das ermöglicht eine Selbsterfahrung, ein großes Erlebnis, ein Sich-Einordnen in die Dimensionen der Natur – und auch eine “Reinigung”. Heute scheint diese Geisteshaltung fast altmodisch, angesichts von Funsport und Erlebnisparks – aber ist nicht eine solche Form des Erlebens die weitaus großartigere und im eigentlichen Sinne die wertvollere?

Strauss Alpensinfonie

4. September 2016

In zahlreichen Büchern hat der amerikanische Psychiater und Bestseller-Autor Irvin D. Yalom über seine Erfahrungen und Erlebnisse mit Patienten berichtet. Aus Gründen der Vertraulichkeit hat er die jeweilige Identität der einzelnen Patienten stark verschleiert, wie er schreibt, und immer deren Zustimmung oder schriftliche Genehmigung zur Veröffentlichung eingeholt. Die einzelnen Episoden sind durchweg unterhaltsam, der Erzählstil ist leichtfüßig und unkompliziert. Die Besonderheit liegt weniger im Inhalt bzw. in den verschiedenen Dispositionen und Ausgangssituationen seiner Besucher, sondern vielmehr in komprimierten, verblüffenden Sätzen, die sowohl seinen Patienten als auch ihm selbst entfahren. “Sie müssen die Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit aufgeben”, sagt er zum Beispiel oder spricht über Menschen, “die zu einem Klassentreffen gehen und sich dort Hals über Kopf verlieben, manchmal in eine alte Liebe, oft in jemanden, den sie früher nicht einmal gut kannten.” Yalom nennt das “Liebe via Assoziation” und identifiziert “träumerische Erwartungen an ein aufregendes Leben, das sich märchenhaft und unermesslich” vor ihnen ausbreitet, als Grund für die Übertragung auf eine Person, die zum Symbol für Glück und Erfüllung wird, oft mit verheerendem Ausgang. An anderer Stelle geht es um kleine und große Geheimnisse. “Ich arbeite bei Starbucks”, postet jemand auf einer anonymen Website, “und wenn Kunden unfreundlich sind, gebe ich ihnen koffeinfreien Kaffee.”
Tipp: Irvin D. Yalom, Denn alles ist vergänglich; btb Verlag, München 2015

30. August 2016

Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser.
Giuseppe Verdi (1813 – 1901)

Giuseppe_Verdi_by_Giovanni_Boldini

29. August 2016

2016 ist das Internationale Jahr der Hülsenfrüchte. Unter der Leitung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen soll das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit für die ernährungsphysiologischen Vorzüge von Hülsenfrüchten und den Nutzen für eine nachhaltige Landwirtschaft gestärkt werden. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung führt im Jahr der Hülsenfrüchte Veranstaltungen durch, um die Wahrnehmung des Potentials der Hülsenfrüchte in der Öffentlichkeit zu verstärken.

2016 ist auch das Wissenschaftsjahr der Meere und Ozeane, ausgerichtet vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Ein wichtiger Aspekt des Themas ist der Schutz der Meere vor den Auswirkungen von Klimawandel, Rohstoffabbau und Vermüllung.

Und 2016 ist das Jahr der Harfe, eines der ältesten Musikinstrumente der Menschheit! Schon seit ca. 3000 v. Chr. sind Hinweise auf Harfeninstrumente erhalten. Die Harfe ist ein äußerst vielseitiges Instrument und als Klangfarbe im Orchester bedeutend, eignet sich aber auch vorzüglich als Soloinstrument. Die Harfe findet nicht nur in der klassischen Musik Verwendung, sondern wird auch in anderen Genres wie Pop, Jazz und Folk eingesetzt.

So, und wer verlinkt jetzt diese Widmungen? Ozeane, Harfen und Hülsenfrüchte müssten doch zueinander gebracht werden können! Wie wär’s mit einer Neufassung der “Meuterei auf der Bounty”? Ein 2016er Infotainment-Abenteuer mit daily mushy peas und Harp Lager vom Fass. Claude-Oliver Rudolph als Käpt’n Bligh trägt eine Sonnenbrille von oceanblue. In weiteren Rollen Tom Cruise (!), Claus Kleber und Gundula Gause.

27. August 2016

Das Jahresende 1963 war ereignishaft darin, daß der Tod seine Sense schwang. Die schwarzen Raben flogen. Sie flogen auch zu Winfried Zillig. Musiker, Kapellmeister und Komponist. Schönberg-Schüler. [...] Einmal wird man die Biographie dieser Generation schreiben müssen, die eine verfluchte Zeit hindurch nicht sein konnte, was sie sein wollte. Die Widerstände hätten sie stärker gemacht? Ach, die Widerstände haben sie nicht zu dem kommen lassen, was „Leben“ heißt! [...] Zillig gehörte – als Komponist und Dirigent – zu jenen großen Talenten, in denen das Genie gereift wäre, wenn man ihnen Zeit dazu gelassen hätte. Statt dessen gibt man ihm Ämter.

So schrieb die ZEIT zum Jahresende 1963 und würdigte den Musiker und Autor Winfried Zillig. Was passiert – die Frage drängt sich auf – wenn das Talent die ihm angebotenen Ämter zum Zwecke der eigenen Entwicklung und Reife ausschlägt? Später im Text heißt es, es “geht jetzt darum, dass die Dirigenten die Partituren – die sehr kunstvollen und kraftvollen Partituren Zilligs – auf die Notenpulte legen”. Also doch? Was soll sich entwickeln, der Künstler oder der Kunstbetrieb? Vertragen sich Talent und Amt wirklich nicht? Nicht jedes Talent erhält ein Amt, soviel ist sicher. Doch auch nicht jeder, der ein Amt hat, hat auch Talent.

25. August 2016

Man muss einem Kritiker nur in aller Offenheit versichern, dass man kein Künstler ist, und schon führen sie ein Gespräch mit uns, als verstünde man von Kunst so viel wie sie.
Max Frisch (1911 – 1991)

23. August 2016

In der aktuellen Ausgabe von üben & musizieren findet sich eine Besprechung von Hänsel und Gretel für Streichquartett. “Eingängige Melodien, samtiger Streicherklang und romantische Hörner” seien – neben den Stimmen der HauptdarstellerInnen (wir behalten sowohl die Schreibweise als auch die Wahl der Parenthese bei) – “die wichtigsten Bestandteile von Engelbert Humperdincks Opern-Dauerbrenner”. In der Quartett-Fassung fehlen indes die Singstimmen ebenso wie die Hörner. Dies sei der “aufgeräumt” wirkenden Partitur geschuldet, heißt es in der Rezension. Überhaupt sei es “gar nicht so sehr um die Illusion des großen Orchesterklangs” gegangen” (!), “sondern mehr um eine sachgerechte Transformation in ein ganz anderes musikalisches Genre”. Überhaupt klinge ja Humperdincks Originalpartitur “teilweise etwas aufgesetzt und schwülstig”, befindet der Autor und stellt fest, die Bearbeitung “projiziert” dies aber nun “auf ein durchsichtiges, klares und etwas neutraleres Klangideal”.

Dass heutzutage jeder für sein Instrument oder für seine Besetzung alle verfügbare Musik bearbeitet, arrangiert oder sonstwie passend macht – daran haben wir uns bis hin zu Werbetrailern, Videoclips und Handy-Klingeltönen längst gewöhnt. Wir konzedieren auch gerne, dass Bearbeitungen zuweilen etwas Charmantes, gar Erschließendes, etwas pädagogisch Sinnvolles oder schlicht Schönes anhaften kann. Dazu aber vermeintliche Schwächen des Originals zu reklamieren, ist nur albern. Immerhin aber sind wir nun mit Hänsel und Gretel für Streichquartett um ein Oxymoron reicher.

20. August 2016

“Du glaubst nicht recht, was du weißt, nicht wahr?”
“Doch, schon. Ich weiß, ich liebe dich. Und ich weiß, dass Flügel eines Schmetterlings eine Blüte in China streifen können und dadurch einen Hurrikan in der Karibik auslösen – das glaube ich. Man kann sogar die Chancen ausrechnen. Ist nur nicht wahrscheinlich. Und es dauert so lange.”
Havanna. R.: Sydney Pollack. Drehbuch: Judith Rascoe, David Rayfiel. USA 1990. Deutsche Synchronfassung.

18. August 2016

Während der letzten Woche habe ich ein paar Tage in Berlin verbracht und dort u. a. eine Aufführung der Shakespeare Company Berlin miterlebt: “Macbeth!” nach William Shakespeare. Die Company selbst schreibt in ihrem Flyer, dass sie mit einer der großen Tragödien Shakespeares neue Wege geht und im Spiel zugleich ihrer Tradition des Volkstheaters treu bleibt. Eine neue Übersetzung, Live-Musik und Chorgesang als Hexenprophezeiung sind dabei Bestandteile einer Reise jenseits der eigenen Ängste.

Insgesamt bieten die sechs Schauspieler in verschiedenen Rollen über 2½ Stunden Theaterkunst auf hohem Niveau, wenngleich sich manche Änderung im Vergleich zum Original nicht unmittelbar erschließt. So leuchtet nicht recht ein, warum Teile des Schlussmonologs Macbeth’s gleich zu Anfang aus dem Munde von Lady Macbeth zu vernehmen sind und obendrein trotz des abgründig-zynischen Inhalts recht salopp klingen. Auch über den einen oder anderen Aktualitätsbezug hätte sich Shakespeare vermutlich gewundert, und wohl nicht nur er. Doch sei’s drum – das Ensemble findet zu einer starken, ausdruckswilligen Gesamtleistung. Insbesondere die Musikbeiträge sind kunstvoll improvisiert und von madrigaleskem Charme. Outdoor! – zu fortgeschrittener Stunde setzt wegen der geringen Abendtemperatur ein spürbares Frösteln ein (oder doch wegen des Machthungers der Lady?), aber da haben Herz und Gemüt längst Feuer gefangen und wärmen von innen.

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16. August 2016

Posillipo ist ein Stadtteil von Neapel und liegt südwestlich des historischen Zentrums. Der Name leitet sich ab vom antiken Pausilypon, was soviel wie „schmerzstillend“ oder „Ende des Leidens“ bedeutet, ähnlich wie Sanssouci. Die antike Villa Pausilypon ist über die Grotta di Seiano zu erreichen, einen 770 Meter langen Tunnel, der während der Regierungszeit des Tiberius erbaut wurde. Es gibt zahlreiche Schönheiten, mit denen Posillipo aufwartet, die Villa Pausilypon ist nur eine davon. Eine großzügige Villa mit eigenem Amphitheater bot bereits vor zweitausend Jahren jeden erdenklichen Komfort. Am aufregendsten ist der Blick auf La Gaiola, eine kleine vorgelagerte Insel. Auf dem nur wenige Quadratmeter großen Eiland ließ ein italienischer Politiker im 19. Jahrhundert eine prächtige Villa erbauen, die noch heute dort steht, geheimnisumwittert und verfallen, gleichwohl mit bezwingendem Charme. Mit ein paar Schwimmzügen erreicht man La Gaiola, schaut aufs Meer, zum Strand oder paddelt zwischen den Felsen hindurch. Oder, wie gesagt, man bleibt oben auf dem Hügel und schaut dem Treiben zu. Auf dem Weg zurück ins Stadtzentrum von Neapel bewundert man den Palazzo Donn’Anna, eine spektakuläre, direkt am Wasser liegende und teilbewohnte Ruine aus dem 17. Jahrhundert. Danach isst man bei “Reginella” eine Pizza con melanzane grigliate, die es nirgendwo besser gibt. “La dolce vita” kann ganz einfach sein.

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Pause bis zum 15. August 2016

12. Juli 2016

Die Wetzlarer Neue Zeitung schreibt zum Abschlusskonzert des diesjährigen Chorprojektes der Wetzlarer Musikschule:

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Haydn trifft Genzmer
Wetzlar. Seit zwölf Jahren lädt die Musikschule zum sechsmonatigen Chorprojekt ein. Jedes Jahr zu einem anderen Thema. Diesmal haben sich die 30 Sängerinnen und Sänger Chormusik aus zwei unterschiedlichen Jahrhunderten vorgenommen. Die Spannung zwischen den Werken habe den Reiz ausgemacht, erklärte Schulleiter Thomas Sander vor 70 Besuchern im Saal der Musikschule. Ausgewählt hatte er Chormusik von Haydn (1732 – 1809) und Harald Genzmer (1909 – 2007). Dass verschiedene Jahrhunderte verschiedene musikalische Ausdrucksformen hervorbringen, stellte der Chor eindrücklich vor. Sander erläuterte die Besonderheiten der Stücke. War Genzmer eher unbekannt, so folgte mit Haydn ein überaus bekannter Komponist. Aus dessen mehr als 1000 Werken hatte Sander drei Stücke ausgesucht, die dieser nach Texten aus dem frühen 13. Jahrhundert geschaffen hat. Das Publikum in der Musikschule hatte seine Freude und dankte mit viel Applaus.
(Text und Foto: Lothar Rühl)

10. Juli 2016

Nach fast drei Tagen wirkt die Aufführung von La Juive im Nationaltheater Mannheim immer noch nach. Ein großes Opernerlebnis, eindrucksvoll und bewegend. Das macht zum einen die Musik von Halévy, die jede emotionale Stimmung auf den Punkt bringt und im wahrsten Sinne des Wortes situativ und taktgenau den richtigen Tonfall trifft. Zum anderen liegt die Wirkung im Ausdrucksvermögen der Sängerinnen und Sänger – hier bietet vor allem Roy Cornelius Smith in der Rolle des Éléazar eine glänzende Vorstellung und rührt mit seiner Arie “Rachel, quand du Seigneur” das Publikum zu Tränen. Unter der musikalischen Leitung von Alois Seidlmeier kreieren die übrigen Solisten ebenso wie Chor und Orchester eindrückliche, intensive Klänge. Die Inszenierung von Peter Konwitschny positioniert sich zum Thema der Oper, also zu den Auswüchsen ideologischer Verblendung und den verheerenden Folgen von religiösem Fanatismus, in beklemmenden Bildern. Noch lange wirkt das Finale des dritten Aktes nach – der Chor agiert hier als intolerante, gehässige, aufgeputschte Menge und produziert im rhythmischen Staccato Sprengstoffgürtel am Fließband. Die Szene geht sehr unter die Haut und zeigt auf  flamboyante Weise, wozu Theater fähig ist.

In Mannheim wird La Juive während der kommenden Spielzeit leider nicht mehr zu sehen sein. Die Opéra National du Rhin in Straßburg zeigt das Stück in Konwitschnys Inszenierung im Februar 2017. In der Inszenierung von Calixto Bieito bringt die Bayerische Staatsoper La Juive im Oktober dieses Jahres.

8. Juli 2016

Es gibt nur zwei Arten von Musik: gute und schlechte. Es kommt nicht darauf an was du spielst, sondern wie du spielst.
Louis Armstrong (1901 – 1971)

6. Juli 2016

Heute ist Tag des Kusses. Wissenschaftler sagen, dass Küssen das Immunsystem stärken und Stress abbauen kann. Außerdem würden beim Küssen alle 34 Gesichtsmuskeln trainiert. Die meisten Philematologen, also Kussforscher, sehen im Küssen ein romantisch-sexuelles Verhalten. Die im 19. Jahrhundert verbreitete These, dass Chinesen den Kuss der Europäer für eine abstoßende Spielart von Kannibalismus halten, findet heute außer bei Kabarettisten und Sakralsektierern keine Anhänger mehr. Interessanter übrigens als die Erkenntnis, dass ein Mensch in 70 Lebensjahren durchschnittlich mehr als 76 Tage mit Küssen verbringt, ist das Ergebnis einer Studie, wonach zwei Drittel der Menschen beim Küssen den Kopf nach rechts neigen. Wenn man der Theorie anhängt, dass das Küssen seine Wurzeln nicht in der tierischen Brutpflege und in Fütterungsritualen hat, sondern die Ursprünge im Beschnüffeln und Belecken des Hinterteils bei Begegnungen von Vierbeinern liegen und diese Geste sich beim Aufrichten des Menschen von unten nach oben verlagert hat – ja, dann ergibt die Aufforderung “Du kannst mich mal am A…. lecken” einen ganz neuen Sinn! Ob der Großteil der Vierbeiner das Hinterteil dabei nach rechts geneigt hat, ist wissenschaftlich nicht erforscht.

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4. Juli 2016

Termin der Woche: Do, 7. Juli, 19.00 Uhr, Nationaltheater Mannheim: Fromental Halévy, La Juive
Koproduktion des Nationaltheaters Mannheim mit dem Kunsthuis Opera Vlaanderen (Belgien)

Die Derniére, doch für mich gleich zwei Premieren: Ich war noch nie im Mannheimer Nationaltheater, und ich habe Halévys La Juive noch nie auf der Bühne gesehen. Eine mitreißende, packende Geschichte von Hass, Rache und religiösem Fanatismus, von Fromental Halévy, dem Schwiegervater Georges Bizets, ebenso stark und beeindruckend vertont!

Kardinal Brogny und der Jude Eléazar haben eine gemeinsame Vorgeschichte: Brogny verurteilte die Söhne des Juden zum Tod auf dem Scheiterhaufen, Eléazar rettete unerkannt Brognys Tochter aus einem brennenden Haus. Unter dem Namen Rachel zieht er sie in jüdischem Glauben auf. Ihrem leiblichen Vater hat er jedoch nie verziehen. Reichsfürst Léopold verliebt sich in die schöne vermeintliche Jüdin, obwohl er bereits mit der Nichte des Kaisers verbunden ist. Eine Ehe mit Rachel ist unmöglich, doch Vater und Tochter fühlen sich verraten. Rachel macht ihre Beziehung mit Léopold öffentlich, Brogny lässt hierfür alle drei in den Kerker werfen. Eine nachträgliche Entlastung rettet Léopold, der Jude und seine vermeintliche Tochter aber werden zum Tode verurteilt. In dem Moment, in dem Rachel stirbt, eröffnet Eléazar Brogny ihre wahre Identität. Die Handlung bettet einen Privatkonflikt in eine historische Situation ein, das Konzil von Konstanz 1414, und eröffnet Halévy vielfältige kompositorische Möglichkeiten. Einerseits charakterisiert er die Hauptfiguren auf eindringliche Weise, was sich in expressiver Melodik zeigt. Andererseits nutzt er die Volksszenen zu großen Tableaus, die in ihrer Kraft bestechen und einen starken klanglichen Sog entfalten. Hierbei verwendet Halévy eine damals neuartige Klangmischung, in der er die tiefen Bläser hervorhebt. Der anhaltende große Erfolg dieser Oper machte Halévy zum wichtigsten Vertreter der Grand opéra nach Meyerbeer. (Quelle: NTM)

1. Juli 2016

Die Uraufführung von Gustav Mahlers 6. Sinfonie – wir haben uns in dieser Woche mit dem Werk näher beschäftigt – fand 1906 im Essener Saalbau statt. Es spielten die Essener Philharmoniker, gemeinsam mit dem Utrechter Sinfonieorchester, unter der Leitung des Komponisten. Der Essener Saalbau war nur zwei Jahre zuvor feierlich eingeweiht worden, es dirigierte Richard Strauss. 1913 führte Max Reger hier seine Böcklin-Suite zum ersten Mal auf, und auch in den nachfolgenden Jahren war der Saalbau mehrfach Schauplatz großartiger musikalischer Darbietungen. Bei einem Bombenangriff im Juli 1943 erlitt das Konzerthaus schwerste Schäden, wie im Übrigen die gesamte Essener Innenstadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand ein modernisierter Wiederaufbau im schlichten Stil. In den Jahren 2002 bis 2004 wurde der Saalbau als Sitz der Philharmonie Essen vollständig renoviert und mit neuer technischer Ausstattung versehen. Am 4. Juni 2004 fand die Wiedereröffnung des neuen Konzert- und Veranstaltungsortes statt.

