Heute im „Sinfonien“-Seminar haben wir ein bisschen Hören geübt, genauer gesagt den Verlauf einer Sonatenhauptsatzform im Großen und Ganzen nachvollziehen zu können. Mit Mozarts beiden letzten Sinfonien hatten wir dazu fantastisches Material, wenngleich die „Jupiter“ drei Kopfsatzthemen aufweist und somit nicht ganz lehrbuchgemäß daherkommt (was ist bei Mozart schon lehrbuchgemäß?). Ein paar rhythmische Übungen haben zum Verständnis durchaus beigetragen – was man selbst geübt hat, wird leichter wiedererkannt und verstanden.

Wir haben die Aufnahmen von 1991 mit dem Chamber Orchestra of Europe unter Nikolaus Harnoncourt gehört. Das ist, nach so vielen Jahren, immer noch die packendste, kompromissloseste und zugleich musikalischste Einspielung, die ich kenne. Harnoncourts Abneigung, Mozarts Musik zu bagatellisieren, zu verharmlosen und auf langweilige Gefälligkeit zu reduzieren, hatte sich früh gezeigt. 1969, nach siebzehn Jahren als Cellist bei den Wiener Symphonikern, quittierte er den Orchesterdienst: „Ich habe die Partitur auf dem Pult liegen gehabt und mich gefragt: Warum wird hier eine Symphonie so dahinplätschernd gespielt, die die Hörer zu Mozarts Zeit bis ins Innerste aufgewühlt hat?“ Sein Entschluss stand fest: So wollte er diese Werke „nicht ein einziges Mal mehr spielen“.

Seine Überzeugung, die Jupiter-Symphonie sei ein Stück, in dem sich Tragik und Glanz völlig die Waage halten, merkt man der Einspielung unmittelbar an. Die Musik nimmt sofort gefangen, betört und verschreckt, schmeichelt und schüchtert ein. Sie gehört zum Faszinierendsten und Größten, was die klassisch-romantische Sinfonik hervorgebracht hat. Davon sind heute Morgen ein paar Funken übergesprungen.