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Saalbau Essen, 2004
Foto: Thomas Robbin

Heute lese ich, dass der frühere Bundeswirtschaftsminister und derzeitige Chef der RAG-Stiftung, Werner Müller, einen Solidarpakt im Volumen von 50 Milliarden Euro für das Ruhrgebiet fordert. Mit dem Geld könnten Straßen saniert und ganze Stadtviertel attraktiv gemacht werden, ebenso könnte man Unternehmen ansiedeln. Mindestens 200 Milliarden Euro seien in den Aufbau Ost geflossen, so Müller, auch viel Steuergelder der Bürger des Ruhrgebiets. Auf den Aufbau Ost müsse nun der Aufbau West folgen. Müller beklagt, dass die Infrastruktur und manche Stadtteile “verkommen”, dass es Viertel in Duisburg, Dortmund und im Essener Norden gibt, “da möchte niemand wohnen oder seinen Betrieb haben. Wir können die gut fünf Millionen Menschen im Ruhrgebiet nicht hängen lassen.”

Wir pflichten dem bei, ohne Vorbehalt. Und hoffen inständig, dass der ersehnte Solidarpakt so rasch wie möglich auf den Weg gebracht wird und – nicht minder wichtig – dabei die richtigen Prioritäten gesetzt werden, gerne in Erinnerung an ein Wort des ehemaligen Landesvaters von Nordrhein-Westfalen und späteren Bundespräsidenten Johannes Rau: “Wenn wir Musik und Sport und Kunst für die Sahne auf dem Kuchen halten und nicht für die Hefe im Teig, dann verstehen wir unsere Gesellschaft falsch.”

29. Juni 2016

Mit ein bisschen Glück kann ich vor meiner Neapel-Reise noch an einem Crash-Kurs Italienisch teilnehmen. Das wäre schön, denn im Ausland gebietet die Höflichkeit, wenigstens ein paar Versatzstücke der Konversation in der Landessprache zu beherrschen. Etwas mehr als “buongiorno”, “il conto per favore” oder “non è possibile” würde ich schon gerne sagen können. Doch kein Italiener erwartet, dass ich mit ihm die Rolle Italiens in der EU diskutiere, schon gar nicht auf italienisch. Vielleicht doch noch auf englisch? Seit dem Brexit wird ja unter den EU-Delegierten darüber gesprochen, was denn nun Verhandlungssprache sein soll, so ganz ohne die Briten. Also wie wär’s mit italienisch? Lässt sich schnell lernen und vor allem gut singen (wenn’s mal mit dem Verhandeln schwierig werden sollte). Und “fruttivendola” klingt einfach schöner als “fruiterer”, das würde jede Obstverkäuferin bestätigen.

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Vincenzo Campi, La Fruttivendola

27. Juni 2016

Nachdem Jerome Boateng nun sein erstes Länderspieltor geschossen hat, noch dazu im Achtelfinale eines wichtigen Turniers und obendrein mit verhärteter Wadenmuskulatur, wollen ihn wohl endgültig alle als Nachbarn haben. Naja, vielleicht nicht alle. Wann klappt’s denn mit dem Nachbarn? Dazu könnten sich Raab oder Böhmermann mal was Kreatives überlegen. Vielleicht eine Sendung ohne Bild und Ton, sozusagen Kopfkino ohne Einschalten, dafür mit Abschalten. Wir sehen fern, sehr fern. Glotzenlose Nachbarschaftshilfe als psychomentale Recreation. Zu anspruchsvoll? Lieber eine Sendung mit Entertainplacebo, variierenden Bildpausen und spontaner Irritation? “Ist der Bildschirm schwarz, oder gibt Boateng gerade ein Interview?” Deutschland sucht den Supernachbarn, Alexander Gauland im Gespräch mit Thorsten Legat. “Wie sind Sie zum Fußball gekommen?” “Immer die Castroper Straße hoch.” Aus, aus, aus, aus!!! Das Spiel ist aus!!!!

24. Juni 2016

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There is nothing either good or bad, but thinking makes it so.
Shakespeare, Hamlet

22. Juni 2016

Die nächste Opernreise der Wetzlarer Musikschule findet vom 10. – 13. November 2016 statt und geht nach Amsterdam (De Nationale Opera). Auf dem Programm steht eine szenische Aufführung des Oratoriums Jephta von Georg Friedrich Händel (Regie Claus Guth). Die Titelpartie singt Richard Croft, in weiteren Rollen sind Wiebke Lehmkuhl, Anna Prohaska, Bejun Mehta, Florian Boesch und Anna Quintans zu hören. Es spielt Concerto Köln, die musikalische Leitung hat Ivor Bolton.

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“Wir versuchen immer”, so hat die Regisseurin Lydia Steier einmal erklärt, “einen Draht zu ziehen zwischen einer anderen Zeit und unserer Zeit, sonst hat es keinen Sinn, diese Stücke zu präsentieren.” Nach der Lektüre der Amsterdamer Homepage dürfen wir in diesem Sinne von einer Inszenierung ausgehen, welche die alttestamentarische, persönliche Tragödie Jephtas mit einer aktuellen Botschaft in der Bedeutung der Mahnung, des Mementos verknüpft. Claus Guth erzählt die alte Geschichte eines Verlierers, der versucht, dem unseligen Kreislauf seines Lebens zu entkommen. Das Individuum trifft falsche Entscheidungen und vergibt Chancen – desozialisiert, zermürbt und aufgerieben zwischen Hoffnung und Angst.

Jephta ist Händels letztes Oratorium. Er vollendet es, beinahe vollständig erblindet, im August 1751. Im zweiten Akt vermerkt er beim Chor „How dark, O Lord, are Thy decrees“ in deutscher Sprache „biß hierher komen den 13 Febr. 1751 verhindert worden wegen so relaxt des gesichts meines linken auges“.

20. Juni 2016

Katzenjammer ist was Schönes, solange es sich um die Folk-Rock-Band aus Norwegen handelt. Anne Marit Bergheim, Solveig Heilo und Turid Jørgensen (bis 2015 auch Marianne Sveen) spielen eine stilistisch schwer einzuordnende Musik, die zuweilen nach Tanz und Jahrmarkt klingt, nach Bar und Zirkus, nach Sonne und Wind. Die Stücke sind häufig sehr sinnlich und erzählen von Sehnsucht und Lust, von Schmerz und Verzeihen, von Träumen und Aufbruch. Katzenjammer singt vom richtigen Leben, so wie wir es uns wünschen, wie es sein kann, wie es ist.

Katzenjammer

17. Juni 2016

Hitchcock hat noch ganz andere Sachen gesagt, zum Beispiel: “Ich finde, die englischen Frauen, die Schwedinnen, die Norddeutschen und die Skandinavierinnen sind interessanter als die romanischen, die Italienerinnen und die Französinnen. Der Sex darf nicht gleich ins Auge stechen. Eine junge Engländerin mag daherkommen wie eine Lehrerin, aber wenn Sie mit ihr in ein Taxi steigen, überrascht sie Sie damit, dass sie Ihnen in den Hosenschlitz greift. [...] Ich brauche Damen, wirkliche Damen, die dann im Schlafzimmer zu Nutten werden. Der armen Marilyn Monroe konnte man den Sex vom Gesicht ablesen, auch Brigitte Bardot, und das ist nicht besonders fein. [...] Die [haben] nur schlechte Filme gedreht. Warum? Weil es mit ihnen keine Überraschung gibt, folglich auch keine guten Szenen.

Marilyn Monroe und Brigitte Bardot haben mit Regisseuren wie Howard Hawks, Billy Wilder, Otto Preminger, John Huston, George Cukor, Anatole Litvak, Henri-Georges Clouzot und Louis Malle gearbeitet. Es ist unwahrscheinlich, dass Hitchcock den genannten Regie-Kollegen oder den Schauspielerinnen seine Ansichten auf direktem Wege übermittelt hat. Vielleicht hat er ihnen Kondome zukommen lassen – mit Packungsaufdruck: Warnung! Griffe in den Hosenschlitz beeinträchtigen das Urteilsvermögen.

16. Juni 2016

Kunst kommt für mich vor Demokratie.
Alfred Hitchcock (1899 – 1980)

14. Juni 2016

Vor vielen Jahren hielt mich spätabends die Gelsenkirchener Verkehrspolizei an, weil ich auf der B 227 sehr langsam unterwegs war. Die Beamten fragten nach dem Grund meiner sedierten, tranceartigen Fahrweise, und ich erklärte, dass ich gerade im Musiktheater ein Sinfoniekonzert mit Mahlers Dritter gehört hatte: “Sie wissen schon, die mit dem entrückten D-Dur-Adagio.” Die etwas ratlosen Polizisten verzichteten auf einen Alkoholtest, empfahlen ein für eine Schnellstraße angemessenes Tempo und wünschten einen guten Heimweg.

Ich hatte bis zu diesem Tag keine Vorstellung davon, dass der Schlusssatz (Langsam. Ruhevoll. Empfunden) wie ein Zaubertrank wirkt und – wie la-belle-epoque schreibt – “uns in den Zustand der inneren Erschöpfung, aber auch der geistigen und seelischen Erfüllung und des vollkommenen Glücks” hebt. Der programmatische Zusatz “Was mir die Liebe erzählt” verweist auf ein sinfonisches Finale, wie es kein vergleichbares gibt. Wir besprechen Mahlers 3. Sinfonie heute und am Donnerstag im Kurs.

13. Juni 2016

Es ist – ich gebe es zu – einer meiner Lieblingsfehler, und es war klar, dass er pünktlich zu den Übertragungen der Fußball-Europameisterschaft wieder auftauchen würde. Meiner Erwartung entsprechend sagte also gestern der Kommentator während seiner Live-Reportage wieder gewunken statt gewinkt. Daran habe ich mich mit heiterer Resignation gewöhnt und zitiere hier gerne Eduard Engel, der schon 1918 in seinem Werk Gutes Deutsch. Ein Führer durch falsch und richtig schreibt: “Von winken gibt es in Süddeutschland ein, dort ernst gemeintes, gewunken; in Norddeutschland wird es nur bewußt drollig gebraucht.” Ob der besagte Fußballkommentator Süd- oder Norddeutscher ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

Noch 1998 stellt der Duden fest: “Das unregelmäßige 2. Partizip gewunken dringt heute, obwohl es hochsprachlich nicht als korrekt gilt, über das mundartliche hinaus.” Doch schon in der Ausgabe von 2005 steht gewunken kommentarlos neben dem als Hauptform gekennzeichneten gewinkt. Leider empfiehlt auch das grammatische Informationssystem des Instituts für deutsche Sprache (ids), dass der “Verteufelung von gewunken das Lebewohl zugewunken” werden sollte und rät dann allen Ernstes, bei einem eher konservativen Adressaten vielleicht doch großzügig gewinkt zu schreiben.

Ich bin da weniger konziliant. Erst wenn die Sterne geblunken haben und ich mit gezunkenen Karten über die Straße gehunken bin – dann werde ich auch gewunken akzeptieren.

10. Juni 2016

Den Uhund haben eine Schülerin und ich vor Jahren während einer Klavierstunde entdeckt. Wir sprachen über Zählzeiten im Dreivierteltakt und behandelten die Unterteilung in Achtel und Sechzehntel. “1 – 2 – 3″ zählten wir gemeinsam die Viertel, dann “1 und 2 und 3 und” die Achtel.
“Jetzt die Sechzehntel”, sagte ich. “1 uhund 2 uhund 3 uhund….”
“Uhund?”, fragte meine Schülerin.
“Ja, Uhund. Das Sechzehntel-Tier”, bestätigte ich.
“Das Sechzehntel-Tier?”
“Ja, eine Kreuzung aus Uhu und Hund. Uhund eben. Ein Tier für unterteilte Zählzeiten.”
“Ich verstehe. Ist bestimmt sehr musikalisch. Ruft und bellt nur in Sechzehnteln, oder?”
“Genau. Und sieht cool aus.”

Uhund

8. Juni 2016

Hab jetzt 6 Solosonaten für die Geige allein geschrieben. Mir geht’s gut, wie’s den Geigen geht dabei, weiß ich nicht.
Max Reger, 1905

Eine Bewertung des Werkes von Max Reger (1873 – 1916) fällt der Musikwelt seit jeher nicht leicht. Von einer konsensualen Einschätzung kann keine Rede sein, wenngleich der kompositorische Rang nie bestritten wird – von Igor Strawinsky einmal abgesehen, der Regers Musik ebenso wie dessen Erscheinung abstoßend fand. Der junge Sergei Prokofjew hingegen war von Reger fasziniert, und von Paul Hindemith sind die Sätze überliefert: “Max Reger war der letzte Riese in der Musik. Ich bin ohne ihn gar nicht zu denken.” Reger selbst erwartete, dass man ihn als reaktionär bezeichnen und zum alten Eisen werfen würde. Vielleicht wäre er über die zahlreichen Veranstaltungen, Konzerte und CD-Produktionen anlässlich seines 100. Todestages einigermaßen erstaunt.

Max Reger 1913

Regers Musik ist schwer, technisch wie musikalisch. Bisweilen entziehen sich Interpreten den Mühen der Einstudierung, zumal ein ungeteilt positives Echo im Konzertsaal nur von ausgewiesenen Kennern zu erwarten ist. Reger hat seine eigene Gemeinde von Bewunderern, doch das Abonnentenpublikum tut sich schwer. Ein erster Zugang kann sich – wenn überhaupt – nur über den Ausdrucksgehalt der Musik erschließen, ein satztechnisches oder harmonisches Verständnis ist für Laien so gut wie unmöglich. In Abwandlung des oben genannten Zitats wäre die Frage “wie’s dem Hörer dabei geht” nur allzu berechtigt, nicht nur in Bezug auf die Sonaten für Geige.

5. Juni 2016

Wetzlarer Neue Zeitung, 5. Juni 2016

SCHWELGEN IN ERINNERUNGEN
EIN ABEND FÜR MARILYN MONROE

WETZLAR. Es sollten 90 Minuten für 90 Jahre werden. So Thomas Sander am Mittwochabend in der Musikschule. Eine Ehrung für Marilyn Monroe, die am 1. Juni 90 Jahre alt geworden wäre. Tatsächlich wurde der Vortrag etwas länger, aber es hatten sich auch deutlich mehr als 90 Besucher eingefunden, um sich in die Zeit von Hollywoods Glanz und Glamour entführen zu lassen und in alten Liedern und Erinnerungen zu schwelgen.

Er sei weniger ein Fan als vielmehr ein Bewunderer und Kenner des Werks der meistfotografierten Frau des 20. Jahrhunderts, sagte Sander im Anschluss seines Vortrags. Das war dem Leiter der Musikschule im Verlauf des Abends deutlich anzumerken. Ohne Notizen hielt der den über anderthalbstündigen Vortrag frei. Er touchierte kurz die Kindheit der Schauspielerin und ging dann nahtlos zu der Zeit über, in der aus der von Pflegefamilie zu Pflegefamilie abgeschobenen und bereits mit 16 Jahren verheirateten Norma Jeane Baker die Filmikone Marilyn Monroe wurde.

Model und B-Movie-Darstellerin sei sie zunächst gewesen, aber spätestens mit Sanders erklärtem Lieblingsfilm “Niagara” (1953) habe sie zeigen können, welches schauspielerische Talent in ihr steckte. Doch Niagara sei nicht nur ein brillant inszenierter Thriller gewesen, konstatierte Sander. Auch durch den monothematischen Einsatz der Filmmusik, dem Song “Kiss me”, habe sich dieser Film von anderen seiner Zeit hervorgehoben. Zur genaueren Untermalung seiner These setzte sich Sander ans Klavier und spielte die musikalische Sequenz, die im Film orchestral, jazzig, lasziv gesummt und unter der Dusche gesungen auftaucht und sogar vom Geläut der Kirchenglocken intoniert wird. Erst die letzte Szene des Films verzerrt die Melodie durch eine düster-bedrohliche Verschiebung in Moll. “Sie sind so still,” bemerkte Sander die Wirkung, die sein Spiel hatte, lächelnd.

Doch nicht allein Marilyns künstlerisches Schaffen hatte er im Visier. Er zitierte Passagen aus Biografien und zeichnete so ein facettenreiches Bild der zu Lebzeiten oft verkannten Schauspielerin. Immer wieder sorgte Marilyn Monroe für Überraschungen. Plante der Regisseur vier Tage für eine komplizierte Szene, reichten 20 Minuten. Dafür musste der Satz “Wo ist der Whisky” aus “Some Like it Hot” 65 Mal gedreht werden. Die Filmausschnitte waren hervorragend gewählt. Das Publikum schwankte zwischen Tränen und Gelächter, erinnerte sich an Lieblingsfilme und entdeckte neue. 90 Minuten reichten bei Weitem nicht aus, um alles über Marilyn Monroe abzudecken. (bon)

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Thomas Sander erinnerte auch musikalisch an die Schauspielerin Marilyn Monroe (Foto: Bonacker)

3. Juni 2016

Zum Frühstück lese ich heute in der Tageszeitung, dass die Entscheidung darüber, ob Uli Hoeneß nochmals einen hochrangigen Posten bei Bayern München übernimmt, bis Ende dieses Monats fallen wird. So steht es tatsächlich geschrieben – bis Ende dieses Monats. Dieses, nicht diesen. Oh Wunder! Wie hatten wir uns schon an Wendungen wie “zum Ende diesen Quartals” oder “Kinder diesen Alters” gewöhnt! Komisch, niemand spricht bisher von den “Fenstern diesen Hauses” oder den “Früchten diesen Feldes”. Aber das kommt womöglich noch, wer weiß. Vielleicht bis zum Ende diesen… äh, dieses Jahres.

Weiter lese ich, dass der Geschäftsführende Direktor des Deutschen Bühnenvereins, Rolf Bolwin, eine ausreichende öffentliche Finanzierung für Theater und ihre Beschäftigten fordert. Völlig zu Recht stellt er fest, dass die Mitarbeiter an Theatern immer mehr arbeiten, aber dabei nicht mehr, sondern eher weniger verdienen. Darüber hinaus fällt uns immer dann ein, so Bolwin, dass der Staat zu wenig Geld hat, wenn es um Bildung und Kultur geht. An Bund und Länder appeliert er, Kommunen in ausreichender Weise mit Steuermitteln auszustatten, “schließlich gehört das kulturelle Angebot zur Lebensqualität einer Stadt. Es zieht doch keiner nach Dortmund, weil dort so ein gut funktionierendes Einwohnermeldeamt existiert.”

30. Mai 2016

In einem seiner letzten Interviews sprach Roger Willemsen auch über Paarbeziehungen und unterschied dabei deduktive von induktiven Herangehensweisen. Viele Menschen, so sagte er sinngemäß, pflegen einen deduktiven Zugang in der Weise, dass sie genaue Vorstellungen hinsichtlich einer Beziehung haben und sich danach den Partner aussuchen. Er selber dagegen könne nur induktiv vorgehen und zunächst einen Partner finden, um anschließend zu sehen, was mit diesem in welcher Form zusammen möglich ist.

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Das erinnerte mich sofort an Robert Carsens Pariser Tannhäuser-Inszenierung. Darin läuft der tragische Held während der ganzen Zeit mit einem fertigen Rahmen durch die Welt und sucht dazu das passende Bild. Er könnte sich viel Kummer ersparen, wenn er zunächst das Bild finden würde, für das er sich entscheiden will. Anschließend könnte er sich in Ruhe überlegen, welcher Rahmen dazu passen könnte, ja ob sein Bild überhaupt gerahmt werden muss oder soll. Machen wir also uns und andere nicht unglücklich durch das Festhalten an alten Rahmen und Begrenzungen! Überprüfen wir unsere eigenen Denkmuster, dann können wir mit George Bernard Shaw sagen: “Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Jedesmal nimmt er neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Annahme, sie würden noch auf mich passen.”

28. Mai 2016

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass ich bestimmte Geschichten so oft erzählt habe, dass ich nicht mehr weiß, ob ich sie wirklich erlebt habe. Ich wusste eine Zeitlang noch, dass ich sie wirklich erlebt habe, aber irgendwie haben die sich dann verselbständigt. Geschichten drängen sich zwischen die Wirklichkeit, und man weiß es nicht mehr. Also, ich weiß, dass ich nie mit der Monroe geschlafen habe und daher auch nie ’ne Geschichte darüber erfunden habe.
Hellmuth Karasek (1934 – 2015) im Jahre 2012 in einem Interview auf die Frage, ob der Regisseur Billy Wilder für eine gute Geschichte das eine oder andere zurechtgebogen habe, wie glaubwürdig dessen Erzählungen seien und ob Wilder nicht jemand ist, der “die Wahrheit sagt, selbst wenn er lügt”.

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Foto: JesterWr/C. Grube

An einer anderen Stelle des Gesprächs ist von “heiligen Stätten” die Rede und wie man sich freut, wenn man selbst dort ist. Orte, an denen die großen Stars übernachtet oder sich anderweitig aufgehalten haben. Das kann ich gut verstehen. Ich würde zum Beispiel gerne mal eine Nacht im Hotel Crowne Plaza Niagara Falls verbringen, Zimmer 801. Marilyn Monroe hat dort während der Dreharbeiten zu Niagara gewohnt. Sollte dieser Wunsch jemals in Erfüllung gehen, wäre es schön, wenn ich hinterher wüsste, dass ich es wirklich erlebt habe. Wenn nicht, würde ich die Geschichte wahrscheinlich erfinden. Sie wäre sogar wahr.

25. Mai 2016

Mir fehlt etwas, wenn ich keine Musik höre, und wenn ich Musik höre, fehlt mir erst recht etwas. Dies ist das Beste, was ich über Musik zu sagen weiß.
Robert Walser (1878 – 1956)

24. Mai 2016

Das Wichtigste beim Komponieren sei der Radiergummi, hat Igor Strawinsky einmal gesagt. Die Kunst, ganz wörtlich, liegt also im Weglassen. Weglassen kann in der Kunst aber nur jemand, der die Fülle kennt und weiß, welche Extrakte, Konzentrationen und Verknappungen überhaupt formuliert werden können. Vom Herzen in den Kopf, dann aufs Papier. Über den Klang in die Köpfe und Herzen der Zuhörer, ins Leben.

Beim kürzlich ausgetragenen Eurovision Song Contest (ESC) belegte der deutsche Beitrag den letzten Platz. Bei der Jury wie auch bei den Fernsehzuschauern fiel der Beitrag durch. Sängerin Jamie-Lee (18) glaubt zu wissen, woran es lag: “Ich glaube, mein japanischer Manga-Style. In Deutschland hatten die Leute genug Zeit zu verstehen, warum ich so rumlaufe. Bei Europa war es zu wenig Zeit, mich kennenzulernen und zu verstehen, denke ich.“ Hm, der japanische Manga-Style…. Vielleicht lag es schlicht am fehlenden Radiergummi?

22. Mai 2016

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20. Mai 2016

“Operetten gelten als muffig und spießig – ein Irrtum, denn diese unerhörte musikdramatische Kunst birgt bei aller Ironie ein utopisches Potential, das spielerisch die Welt aus den Angeln heben möchte.” Der Literaturwissenschaftler Volker Klotz kommt zu diesem Befund und bezeichnet die Operette als “unerhörte“ Gattung (wie schön!), als ein im besten Fall dramaturgisch wie musikalisch „aufsässiges Bühnenstück, das wider erstarrte und verhockte Lebenshaltungen“ anrennt.

Spielerisch die Welt aus den Angeln heben – wer von uns wollte das nicht oder hat nicht wenigstens einmal davon geträumt? Und wollten wir nicht sowieso gegen erstarrte und verhockte (oder war es verbockte … verzockte?) Lebenshaltungen anrennen? Was ist daraus geworden? “Früher war mehr Operette”, so könnten wir in Abwandlung eines bekannten Bonmots sagen, und damit sind nicht nur die Spielpläne der Theater gemeint. Warten wir nicht immerfort und tun so, als hätten wir ewig Zeit! Und halten wir uns an ein Wort von Robert Stolz, einem der größten Komponisten von Operetten und Filmmusiken: “Es bleibt einem im Leben nur das, was man verschenkt hat.”

18. Mai 2016

It’s true we don’t know what we’ve got until its gone, but we don’t know what we’ve been missing until it arrives. Pleasure of love lasts but a moment, pain of love lasts a lifetime.
Bette Davis (1908 – 1989)

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16. Mai 2016

Hier noch einmal zwei Passagen aus Lord Alfred Tennysons Ulysses (1833, veröffentlicht 1842). Der zweite Teil wird zitiert im James-Bond-Film Skyfall (2012). Ein Gesang der Erkenntnis, Beharrlichkeit und Zuversicht, umspielt von milder Trauer, dabei sehr klug und von großer Klarheit.

Ich kann nicht rasten vom Reisen, ich will das Leben
trinken bis zum letzten Tropfen. Ich habe es jederzeit sehr genossen,
habe sehr gelitten, sowohl mit denen,
die mich liebten, als auch allein.

Sind wir auch länger nicht die Kraft,
die Erd‘ und Himmel einst bewegte,
so sind wir dennoch was wir sind;
Helden mit Herzen von gleichem Schlag,
geschwächt von Zeit
und von dem Schicksal;
doch stark im Willen
zu ringen, zu suchen, zu finden.
Und nie zu weichen.

15. Mai 2016

Ich war im 5. oder 6. Semester, als ein Kommilitone aus der Abteilung Gesang einmal meinte, Dietrich Fischer-Dieskau sei kein großartiger Sänger, aber ein herausragender Interpret. Damals kam mir diese Ansicht geradezu blasphemisch vor, doch im Laufe der Jahre konnte ich der Einschätzung immer mehr abgewinnen. Mir gefiel die Unterscheidung – sprechen wir über die Stimme, also über Timbre, Register, Volumen etc. oder über Wandlungsfähigkeit, Gestaltungswillen, Überzeugungskraft? Aus allen einzelnen Facetten wird doch das Ganze, wie im richtigen Leben – oder etwa nicht? Wir haben allerdings – und das ist die gute Nachricht – keine Verpflichtung zur Objektivität, wenn wir jemanden verehren.

So geht es mir mit Mélanie Laurent und ihrem 2011 beim Label “Atmosphériques” erschienenen Debütalbum En t’attendant. Zwölf Lieder, überwiegend in einem rezitativisch-nachdenklichen Tonfall, versonnen und melancholisch. Das Album wirkt reif und ausbalanciert, ganz wunderbar. Mein Studienfreund würde vielleicht sagen, sie ist keine großartige Sängerin, aber eine gute Chansonnette. Mir wär’s egal. Ich bin bei Mélanie Laurent sowieso nicht objektiv, und das ist ganz in Ordnung so.

Inglourious Basterds Premiere Nashville
Foto: Bev Moser

12. Mai 2016

Glaubhaftigkeit. Man muss eine Figur annehmen mit allen Stärken und Schwächen – ohne sich neben sie zu stellen und sie zu kommentieren. […] Man muss in die Haut der Figur schlüpfen. Dabei kommt man von der Distanz zur Nähe. Es geht darum, eine Figur völlig zu akzeptieren und in ihr aufzugehen. Das ist ein Prozess, den man jedes Mal neu durchläuft. Zuallererst wird die Partie intellektuell erschlossen. Man versucht, sie zu verstehen und mehr und mehr mit ihr zu verschmelzen. Man kann nicht naiv sagen, ich spiele jetzt mal den Hänsel. Das wird nicht funktionieren. Ich muss jeden Satz auf seine Wahrheit und das Warum abklopfen. Wer das nicht schafft, dem wird man nicht glauben. Ob in einem kleinen oder großen Opernhaus.
Waltraud Meier

Quelle: Mozartfest Würzburg, Magazin 2016. Das Gespräch mit Waltraud Meier führte Intendantin Evelyn Meining.

9. Mai 2016

Nachträglich zum gestrigen Besuch in Düsseldorf lese ich, dass Rimski-Korsakow Opern für “die im Grunde bezauberndsten und berauschendsten Lügen” hielt und erfahre, dass Märchen zeitlebens einen unwiderstehlichen Reiz auf ihn ausübten. Kein Wunder also, dass er seiner Oper Der goldene Hahn den Untertitel “Märchen mit Moral” gab und darin impressionistische Skalen, liedhafte Folklore und sinnlich-orientalische Klangfarben miteinander verschmelzen ließ. Das Libretto von Wladimir Bjelski nach Puschkins Märchen bot ihm dazu alle Möglichkeiten, und als Vertreter einer nationalen Schule mit eigener russischer Musik nutzte er diese weidlich aus.

Die Deutsche Oper am Rhein setzt das Stück grandios um – Regie, Bühnenbild, Kostüme, Sänger und Orchester bieten zweieinhalb Stunden pures Hör- und Sehvergnügen. Der goldene Hahn läuft am 15. Mai zum letzten Mal in dieser Spielzeit, danach als Wiederaufnahme in der Saison 2016/17.

7. Mai 2016

Der alte König Dodon bekommt von einem Astrologen einen goldenen Hahn geschenkt. Dieser soll das Reich bewachen und seine Stimme erheben, wenn Feinde und Gefahren drohen. Einige Zeit später muss Dodon in den Krieg ziehen und verliert dabei seine beiden Söhne. Eine schöne Frau erscheint und gibt sich als Zarin von Schemacha aus. Dodon verliebt sich in sie und kehrt mit ihr zusammen in die Hauptstadt zurück. Dort verlangt der Astrologe die schöne Zarin als Lohn für den Hahn. Dodon weigert sich, den Lohn zu zahlen und erschlägt den Astrologen. Der Hahn tötet daraufhin den Zaren durch einen Schnabelhieb und verschwindet mit der hohnlachenden Schemacha. Das Volk bleibt ratlos zurück. Wie soll eine Zukunft ohne Herrscher aussehen?

Ein philosophisches Märchen für Erwachsene, eine groteske Gesellschaftssatire, eine erotische Komödie – die Deutsche Oper am Rhein spielt Der goldene Hahn von Nikolai Rimski-Korsakow und wirbt mit den wiedergegebenen Bezeichnungen für ein auf deutschsprachigen Bühnen nicht allzu oft gespieltes Stück. In der Oper, die in ihrer Handlung auf das gleichnamige Märchen von Puschkin zurückgeht, wird ein engstirniges zaristisches System ad absurdum geführt. Das konnte den offiziellen Behörden zur Zeit der Entstehung natürlich nicht gefallen. Rimski-Korsakow verbrachte seine letzten Lebensmonate im Kampf mit der Zensur. Eine gedruckte Ausgabe und eine Aufführung des Goldenen Hahns waren verboten. Rimski-Korsakow starb 1908, die Uraufführung fand ein Jahr später in Moskau statt. Ich sehe eine Aufführung der Deutschen Oper am Rhein morgen Nachmittag in Düsseldorf.

morning rooster

6. Mai 2016

Mein Lieblingsfilm mit Marilyn Monroe ist Niagara (Regie Henry Hathaway, USA 1953). Die New York Times schrieb damals, dass 20th Century Fox neben den bekannten sieben Weltwundern zwei weitere entdeckt hätte – die Niagarafälle und Marilyn Monroe, und die Aussicht sei in beiden Fällen atemberaubend. Die Katholische Filmkritik befindet unfreiwillig komisch, der Film zeige ein “amerikanisches Ehedrama mit geschickter Verwendung von Naturschönheiten. Einstufung: Für Erwachsene, mit Vorbehalten.”

Kiss, das zentrale Lied des Films und Vorlage für den monothematischen Einsatz der Filmmusik von Sol Kaplan, wurde komponiert von Lionel Newman (Musik) und Haven Gillespie (Text). “There is no other song”, sagt Marilyn in einer zentralen Szene des Films. Kein Einspruch.

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4. Mai 2016

Der künstlerische Leiter der Göttinger Händel-Festspiele, Laurence Cummings, meinte kürzlich in einem Interview, dass die barocke Da-Capo-Arie mit der Wiederholung ihres A-Teils heutzutage für den Konzertbetrieb kein Problem mehr darstellt. Wir wüssten mittlerweile viel mehr über Verzierungen als früher, und damit seien Wiederholungen jetzt aufregender, so seine Schlussfolgerung. Darüber hinaus, so ein weiterer Gedanke Cummings’, konzentrierten sich die heutigen Barockorchester darauf, bestimmte Aufführungsbedingungen wieder herzustellen, und möglicherweise würde das Publikum genau das lieben – eine Zeitreise, eine Verbindung zur Vergangenheit.

Das mag ja alles sein. Trotzdem ist etwas anderes entscheidend: Es gab zu allen Zeiten gute und schlechte Musik – und ebenso aufregende oder langweilige Gestaltungen und Interpretationen. Nicht nur Barockmusik wurde und wird viel zu häufig uninspiriert und anämisch gespielt, für Musik aller anderen Epochen gilt dies ebenso. Und wer als Konsument tatsächlich so weit geht, beim Kartoffelschälen Mozart, Brahms oder Debussy zu hören, der sollte sich mit B- oder C-Ware bescheiden. Anders geht es auch nicht! Wird die Musik nämlich aufregend, begeisternd, packend, ja verstörend gespielt, dann muss die Suppe verbrennen. So ähnlich hat es Nikolaus Harnoncourt einmal gesagt. Und noch etwas: Es geht gerade in der Barockmusik nicht zuallererst um Töne, um irgendeine technische Brillanz, um neue oder alte Instrumente, sondern darum, dass die Interpreten diejenigen sind, die den kompositorischen Schaffensprozess zum Abschluss bringen. Ohne Fantasie keine Schönheit, ohne Kreativität keine Kunst.

2. Mai 2016

Morgen wollen wir im Vormittagskurs den Einstieg in das sinfonische Werk von Anton Bruckner finden. Das wird ein bisschen Zeit in Anspruch nehmen, denn immerhin haben wir es mit insgesamt zehn Sinfonien zu tun, die eine zum Teil sehr weit entwickelte Klangsprache aufweisen. Es ist gut möglich, dass sich eine Diskussion entspinnen wird zum Thema Wirkung, zu Größe und Umfang, anders verstanden als Schwere und Monumentalität. Wir werden darauf zu sprechen kommen, welche Bedeutung der Nationalsozialismus Bruckners Musik zuteil werden lässt, insbesondere für propagandistische Zwecke. Und schließlich: Wer ist dieser Mann, der seine 7. Sinfonie König Ludwig II., die 8. Sinfonie Kaiser Franz Joseph und seine 9. Sinfonie dem lieben Gott widmet? Der sein Leben lang schriftliche, erfolglose Heiratsanträge verfasst, vorzugsweise an junge Frauen um die 20? Für die Betrachtung seines Œuvres ist das nicht unerheblich. Vielleicht hat in der Tat eine explosive Mischung aus militantem Katholizismus und sexueller Unterzuckerung das Entstehen dieser massiven, gewaltigen Klangflächen begünstigt, wer weiß. Jedenfalls geht eine eigenartige Wirkung von Bruckners Musik aus, und nur die wenigsten lässt sie kalt, so oder so.

Bruckner Büste

1. Mai 2016

Mayday

30. April 2016

Gedankensplitter

Wer in einer Sprache angeredet wird, die er/sie nicht gelernt hat, kann nicht wissen, ob das Gesagte bedeutsam oder sinnfrei ist.

In eben dieser Situation befinden sich die meisten beim Betrachten von Bildern und beim Hören von Musik, wenn diese (Bilder wie Musik) nicht hinreichend “vorgekostet“ worden sind.
Dieter Mulch

28. April 2016

Seit ein paar Jahren werden auf deutschen Bühnen wieder häufiger Opern der französischen Romantik aufgeführt. Werke von Gounod, Meyerbeer und Massenet tauchen seit längerem auf Spielplänen deutschsprachiger Theater auf, Stücke von Bizet, Berlioz und Saint-Saëns ohnehin. Doch Opern von Boieldieu, Halévy, Thomas oder Auber waren bisher eher seltener zu finden. Umso schöner, dass sich seit geraumer Zeit einige Häuser – auch kleinere – daran machen, diverse Schätze zu heben. Das Stadttheater Gießen erfreut in der laufenden Spielzeit sein Publikum mit Boieldieus Die weiße Dame, das Nationaltheater Mannheim führt Halévys La Juive (Die Jüdin) auf, übrigens ein von Wagner, Verdi und Mahler hochgelobtes Stück und bis zur Zeit des Nationalsozialismus ein Reißer in deutschen Musiktheatern. Und Achtung!, das Theater für Niedersachsen Hildesheim spielt im Mai und Juni Fra Diavolo von Auber. Wunderbar! Und viele weitere Werke warten darauf, der Vergessenheit entrissen zu werden. Machen wir uns klar, dass allein Massenet über zwanzig Opern geschrieben hat, wir aber bestenfalls Werther und Manon kennen, dazu vielleicht die Meditation aus Thaïs und eine Arie aus Le Cid ! Alle Entdecker, Ausgräber und sonstigen musikalischen Trüffelschweine wollen wir ermutigen, auch weiterhin vergessene Werke aufzuspüren und diese ins Rampenlicht zu stellen. Nicht wenige von ihnen haben es wahrlich verdient.

24. April 2016

Die Liebe betrügt uns nie. Wir sind es, die die Liebe betrügen.
Aus dem Programmheft von “La Calisto” von Francesco Cavalli, Staatstheater Darmstadt

Diesen Sätzen haben wir eigentlich nichts hinzuzufügen. Doch jenseits des Inhaltlichen wollen wir hervorheben, dass den Darmstädtern eine kreative und fantasievolle Koproduktion mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main gelungen ist. Humorvoll und charmant, bisweilen auch versonnen und nachdenklich wird allen möglichen und unmöglichen Verwicklungen der göttlich-menschlichen Liebesgeschichte nachgespürt. Jupiter, Juno, Merkur, Diana, Calisto, Endimione, Satyr und Pan – sie alle können sich Amors Pfeilen nicht entziehen bzw. kapitulieren vor den Auswirkungen der liebesgöttlichen Launen. Bühne, Kostüme und Regie wirken einfallsreich und schlüssig, die Sängerinnen und Sänger – die allermeisten Gesangsstudierende der Frankfurter Hochschule – finden zu einer geschlossenen, homogenen Ensembleleistung. Hin und wieder, vor allem im 1. Akt, loten die Instrumentalisten den emotionalen Ausdrucksgehalt der Musik zwar nicht vollständig aus, doch dafür gelingt der Schluss berührend schön und wirkt bis weit in den langen Schlussapplaus hinein nach.

Calisto

22. April 2016

In London wird im Juni das erste Nacktrestaurant eröffnet, es gibt bereits über 10.000 Reservierungen. The Bunyadi legt Wert auf die Information, dass den Gästen das unbekleidete Dinieren freigestellt ist – es gibt einen separaten Bereich für diejenigen, die lieber angezogen speisen. Ansonsten sorgen Abtrennungen für Diskretion, Fotografieren ist verboten. Seine Gäste sollen die “wahre Freiheit” erleben, sagt Restaurantgründer Seb Lyall. Es gibt vegane und nichtvegane Gerichte, serviert auf handgetöpfertem Geschirr. Die Gäste sitzen auf Baumstämmen und bekommen Bademäntel, welche gefaltet und auf den Sitz gelegt werden können. Ob es Tafelmusik geben wird – möglicherweise als naked performance – ist nicht bekannt.

20. April 2016

“Wir haben keine Auswärtsschwäche. Wir haben eine Ergebnisschwäche in Auswärtsspielen.” Mit diesem Satz hat sich der Fußballer Christian Gentner als feinsinniger Beobachter der deutschen Sprache zu erkennen gegeben, wie schön. Er hätte hinzufügen können, dass Gewerkschaften natürlich nicht die 35-Stunden-Woche fordern, sondern selbstverständlich an der 168-Stunden-Woche festhalten, während dieser jedoch nur 35 Stunden arbeiten wollen.

Öffentliche Musikschulen haben zunehmend das Problem, qualifiziertes Personal zu finden. Das hat mehrere Gründe, liegt aber hauptsächlich daran, dass die Verdienstmöglichkeiten (Achtung, polysemantische Falle – hier ist nur von Geld die Rede!) schlecht sind. Immer weniger Festangestellte, dafür mehr freie Mitarbeiter ohne den Anspruch auf Sozialleistungen. Diejenigen, die noch feste Arbeitsverträge haben, warten auf ausstehende Tariferhöhungen, leisten zum Teil unentgeltliche Mehrarbeit und verzichten auf Sonderzahlungen für zusätzliche Dienste. Unworte des Jahres: Kommunaler Sparzwang, freiwillige Leistung, Wiedervorlage. Welcher Berufsanfänger soll unter diesen Bedingungen in einer öffentlichen VdM-Schule seine Zukunft sehen?

Mittel- und langfristig wird sich zwangsläufig die Qualität des Lehrpersonals verschlechtern – es sei denn, die finanzielle Ausstattung der Musikschulen wird spürbar verbessert und die Schulen unterziehen gleichzeitig ihre Binnenstrukturen einer Effizienzprüfung. Flexibilität (nein, kein Euphemismus für Verschlechterung – im Gegenteil!) und Kreativität müssen auf die Agenda! Sehen wir in Veränderung zuerst Chancen, nicht Risiken! Nur so verhindern wir, dass Christian Gentner eines Tages sagt: “Wir haben keinen Musikschulniedergang. Wir haben einen Niedergang von Niveau und Qualität an Musikschulen.”

17. April 2016

Bei außergewöhnlichen Wasserständen, so heißt es, ist eine Schifffahrt durch die Loreley-Passage immer noch mit beträchtlichen Risiken verbunden. Die gefährlichsten Felsen im Fahrwasser sind zwar gesprengt, doch gibt es immer wieder Unfälle. Aus zuweilen ungeklärten Gründen kommt es zu Grundberührung, zum Ausfall von Antrieb und Steuerung. In der Folge müssen havarierte und manövrierunfähige Schiffe mit großem Aufwand wieder freigeschleppt werden.

Ein schönes Bild. Wenn unser Leben eine Schifffahrt ist, wie vielen Loreleys begegnen wir dann? Und bringt uns nur deren Gesang und Schönheit vom Kurs ab, oder gibt es noch andere “ungeklärte” Gründe für Steuerungsprobleme und Kontrollverluste? Warum genau werden wir manövrierunfähig? In Brentanos Ballade kommen die Rheinschiffer an den Felsenriffen zu Tode – so arg müssen unsere Lebenshavarien nicht enden, doch die Katastrophen bleiben sozusagen nicht im Schiffsrumpf stecken. Wir spüren sie an uns selbst, und sie sind uns anzusehen. Wählen wir denn im Wiederholungsfall die längere, umständlichere, aber sichere Route, vielleicht wenigstens teilkaskoversichert? Oder entscheiden wir uns wieder für das Unkalkulierbare, das Abenteuer, das Risiko? Loreley live, life for love. Oder war es umgekehrt? Wir könnten uns wappnen und außer unserem Schiff auch uns selbst einem Sicherheits-Check unterziehen. Die Frage ist, ob wir das wollen – und damit womöglich ein noch größeres Desaster einleiten. Immerhin, soweit haben wir verstanden: Wenn wir nicht wenigstens einen der von uns selbst gewählten Häfen sicher erreichen, liegt es wahrscheinlich nicht am Schiff. Und für ein Schiff ohne Hafen ist kein Wind der richtige. Aber das wusste schon Seneca.

kitschlore
Kunstverlag Michel & Co, Frankfurt am Main

14. April 2016

Buchungsbestätigung
Napoli, Teatro di San Carlo
Aida 28/07/2016  20.30
Poltrona III Settore – Intero
17 – 018
50.00 €

13. April 2016

Das Teatro San Carlo in Neapel ist eines der ältesten und angesehensten Opernhäuser der Welt. 1737 wurde es eröffnet, und zahlreiche Komponisten, Sänger und Dirigenten waren hier tätig. Donizettis Lucia di Lammermoor wurde hier uraufgeführt, Enrico Caruso hat als gebürtiger Neapolitaner hier gesungen, Riccardo Muti kommt immer wieder gern in seine Heimatstadt und natürlich auch in dieses wunderbare Opernhaus. Hier wird viel Wert auf ein makelloses Aussehen bei einer Opernaufführung gelegt, und die Einwohner machen ihrer Begeisterung sowie Enttäuschung nicht selten lauthals Luft. Es kann durchaus passieren, dass z.B. jemand “Endlich!” schreit, wenn auf Caravadossi in Puccinis Tosca im 3. Akt geschossen wird, wenn er schlecht singt. Bis zur Sommerpause stehen u. a. Madama Butterfly und Aida auf dem Programm. Karten sind noch erhältlich und mit € 50 für vordere Plätze nicht teuer. Und, von der Oper mal abgesehen, ist Neapel eine verrückte, aufregende Stadt mit sooo italienischem Leben – und bietet viel mehr als nur Pizza und Straßenverkehr ohne erkennbare Regeln. Andiamo, avanti!

Teatro San Carlo

11. April 2016

Im Rahmen der diesjährigen Dresdner Musikfestspiele (5. Mai – 5. Juni) wird Martina Gedeck am 11. Mai im Deutschen Hygiene Museum aus dem Leben George Gershwins erzählen. Dessen Musik habe etwas Lebensbejahendes, Mitreißendes, sagt die Schauspielerin und ergänzt, Gershwins Musik habe für sie stark mit dem amerikanischen Lebensgefühl zu tun. Die Musik, so sagt sie, besitzt Eleganz, Nonchalance, Begeisterung “über die vielen Möglichkeiten” und Melancholie. Es folgt der wichtigste Satz – auf die Frage, ob Gershwins Musik zeitlos sei oder eher Zeitgeschichte illustriere: “Seine Musik spricht – wie jede gute Musik – Geist und Sinne an, und das immer neu. Da gibt es keine zeitliche Begrenzung.”

Gershwin

Pause bis zum 10. April 2016

26. März 2016

Gestern habe ich im Staatstheater Wiesbaden die Premiere von Boris Godunow miterlebt. In einer schlüssigen, teilweise beeindruckenden Inszenierung von Christian Sedelmayer überzeugten starke Solisten, insbesondere Shavleg Armasi (Boris), Young Doo Park (Pimen) und Monica Bohinec (Marina), ein stimmgewaltiger Chor – die Ensembles aus Wiesbaden und Darmstadt hatten sich zusammengeschlossen – und ein differenziert aufspielendes Orchester unter der sicheren Leitung von GMD Zsolt Hamar. Kleinere Nachlässigkeiten in der Ausgestaltung einzelner Phrasen wollen wir hier nicht bemängeln, auch wenn Boris gerade in seinen melancholisch-versunkenen Momenten bei behutsameren Tempi eine wichtige Facette seines Gemüts stärker hätte akzentuieren können. Sei’s drum, der musikalische Eindruck war imposant, das Bühnenbild von Christian Sedelmayer und Pascal Seibicke eindringlich (vor allem in der Schankszene!), die Kostüme von Caroline von Voss fantasievoll, doch ohne Verleugnung gegebenen Lokalkolorits. Nach über vier Stunden viel Beifall und zahllose Bravo-Rufe, absolut berechtigt.

Vor Beginn der Vorstellung hatte ich meinen Mantel an der Garderobe abgegeben. Ich erhielt meine Marke, fragte nach der Gebühr und erfuhr, dass das Staatstheater mit Beginn der laufenden Spielzeit die Garderobengebühr abgeschafft hat. Sieh mal an! Zum Vergleich: Das Opernhaus Dortmund hat das Garderobenpersonal abgeschafft. Es gibt jetzt Spinde, wie im Schwimmbad (Einwurf 10 Cent, man bekommt die Münze zurück). Auch dort ist also die Abgabe der Garderobe gratis. Und die Garderobefrauen haben jetzt abends frei. Sie könnten in die Oper gehen. Aber wovon?

24. März 2016

If you don’t love yourself, how in the hell are you going to love somebody else?
Gillian Jacobs

love+serie

23. März 2016

Die Osterferien werde ich unter anderem zum Aussortieren von Büchern, CD und DVD nutzen. Wer kennt das nicht – man hat so viel im Regal stehen und hört und sieht doch immer die gleichen Stücke. Wie im Restaurant, wo uns unzählige Vorschläge gemacht werden, und wir doch immer wieder nur aus drei, vier Gerichten unsere Wahl treffen. Ein probates Mittel ist das umgekehrte Ausschlussverfahren – was darf auf keinen Fall weg, sozusagen die erweiterte Top Ten für die imaginäre einsame Insel.

Ich schaue nach Komponisten – Monteverdi, Händel, Mozart, Brahms, Verdi, Debussy, Strawinsky – das darf natürlich alles nicht weg. Von Dirigenten wie Solti, Kleiber, Boulez, Harnoncourt oder Pappano behalte ich natürlich auch alles. Und von Stimmwundern wie Björling, Sutherland, Domingo, Hampson, Netrebko, Yoncheva und vielen anderen kann man doch nichts weggeben! Also wird das nicht groß was mit dem Aussortieren, das sehe ich schon…. Abwechslungsreicheres Hören und Sehen ist wohl die klügere Wahl – vielleicht wartet ja so einiges darauf, neu entdeckt zu werden! Also, auf geht’s!

21. März 2016

Gestern nach dem Abendessen erzählt mein Sohn John, dass er sich wieder mal den Faust mit Gründgens angeschaut hat. Er ist sowohl vom Stück als auch von der großartigen Darstellung des Mephisto durch Gründgens tief beeindruckt, was mich sehr freut. Ich sage, dass die Semperoper Dresden gerade Faust/Margarethe von Gounod spielt und frage, ob er nicht Lust hat sich das anzusehen. Tatsächlich ist er nicht abgeneigt. Daraufhin fragt Emily, meine Tochter, worum es im Faust eigentlich geht.

“Faust verkauft seine Seele an Mephisto”, beginne ich meine Erläuterung. “Er ist getrieben von einer unstillbaren Gier nach Leben, er will Jugend und Liebeslust zurück, er … -”
“Also so’ n Fantasy-Scheiß”, sagt Emily.
“So haben Goethes Zeitgenossen es vielleicht verstanden”, meint John und lacht.
“Fantasy-Scheiß würde ich nicht sagen”, sage ich kleinlaut. Emily grinst.
Die Gretchenfrage? Nein, lieber nicht.

18. März 2016

Für Freunde der Klaviermusik abseits ausgetretener Pfade ist jetzt im Helbling-Verlag eine bemerkenswerte CD-Ersteinspielung erschienen: Die Geisterszenen von Anselm Hüttenbrenner (1794 – 1868), ergänzt um die Geistervariationen von Robert Schumann (1810 – 1856), gespielt von der Pianistin Julia Rinderle.

Hüttenbrenner hatte in Graz seine Ausbildung zum Juristen abgeschlossen, bevor er in Wien Freund und Studienkollege von Franz Schubert wurde. Beide studierten bei Antonio Salieri, gemeinsam lernten sie Beethoven kennen. Schon zu Lebzeiten war Hüttenbrenner als Komponist, Pianist und Lehrer sehr geschätzt und angesehen. Zu seinem gesamten Œuvre zählen Opern, Messen, Requien, Kammermusik, Lieder sowie Chor- und Klaviermusik. Viele seiner Werke sind verloren oder verschollen. Aus heutiger Sicht, zumal im Vergleich mit Schubert, wollen wir die Einschätzung Peter Gülkes nicht unterschlagen, der Hüttenbrenner eine nur “mittlere Begabung” und einen “Charakter von provinziellem Zuschnitt” bescheinigt. Nun, neben einem Riesen ist jeder noch so groß Gewachsene klein. Was Sternstunden nicht ausschließt….

Die jetzige Veröffentlichung der Geisterszenen ist jedenfalls nicht nur aus editorischen Gründen von großem Wert. Eine gewaltige “Naturfantasie”, in Klang gegossene romantische Tonbilder – wir hören (und sehen) gewittriges Donnergrollen, Nebelschwaden, Gebirgsbäche. Der Zugang zu den 22 Szenen ist leicht, spontan und bereitet hinsichtlich des Schaffens assoziativer Bilder keinerlei Anstrengung. Julia Rinderle ruft die gesamte Palette ihrer pianistischen Gestaltungsmittel ab und beeindruckt mit spukhaften, halsbrecherischen Klangkaskaden ebenso wie mit idyllischer, kantabler Linienführung. Ein 56-seitiges, aufwändig gestaltetes und glänzend recherchiertes Booklet begleitet die sehr gelungene Einspielung.

RZ_HEL_Cover CD_Geisterszenen

17. März 2016

Ein heiterer Morgen. Blauer Himmel, kein Wölkchen. Die Vorhersage verspricht einen klaren Tag mit Temperaturen bis zu 13°. Dazu passend hören wir Brahms’ 2. Sinfonie, über die der Musikkritiker Eduard Hanslick 1878 schrieb, sie “scheint wie die Sonne auf Kenner und Laien”. Nichts Schweres, Unheilvolles haftet dieser Sinfonie an, es dominieren tänzerische Passagen und geradezu idyllische Abschnitte. Wir warten auf das NDR-Pausenzeichen. Da-di-di, da-di-dihi-da-daha. Carlos Kleiber dirigiert die Wiener Philharmoniker, elegant und unnachahmlich. Wirklich ein schöner Tag. Meteorologisch, musikalisch.

Auch sonst ist alles gut. Papst Franziskus übt scharfe Kritik an der Politik der Abschottung vor den Flüchtlingen, Hans-Ulrich Jörges vom Stern will zum selben Thema endlich Taten sehen, Frauke Petry boykottiert das ZDF-Morgenmagazin, Bayern München dreht ein verloren geglaubtes Spiel, Oliver Pocher und Sabine Lisicki sind kein Paar mehr. Alles gut.

15. März 2016

Wer rechnet, ist immer in Gefahr, sich zu verrechnen. Die dumme Kuh trifft immer das richtige Gras.
Theodor Fontane (1819 – 1898)

Olle Fischer Kuh

14. März 2016

Over The Top With Franz – die von David Alden 1997 für das Fernsehen inszenierte Fassung von Schuberts Winterreise mit Ian Bostridge (Tenor) und Julius Drake (Klavier) zeigt den schmalen Grat, auf dem sich eine visuelle Umsetzung der Partitur zwangsläufig bewegen muss. Nicht grundlos standen die Musiker den Fragen des Regisseurs nach Identität, Herkunft und Intention des Erzählers zunächst sehr skeptisch gegenüber. Wie hätte es auch anders sein sollen? Ein Liederzyklus, also ein Werk mit Text und Musik, kann und will ja gerade nicht alles sichtbar machen, sondern in Fantasien, Träumen und Sehnsüchten begründete und gleichzeitig dem eigenen Erleben und Begreifen entsprechende Gestaltungsräume schaffen. Sich der Mittel des Szenischen, des Opernhaften zu bedienen, bedeutete für beide Musiker einen mutigen, unkonventionellen Schritt, durchaus begleitet von Unbehagen und der Sorge, den eigenen künstlerischen Ansprüchen untreu werden zu können. Umso bemerkenswerter ist das Ergebnis der Zusammenarbeit – eine fesselnde, lange nachwirkende Darstellung menschlicher Einsamkeit und Verlassenheit. Wir sehen und hören das Werk heute Abend im Kurs.

Schubert Winterreise Cover

12. März 2016

Heute mach ich mir kein Abendbrot. Heute mach ich mir Gedanken.
Wolfgang Neuss (1923 – 1989)

Chapeau!, trotzdem werde ich etwas essen, und zwar “Tartiflette”, das ist gebackener Käse mit Kartoffeln und Speck. Das kommt davon, wenn man ZEIT online liest. Das Gericht, so heißt es da, “ist kalorienmäßig gut geeignet, wenn man den ganzen Tag Ski fahren war oder auf dem Bau arbeitet. Aber […] es schmeckt auch sehr gut, wenn man den ganzen Tag herumgesessen hat und sich nur, wenn es gar nicht anders ging, erhoben hat.” Sehr praktisch. Ich will mich hier nicht darüber verbreiten, wie mein heutiger Tag ausgesehen hat. Nur soviel: Ski fahren oder auf dem Bau arbeiten war ich nicht.

Tartiflette-recipe

10. März 2016

Wollten Sie nicht schon immer von einem Schwan geliebt werden? Von einem Goldregen verführt? Oder sogar endlich etwas mit Ihrer Vorgesetzten anfangen? Alles ist möglich, wenn Jupiter, der Gott aller Götter, Sie liebt, zumal im paradiesischen Arkadien…

Mit diesen Worten wirbt das Staatstheater Darmstadt für seine Produktion von La Calisto, eine der berühmtesten Opern von Francesco Cavalli (1602 – 1676). So genial sein Lehrer Claudio Monteverdi auf dem Gebiet des Dramatischen ist, so herausragend zeigt sich Cavalli im Melodischen. Die Entwicklung des Ariosen ist meisterhaft und bis ins Detail kunstfertig (eine der betörendsten Arien ist Endimiones “Lucidissima face”). Cavalli komponierte seine karnevaleske Verwechslungskomödie vor über 350 Jahren – mit berührenden Melodien und hinreißenden Arien. Und die Götter sind in Liebesdingen auch nur Menschen, wie schön! – Eifersucht, Ehekrise und Liebeskummer inklusive. In Kooperation mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt und gefördert von der Hessischen Theaterakademie, bringen die Darmstädter nun diese wunderbare Oper auf die Bühne. Premiere ist am 15. April.

8. März 2016

quotation bethenny frankel

7. März 2016

Nikolaus Harnoncourt ist tot. Der große Dirigent, Autor, Musikphilosoph und Vermittler der “Klangrede” starb am Samstag im Alter von 86 Jahren, wie seine Familie am Sonntag mitteilte. Harnoncourt sei nach einer schweren Erkrankung friedlich im Kreis seiner Familie entschlafen, hieß es in einer Erklärung der Familie. “Trauer und Dankbarkeit sind groß. Es war eine wunderbare Zusammenarbeit”, schrieb seine Frau Alice im Namen der Verwandten. Harnoncourt hatte sich erst im Dezember aus gesundheitlichen Gründen vom Dirigentenpult zurückgezogen.

Damals sprach er in einer Botschaft an sein Publikum von einer “ungewöhnlich tiefen Beziehung zwischen uns am Podium und Ihnen im Saal”, freute sich über diese so lange währende “glückliche Entdeckergemeinschaft” und wusste: “Da wird wohl vieles bleiben.”

Trauer und Dankbarkeit sind groß – das gilt auch für uns, wenngleich in anderer Weise. Was wir ihm zu verdanken haben, ist unermesslich. “Musik muss die Seele aufreißen”, hat er einmal gesagt und verwies immer wieder auf die Bedeutung der Kunst für das menschliche Dasein. “Die Kunst ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet, sie garantiert unser Mensch-Sein.”

Harnoncourt

4. März 2016

Vor ein paar Tagen haben wir “La Valse” besprochen – Maurice Ravels gnadenlose Zerstörung musikalischer Walzerseligkeit, Abbild des Desaströsen und fratzenhaftes, verzerrtes Aufblitzen ehemals heller und glänzender, jetzt finster und morbide erscheinender Farben. Vor dem Hintergrund der Bilder des Ersten Weltkrieges hören wir zahlreiche Vorahnungen der unaufhaltsamen Katastrophe – mit verschwimmenden Rhythmen und Harmonien, schmerzenden Dissonanzen und verstörenden Klangfarben. Das ganze Stück wirkt wie ein Albtraum, wie eine unkontrollierbare Zugfahrt, der wir nicht entrinnen können. Wie der Dirigent Stéphane Denève sagt, klingen Klarinetten, Celli und Kontrabässe “wie Erbrochenes, wirklich furchtbar”.

Die Berliner Philharmoniker haben das Werk beim Silvesterkonzert 2015 unter der Leitung von Sir Simon Rattle aufgeführt. Gut, niemand hat bisher die Qualität der New Yorker Philharmoniker unter Pierre Boulez erreicht (unbedingt die Aufnahme aus den 70er Jahren kaufen!), doch hätten wir uns trotzdem insbesondere das Brachiale, das Eruptive eindringlicher, schroffer, mutiger gewünscht. Nun, jedenfalls wurde das Konzert auf arte live übertragen und von Annette Gerlach moderiert. Während die Homepage des Senders das Stück zutreffend als “Walzer-Taumel, der am Ende vollends aus den Fugen gerät” charakterisiert, meinte Frau Gerlach sinngemäß “herrliche Walzer- und Champagnerklänge” zu vernehmen. Jemand hätte ihr das Stück vorher erklären sollen. In unserem Kurs sind noch Plätze frei.

2. März 2016

Ein guter Film hilft. Etwas Intelligentes lesen hilft. Jemanden treffen, der einem etwas Neues über das Leben erzählt. Das gibt mir die Kraft weiterzumachen. Und meine Kinder natürlich. Und Liebe. Liebe zwischen Mann und Frau. Ich glaube, Liebe ist das Einzige, wofür ich mich wirklich interessiere.
Laetitia Casta

29. Februar 2016

Leonardo DiCaprio hat seinen ersten Oscar gewonnen. Endlich, und vor dem Hintergrund seiner Glanzleistungen in diversen Filmen (Gilbert Grape, Titanic, The Departed, Aviator, The Wolf of Wall Street, The Great Gatsby, um nur einige zu nennen) absolut berechtigt. Der Film, für den er die begehrte Auszeichnung jetzt erhielt (The Revenant), gibt diese zwar eigentlich nicht her, aber so ist das im Leben. Dinge passieren spät, bisweilen zu spät, und nur selten ohne Grund. DiCaprio ist jetzt 41, die Filmwelt durfte also davon ausgehen, dass er nicht auf ewig leer ausgehen würde (es gibt prominente Beispiele, ich weiß). Trotzdem haftet diesem Oscar jetzt der Beigeschmack des Versäumten, ja der Ausdruck des Schuldbewussten an. Im Fußball wäre das ein unberechtigter Strafstoß nach zahllosen nicht geahndeten Fouls, eine gewissenhafte Konzessionsentscheidung, die den Anlass gesucht hat und wusste, dass es ihn geben wird. Der Ausgezeichnete wird sich dennoch freuen. Er hat den Preis mehr als verdient, nicht ausgerechnet jetzt, sondern schon längst, und das bei weitem nicht nur, wie David Hugendick auf Zeit online schreibt, weil keiner “so innerlich verwahrlost in eine leere Milchflasche pinkeln” kann wie er. Das ist launig geschrieben, aber verstellt den Blick. Leonardo DiCaprio ist ein sehr wandlungsfähiger, großartiger Charakterdarsteller. Und könnte der Oscar sich seine Akteure aussuchen, wäre die Wartezeit wohl deutlich kürzer ausgefallen.

Leonardo DiCaprio

27. Februar 2016

Gestern Abend im Staatstheater Mainz war ich früh genug, um der Einführung zu Rigoletto beizuwohnen. Dramaturg Lars Gebhardt lenkte die Aufmerksamkeit des Publikums dankenswerterweise auf einige wesentliche Aspekte, so z. B. die freie Entscheidung Gildas, sich für den Herzog zu opfern und für ihn in den Tod zu gehen. Üblicherweise wird die plausible Sichtweise Sparafuciles und Maddalenas – dass nämlich der Zufall die verkleidete Gilda den Tod finden lässt, da sie die erstbeste Person ist, die dem gedungenen Mörder über den Weg läuft – auch der Zuhörerschaft nahe gebracht. Wie wohltuend, dass die Mainzer Produktion (Inszenierung Lorenzo Fioroni) sehr deutlich werden lässt, dass Gildas Tod von ihr selbst bestimmt ist. Die vermeintlich Schwache, die Unerfahrene und von der Gesellschaft Ferngehaltene ist souverän und letztlich von allen handelnden Personen die stärkste. Hand in Hand damit geht die Zeichnung der Titelfigur. Rigoletto ist zu keiner Zeit in der Lage, den Fluch des Grafen Monterone (die Oper sollte ursprünglich “La Maledizione” heißen) und seine eigene Erinnerung daran richtig zu deuten. Unfähig, sein Verhalten zu ändern, hält er am Ende folgerichtig nicht seine vermeintlich so geliebte Tochter in den Armen, sondern steht ein paar Schritte von ihr entfernt, nach wie vor “blind im Inneren, gegenüber sich selbst und seinem Tun”, wie es im Programmheft sehr zutreffend heißt.

Die Inszenierung ist packend und liefert opulente Bilder. Es schneit, es brennt, es stürmt. Im zweiten Akt entledigen sich die Höflinge ihrer Kostüme (“wir spielen hier nur Theater”), ziehen sich später auf der Bühne wieder um, beobachten das Geschehen und schlagen sich sozusagen auf  die Zuschauerseite. Clemens Schuldt, einer der vielversprechendsten Dirigenten Deutschlands der jüngeren Generation (er wird ab der Spielzeit 2016/2017 Chefdirigent des Münchener Kammerorchesters), beweist Sicherheit in der Wahl der Tempi, der Orchesterklang ist intensiv und dicht, trotzdem haben die Sänger alle Freiheiten. Werner Van Mechelen ist ein großartiger Rigoletto, sängerisch wie darstellerisch. Paul O’Neill (Herzog), Marie-Christine Haase (Gilda) Tamta Tarieli (Maddalena) und Hans-Otto Weiß (Sparafucile) sind in ihren jeweiligen Rollen glaubhaft und stimmlich sehr präsent. Mit Rigoletto gelang Verdi der endgültige Durchbruch als Komponist. Er selbst hielt das Werk für eines seiner gelungensten Stücke, die Uraufführung war ein überwältigender Erfolg. Die Mainzer zeigen in dieser Spielzeit, warum.

Rigoletto, Mainz

26. Februar 2016

Das Wasser, das du nicht trinken kannst, lass fließen.
Alexander Sergejewitsch Puschkin (1799 – 1837)

Puschkin, Gemälde

24. Februar 2016

Wir alle schleppen tonnenweise Ballast mit uns herum, aus der Art, wie wir erzogen wurden und aus unseren ersten Beziehungen. Wenn wir jemand Neues treffen, sind wir im Grunde schon total versaut. Für eine Weile gelingt es uns, dem anderen weiszumachen, dass wir gesund sind, aber ganz allmählich merkt der andere, dass mit dir etwas nicht stimmt. Wie soll das nur gehen mit der Liebe?
Judd Apatow (*1967, US-amerikanischer Filmregisseur, Drehbuchautor und Produzent)

Apatow ist mit Komödien seit 2004 kommerziell sehr erfolgreich. Gerade läuft die Netflix-Serie Love an, mit Paul Rust und Gillian Jacobs in den Hauptrollen. Apatows Protagonisten zeigen sich ungeniert, unromantisch, peinlich, sympathisch, ehrlich und machen weder einander noch sich selbst etwas vor. Die feine Ironie des Erzählstils entgeht uns nicht. Der Grat ist schmal, und das Konzept geht auf – wir lachen über die beiden. Und dann über uns selbst, hoffentlich.

23. Februar 2016

Ab der nächsten Woche beginnen wir ein neues Chorprojekt. Auf dem Programm stehen Vierstimmige Gesänge von Joseph Haydn, Chorlieder nach mittelhochdeutschen Texten von Harald Genzmer und Stücke für Sprechchor von Carl Orff. Über die Sprechchor-Stücke schreibt der Schott-Verlag, diese zeigten Möglichkeiten, das dichterische Wort als ein ursprünglich und wesenhaft Erklingendes zu verwirklichen. Die Sprache großer Dichtung von Sophokles / Hölderlin über Schiller, Goethe bis zu Klangspieletüden wird rhythmisiert oder von einem rhythmisch durchgestalteten Klanggrund getragen. Neben a-cappella-Sätzen stehen Einrichtungen mit Instrumenten, die den Ablauf gliedern und akzentuieren. Die Stücke für Sprechchor (Kammerensemble oder große Besetzung) sind Endformen sprachlicher Gestaltung.

Es stellt eine große Herausforderung dar, diese Stücke präsentabel zu erarbeiten. Ihr Vortrag verlangt rhythmische Sicherheit, Gefühl für Tempo, Puls und Metrum sowie eine gewisse deklamatorische Übung. Wir wagen so etwas zum ersten Mal, jedenfalls im Rahmen eines Chorprojektes. Aber wer singen will, muss sprechen können, i.e. die Regeln der Sprache kennen. Und da sind wir wieder: Musik als Klangrede, mit eigener Grammatik und verschiedensten Stilmitteln der Rhetorik. Wem dazu noch Sinn für Theater und Bühne gegeben ist, der wird seine helle Freude haben.

21. Februar 2016

“Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single über parship.” Das wirft Fragen auf. Erstens, wie macht der das bloß? Zweitens, oder ist das gar nicht immer derselbe? Drittens, braucht es zur glücklichen Liebe nicht zwei? Gut, von glücklich war nicht die Rede. Viertens hat Parship 4,5 Millionen Mitglieder. Wenn sich jemand neu anmeldet, und sich alle 11 Minuten ein Single verliebt, kommt der dann in 8,5 Jahren dran? Oder anders gefragt, ist bei der genannten Anzahl an Mitgliedern wirklich in etwa 94 Jahren jeder bedient?

Wir wollen nicht kleinkrämerisch sein. Die Liebe ist doch was Schönes, mal im Ernst. Auch wenn sie tragisch endet, wie gestern wieder im Essener Aalto-Theater. Tosca liebt Cavaradossi, ganz ohne parship, jedenfalls war keine Werbung zu sehen. Scarpia hat’s wie in jeder Vorstellung bei der Schönen versucht, aber wie immer erfolglos und obendrein tödlich. Doch Vorsicht, statistisch gesehen ist auch er irgendwann dran. Tosca ist dann alt und grau, aber darum geht es nicht. Ein neuer Regieansatz könnte alle überleben und ihre Premium-Mitgliedschaften vorzeitig beenden lassen. Wie so viele vor ihnen, statistisch alle 8 Minuten. The parship-theater proudly presents….

19. Februar 2016

Wetzlarer Neue Zeitung, 19. Februar 2016

Brillant und lehrreich zugleich
Abschlusskonzert des Chorprojektes der Musikschule in Naunheims Kirche

von Andreas Müller

Wetzlar-Naunheim. Zu einer geistlichen Abendmusik hatte die Evangelische Kirchengemeinde Naunheim in Zusammenarbeit mit der Wetzlarer Musikschule in die evangelische Kirche Naunheim eingeladen. Thomas Sander, Leiter der Wetzlarer Musikschule, hatte das Projektensemble und den Projektchor sehr gut vorbereitet. In einem Benefizkonzert für die Kinder- & Jugendförderung stellte er Vokalmusikmusik des Hochbarock Instrumentalmusik der frühen Moderne gegenüber. Im Instrumentalensemble, besetzt mit drei Violinen, Bratsche, Cello und Kontrabass, spielten Dozenten der Musikschule mit Musikern anderer Ensembles zusammen. Die sechs Musiker waren optimal aufeinander eingespielt und harmonierten sehr gut. Sowohl als Begleitung und Stütze des Chores als auch bei den „Fünf Stücken für Streichorchester“ op. 44/4 von Paul Hindemith demonstrierten sie großes musikalisches Können und sorgten mit ihrem feinsinnigen Spiel für ein besonderes Klangerlebnis. Der Projektchor, bestehend aus 22 Sängern, hatte seit November geprobt.

Konzert Naunheim 02-2016 groß

Thomas Sander gab zu Beginn, aber auch immer wieder zwischen den einzelnen Stücken, wertvolle Erklärungen zu den Stücken und den Komponisten und wies außerdem auf Besonderheiten der Kompositionstechniken hin. So konnten sich die Zuhörer sehr gut auf die einzelnen Stücke einstellen. Rosenmüller hat seine Werke in schlichter Klangtechnik, aber mit großer Ausdrucksschönheit ausgestattet, erklärte Sander. Rosenmüller war für den Posten des Thomaskantors in Leipzig vorgesehen. Aufgrund des Vorwurfes der Päderastie wurde er es dann aber nicht. Sozusagen als Kontrapunkt zwischen die Barockgesänge stellte Sander immer die gleichen zwei Sätze (1. Satz: Langsam; 2. Satz: Langsam. Schnell) aus Hindemiths „Fünf Stücken für Streichorchester“. Über Hindemith wusste Sander zu berichten, dass er sein Publikum mit ungewohnten Klängen oft verschreckt habe. In Nazi-Deutschland durfte er schließlich nicht mehr gespielt werden, worauf Hindemith zunächst in die Schweiz, später in die USA auswanderte. Hindemith habe viel von „Gebrauchsmusik“ gehalten, berichtete Sander über den hessischen Komponisten. Er habe Musik begreifbar machen wollen. Sowohl Laien als auch Profis sollten Verständnis für die Musik erlangen. Um dies dem Naunheimer Publikum zu erleichtern, griff Sander zu dem Trick der Wiederholung. Somit war der Wiedererkennungseffekt gegeben und die Zuhörer konnten sich besser in diese Musik hineinhören.

Das erste Hindemith-Stück stand in einem ruhigen 4/4-Takt. Parallel zu den Gesangsstücken aus dem Barock wechselte auch das zweite Hindemith-Stück von einem langsamen Viertel-Takt in einen schnellen 3/2-Takt. Die Streicher intonierten sehr melancholisch und unterstrichen deutlich betonte Noten. War der erste Choral von Rosenmüller, „Alle Menschen müssen sterben”, in Moll notiert, steht der zweite „Nun Gott Lob, es ist vollbracht“ in Dur. Sander erklärte, dass damit musikalisch die Textstelle „jauchzen und springen“ und die Hoffnung, was nach dem Tod kommt, umgesetzt wurde. Er nannte Rosenmüller einen Klangmagier in der Übertragung von Bildern in Musik. Bei seinem Dirigat versank er tief in der Musik, ging förmlich in ihr auf und modulierte die Klänge mit seinen Bewegungen. Nach der dritten Wiederholung von Hindemith folgte ein sehr schlichter, dritter Begräbnisgesang.

Den Abschluss des Konzertes bildete der Schlusschor aus dem Oratorium „Jephte“ von Giacomo Carissimi (1605-1674). Dieser war als Lehrer sehr geschätzt. Sein berühmtester Schüler dürfte wohl Marc-Antoine Charpentiere gewesen sein, aus dessen „Te Deum“ die berühmte Eurovisions-Fanfare stammt. Carissimi baut im Schlusschor die Stimmen nacheinander bis zur Sechsstimmigkeit auf und sorgt in den drei Takten von Jephtes Wehklagen für eine im Barock ungewöhnliche Anhäufung von Dissonanzen. Mit langem Applaus dankten die Zuhörer für das besondere Konzert.

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… freut mich sehr, gerade heute – am 135. Geburtstag von Armin Knab.

16. Februar 2016

Die Schweizer Resilienzforscherin Professor Pasqualina Perrig-Chiello von der Universität Bern erforscht die Gründe dafür, warum es einigen Menschen besonders gut gelingt, gravierende Schicksalsschläge zu verarbeiten und hat dabei eine ganze Reihe von Charaktereigenschaften ausgemacht, die widerstandsfähige Menschen kennzeichnen. Optimismus, Humor und Dankbarkeit für das Schöne im Leben gehören dazu, ebenso die Fähigkeit, Gefühle wahrzunehmen, ohne sich von ihnen überwältigen zu lassen. Vor allem aber ist es die Lust daran, das eigene Leben selbst zu gestalten. Pasqualina Perrig-Chiello: “Resiliente Menschen nehmen ihr Leben kreativ, mutig und lösungsorientiert in die eigene Hand. Sie sind entscheidungsstark und verfolgen ihre Ziele sehr engagiert. Wenn sich ihr Leben verändert, können sie ihre Ziele aber auch anpassen.”

Alles richtig, aber geht es auch ein bisschen konkreter? Was ist mit Musizieren, Chorsingen, Theater- und Opernbesuchen? Das Leben kreativ, mutig und lösungsorientiert in die eigene Hand nehmen, das eigene Leben selbst gestalten – was ist das anderes? Unbekanntes Terrain betreten, entdecken, erobern! Emotionen spüren, kennenlernen, ihnen nachgeben! Bedürfnisse und Sehnsüchte erkennen, Risiken eingehen und Ziele anpassen – ja, bei letzterem sind wir gebrannte Kinder und verbinden mit “Anpassung” steigende Gebühren oder sinkende Renditen, jedenfalls nichts Positives – aber wer untersagt uns, Ziele nach oben zu korrigieren und höher hinaus zu wollen? “Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit”, hat Karl Valentin einmal gesagt. Resiliente Menschen haben es also nicht leicht, aber gut. Wenn das kein Ziel ist!

14. Februar 2016

Gestern haben wir in der Evangelischen Kirche Wetzlar-Naunheim unser Chorprojekt mit einer “Geistlichen Abendmusik” zum Abschluss gebracht. Auf dem Programm standen drei Begräbnisgesänge von Johann Rosenmüller, der Schlusschor aus Jephte von Giacomo Carissimi und zwei Sätze aus Fünf Stücke für Streicher 0p. 44/4 von Paul Hindemith. Ich habe dem Publikum, wie ich es gern tue und auch immer wieder dazu ermutigt werde, Erläuterungen zur Musik gegeben – zu historischen und biografischen Hintergründen, zu Satztechniken, zum Wort-Ton-Verhältnis und manchem mehr. Unter anderem sprach ich über die Taktwechsel in den Chorälen -  über den Platz für Trauer und Klage in den geradtaktigen ersten Abschnitten, über Erlösungs- und Seligkeitsversprechen in der jeweils folgenden Tripla.

Binnen weniger Tage habe ich jetzt zwei Interviews mit Roger Willemsen gesehen, beide aus dem letzten Jahr, kurz vor seinem 60. Geburtstag, aufgenommen zu einem Zeitpunkt, als er seine Krebsdiagnose noch nicht kannte. Im Gespräch mit Juri Steiner spricht er über die normale, dem Alter entsprechende körperliche “Materialermüdung” und sagt, dass er diesbezüglich keine großen Dramen auf sich zukommen sieht. Dann ergänzt er, dass er ein “stark reduziertes Interesse an der Zukunft” hat und beschließt das Interview mit der Antwort auf die selbstgestellte Frage, wer er sei: “Ein Entflammter, ein Vermittler.”

Nach einer Woche ist sein Tod für mich immer noch unwirklich. Seine Rhetorik, seine Erzähl- und Fabulierlust sind vielfach bestaunt und gerühmt worden, zu Recht. Mehr als das aber rühren mich seine empathische Leidenschaft und das tiefe Gespür dafür, was wirklich wichtig ist in diesem Leben. “Ich würde gerne glauben, aber ich kann nicht”, hat er einmal gesagt, und der Sinn des Lebens “besteht darin, die gegebene Frist sinnvoll zu nutzen. Nicht nur Spaß zu haben.” Wenn die Frist dann um ist, was ist mit einem Leben nach dem Tod? “Darüber kann ich nichts wissen, und das betrübt mich nicht.”

12. Februar 2016

Gestern fragt mich mein Sohn: “Papa, was ist der Unterschied zwischen einem Comedian und einem Kabarettisten?” Kurze Pause, dann gibt er die Antwort selbst: “Der Comedian macht es wegen dem Geld. Der Kabarettist macht es wegen des Geldes.”

9. Februar 2016

Die Nachricht vom Tode Roger Willemsens berührt mich sehr. Ich hatte das Glück, ihn persönlich kennenlernen zu dürfen, nach einer seiner Lesungen im Dortmunder Harenberg City-Center. Eine ganze Weile zuvor hatte ich ihm als begeisterter Zuschauer von Willemsens Woche meine John McEnroe gewidmete Court Music geschickt, für die er sich in einem handgeschriebenen Brief bedankt und versprochen hatte, mich in seine Sendung einzuladen, wenn McEnroe einmal zu Gast sein sollte. Nun saß er also am Autogrammtisch, und ich stellte mich vor. Er erinnerte sich sofort an die CD, an die Verbindung von höfischer Musik mit dem Tennissport und sagte, dass die Musik bei ihm immer mal liefe und ich ihm damit wirklich eine Freude gemacht hätte. Dann signierte er für mich mit sehr lieben Worten ein Exemplar seiner Deutschlandreise. Es ist lange her, und doch ist die Erinnerung daran sehr frisch. Gute Reise, Roger Willemsen!

Roger Willemsen

8. Februar 2015

Andrea De Carlo geht in seinem Roman “Sie und Er” schon ziemlich zu Anfang der Frage nach, wer oder was eigentlich welche Saite in uns zum Schwingen bringt. Er gibt auch gleich die Antwort, indem er sagt, dass viele voneinander unterschiedliche Züge, Neigungen und Dispositionen in uns angelegt sind und von vielen Menschen, denen wir begegnen, zum Leben erweckt werden. Kurioserweise passiert dies am ehesten bei flüchtigen Begegnungen wie z. B. in der U-Bahn oder an der Supermarktkasse. Wir stellen uns für eine kleine Weile das Kaleidoskop der Möglichkeiten vor, das wir mit diesem oder jenem Menschen zusammen erleben könnten oder schon hätten erleben können. Dann ist dieser Mensch fort, und wir befassen uns wenig später mit einer nächsten, äußerlich und innerlich völlig anderen Person. Und wieder spüren wir verpasste Chancen, vertane Gelegenheiten, nicht genutzte Optionen. Es gibt sie nicht, diese eine, einzige Saite! Wir können, wie jedes taugliche Instrument, so oder so oder so klingen, immer in Abhängigkeit von anderen. Was hätte aus uns, aus unserem Leben werden können? Was wird noch daraus? Wer sind wir?

De Carlo, Sie und Er

5. Februar 2016

[…] Nur eine finanziell und ideell maximal aufgewertete Kultur- und Bildungspolitik wird in der Lage sein, die gewaltigen anstehenden Probleme der Flüchtlingswelle grundgesetzkonform und human zu bewältigen.

Ob dazu Figuren wie Bayerns Ministerpräsident in spe Söder (erhielt gerade irgendwie zu Recht den Orden wider den tierischen Ernst), ein verknorzter de Maizière, der Mehrwert-Steuermann Schäuble oder der Meinungs-Brummkreisel Gabriel die richtige Besetzung abgeben, darf stark bezweifelt werden. Für sie reduziert sich die diffus herbeigesehnte deutsche Leitkultur doch auf eine Art Wohlverhaltens-Knigge. Wer als Flüchtling sein Fahrrad falsch parkt oder eine deutsche Frau anguckt, wird verhaftet und ausgewiesen. Es lebe das deutsche Dschungelcamp-Kulturverständnis.
Theo Geißler in der nmz, Nr. 2/16

1. Februar 2016

Es gibt Bücher, denen man eine gewisse literarische Qualität nicht absprechen kann und die man durchaus gerne liest, doch für die der Begriff “große Literatur” zu hoch gegriffen wäre. So ist es mir jetzt mit Späte Einsichten von David Leavitt gegangen (im Original The Two Hotel Francforts, New York/USA 2013). Das Buch hat Originalität und zuweilen auch Witz, und doch bleibt eine ganz andere Passage haften, die eher versonnen-nachdenklich klingt und umweht ist von leiser Melancholie. Und für diese Stelle allein hat sich die Lektüre des ganzen Romans dann gelohnt.

[…] Meine große Schwäche ist, dass ich den Fluss der Zeit nicht akzeptieren kann. Ich will gegen das Verblassen der Erinnerungen durch die Zeit ankämpfen. Ein ganz und gar vergeblicher Versuch, weil – vielleicht hast du das auch bemerkt – gerade die Erinnerungen, die wir am häufigsten beschwören, am schnellsten verblassen und durch – wie soll ich sagen – durch eine Art Erinnerungsfiktion ersetzt werden. Wie ein Traum. Wohingegen die Dinge, die wir völlig vergessen haben und die uns nach dreißig Jahren plötzlich mitten in der Nacht überfallen, eine gespenstische Frische haben. […]

29. Januar 2016

Ich war siebzehn Jahre alt, als ich meine erste Wagner-Oper hörte. Ein Freund nahm mich mit in eine Vorstellung von Lohengrin an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf. Das war etwas vollkommen Neues für mich, der ich zuvor nur Opern von Cavalli, Händel, Mozart, Lortzing und Rossini gesehen hatte. Nun also Wagner, ich war sehr gespannt. Und mit welcher Wucht schlug dieses Werk ein! Ich war fasziniert von der Musik, natürlich sofort von diesem unglaublichen Vorspiel zum 1. Akt, das ja die ganze Handlung musikalisch zusammenfasst, extrem komprimiert und inhaltlich proportional zur gesamten Spieldauer der Oper. Begeistert war ich von den Sängern, dem Bühnenbild, dem Orchester mit seinen Blechbläsern, die ich noch nie auf diese Weise spielen gehört hatte.

Meine Eltern bekamen damals regelmäßig Besuch von einem passionierten Opernliebhaber. Er versorgte über Jahre die ganze Familie mit Opernquerschnitten, Sängerportaits, Messen, Kantaten etc., alles auf Langspielplatten und Musikkassetten. Am jenem Nachmittag, als ich Lohengrin sah, war er wieder einmal zu Gast und bemerkte meine Abwesenheit. “Thomas ist in Düsseldorf und sieht sich Lohengrin an”, sagten meine Eltern. “Wenn er wiederkommt, ist er Wagner-Fan”, so die Antwort. Genauso war’s und hielt auch eine Weile lang an.

Wir haben in dieser Woche im Opernkurs die Aufnahme aus der Bayerischen Staatsoper von 2009 gesehen (Bayerisches Staatsorchester, Nagano; Kaufmann, Harteros, Koch, Schuster, Fischesser). Natürlich bin ich bei Lohengrin sozusagen prädisponiert, aber wer bei diesem Stück unbeeindruckt bleibt (lassen wir ein paar Unverständlichkeiten der Inszenierung beiseite), dem hilft auch keine andere Wagner-Oper. Ein grandioses Erlebnis, mein lieber Schwan!

Lohengrin

27. Januar 2016

Heute trinken wir Punsch, zu Mozarts 260. Geburtstag. Sein Lieblingsgetränk! Vielleicht gönnen wir uns einen Wachpunsch, so wie Constanze ihn am Abend vor der Uraufführung des Don Giovanni zubereitet hat, damit Wolfgang länger aufbleiben konnte. Es war ein gutgemeinter Versuch ihm Zeit zu verschaffen, denn Mozart war mit dem Komponieren im Rückstand. Er schlief trotzdem ein und musste am nächsten Morgen, also am Tag der Aufführung (!) noch die Ouvertüre komponieren und sämtliche Stimmen schreiben. Und so hat er’s auch gemacht, vermutlich mit müden Augen… Glückwunschpunsch!

Mozart Sonnenbrille

1. Wetzlarer Improvisationstage

21. – 24. Januar 2016
Kooperation des Kulturamts der Stadt Wetzlar
und der Wetzlarer Musikschule e.V. mit
der Phantastischen Bibliothek Wetzlar
Künstlerische Leitung: Thomas Sander

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Die 1. Wetzlarer Improvisationstage finden vom 21. – 24. Januar 2016 statt. Mit dem viertägigen Festival gehen das Kulturamt der Stadt Wetzlar und die Wetzlarer Musikschule neue Wege. Der Jahrhunderte alten Kunst der Improvisation wird damit ein neues Forum gegeben, bei dem die Musik im Mittelpunkt steht. Verknüpfungen und Querverbindungen zu anderen Sparten wie Literatur, Malerei, Fotografie, Tanz u. a. ermöglichen dabei neue Blickwinkel und Gestaltungspotentiale. Bei der Premiere der Improvisationstage ist die Phantastische Bibliothek Wetzlar Kooperationspartner. Renommierte Künstler aus dem In- und Ausland garantieren ein spannendes und facettenreiches Programm. Der Eintritt zu allen Konzerten ist frei, eine improvisierte (!) Spende wird erbeten.

Do, 21. Januar 2016, 19.30 Uhr
Wetzlarer Musikschule
nogonie
Tanz-Musik-Video-Performance
Duo cri du coeur
Fine Kwiatkowski und Willehad Grafenhorst

Fr, 22. Januar 2016, 19.30 Uhr
Wetzlarer Dom
vorgelesen -
Orgelimprovisationen durch die Jahrhunderte
Prof. Thomas Lennartz, Orgel

Sa, 23. Januar 2016, 19.30 Uhr
Phantastische Bibliothek
Fantastic Jazz – Lit – Impro
Jazz & Poesie
Trio MAFARE und Peter Assmann

So, 24. Januar 2016, 11.00 Uhr
Wetzlarer Musikschule
About Aphrodite
Gilda Razani, saxophone/theremin
Hans Wanning, piano/electronics

Flyer Wetzlarer Improvisa

20. Januar 2016

Der französische Film “Coco & Igor”, von Jan Kounen 2009 gedreht, mit der Musik von Gabriel Yared, erzählt die kurze, aber heftige Liaison zwischen Coco Chanel und Igor Strawinsky. Gestern war diese in sehr ästhetischen Bildern erzählte Geschichte wieder auf ZDFkultur zu sehen. Kounen beschäftigt sich weniger mit der Frage, was die beiden Protagonisten eigentlich verbindet, sondern lässt die Atmosphäre der Zeit aufleben. Er wählt jeden Drehort sorfältig aus, lässt jedes Ambiente stilgerecht wiedererstehen und scheut beim Abbilden großer Konzertszenen keinen Aufwand. Anna Mouglalis und Mads Mikkelsen sind sehr präsent, und doch, wie gesagt, wissen wir nicht so recht, worum es wirklich geht – um Spannung, um Erotik oder Leidenschaft, um Liebe? Der Schluss zeigt uns Strawinsky wieder allein, von seiner Ehefrau verlassen. In der letzten Szene sehen wir sein Bild, als Foto im Schlafzimmer von Coco, die ihren neuen Liebhaber empfängt. O Fortuna!

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18. Januar 2016

Gestern Abend auf ARD-alpha: “Spötterdämmerung – Gespräche mit Friedrich Hollaender”, zum 40. Todestag des Künstlers (“Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt”). In Rainer Bertrams Film aus dem Jahr 1972 erzählt der damals 76-jährige Hollaender aus seinem Leben, über die vielen Menschen, denen er begegnet ist. Er hat mit zahlreichen Größen aus Film, Revue und Musical gearbeitet und war mit Schauspielern, Regisseuren und Produzenten, mit Kameraleuten und Musikern gut bekannt, mit einigen von ihnen eng befreundet. Wir hören fasziniert zu, wie er über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg erzählt, über die 20er Jahre, die Berliner Kulturszene, später dann über die Zeit im amerikanischen Exil, auch über Hollywood. Besonders schön, hintersinnig und verschmitzt erzählt Hollaender, wie Marlene Dietrich eines ihrer Comebacks gibt. Sie ist also zurück, sagt er, nach Jahren der Abwesenheit ist sie also nun wieder da und posiert wie eh und je. Dann schaut sie sich das Ergebnis an und sagt zum Kameramann: “Na, da hast du mich aber gar nicht so schön fotografiert wie sonst!” Woraufhin der Kameramann antwortet: “Na, weißt du, Marlene, ich bin ja auch seit dem letzten Mal ein bisschen älter geworden.”

Friedrich Hollaender

16. Januar 2016

Reichtum, Ansehen, Macht, alles ist unbedeutend und nichtig gegen die Größe des Herzens – das Herz allein ist das einzige Kleinod auf der Welt, in ihm wohnt das Glück.
Adalbert Stifter (1805 – 1868)

15. Januar 2016

Andreas Müller schreibt heute in einem Vorbericht in der Wetzlarer Neuen Zeitung über die 1. Wetzlarer Improvisationstage:

Abseits ausgetretener Pfade
1. Wetzlarer Improvisationstage vom 21. bis 24. Januar

Wetzlar. Musikfreunde, die sich gerne auch abseits ausgetretener Pfade bewegen, können nun in Wetzlar fündig werden. Denn vom 21. bis 24. Januar finden die 1. Wetzlarer Improvisationstage statt. Damit will das Kulturamt der Stadt gemeinsam mit der Musikschule neue Wege gehen. Kooperationspartner im ersten Jahr wird die Phantastische Bibliothek sein, deren Leiterin Bettina Twrsnick den Kontakt zum Trio “Mafare” hergestellt hat. “Wir haben nach etwas Einzigartigem gesucht, etwas, was es in der Region um Wetzlar weit und breit nicht gibt”, erzählt Thomas Sander, Leiter der Wetzlarer Musikschule und künstlerischer Leiter der Improvisationstage. “Die Musik soll natürlich im Mittelpunkt stehen”, erklärt er.

Foto Improvisationstage Jan 2016

“Dabei wollen wir die Kunst der Improvisation in den Vordergrund stellen und zusätzlich zur Musik mit anderen künstlerischen Sparten kombinieren. Durch die Vernetzung sollen die Besucher ein neuartiges Hörerlebnis haben”, wünscht sich der Schulleiter. Mit Improvisation verbindet er die Kunst der Veränderung, Abwandlungen, Verfremdungen, Spiegelungen und das Spielen mit nichtmusikalischem Material. In der ersten Runde der neuen Reihe wird Musik mit Literatur einhergehen. Für die folgenden Jahre sollen dann andere Kooperationspartner ausgewählt werden. Die auftretenden Künstler kennt Sander persönlich oder hat sie auf Empfehlung ausgesucht.

Auftakt- und Abschlussveranstaltung werden in der Musikschule am Schillerplatz 8 stattfinden. Am 21. Januar um 19.30 Uhr wird dort Fine Kwiatkowski zu improvisierter Musik ihres Mannes Willehad Grafenhorst eine Tanztheaterperformance zeigen. Weil auch ein sakraler Baustein im Konzept sein sollte, wird Thomas Lennartz, Professor für Improvisation und Liturgisches Orgelspiel, am 22. Januar um 19.30 Uhr unter dem Titel “vORGELesen” auf der Domorgel Improvisationen durch die Jahrhunderte spielen.

Jazz und Poesie gibt es am Samstag, 23. Januar, um 19.30 Uhr in der Phantastischen Bibliothek, Turmstraße 20. Das Trio “Mafare” wird zusammen mit dem Künstlerpoeten Peter Assmann “Fantastic Jazz-Lit-Impro” präsentieren. Zum Abschluss des Festivals erwartet das Publikum am Sonntag, 24. Januar, um 11 Uhr wiederum in der Musikschule experimentelle Musik, inspiriert durch große Sinfonien. Gilda Razani und Hans Wanning werden mit “About Aphrodite” eine Verschmelzung aus akustischen Instrumenten und Elektronik vorführen. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen.

Übrigens: Thomas Sander berichtet zu den 1. Wetzlarer Improvisationstagen auch am Samstag, 16. Januar, um 17 Uhr in hr2 Kultur.

13. Januar 2016

Um ein tadelloses Mitglied der Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.
Ralph Waldo Emerson (1803 – 1882)

11. Januar 2016

Abends, zurück aus der Normandie. Noch berauscht von Cavalli und Lully, von Xerse gestern Abend im Théâtre Caen mit Le Concert d’Astrée, Emmanuelle Haïm und wunderbaren Sängerinnen und Sängern, vor allem dem Countertenor Tim Mead und der Sopranistin Emöke Baráth. Die Musik, ohnehin betörend, irisierend und von unverschämtem Charme, wird im Liebesduett der beiden zum Erlebnis für sämtliche Sinne. Und Cavalli, dieser Zauberer, findet Mitstreiter auf Augenhöhe: Emmanuelle Haïm entlockt ihrem Orchester nobelste Klänge, leicht und transparent, sinnlich, verliebt, verspielt. Haïms Dirigat ist hochvariabel, zuweilen schlank, knapp, dann fordernd und draufgängerisch, dann wieder zärtlich, behutsam und abwartend. Der Auftakt, mit beiden Händen von unten in Zeitlupe kommend, mit den Handinnenflächen nach oben, lädt das Continuo zum selbstgewählten Zeitpunkt des Einsatzes ein. Es folgen entrückte Klänge, sanft und zeitvergessen. Dann, zu den Ballettmusiken von Lully, positionieren sich die Instrumentalisten im ersten Rang, auf gegenüber liegenden Balkonen, zum doppelchörigen Musizieren. Die Rhetorik ist virtuos, wir können einstudierte Verzierung und spontane ornamentale Improvisation nicht unterscheiden. Wir wagen nicht uns zu rühren, werden in unserem Sessel immer kleiner und bestaunen die fantasievollen Choreografien der sechs Tänzer der Compagnie Leda. Nach vier Stunden ist das Fest zu Ende. Ein berührender, grandioser Abend.

Emmanuelle-Haim

Emmanuelle Haïm

7. Januar 2016

Am Vorabend zum Dreikönigstag ist Pierre Boulez im Alter von 90 Jahren gestorben. Wie ich gerade höre, hat Wolfgang Rihm – vielleicht nicht ganz zufällig – einen Vergleich mit den drei Weisen bemüht und gemeint, so sei nun also “der Letzte der Heiligen Drei Könige” gestorben (mit den anderen beiden dürfte er Stockhausen und Ligeti gemeint haben). Und Daniel Barenboim wird zitiert mit den Worten “Er (Boulez) hat mit dem Kopf gefühlt und mit dem Herzen gedacht”. Nun ja, was nach einem hübschen Bonmot klingt und die Besonderheit, wenn nicht die Einzigartigkeit von Boulez ausdrücken soll, ist in Wahrheit für Künstler nicht ungewöhnlich (und nicht nur für Künstler). Wir wollen nicht zuviel in so einen Satz hineingeben, aber spätestens seit Saint-Exupéry wissen wir doch, dass man nur mit dem Herzen gut sieht. Allerdings, das sei hier konzediert, war Pierre Boulez kein kleiner Prinz, sondern ein großer Musiker. Provokant, elegant, visionär, mutig, humorvoll. Er selbst verstand sich mehr als Komponist denn als Dirigent. Indes, sein “Jahrhundert-Ring” hat in den siebziger Jahren in Bayreuth und weit darüber hinaus größte Wellen geschlagen und die Wagner-Rezeption nachhaltig beeinflusst, ja signifikant verändert. Und seine Interpretationen der Werke von Igor Strawinsky und Maurice Ravel, letztere mit dem New York Philharmonic Orchestra, sind unerreicht und werden es lange bleiben.

6. Januar 2016

Auf Einladung des Hessischen Rundfunks bin ich am Samstag, 16. Januar um 17.00 Uhr in der Sendung hr2-kultur zu Gast. Ich werde mit Christiane Hillebrand eine Stunde lang über die 1. Wetzlarer Improvisationstage sprechen und dabei auch die Künstler mit ein paar Hörproben vorstellen. Was für eine schöne Gelegenheit, das Festival zu bewerben! In der Woche vor Beginn der Improvisationstage wird darüber hinaus ein Beitrag auf hr4 gesendet, ebenfalls mit Klangbeispielen und zwei kurzen, bereits aufgenommenen Interviews.

4. Januar 2016

Was ich wirklich sagen möchte ist, dass das, was die Welt braucht, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit ist. Jeder: Stars, Arbeiter, Schwarze, Juden, Araber – wir sind alle Geschwister. Bitte machen Sie mich nicht lächerlich. Ich habe nichts dagegen, Witze zu machen, aber ich will nicht selbst wie einer wirken.
Marilyn Monroe am Ende eines Interviews mit dem Life Magazin 1962. Es sollte ihr letztes sein. Sie starb – unter bis heute nicht völlig geklärten Umständen – am 5. August 1962.

Monroe

Am 1. Juni 2016 würde Marilyn Monroe 90 Jahre alt. Für diesen Tag lade ich schon jetzt zu einer Hommage “Happy Birthday, Norma Jeane!” in den Konzertsaal der Wetzlarer Musikschule ein. Beginn ist um 19.30 Uhr.

Pause bis zum 4. Januar 2016

20. Dezember 2015

„Eine beschwingte Partitur mit optimistischem Grundton. Originell und mit vielen Aha-Effekten …“, schreibt die Frankfurter Rundschau, und die Welt am Sonntag befindet: “Schlaflosigkeit und Burn-out sind die neuen Volkskrankheiten. Der Psychologe Stephan Grünewald empfiehlt ein altbewährtes Hausmittel gegen die Erschöpfung: Nehmen Sie Ihre Träume ernst!“ Wasser auf meine Mühle! Die Rede ist von Grünewalds Buch Die erschöpfte Gesellschaft (Herder 2015, ISBN 978-3451067006). Mein Last Minute-Tipp für Weihnachten, zum Verschenken oder – besser – zum Selberlesen!

Weihnachtssterne

Frohe Festtage! Mein herzlicher Dank gilt allen, die mich im alten Jahr begleitet haben – Veranstalter, Kursteilnehmende, Konzertbesucher, Redakteure, Organisatoren, Helferinnen und Helfer und alle übrigen! Auf dass wir uns auch im kommenden Jahr wieder zu den unterschiedlichsten Themen und Anlässen hören, sehen oder voneinander lesen werden. Ich freue mich sehr darauf! Auf ein gesundes, erfolgreiches Jahr 2016!

Ihr und Euer
Thomas Sander

19. Dezember 2015

Wetzlarer Neue Zeitung, 18. Dezember 2015

In Wetzlar wird improvisiert
Premiere – Am 21. Januar startet eine neue Konzertreihe von Musikschule und Stadt

Wetzlar. Das Kulturleben der Stadt wird um eine Attraktion reicher. Denn zum ersten Mal öffnen die “Wetzlarer Improvisationstage” am 21. Januar 2016 ihre Pforten. Bis zum 24. Januar steht dann musikalische Improvisation im Mittelpunkt, um aber Verbindungslinien unter anderem zu Tanz oder Musik zu ziehen. Veranstaltet wird das Festival von der Musikschule und dem Kulturamt, die diesmal als Dritten die Phantastische Bibliothek ins Boot holen. “Dieses Festival ist etwas ganz Neues”, freute sich Kulturamtsleiterin Kornelia Dietsch, die das Programm gemeinsam mit dem künstlerischen Leiter und Chef der Musikschule Thomas Sander vorstellte.

Impro Dietsch Sander

Ein wenig sei die Idee zum Festival aus der Tradition der “Wetzlarer Gitarrentage” entstanden. Über viele Jahre habe man sie erfolgreich durchgeführt, um sie jetzt durch Neues zu ersetzen. “Die Gitarrentage waren so lange wunderbar, so lange sie für die Stadt ein Alleinstellungsmerkmal waren”, ergänzte Sander. Mittlerweile sei es jedoch nicht mehr so einfach, Künstler exklusiv zu bekommen. Da es zudem nun auch Gitarrentage an anderen Orten gibt, wurde ein neues Alleinstellungsmerkmal gesucht – und in den Improvisationstagen auch gefunden. Schwerpunkt der Veranstaltungsreihe ist dabei immer die Musik, aber der dritte Partner und sein Beitrag sind nicht festgelegt. Diesmal ist dies die Phantastische Bibliothek, es kann beim nächsten Mal ein ganz anderer sein, etwa ein Fotograf.

Der Startschuss für die Erstauflage fällt am 21. Januar um 19.30 Uhr in der Musikschule. Unter dem Motto “nogonie” wird Fine Grafenhorst Tanz-Performance-Theater präsentieren. Natürlich zu improvisierter Musik. Weiter geht es am 22. Januar um 19.30 Uhr im Dom mit Thomas Lennartz’ Orgelimprovisation durch die Jahrhunderte unter dem Titel “Vorgelesen”. Die musikalische Darbietung des Professors für Improvisation und Liturgisches Orgelspiel sowie Leiters des Kirchenmusikalischen Instituts der Leipziger Hochschule für Musik und Theater wird durch Textvorträge ergänzt.

Am 23. Januar um 19.30 Uhr geht es in die Phantastische Bibliothek zu Jazz und Poesie mit Künstlern aus der Schweiz und Österreich. Konkret werden der Künstler-Poet Peter Assmann und das “Trio Mafare” eine so genannte “Fantastic Jazz-Lit-Impro” darbieten. Festivalabschluss ist dann am 24. Januar um 11 Uhr wieder in der Musikschule mit Gilda Razanis und Hans Wannings “About Aphrodite”. Zu erwarten sind musikalische Darbietungen mit Saxofon, Theremin, Piano und Electronics. Der Eintritt zu den Konzerten ist frei, eine Spende wird erbeten. (sh)

17. Dezember 2015

1993, drei Jahre vor ihrem Tod, entwarf Ruth Berghaus, die “Grande Dame des Regietheaters”, Carl Maria von Webers Freischütz für das Opernhaus Zürich. Über fast alle Produktionen von Ruth Berghaus wurde kontrovers diskutiert, und auch der Freischütz bildet keine Ausnahme. Oft, so heißt es in der DVD-Ausgabe von Zweitausendeins, hat sie mit ihrem Stil dem Naturalismus eine radikale Absage erteilt. Bildsprache, Signale, Gestik und visuelle Brüche waren ihr wichtiger als das Nacherzählen der Handlung. Der Live-Mitschnitt aus dem Zürcher Opernhaus von 1999 (Harnoncourt; Nielsen, Hartelius, Seiffert, Salminen, Polgár) dokumentiert das auf beeindruckende Weise.

Ruth-Berghaus

Unbedingt vormerken: Matti Salminen singt im Frühjahr 2016 im Staatstheater Wiesbaden in der Neuinszenierung von Mussorgskys Boris Godunow die Titelpartie! Premiere ist am 25. März (Karfreitag).

Salminen

14. Dezember 2015

Gestern, beim Benefiz-Weihnachtskonzert Wetzlarer Schulen, spielten vier Jugendliche der Goetheschule den “Weihnachtskanon” von Johann Pachelbel, in der Besetzung für drei Violinen und Klavier. Nun, eigentlich heißt das Stück schlicht “Kanon” und ist die wohl populärste Komposition Pachelbels. Dem Kanon folgt im Original eine Gigue, die jedoch gestern entfiel. Dem Rahmen der Veranstaltung entsprechend hieß also das Stück “Weihnachtskanon”, macht ja nichts. Doch wie klingt eigentlich Weihnachtsmusik? Was ist das überhaupt? 6/8-Takt, mezzopiano, Violinen? Letztere, sagen wir es mal so, können zum Generieren einer gewissen Empfindsamkeit hilfreich sein, und das ganz positiv, wie gestern. Streichinstrumente sind Emotionsträger. Der Himmel hängt voller Geigen – und eben nicht voller Klarinetten, Gitarren oder Marimbaphonen. Doch auch für die gibt es Weihnachtsmusik, von lieblich bis laut, von schön bis schräg. Und nebenbei, Geigen können auch ganz anders, siehe “Psycho”. Doch ein Hitchcock-Thriller ist kein Weihnachtsfilm, und der Nikolaus ist kein Osterhase, wie wir von Uli Hoeneß gelernt haben. Wie ich heute lese, muss Glühwein laut Gesetzgeber mindestens sieben Prozent Alkohol beinhalten. Da wird uns doch gleich warm ums Herz, ganz ohne Weihnachtsmusik.

12. Dezember 2015

Wozu das Künstlergeschwätz, die endlosen Gespräche über Kunst, die Auseinandersetzungen in den Künstlercafés bis zwei Uhr nachts, wo man den lieben Gott in der hohlen Hand zu halten meint?
Auf dem Wege, inmitten dieses flachen Landes, habe ich die Empfindung, als hätte ich niemals etwas verstanden, niemals etwas gesehen, als kennte ich nicht mehr davon wie der schwarze Käfer, der über die Straße läuft und sich im Staube abmüht.
Vor einigen Tagen habe ich bei dem Direktor einer Kunstzeitschrift gesessen.
“Was halten Sie von den modernen Kunstrichtungen? Ist die Rückkehr zum Neo-Naturalismus eine Gefahr?” fragte er mich.
Am Ende der Straße senkt sich das Tal, und auf dem anderen Abhang liegt die kleine Stadt Nesles: Schieferdächer, grüne und rote Vierecke scheinen den blauen Himmel zu berühren und in ihm aufzugehen.
“Ist der Neo-Naturalismus eine Gefahr?”
Ungleich lieber hätte ich die einfache Frage gehört: “Wie finden Sie mein Dienstmädchen?”

Ich habe erfahren, dass es Augenblicke gibt, wo die Worte Seligkeit, Glück, Eingebung, Schwärmerei nichts mehr ausdrücken. Ich erinnere mich an innerlichst bewegte Minuten, da ich mich außerhalb der Zeit befand. Wenn dann jemand seine Hand auf meine Schulter gelegt und gesprochen hätte: “Sag’ einen Wunsch, verlange, was du haben möchtest. Willst du reich sein? Willst du ein Schloss haben? Dienerschaft? Oder Mitglied der Ehrenlegion werden?” würde ich antworten: “Nein, nichts, es kommt, wie es kommt…”
Die Straße weiter hinauf, in der Nähe des kleinen Tümpels, liegt der Friedhof. Die Gitterpforte ist immer geöffnet, den ganzen Tag scheint die Sonne darauf. Eine einzelne Tanne ragt über die Mauer. Kein Lärm stört die Ruhe der Ebene. Im Winter fliegen die Raben vorbei und im Sommer junge Rebhühner… und so wiederholt es sich immer…
Dort ruht mein Vater. Wie einfach das ist, er hat gelebt.
Wenn er mich hören könnte und ich ihn fragte: “Wünschest du etwas?”, würde er mir antworten: “Nein, nichts… jeder zu seiner Zeit. Im Augenblick bist du an der Reihe… Liebe das Leben… liebe es um seiner selbst willen…”
Maurice de Vlaminck (1876 – 1958), “Gefahr voraus!” Aufzeichnungen eines Malers. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1930. Übersetzung von Jürgen Eggebrecht
Original: Tournant dangereux, souvenirs de ma vie

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10. Dezember 2015

Plovdiv wird Kulturhauptstadt Europas 2019! Endlich! Das heißt, wir können uns jetzt drei Jahre lang darauf freuen und dann hinfahren. Nein, wir fahren vorher hin und schauen uns diese unglaubliche Stadt an und tauchen ein in eine wunderbare, andere, neue, alte Welt. Wie schön!

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Das antike Theater aus dem 2. Jahrhundert, das von Kaiser Marc Aurel angelegt wurde und heute 3000 Zuschauern Platz bietet, wenn in den Monaten Mai, Juni und September klassisches Theater gespielt wird und viele Konzerte stattfinden.

8. Dezember 2015

Internet-Fundstück, aus einem Interview im Oktober 1996, veröffentlicht in RONDO 5/97.

RONDO: Sie haben mal geschrieben: “Wir steuern auf einen allgemeinen kulturellen Zusammenbruch zu” …
Harnoncourt: Das ist nicht zu übersehen. Aber es ist eigenartig, dass ein Pessimist wie ich, der überhaupt keinen Ausweg sieht, irgendeinen Funken hat, dass es doch nicht so ist. Aber das ist wahrscheinlich der menschliche Wahnsinn.
RONDO: … der einen überleben lässt …
Harnoncourt: Vielleicht.

7. Dezember 2015

Am Vorabend seines 86. Geburtstags, den er gestern feierte, hat Nikolaus Harnoncourt seinen Rückzug vom Dirigentenpult bekannt gegeben. “Meine körperlichen Kräfte gebieten eine Absage meiner weiteren Pläne”, schrieb er in einem Brief an sein Publikum. Alle noch anstehenden Termine sind abgesagt. Vor einem Jahr noch, in einem Interview mit der WELT, sagte er: “Jetzt werde ich dauernd für mein Lebenswerk lobgestrudelt. Furchtbar. Das klingt so abgeschlossen. Ich bin doch noch nicht fertig! Oder wollt ihr, dass ich alter Trottel aufhör’?”

Nun hört er auf, und wir können ihm nicht genug danken für alles, was er uns in Wort, Schrift und Ton geschenkt hat. Reich sind wir geworden durch ihn, haben die Musik besser verstanden, sie neu gehört, als “Klangrede” mit eigener Syntax, Grammatik, Rhetorik. Ich habe das Glück gehabt, ihn mit seinem Concentus Musicus Wien im dortigen Konzerthaus zu erleben, mit einem reinen Bach-Programm, im Herbst 1983. Schon vorher habe ich ihn sehr bewundert, das ist bis heute so geblieben. Für die Zukunft nur das Beste, Nikolaus Harnoncourt!

Nikolaus Harnoncourt

6. Dezember 2015

Nikolaushaus

Tipp: Köln, Weihnachtsmärkte. Dom, Neumarkt (besonders schön!), Alter Markt, Heumarkt.
Schöne Verkaufshäuschen, großes kunstgewerbliches Angebot, vielseitige Gastronomie,
geschmackvolle Dekoration, keine nervtötende Musik. Sehr empfehlenswert!

3. Dezember 2015

Was übrigens meinen besonderen Unmut erregt, ist die Allgegenwart des Sports in der aktuellen Berichterstattung. Was passiert denn da? Da verkündet ein Leistungssportler, dass er gewinnen möchte und der Gegner nicht zu unterschätzen sei oder ähnliche Plattitüden. Sport ist natürlich nichts Schlimmes, wenn man ihn selbst betreibt, aber müssen wir uns das ständig als Objekt gesellschaftlicher Auseinandersetzung bieten lassen?
Christian Gerhaher

Buchtipp:
Christian Gerhaher
Halb Worte sind’s, halb Melodie. Gespräche mit Vera Baur
Henschel Verlag, Leipzig 2015
ISBN 978-3894879426
Gebunden, 176 Seiten, € 22,95

Gerhaher, Gespräche

1. Dezember 2015

Ich finde, es gehört zum Leben dazu, dass es kompliziert ist und am Ende als Rechnung nicht aufgeht.
Christian Gerhaher

29. November 2015

Spectre, so wird allenthalben orakelt, könnte Daniel Craigs letztes Abenteuer als James Bond gewesen sein. Manche Beobachter meinen, die vier Filme mit Craig seien inhaltlich wie formal als Tetralogie zu verstehen, Spectre habe erkennbar den Schlusspunkt gesetzt. Andere glauben, Craig sei schlicht bondmüde, was für ein schönes Wort. Schon befasst sich die Filmwelt mit der Frage, ob nicht die Zeit reif ist für eine Frau in der Rolle von 007Jamie Bonda, vielleicht dunkelhäutig, oder alleinerziehend, oder lesbisch (Bonda-Boys welcome). Oder alles gleichzeitig. Vielleicht mit familiären Wurzeln in Ostdeutschland (zur Not ginge auch Bielefeld). Bei insgesamt nunmehr 58 Beischlafpartnern in 25 Filmen und der Lizenz zum Vö… äh, Töten wäre HIV-positiv noch eine Option. Das Büro leitet Manni Penner, ggf. mit Schwerbehinderung, der Gleichstellungsbeauftragte lässt grüßen. Frau Broccoli sollte sich beizeiten Gedanken machen, doch nicht zu viele. Manche Ideen zur cineastischen Abbildung gesellschaftlicher Wirklichkeiten zerstieben zuweilen schneller als 007 schießen kann.

26. November 2015

Mir fällt gerade auf, dass ich in diesem Jahr nur auf ein halbes Dutzend Opernbesuche kommen werde. Doch immerhin, es waren Aufführungen in sechs verschiedenen Städten, mit sehr schönen Abenden: Mozarts Idomeneo in Essen, Donizettis Linda di Chamounix in Gießen, Cestis Orontea in Frankfurt, Puccinis La Bohème in Wien, Mozarts Schauspieldirektor in Berlin, Verdis La Traviata in Dortmund. Und das nächste Jahr beginnt mit einem Paukenschlag, gleich im Januar: Cavallis Xerse in Caen! Darauf freue ich mich sehr, vor allem auf Emmanuelle Haïm und Le Concert d’Astrée. Ich war zum letzten Mal vor vier Jahren in Frankreich (Paris, Tannhäuser in der Bastille), doch mein letzter Besuch in der Normandie liegt ewig zurück. Damals allerdings war ich nicht als Operntourist unterwegs, sondern schlicht als urlaubender Mittdreißiger, der sich für Cafés, Restaurants, Häfen und Strandpromenaden interessiert. Ich habe mir damals Deauville, Honfleur und Étretat angesehen, daran habe ich schöne Erinnerungen. Ein Abstecher nach Caen war auch dabei, nur für ein paar Stunden und ohne Theater, im wahrsten Sinne des Wortes. Das wird jetzt anders sein, wie schön!

xerse©Frederic Iovino (7)

24. November 2015

Heute Morgen las eine Sprecherin mit deutlich hörbarem Sigmatismus die Nachrichten auf hr-online. Webdefinitionen bestimmen das Lispeln als Form der Dyslalie. Diese gilt in der deutschen Sprache als – Achtung – “Sprechfehler”. Wohlgemerkt “Sprechfehler”, nicht “Sprachfehler”. Ich hatte von Anfang an den Verdacht, dass die Bezeichnung “Sprachfehler” wohl unziemlich ist. Angeblich lispeln manche Menschen nicht, wenn sie singen. Stimmt, ich zum Beispiel. Aber ich lispele auch sonst nicht. Naja, die Sprecherin, also die mit dem Sprechfehler, hätte ja die Nachrichten singen können. Aber vielleicht kann sie auch das nur fehlerhaft, wer will das wissen? Und wenn schon! Es gibt ja auch Leute, die für die Zeitung oder für den Videotext arbeiten und nicht fehlerfrei schreiben können. Da hilft dann auch Singen nicht. Wer nicht hören will, kann ja lesen? Oder singen? Falsches Sprechen, falsches Schreiben, falsches Singen – alles halb so wild heutzutage, alles irgendwie egal. Man kann eben aus einem Pisspott keine Mokkatasse machen. Wozu auch?

23. November 2015

Franz von Suppé, eigentlich Francesco Ezechiele Ermenegildo Cavaliere Suppé-Demelli (was ja viel schöner klingt!), verdankt seine Popularität hauptsächlich den Ouvertüren zu “Leichte Kavallerie” und “Dichter und Bauer”, zudem seiner Operette “Boccaccio”. Dass er insgesamt über 200 Bühnenwerke schrieb, ist nur wenig bekannt. Immerhin aber wird sein 1855 komponiertes Requiem in d-Moll gelegentlich aufgeführt. Ein bemerkenswertes Stück, das klingt, als ob Suppé hat sagen wollen “Hört mal her, das kann ich auch”, und in der Tat findet er hier zu einer ganz eigenen romantischen Tonsprache. Wie schön für uns, dass er ein paar Jahre zuvor Jura und Medizin zu den Akten gelegt hatte! Die frühen, persönlichen Begegnungen mit Rossini, Donizetti und Verdi hatten ihn sehr beeinflusst, der spätere Erfolg gab ihm die Bestätigung, mit der Wahl der Kapellmeisterei und des Komponierens richtig entschieden zu haben. Also – hin und wieder nicht nur “Dichter und Bauer” hören, sondern Franz von Suppé kennenlernen!

22. November 2015

Du bist verrückt mein Kind

19. November 2015

Heute Abend werden wir uns im Kurs “Es gibt was auf die Ohren – Klassische (?) Musik im 20. Jahrhundert” mit den Streichquartetten von Peter Ruzicka beschäftigen. Ruzicka hat sehr viele Talente und ist in der Hauptsache Komponist, Dirigent und Intendant. In letzterer Eigenschaft leitete er von 2003 – 2006 die Salzburger Festspiele, mit herausragenden Produktionen, vor allem Mozarts “Titus” und “Don Giovanni” auf schier unfassbarem künstlerischen Niveau. Seine Streichquartette, um darauf zurückzukommen, haben stets etwas Suchendes und wirken häufig wie Ausdrucksexperimente auf neuem, unbekanntem Terrain. Die Produktion sämtlicher Quartette erstreckt sich über Jahrzehnte, und doch verbindet die einzelnen Stücke das Fragende, Erspürende, Explorierende. Über sein 5. Streichquartett “STURZ” (2004, also im 21. Jahrhundert komponiert!) schreibt er, dem Werk liegt die Vorstellung eines abwärts stürzenden Ausbruchs zu Grunde, der nach einem langen, tastenden Klangfeld im Zentrum des Stückes erreicht wird. Der Ausbruch hinterlässt ein instabiles klangliches Echo, das wie ein Klangschatten auf das zuvor Erklungene verweist. Auskomponierte Orientierungssuche, zeitlos und voller Zweifel. Sehr spannend, auch für Anfänger.

17. November 2015

Am Ende haben wir wohl doch geglaubt, er sei unsterblich. Dass er älter wurde, gebrechlicher – das war augenfällig. Aber dass er eines Tages tatsächlich sterben könnte, war ein Gedanke, den wir nicht mehr zugelassen haben. So beginnt ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo seinen Artikel zum Tode von Helmut Schmidt, heute vor einer Woche. Und er findet für den Schluss seines Textes diese Worte: Helmut Schmidt ist tot, und wir, die ihn überlebt haben, müssen jetzt erwachsen werden. Ob wir es wollen oder nicht. 

Ein wenig helfen vielleicht die Mozart-Klavierkonzerte KV 242 und KV 365, die Helmut Schmidt 1981 zusammen mit Christoph Eschenbach, Justus Frantz und dem London Philharmonic Orchestra aufgenommen hat. Hören wir einfach zu!

Schmidt Mozart Cover

16. November 2015

“Trauernd am Lagerfeuer” überschreibt Lenz Jacobsen seinen Artikel auf ZEIT online über die Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu den Terroranschlägen von Paris:  […] In den antiken Tragödien repräsentiert der Chor häufig eine politische Gemeinschaft und hat die Funktion, das Geschehen auf der Bühne zu interpretieren und mit Gefühl und Deutung zu begleiten. Diese Rolle übernehmen an diesem Abend auch ARD und ZDF: Sie sind der Fernsehchor zu diesem Terrordrama. Claus Kleber ist der bundesdeutsche Chorleiter.  […]

Das liest sich ganz süffig, zugegeben, und Herr Jacobsen mochte wohl auf diese Pointe nicht verzichten. Doch im antiken Drama gibt es keinen Chorleiter, und abgesehen davon gibt es Chöre im heutigen Sinne – also mehrere Singende pro Stimme im Gegensatz zu solistischer Besetzung – erst seit gut dreihundert Jahren, somit ist der Berufsstand des Chorleiters, so wie wir ihn heute verstehen, nicht älter. Selbst der singende Hofnarr, der ja kein Chorleiter ist, reicht historisch nicht weit genug zurück. Immerhin schützt ihn die Narrenfreiheit, was er mit manchen Fernsehmoderatoren und Journalisten gemein zu haben scheint.

13. November 2015

Samstag, 14. November 2015, 20.00 Uhr
Große Orangerie im Schloss Charlottenburg, Berlin
W. A. Mozart, Der Schauspieldirektor
Kategorie A, freie Platzwahl
Große Vorfreude!

Schauspieldirektor, lang

11. November 2015

Vor ein paar Tagen habe ich den Thriller “Departed – Unter Feinden” gesehen (USA/Hongkong 2006, Regie Martin Scorsese). Der mehrfach oscarprämierte Film ist absolut sehenswert, vor allem wegen der psychologischen Zeichnung der Hauptdarsteller. Die Besetzung ist grandios: Leonardo DiCaprio, Matt Damon, Jack Nicholson, Mark Wahlberg, Alec Baldwin, Vera Farmiga. Der Film hat mehrere herausragende Sequenzen, doch eine steht über allem: Die Szene, in der Leonardo DiCaprio und Vera Farmiga einander wortlos verführen, unterlegt mit der Live-Version von „Comfortably Numb“, gesungen von Van Morrison, Roger Waters und The Band (vom The-Wall-Konzert 1990 auf dem Potsdamer Platz, ursprünglich von Pink Floyd). Die besagte Szene dauert gut drei Minuten und ist damit nur etwa halb so lang wie der gesamte Song, der das Parfum des Zelebrierens, des Hymnischen trägt. Martin Scorsese hat über den Film gesagt, dass für ihn weniger die Handlung als vielmehr die Personen und deren Einstellung zum Leben im Vordergrund gestanden hätten. Zu Tränen gerührt sieht man den beiden zu und braucht keine Erklärungen mehr. The child is grown, the dream is gone.

The_Departed_Logo

Pause bis zum 10. November 2015

24. Oktober 2015

“Ich verabscheue die Musik als Weltanschauung und rate, die Musik um ihrer selbst willen zu lieben und nicht der Gefühle wegen, die sie im Hörer hervorruft.” Von Igor Strawinsky ist dieser Satz, und er fügte hinzu, viele Menschen gäben in die Musik etwas hinein, das diese von sich aus gar nicht enthält – und meinte damit keineswegs nur ein assoziatives, bildhaftes Hören. Ist aber das emotionale Verknüpfen, das individuelle Generieren von außermusikalischen Koordinaten nicht verständlich, ja schlechterdings nur menschlich? Musik wird doch deswegen nicht zum Vehikel, zum Werkzeug, nur weil die Liebe zu ihr sich nicht ausschließlich auf Rhythmus, Melodik, Harmonik und Klangfarbe bezieht! Die Musik ist mehr als die Summe der Töne, heißt es richtigerweise. Wir könnten auch sagen, die Liebe zur Musik erschöpft sich nicht im Bestaunen von Parametern. Die Liebe zur Musik geht über das analytische Durchdringen und Bewundern satztechnischer oder formaler Kunstfertigkeiten weit hinaus. Wie die Liebe überhaupt, die große zumal, mehr ist als ein Palimpsest nachvollziehbarer Leidenschaften – ein Mysterium, das sich dem Erklärbaren, dem wirklichen Verstehen letztlich entzieht.

22. Oktober 2015

Wenn wir uns der Vergangenheit nicht stellen, wird alles Leben aus der Lüge kommen.
Javier Marías

Seit zwanzig Jahren warte ich darauf, dass sich ein Librettist des Romans Mein Herz so weiß (Corazón tan blanco, Barcelona 1992) annimmt, ein Textbuch daraus macht und einen Komponisten findet, der die Musik zur Oper schreibt. Mein Herz so weiß ist ein herausragendes Meisterwerk, eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe – insofern ist der Wunsch, es möge eine Oper daraus entstehen können, wohl verständlich. Ein zentrales Thema des Romans ist die Sprache. Welche Wirkungen können Gedanken, innere Wünsche und Geheimnisse auslösen, wenn sie einmal ausgesprochen sind? Betrug und Wahrheit, Verbrechen und Sühne, Verzweiflung und Liebe – was, mein Herz (so weiß), verlangst du mehr? Das obige Zitat ist dem Klappentext des in diesem Jahr bei Fischer in Frankfurt erschienenen Buches So fängt das Schlimme an entnommen (Así empieza lo malo, Madrid 2014). Marías ist als Topograf seelischer Abgründe und Leidenschaften eine Ausnahmeerscheinung, eines Beweises hat es nach so vielen Jahren großer Romane nicht bedurft. Umso stärker und unvermittelter erzeugt seine Sprache gleich auf den ersten Seiten einen unwiderstehlichen Sog. Wir wissen, wie recht er hat und lesen trotzdem weiter. Wir müssen weiterlesen, auch wenn wir im Vorhinein wissen, dass wir Erschütterungen in unserem Leben nicht umgehen können, auch die größten nicht, und dass es keine Gerechtigkeit gibt. Ein Moralist und Pessimist sei er, meint Sigrid Löffler. Vielleicht stimmt das ja. Aber wir erkennen beim Lesen die Vexierbilder unseres eigenen Lebens! Auflösen allerdings müssen wir sie schon selber.

21. Oktober 2015

Wünsche sind nie klug. Das ist sogar das Beste an ihnen.
Charles Dickens (1812 – 1870)

Dickens

19. Oktober 2015

“Die gefährlichste Weltanschauung ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben”, wusste schon Alexander von Humboldt . Was aufs Sehen oder Anschauen zutrifft, gilt ebenso gut für das Hören. Dass es manchen Zeitgenossen gefällt, sich zu allem und jedem zu äußern, ohne durch einschlägige Sachkenntnis vorbelastet zu sein – daran haben wir uns gewöhnt. Was aber, wenn jemand vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren mal ein Stück von Händel oder Haydn gehört hat, das Gehörte sterbenslangweilig fand und dieser Musik seither aus dem Weg gegangen ist? Wie wollen wir das Urteilsvermögen eines solchen Hörers bewerten? “Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es